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Der Israelit · 1934-01-18 · Heft 3 (18.1.1934) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 3 (18.1.1934)
Date
1934-01-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 3 Der Israelit 18,. Januar. 1» Palästinafahrt. Tagebuchblätter von M. Elias. I. Auf dem Schiff. In Sonne gebadet liegt Triest vor mir, von hohen Abhängen umfaßt. An Stelle der Alpen, die mich gestern begleitet hatten, ist der Karst getreten, der hier fast steil ins Meer herunterführt. Und dieses selbst in seinem schmutzig grünen Wasser spiegelt heute noch im Glänze der Sonne das ganze bunte slovakisch-österreichisch-italienische Leben wieder, das sich in früheren Tagen am einzigen österreichischen Seehafen abgespielt hat und nach dem sich die Bevölkerung noch heute sehnt. Das geschäftige hastige Treiben, das sich vor allem auf dem Wege von und zum Bahnhof und von und zum Hafen abspielt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Triestiner den alten österreichischen Typ, und wenn er sich auch nur mehr in den Kaiserbärten äußert, noch nicht vergessen haben. Und sogar die grünen Abhänge, mit ihren die kreuz und die quer durchgehenden, weißen, unbewächsenen, ungepflegten Strecken scheinen sich nach alten Zeiten zurückzusehnen, in denen sie zwar nicht besser gepflegt, aber mehr besucht waren. Am Hafen ist das Gedränge inzwischen gefährlich größer geworden. In langen Reihen stehen die Menschen, eine Unmasse Juden, begierig und sehnsüchtig auf die Paßkontrolle wartend, die ihnen erlaubt, nach den Tagen und Wochen der Aufregung und Hast endlich in den Hafen, endlich auf Bord des groß und weit ausladend, majestätisch aussehenden Schiffes Martha Washington, (die sich schließlich als eine alte Scharteke entpuppen wird), herauszukommen. Kinder und Greise, und was sich um sie herum bemüht, vermehren noch die Unruhe, die Frauen sind nervös, die Männer ärgerlich, und dabei wäre alles leichter, wenn die Leute im Saal sitzend warten würden, bis alle vorhergehenden dran waren. Denn das Schiff geht nicht einen Moment vorher ab, bis nicht alle. drinnen sind. Das gehört mit zu den bitter notwendigen Ratschlägen, die man den Reisenden aufs Merkblatt schreiben sollte. Endlich ist man dran; trotz des Trinkgeldes, das man einem wie ein Beamter aussehenden Italiener gegeben hat, keine Minute früher; er hat nämlich ebensolang warten müssen. Dem Träger, der eigentlich gar kein Geld mehr nehmen dürfte, hat man auch bereits sein hohes Trinkgeld gegeben, das er verlangt; nur los, los von hier aufs Schiff. Abgehetzt kommt man hinauf, da trennen sich auch schon die Wege: hier zum Gan Eden, dort jedenfalls nicht. Hier ")P3> dort ns'nn Es wird gefragt, ob man ,,kascher" oder „trefa" essen wolle. Was für eine Frage für Juden, die nach Erez Jisroel wollen! Aber sie ist'gar nicht so dumm, wie mir der Italiener, der dort am Tischchen sitzt, nachweist: Es werden viel mehr Trefa als Kascherkarten verlangt. Es ist die erste Ernüchterung, die ich erfahre. Ich hatte mich schon eigenartig ergriffen gefühlt angesichts dieser vielen Juden, die hier zusammenströmen, Jüdinnen noch mehr als Juden, die über die Gräber ihrer Eltern hinweg das Land der Urväter wieder aufsuchen. Und eine ernste Mahnung überkommt mich, daß es noch eines harten, langen Kampfes bedürfen wird, bis in diesem kleinen G'tteskämpfervolk ein G'tt zur Herrschaft gekommen sein wird. Und nun beginnt ein dummes Hasten und Rennen, um die Kabine zu finden, die auf dem' Speisezettel vermerkt ist. Endlich hat man seine Kabine gefunden, man freut sich, daß von den Dutzend Betten, die1 man befürchtet hat, zehn fehlen, und eilt nach oben. Da fängt gerade die Maschine zu rattern an, und endlich, gegen zwei Uhr, setzt sich das Schiff in Bewegung, wendet la'ngsam, um