Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1934)
- Date
- 1934-01-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 3 Der Israelit 18. Januar 1934 Rumänien. Die neue rumänische Regierung gegen Rassenhaß. Bukarest, 8. Jan. Der neue rumänische Ministerpräsident Tartarescu hat Pressevertretern gegenüber erklärt, daß er entschlossen sei, dem von einer irregeleiteten Jugend geführten Haßfeldzug, der den Frieden des Landes bedrohe und das internationale Ansehen der Regierung schädige, ein Ende zu bereiten. Die Regierung werde drastische Maßnahmen zur Wiederherstellung und Aufrechterhaltung der Ordnung im ganzen Lande treffen. In einer in London stattgefundenen Versammlung der Anglo Jewish Association, in der u. a. der Präsident der Jewish Colonisation Association (JCA] Sir Leonard L. Cohen aktuelle Probleme der Gesamtjudenheit behandelte-, verlas der Vorsitzende, Präsident Leonard G. Montefiore, einen Brief des vor kurzem ermordeten rumänischen Ministerpräsidenten I. G. Duca, in dem dieser u. a. schreibt: Wir sind entschlossen, die Gesetze und die Rechte aller Minderheiten zu schützen. Aufrechterhaltung der Ordnung und der in unserer Verfassung verankerten Freiheitsgrundsätze bilden die Hauptziele meiner Regierung. (ITA.). Griechenland. Einführung der obligatorischen Sonntagsruhe in Saloniki. Saloniki, 12. Jan. Auf Grund eines Dekrets des griechischen Staatspräsidenten wurde für Saloniki die allgemeine obligatorische Sonntagsruhe eingeführt. Durch die neue Bestimmung wird die jüdische Kaufmannschaft dieser Stadt, die unter Voraussetzung der Einhaltung der Sabbatruhe bisher berechtigt war, ihre Betriebe am Sonntag von 10 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags offen zu h,alten, schwer beeinträchtigt, da nunmehr die jüdischen Kaufleute gezwungen sein werden, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in der Woche zu feiern. Es ist vorauszusehen, daß sich die ohnehin schwierige wirtschaftliche Lage der jüdischen Gewerbe- und Handelsleute in Saloniki durch diese neue Maßnahme noch weiter verschärfen wird. Die neue Verordnung sucht offenbar den Wünschen der nationalsozialistischen Kreise entgegenzukommen, in denen wegen der — inzwischen zurückgezogenen — Proklamierung des Jomkippur zum allgemeinen staatlichen Ruhetag in Saloniki in letzter Zeit starke Erregung herrschte. Palästina, Die Kapitalisteneinwanderung nach Palästina. Jerusalem, 5. Jan. Der soeben veröffentlichte Jahresbericht der Handelskammer von Tel-Awiw bringt bemerkenswertes Material über die Zahl der jüdischen Einwanderer, die mit eigenem Kapital nach Palästina gekommen sind. In den ersten neun Monaten des Jahres 1933 sind 2025 jüdische Einwanderer mit einem Eigenvermögen von je mindestens 1000 Pfund ins Land gekommen. Durch diese Einwanderer wurden somit mindestens zwei Millionen Pfund nach Palästina gebracht. Außerdem sind die Gelder zu berücksichtigen, die durch Institutionen ins Land gelandt wurden oder von Touristen investiert wurden, die später das Land verlassen haben. In den vorangegangenen Jahren war die Kapitalisteneinwanderung weit schwächer. Sie betraf 1930 192, 1932 269 und 1932 754 Einwanderer. Man erwartet, daß die noch nicht fertiggestellte Statistik für das Gesamtjahr 1933 eine Zahl von etwa 3000 jüdischen Einwanderern mit eigenen Mitteln ergeben wird. Hilfsarbeit für deutsche Juden in Palästina. Jerusalem, 8. Jan. In einem Bericht des Vereinigten Komitees für die Ansiedlung deutscher Juden in Palästina wird mitgeteilt, daß die palästinensische Judenheit seit Mai etwa 12.000 Pfund für die Hilfsarbeit zugunsten der deutschen Juden aufgebracht hat. Diese Summe wurde fast ausschließlich für konstruktive Hilfeaktionen verwendet. Die Arbeiten des Komitees wurden nach genauen Plänen durchgeführt, die die Befürsorgung deutschjüdischer Einwanderer vom Augenblick ihrer Ankunft in Palästina an vorsehen. Die Durchführung dieser Pläne erforderte