Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1934)
- Date
- 1934-01-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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m3mm$Gsiem£B!&&3ms&mxs2v.*<, rs^jr&^vcx^^-^tx^i Feuilleton- Beilage Nummer 3 1934 Zwischen Schuld und Schicksal. An einem herbstlichen Frühmorgen um die Mitte des 17, Jahrhunderts erschien im jüdischen Ghetto zu Prag ein sonderbarer junger Mensch, der gleich aller Aufmerksamkeit auf sich zog. In den vielen Synagogen und Bethäusern war gerade der G'ttesdienst zu Ende, Männer und Frauen liefen geschäftig die Straße hinunter, die. Kramläden gingen mit großem Gepolter auf und - ein geräuschvolles Markttreiben erfüllte die ganze enge Gasse, Aber mitten aus der Arbeit und Geschäftigkeit schauten die Menschen zu dem unbekannten jungen Manne auf, der in dem Kreise, wo jeder jeden kannte, wie alle Fremden, gleich Neugier und auch etwas Mißtrauen erweckte. In diesem Falle war schon das Mißtrauen ein wenig berechtigt. Mit seiner hohen kräftigen Gestalt, dem großen Kopf und den breiten Schultern hob sich der Fremde sehr von den kleinen gedrückten Gestalten, die da herumliefen, ab. Er trug einen guten langen Mantel und eine Pelzmütze auf dem Kopfe. Dunkle Haarlocken hingen ihm die Stirn hinunter, fast bis zu den feurigen Augen. Das Gesicht war von einem dünnen schwarzen Barte umrahmt. Die Finger zeigten goldene Ringe. „Wer war der Mann, wo kam er her, was wollte er.?" Endlich wagte sich ein kleiner Schuster an ihn heran, „Wen sucht der junge Herr? Wollen vielleicht zum Oberrabbiner? Vielleicht sucht der junge Herr eine Wohnung?" „Ihr habt geraten," sprach der junge Mann mit sanfter Stimme. „Ich bin fremd am Platze und brauche zuerst einmal Obdach, ein passendes Zimmer." „Da kann ich helfen," freute sich der Schuster. „Der Oberschammes der Schul, Reb Boruch, hat oben ein Zimmer frei. Er ist ein großer Gelehrter und im Besitze einer großen Büchersammlung," Wie verständlich, war nun die halbe Gasse um den Fremden versammelt und lauschte offenen Mundes auf seine Worte, in der Hoffnung, etwas über sein Wesen und Wollen zu erfahren. Aus der kleinen Ansammlung trat nun ein armselig gekleideter älterer Mann hervor und drängte sich an den jungen Mann heran. „Frieden mit euch. Ihr seid eben angekommen? So verzeiht und kommt für einige Minuten mit mir, ich muß euch etwas fragen." „Halt, junger Mann," warnte der Schuster, unterstützt von anderen Dabeistehenden, „nehmet euch in Acht und geht nicht mit ihm. Es ist Awrohom Podolier, der seine Sinne nicht beisammen hat. Er macht sich an jeden Fremden heran, um ihn in wi.rrer Art auszufragen." Der Alte streckte beide Hände aus. Seine Stimme wurde flehend: „Höret nicht auf diese losen Mäuler, kommet mit mir. Es ist eine große wichtige Sache, ich muß sie mit euch besprechen." Der junge Mann besänftigte den Schuster mit einer Silbermünze, versprach ihm, bald wiederzukommen, um sich das Zimmer bei Rabbi Boruch anzusehen und folgte dem Alten, In der Versammlung der Eckensteher war es nun ausgemachte Sache, daß* der fremde junge Mann ebenfalls nicht recht im Kopfe sei. Denn erstens: wer gibt einem Schuster eine Silbermünze nur dafür, weil er ihn angeredet und ihm ein Zimmer angeboten hatte? Und dann, er ließ sich von einem Meschugge (Irren), doch wohl einem seinesgleichens, führen. Inzwischen aber hatte der junge Mann mit seinem Begleiter das kleine baufällige Häuschen erreicht, das die Wohnung des Alten bildete, Sie befanden sich nun allein in einem dürftigen Zimmerchen, in dem sich als Mobiliar nichts anderes befand als ein brüchiger Tisch und ein wackeliger Holzstuhl. „Verzeiht, junger Herr," fing der Alte an, „Die da draußen, G'tt vergebe es ihnen, verstehen mich nicht, wissen nicht, was ich fühle und leide und kennen kein Mitleid, Stelle ich an sie eine Frage, so bekomme ich eine verdrehte Antwort, als wären sie verrückt oder hielten mich für einen Verrückten, mit dem es sich nicht lohne, sachlich und anständig zu reden. Nun frage ich euch, junger Mann, kennt ihr die zehn Gebote? Ich beschwöre euch bei allem, was heilig ist, daß ihr mir die Wahrheit saget," Der Fremde dachte nun, daß die Menschen draußen doch vielleicht nicht Unrecht hätten. Aber der flehende Ton des Alten rührte ihn, und er trug die zehn Gebote im hebräischen Wortlaute vor, wie sie ihm im Gedächtnis saßen. Der Alte hörte mit größter Aufmerksamkeit zu. Wie nun der junge Mann beim siebenten Gebote anlangte, unterbrach ihn der Alte mit einem verzweifelten Schrei. Er verdeckte das Gesicht mit beiden Händen und fing jämmerlich zu weinen an. „Auch ihr saget es," jammerte er. „Ich setzte alle Hoffnung auf