aus dem Hafen hinauszugelangen. Noch einmal genießt man froh das ganze Panorama, und unter den Klängen einer kleinen Kapelle, die die Hatikwa anstimmt, verlassen wir Triest, viele damit auch Familie und einen einst fürs Leben gezogenen Kreis, um einer neuen Heimat, einem neuen Leben entgegenzugehen. Lange haftet der Blick fest am entschwindenden Ufer, bis auch auf der andern Seite eine Küste auftaucht. Zwischen Italien und Dalmatien fahren wir ruhig und unter der eintönigen Melodie der stampfenden Radschaufeln das adriatische Meer hinunter. Unwillkürlich denke ich der Fahrt, die ich vor 25 Jahren gemacht. Längst ruht er im Grabe, der mich damals begleitet, und Jahre und Jahre danach, immer wieder, vom Geschützdonner umgeben, von dieser zweiten Reise geträumt, die wir auch zusammen unternehmen wollten. Es sollte nicht sein. Damals gab es keine Koscherküche, gering war die Zahl derer, die darauf reflektierten, Palästina war damals für die meisten noch einfach Asien, und auf der Treppe saßen wir und machten uns unseren Schabbostisch zurecht. Aber meine Freude über die Küche und die zweibettige Kabine wird bald getrübt. Die Kabine ist nicht zu beziehen; sie liegt gleich hinter der Heizung und entwickelt eine Hitze wie ein russisches Schwitzbad. Und der koschere Speisesaal liegt ebenfalls so weit hinten und unten, daß es immer große Ueberwindung kostet, zum Essen zu gehen, abgesehen, von allem andern, was das Essen auf der „Martha Washington" dritter Klasse nicht appetitlicher macht. (Das ist sehr gelinde ausgedrückt, und gehört auch aufs Merkblatt.) Oben entschädigte aber die wunderbar frische Luft, die strahlende Sonne; am liebsten möchte man stundenlang in das grüne schaumige Wasser schauen und den Wellen lauschen. Aber schließlich siegt das Pflichtgefühl. Die Frage des Minjans wird erörtert, und nachdenklich geht man das ganze Schiff, oben, unten, vorn und rückwärts durch, um zu sehen, wer von Gesinnungsgenossen da ist. Und dabei entdeckt man, daß diese Reise viel zu schlecht vorbereitet ist. Ich hätte mich erkundigen sollen, wer alles zu uns gehört, die Leute müßten orientiert sein, wohin sie gehören, ein' Plan, eine Arbeit hätte vorbereitet werden müssen, u. a. m. Die anderen Gruppen sind zusammen, soweit sie als Gruppen angemeldet sind, mir fehlt das, und, wie ich leider erst zu spät erfuhr, ging es anderen genau so wie mir. Es fehlt ein Sammelprogramm, ein Lernplan, eine vorherige Verabredung aller Beteiligten von der Palästinazentrale aus. Die meisten der Mitreisenden wissen nichts oder wollen nichts vom religiösen Judentum wissen. Sie haben zu viel mit ihrer seelischen Umstellung auf geänderte äußere Verhältnisse zu tun, sie möchten ihr Herz nicht auch noch „mit anderen Dingen beschweren, sie wissen nicht, um wie viel leichter der religiöse Jude daran trägt. Eine merkwürdige Gesellschaft bilden die 130 Chaluzim, die sich vor der Abfahrt schnell mit ebensoviel Mädchen, deren Namen sie kaum kannten, trauen ließen. Die Gerüchte, die darüber im Umlauf sind, werden wohl nicht stimmen. Aber ihre Art, sich zu geben, nimmt nicht für sie ein. Interessante Erörterungen knüpfen sich daran, denen man nur mit Trauer folgen kann. Eine ist mir besonders in Erinnerung. Ein indischer Geistlicher, der an Bord, drückt seine Verwunderung darüber aus, daß die jungen Leute sich so gar nicht um das Gesetz Mosis und Israels kümmerten. Antwort: „Wir schaffen ein neues Gesetz, die alte Lehre kümmert uns nicht." Darauf prompt die erstaunte Frage: „Was gibt euch dann das Recht auf euer altes Land?" Und dennoch: bei all den schmerzlichen Beobachtungen, die dabei gemacht werden, niemand von uns kann unbewegt bleiben, wenn in leidenschaftlichem Schwung Horra getanzt, aufgeregt hier von den Neulingen Hebräisch gelernt, dort in klassischem