größere Summen, als in Palästina selbst aufgebracht werden konnten, weshalb auch ausländische Gelder mitherangezogen werden mußten. Zunächst wurden jedoch jene Arbeiten durchgeführt, für die das in Palästina gesammelte Geld ausreicht. Die Einwanderer wurden nach ihrer Ankunft untergebracht, zum großen Teil in Zelten, die jetzt durch Baracken und Häuser ersetzt werden. Bisher wurden 1500 Menschen in landwirtschaftlichen Betrieben, 2700 in städtischen Arbeitsstellen untergebracht. An dieser Siedlungsaktion haben die Arbeitsvermittlungsämter der Histadruth und anderer gewerkschaftlicher Wereinigungen mitgewirkt. In Chederah und Rischon le Zion wurden auf kooperativen Grundsätzen aufgebaute Schulungsgruppen, sogenannte Chawuroth, geschaffen, in denen erfahrene Arbeiter als Instruktoren wirken. Die Chawurah von Rischon le Zion wurde später in das benachbarte Nachlath Jehuda verlegt. Kranken, Mädchen und Kindern wurde soziale Hilfe geleistet. Das Komitee für soziale Hilfe hat für die Unterbringung von 200 Kindern in Städten und Siedlungen, in Anstalten und Familien gesorgt, die zum Teil unentgeltlich, zum Teil gegen einen sehr geringen Kostenbeitrag die Betreuung der Kinder übernahmen. , Der Jüdische Nationalfonds hat dem Komitee von seinen Ländereien an der Haifa-Bucht 2000 Dunam zur Verfügung gestellt. Hier sollen zwei Typen von Kleinwirtschaften eingerichtet werden: Geflügelzuchtwirtschaften und gemischte Wirtschäften. Dem Komitee für städtische Siedlung wurden 850 Pfund für Produktionskredite zur Verfügung gestellt. Das Komitee hat Darlehen von 5 bis 50 Pfund gegen 3 bis 4prozentige Verzinsungrückzahlbar in ein bis zwei Jahren ausgegeben. Bei der Erteilung von Darlehen wurden die persönlichen Verhältnisse der Gesuchssteiler und ihre Kenntnisse geprüft. Für 320 Jugendliche wurden Visa und die Hälfte der Kosten ihres Unterhalts in Palästina beschafft. Schließlich wurden für die Einwanderer hebräische Sprachkurse eingerichtet. Grotesken aus dem neuen Palästina. Jerusalem, 11, Jan. Gebrüder Blum, Inhaber einer bedeutenden Fabrik für zahntechnische Artikel in Tel-Awiw, verlegten ihren Betrieb nach Syrien. In einem Offenen Brief in den Zeitungen rechtfertigen sie die Uebersiedlung und die Herausziehung einer bedeutenden Industrie aus Erez Jisroel mit dem Vorgehen der Histadruth, der Arbeitergewerkschaft, die ein gütes und geordnetes Verhältnis zwischen Eigentümer und Arbeitern nicht in dem Maße aufkommen ließ, daß sich der Betrieb in ruhigen Bahnen, lohnend für beide Teile, entwickeln könnte. Damit sagen die Herren Blum nichts Neues, aber es ist doch tief betrübend, daß die Organisation, die dazu da ist, um die Arbeitsmöglichkeiten im Lande zu steigern, durch ihren Radikalismus die Unternehmer aus dem Lande treibt und damit die Verdienstmöglichkeiten ihrer eigenen Mitglieder mindert, abgesehen von der Lahmlegung wichtiger Industrien im Lande, in dem alles, selbstverständlich die Histadruth an erster Stelle, nach Aufbau schreit. Herr Schartog, der Vorsitzende der Jewish A g e n c y in Palästina, verweigerte vor Gericht, wo er in einer belanglosen Sache als Zeuge vernommen werden sollte, die Ablegung des religiösen Ei d e s , mit der Begründung, daß es religiöse Bindungen für ihn nicht gäbe. Auch das kann nicht überraschen bei der bekannten Einstellung der zionistischen Führer im Lande zum positiven Judentum und den religiösen Heiligtümern. Aber hier in öffentlicher Gerichtsverhandlung vor nichtjüdischen Richtern, Zeugen und Zuschauern wirkt doch dieses Bekenntnis eines hohen jüdischen Funktionärs zum Atheismus geradezu niederschmetternd. Wer von den Engländern und Arabern, die Zeugen dieses Bekenntnisses waren, soll noch an das Recht des jüdischen Volkes auf Erez Israel glauben, wenn die Bibel, die dieses unser Recht beurkundet, in den Augen der nationalen Führer nichts bedeutet? Freilich sitzen die legitimen Vertreter der jüdischen Religion und damit