euch. Habe ich, Herr der Welt, noch wenig gelitten?" Er schlug sich mit der Faust auf die Brust, als stände er am Versöhnungstag beim Sündenbekenntnis. Der junge Mann, etwas irre geworden, griff nach dem Chumisch auf dem Tisch und schlug die Stelle auf. Er hatte ganz richtig zitiert. Hier stand es so, aber die Stelle war ganz vergilbt, offenbar durch viele. Tränen, die auf die Schriftzeichen geflossen waren. Der Alte weinte und betete weiter. Der junge Mann, im Bestreben, ihn zu beruhigen, rang nach irgend einem Worte. Es fiel ihm nichts anderes ein als der talmudische Ausspruch, wonach ein Mensch niemals, auch nicht in verzweifelter Situation, aufhören darf, auf die Hilfe G'ttes *zu rechnen. „Aber G'tt übt Vergeltung an Kindern und Kindeskindern bis zum dritten und vierten Geschlecht," jammerte der Alte. „Und demgegenüber," tröstete der junge Mann, „steht geschrieben: G'tt will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er zurückkehre und leb e." „Das hat mir schon lange keiner gesagt," atmete der Alte auf. „Die Menschen draußen wissen von dem nichts, oder wollten es mir nicht sagen." Der Alte jubelte, als hätte er einen großen Fund gemacht, er umarmte den jungen Mann, bat ihn, öfters zu ihm zu kommen, denn sein Erscheinen in der Gasse wirkte auf ihn wie das Erscheinen des Erlösers . . . Zu den Menschen auf der Straße zurückgekehrt, erfuhr der junge Mann, daß der sonderbare Alte vor vielen Jahren nach Prag gekommen war, keiner wußte woher. Er trug große Schuld im Herzen, denn er betete und weinte immerfort und sagte nicht recht warum. Nach einem Mörder sah der Alte nicht gerade aus. Was war es, das sein Gewissen bis zum Wahnsinne bedrückte? II. Eines Tages erfuhr der fremde junge Mann, der jetzt das Vertrauen des Alten ganz besaß, seine tragische Geschichte, die in ihm saß und seine Sinne verwirrte. Es war vor zwei Jahrzehnten. Er lebte mit Weib und Kind in einem kleinen Städtchen unweit Kiew in Ehren. Da stürmten plötzlich die Kosakenhorden des General C h m e 1 - n i t z k i ins Land und in den Ort. Die Brücken waren abgebrochen, die Wege besetzt, es gab keine Flucht noch" Rettung mehr. Als er es dennoch im Hofe versuchte, nach einem Verstecke für sich und die Seinen auszuschauen, wurde er gleich von zwei nicht mehr ganz nüchternen wilden Gesellen, Kosaken, die Kolben und Nagaika in der Hand trugen, angepackt. „Halt Jude!" brüllten sie ihn an. „Wo ist dein Weib? Hast sie versteckt? Gib sie sogleich heraus, oder deine letzte Stunde hat geschlagen . . ." Und er, klein, verschüchtert, um sein winziges Leben zitternd, kaum fähig zu denken vor Angst und Grauen, da draußen schon von allen Höfen das wüste Gebrüll der Horden, vermischt mit den Angst- und Hilfeschreien der Gepeinigten drang, — er wies mit der Hand nach dem Gemache, wo Weib und Kind weilten und lief, indes die Soldaten wankenden Schrittes ins Haus drangen, davon, lief und lief, kopflos, ziellos, endlos; lief eine ganze Nacht hindurch, von Grauen gejagt' Bis er gegen Morgen erschöpft auf einer Wiese zusammenbrach. Es war stille Ruhe ringsumher. Ein Duft frischen Heus umfing seine Sinne, oben im Apfelbaume sang ein Vogel, Als er so weit war, um wieder klar denken zu können, kroch zum ersten Mal das wilde, schreckliche Wort aus seinem Innern, das ihn in zwanzig Jahren nicht mehr verlassen hatte, schrie aus seinem Munde und stand ihm wie ein Gespenst vor Augen: „Mörder!" Nicht die Kosaken, nicht Chmelnitzki klagte er an, sich selber zerrte er vor das Gericht seiner Seele. „Du hast die Horden auf Weib und Kind gehetzt, um dich zu retten. Hast dein Leben mit dem der deinen dir erkauft, du bist ein Mörder — — —" Er wollte zurück, retten oder mit fallen, aber er fiel entnervt und entkräftet zu Boden. Flüchtlinge hoben ihn auf und nahmen ihn mit. Nach langen Tagen schwerer Krankheit machte er sich mit den ersten neugewonnenen schwachen Kräften auf, um in die Heimat zu gelangen. Er hörte,«im Orte sei keine einzige jüdische Seele am Leben geblieben. Er ging dennoch hin und fand das Häuschen wie viele andere, eingeäschert. Er stöberte und stocherte in den Trümmern herum, aber alles war verkohlt, es gab keine sichtbaren Reste mehr. Er ging von dannen, wie Kain mit Mörderzeichen auf der Stirn, in die Welt hinaus, und wunderte sich, daß nicht die Raben ihm die Augen auspickten, nicht vom Walde Wölfe und Bären kamen, um ihn zu zerreißen, daß die Menschen nicht scheu ihm auswichen . . , , Er wurde nach Prag verschlagen, wo er nun zwanzig Jahre wohnte, wo ihn die Menschen duldeten . . . Sie nannten ihn nur einen Irren, ahnten aber nicht, was in ihm vorging, und das vergrößerte noch seinen Schmerz ... (Schluß folgt.)