Hebräisch diskutiert wird. Man möchte das alles, die trunkene Leidenschaft, den feurigen Eifer, die heilige Sprache besitzen, und das eine, was not tut, ihnen vor Augen führen, wenn sie über die Wogen hinweg ihr erregendes: „im lau achschaw ematai?" hinausrufen: Emunah: unsn »3 'r»»Kn ntf- Welche dankbare Aufgabe für einen jüdischen Volksführer, jedes dieser Palästinaschiffe zu begleiten! Am zweiten Tag, Donnerstag, gegen Nachmittag, ' langen wir in Brindisi an. Auszusteigen ist nicht erlaubt. Aber man sieht die Stadt ganz weit durch, die hohen neapolitanischen Kaleschen winken, Obsthändler kommen ans Schiff und lassen ihre Früchte hinaufziehen, einige Juden versorgen sich auf diese Weise billig mit jüdischen Zeitungen, die sie sich von uns herunterwerfen lassen. Ge^en Abend ^eht das Schiff wieder ab. Glutrot färbt sich der Himmel, das Schiff hebt sich merklich, fährt nicht mehr so ruhig, man merkt, es geht jetzt in offene See, aber das Wasser wird ganz blau, in wundersamer Tönung, es ist, als ob wir einer Zauberwelt entgegenführen. Freitag beginnen die Leute seekrank zu werden. Die Hitze ist groß, mancher verwechselt das Schiff mit dem Strandbad und holt die Badekostüme hervor, zum großen Erstaunen kühlerer Beobachter, die diese Art von Erleichterung doch nicht erwartet hätten. Unter Diskussionen, Lernen und Träumen naht der Freitag Abend. Auch die der Religion Entfremdeten machen sich bereit, ihn zu empfangen. Von rechts und links kommen Männer und Frauen, ein guter Chasan ist bald gefunden und bald dringt, alle Bitterkeit, alle Sorge hinter sich lassend, der Brautgesang über die Wellen, dem Schiff vorauseilend, der neuen Zukunft zu, und das Herz bebt und öffnet sich, und Tränen beginnen zu fließen und spülen von der Erinnerung alles Unjüdische der vergangenen Tage "hinweg, und den Schmerz und die Sorge von ihrem Herzen: Und der Chasan weint und lacht in einem: Hithnaari meafar kumi, schüttle ab den Staub und erhebe dich, lege die Kleider deiner Pracht an, mein Volk! '' (Schluß folgt.) Vermischtes. Borken i. W., 3. Jan. Ein schönes und seltenes Fest konnte die hiesige Chewras Bachurim feiern. 90 Jahre seit ihrer Gründung waren vergangen. Trotz der Not der Zeit wurde eine im Rahmen der Wirtschaftslage angemessene Feier veranstaltet. Am Vormittag fand ein Festg'ttesdienst statt, in dessem Mittelpunkt die Predigt des Herrn Bezirksrabbiners Dr. Köhler und die Gedächtnisfeier für die verstorbenen Mitglieder der Chewroh stand. — In. der, am. selben Tage stattgefundenen Generalversammlungj hielt Herr Jonas H aas als Vorsitzender eine; durch, Taurohworte gewürzte Ansprache, in der er zur tätigen Weiterarbeit alle aufforderte. Dann, ergriff Herr Bezirksrabbiner Dr. Köhler das Wort, um Herrn Haas wegen seiner Verdienste um die Chewroh, in d'erem Vorstand er schon. 40 Jahre ,tätig ist, zum Ehrenvorsitzenden vorzuschlagen, was einstimmig; gebilligt wurde. Noch am selben Tage wurden: Beträge gezeichnet, die Bedürftigen der Gemeinde; am Jubiläumstage gegeben wurden. Der Abend; vereinigte alle Mitglieder zu einer frohen Festesfeier mit einem Abendessen, bei dem Humor mit Thorawort abwechselte. Emden, 10. Jan. Am Sonntag, den 7. Januar veranstaltete die Agudas Jisroel-Ortsgrup'pe Emden unter Leitung ihres Vorsitzenden Herrn Jakob van der Walde einen Vortragsabend, auf dem Herr Landrabbiner Dr. de Haas, Oldenburg über das Thema ' „Agudas Jisroel in unseren Tagen" sprach. Durcli seine klare und bildreiche Redeweise wußte der Redner seine zahlreiche Zuhörerschaft volle zwei Stunden zu fesseln. Von der durch die Assimilation verursachten geistigen Verflachung der Judenheit ausgehend erläuterte er den Sinn des Golus, das Volk Israel zu einem wahren G'ttes- und Thoravolk zu erziehen. Er zeigte die Unmöglichkeit und Zwecklosigkeit, dem