des jüdischen Volkes ganz anderswo, aber für die nichtjüdischen Männer am Gerichte sind die Mitglieder der Jewish Agency die Wortführer des Judentums. Das neue Jahr beginnt in Tel-Awiw wie überall bei Juden selbstverständlich am Rosch Haschanah, was aber nicht verhinderte, daß man dieses Jahr in Tel-Awiw in großer Aufmachung einen Sylvesterball veranstaltete, für den man schon lange Wochen vorher in den Spalten der Zeitungen große Reklame gemacht hat. Hier scheint mehr der Einfluß der deutschen Assimilanten in Wirksamkeit zu treten. Das Groteske dabei aber, ist, daß der Reingewinn des Sylvesterballes dem Nationalfond zufließen sollte. " - Die Koscherfleischversorgung findet in Palästina gewiß keine Schwierigkeiten. Trotzdem findet es die Arbeite rküche in Haifa für gut, tausend jüdische Arbeiter mit arabischem Fleische zu speisen. Eine Intervention und das Einschreiten der HaifaerKehilla wurde glatt mit der Begründung abgewiesen, daß das Koscherfleisch ein wenig teurer sei und überhaupt nicht eingesehen werden könne, wozu und warum . . . Nunmehr wird leider festgestellt, daß die Arbeiterküche von Haifa nicht allein dasteht. Ihr gesellt sich die Niederlassung „Haköbesch" bei Kfar Saba zu, die auf Nationalfondboden steht und grundsätzlich das Fleisch nur von Arabern bezieht. So überraschend wäre das alles bei den Histadruthmännern gar nicht, wüßte man nicht, daß sie sonst alles ablehnen, was nicht hundertprozentig „jüdische Produktion" ist. Koscherfleisch schaltet für sie aus der „jüdischen Produktion" aus . . . Amerika. Amerikanische Judenheit protestiert gegen Einschränkung der Palästinaeinwanderung. Newyork, 11. Jan. In Newyork fand eine Konferenz von Repräsentanten aller großen jüdischen Organisationen der Vereinigten Staaten statt, in der die Politik der Palästinaregierung in letzter Zeit besprochen wurde. Es wurde eine Resolution gefaßt, in der an den High Commissioner für Palästina der Appell gerichtet wird, alle der Zulassung von Juden nach Palästina im. Weg stehenden Hindernisse zu beseitigen. Die Konferenz brachte in der Resolution ihre tiefe Besorgnis über die in Palästina entstandene Lage zum Ausdruck, von der gesagt wird, daß sie sowohl die Zukunft der jüdischen nationalen Heimstätte, als auch die wichtigsten Interessen aller Bewohner des Landes gefährde. Die Prosperität Palästinas, so wird in der Resolution ausgeführt, kommt auch den Arabern zugute. Ferner wird die tiefe Enttäuschung der amerikanischen Judenheit über die von der Palästina-Verwaltung bezüglich der Einwanderungs-Schedule getroffenen Entscheidung zum Ausdruck gebracht und darauf hingewiesen, daß dieses Vorgehen Bestehen und Ausbau der palästinensischen Unternehmungen Schwerstens gefährde und in offenkundigem Widerspruch zum Geist der Balfour-Deklaration und des Palästina-Mandats stehe. Die Resolution bringt auch das Bedauern über die in Palästina gegen Touristen getroffenen Maßnahmen zürn Ausdruck, die als unverdiente Beleidigung der jüdischen Gefühle bezeichnet werden. Es wurde eine Delegation gewählt, die den Auftrag erhielt, diese Resolution dem englischen Botschafter in Washington zu überreichen. In der Versammlung erklärte der Vorsitzende, Morris Roth e'n b e r g , die von der Palästina-Regierung getroffenen Maßnahmen seien so beunruhigend, daß die Beschäftigung mit ihnen selbst hinter die dringende Behandlung des Problems jüdischer Notlage in anderen Ländern nicht zurücktreten dürfe. In den Ausführungen der übrigen Redner kam die Befriedigung über die von England in anderer Hinsicht den Juden gegenüber bewiesene Freundschaft und der Wunsch zum Ausdruck, daß Großbritannien diese Freundschaft auch durch Mithilfe an der Verwirklichung der jüdischen Heimstätte bekunden möge. Viele , Redner führten Klage darüber, daß bei der Einschränkung der Palästina-Einwanderung nicht gemäß dem Grundsatz der Berücksichtigung der Aufnahmefähigkeit des Landes verfahren worden sei.