Golus, der G'ttesstrafe, durch Uebersiedeln in ein anderes Land oder durch andere menschliche Maßnahmen zu entfliehen: Vor G'ttes Zorn kann man nur bei der Barmherzigkeit G'ttes Schutz finden. Der Weg zu G'ttes Barmherzigkeit ist die T'schuwoh, die Rückkehr zur Thora. Zum Schlüsse bezeichnete der Redner die Agudas Jisroel als die Organisation, die sich das Wort „Naaße w'nischmo" zur Lebensregel gemacht hat und die durch Erziehung zum Lernen die Rückkehr zur Thora fördert. Burgpreppach, 1. Jan, Am Sonntag, den 17. Dezember fand abends in den Räumen der Talmud Thora-Schule eine Chanukahveranstaltung der Schule statt. Eine Reihe von Aufführungen und Musikdarbietungen gestalteten den Abend zu einer gemütlichen und jüdischen Feierstunde. Mit großem Eifer und glänzenden: Erfolg haben die Lehrer der -lalmud Thoia-Schule und der Israelitischen Volksschule den Schülern der Anstalten die Rollen einstudiert. Der große Erfolg des Abends zeugte auch von ihrer guten Regie und von der geschickten Auswahl der Darbietungen. Die zahlreichen. Gäste aus der Gemeinde und aus den Nachbargemeinden haben sich vom schönen Willen und dem jüdischen Ton in unserer Talmud Thora-Schule überzeugt. Wir wollen hoffen, daß diese Veranstaltung die Blicke weiter Kreise des deutschen Judentums auf unsere im Leben der jüdischen Schulen einzigartige Anstalt lenkt und die Eltern uns ihre Kinder anvertrauen. Wien, 10. Jan. Im Bethause Talmud Thora wurde ein Sijum auf Tauroh und Mischnajoth gefeiert. Nach dem Vortrage des Schlußlernens durch den Schiurleiter Herrn Rabbiner Schenk, wickelte sich der Sijum in den gewohnten Formen ab, wobei die Herren Obmann Leopold Hirsch und Obmann Wachsberge r dem Herrn Rabbiner den Dank der Teilnehmer zum Ausdruck brachten. Rabbiner Schenk selbst hielt eine eindrucksvolle Festrede. Es ergriffen noch das Wort die Herren Rabbiner , B a b a d , Flesch, Weiß, Dr. Pollack, Benedik, Rosen, Bloch und Tauber. Durch treffliche gesangliche Darbietungen der Herren Kantoren Rabino witsch und Roth wurde die Stimmung'erhöht. ' Antwerpen, 10. Jan. Zu der Chanukahfejer in der Jeschibah zu Heide waren, wie alljährlich, zahlreiche Gäste aus Antwerpen und den umliegenden Orten gekommen. Nachdem man sich zu Tisch gesetzt hatte, hielt ein Bachur einen halachischen Vortrag. Hieran schloß sich ein halachischer Vortrag vom Rosch Jeschiwah an. Alsdann begrüßte Herr Stern die Gäste im Namen der Bachurim und dankte in ihrem Namen allen Freunden und Wohltätern der Jeschibah für ihre Unterstützung und gelobte zugleich auch, auf dem jetzt beschrittenen Wege weiter zu wandeln. Nunmehr ergriffen von den Gästen Herr Redakteur Großvogel und Herr A. Schreiber das Wort. Indem sie die große Bedeutung der Jeschibah hervorhoben, ermahnten sie die Mitglieder und Wohltäter, in ihrer Mitarbeit nicht zu erlahmen und richteten zugleich an die Bachurim die Aufforderung, sich der vielen Opfer wert zu zeigen. Im Namen der orthodoxen Jugend von Antwerpen sprachen die Herren J. Bronner und S. Schreiber. Die Feier, die von den Gesängen der Bachurim umrahmt war, wird alle diejenigen, die an ihr teilgenommen haben, noch lange in Erinnerung bleiben. Rotterdam, 8. Jan. Die„ Agudas Jisroel- Jugendorganisation in Rotterdam hat bei Gelegenheit des zweijährigen Bestehens ihrer Jugendabteilung A. eine stattliche Fest- und Probenummer herausgegeben, die eingeleitet wird durch einen zusammenfassenden Aufsatz über Agudas Jisroel als Volksbewegung. Ein Mitglied berichtet über seine Erlebnisse als Chaluz in der agudistischen Hachschara in Enschede. Es folgen Mitteilungen über Keren Hathora, Keren Hajischuw, ein Aufsatz von M. Schorlesheim über die Stellung der Agudas Jisroel zum Sabbatproblem, Berichte über die reiche Arbeit

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