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Der Israelit · 1934-01-18 · Heft 3 (18.1.1934) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 3 (18.1.1934)
Date
1934-01-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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18. Januar 1934 Der Israelit Nr. 3 Seite 3 Wo stehen wir? (Fortsetzung von Seite 1.) Es bedarf — im Golus und erstrecht in der vom Zionismus okkupierten „Heimstätte" — der Autonomi e, damit — "]VöpWl — der souveräne Thorageist allein sich auswirken und in einem lebensfähigen Organismus allen übermächtigen Gefahren der kulturellen Assimilation die Spitze bieten könne. Dieser Tatsache wird sich das gesetzes treue Judentum in Deutschland in diesen schicksalsschweren Zeiten mehr als je bewußt werden müssen, weil es, zwischen Zionismus und Liberalismus in stolze Einsamkeit hin eingestellt, eine jüdisch-kulturelle Aufgabe von ungeheurer Tragweite zu lösen hat. Diese Aufgabe kann nur autonom gelöst werden, wenn nicht ein Abgleiten in zionistisch-nationale oder in liberal-individuelle Assimilation ein treten soll. Vom Staate, sofern er sich eines Tages überhaupt um die Gestaltung der innerjüdischen Organisationsverhältnisse kümmern wird, muß die Orthodoxie daher erwarten, daß ihre Eigenart geschützt und anerkannt, das Recht ihrer autonomen Selbstverwaltung in Gemeinden und Verbänden nicht beeinträchtigt wird. Mag — numerisch betrachtet — die Zukunft der deutschen Judenhek auch aufs schwerste gefährdet, mag innerhalb ihrer Reihen die Orthodoxie erstrecht als Minderheit erscheinen, die Keime geistiger Kraft, die in ihr schlummern, lassen sich nicht statistisch erfassen; sie verdienen auch weiterhin — mag man die Dinge unter liberalem oder orthodoxem Gesichtswinkel betrachten — die gleiche liebevolle Pflege, als ob der glänzendste wirtschaftliche und bevölkerungspolitische Aufstieg für sie in den Sternen geschrieben stände. Wochenrundschau. Vom liberal-zionistischen Kriegsschauplatz. Die Berliner „Jüdische Gemeinde" hält schon seit längerer Zeit sogenannte Gemeindeabend e in ihren Synagogen ab, wobei allerlei musikalische Darbietungen von Sängern und Sängerinnen, auch Instrumentalmusik, mit Reden und Ansprachen abwechseln. Da in diesen Synagogen ja auch sonst Orgeltöne und das Auftreten von. Sängerinnen zum Kultusprogramm gehören und die regulären Prediger dem überlieferten Judentum wahrscheinlich nicht näher stehen als die bei den Gemeindeabenden auftretenden Redner, so läßt sich vom Standpunkt eder Berliner Gemeinde selbst gegen diese profane Benutzung ihrer Synagogen nichts einwenden. Nun hat aber der letzte Gemeindeabend in der Fasanenstraße zu einem scharfen Zusammenstoß mit den Zionisten und dem Führer des deutsch-jüdischen Jugendverbandes, Dr. Friedrich B r o d n i t z , geführt, der als einer der Redner auf dem Gemeindeabend vorgesehen war. Dazu veröffentlicht die Berliner Zionistische Vereinigung folgende Erklärung: „Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde, der nach unserer Ueberzeugung seine Position planmäßig zur Bekämpfung der zionistischen Bewegung ausnutzt, hat eine Versammlung mit dem Thema: „Stellung der Jugend zur Gemeinde" in die Synagoge Fasanenstraße einberufen, Für diese Versammlung sind lediglich antizionistische oder nichtzionistische Redner bestellt worden. Ein Ersuchen der Berliner Zionistischen Vereinigung, auch Vertreter der zionistischen Jugend zu Worte kommen zu lassen, wurde vom Vorstand der Gemeinde abgelehnt, obwohl die zionistische Gruppfe einen sehr großen Teil der Berliner jüdischen Jugend umfaßt. In dieser Haltung erblickt der Hauptvorstand der Berliner Zionistischen Vereinigung einen Mißbrauch der Synagoge zum Zwecke parteipolitischer Kundgebungen, gegen den er aufs nachdrücklichste protestiert." Der „Führerrat" des Reichsausschusses der jüdischen Jugendverbände hat sich mit diesem Protest solidarisch erklärt und Dr. Brodnitz veranlaßt, der Versammlung fernzubleiben. Formell sind die Zionisten natürlich vollkommen im Recht. Die Berliner jüdische Einheitsgemeinde kann nicht plötzlich, ohne die Grundlage ihrer Existenz, die Neutralität, zu verleugnen, dem in der Jugend in der großen Mehrheit befindlichen Zionismus das Wort abschneiden. Der Vorgang ist aber ein deutliches Symptom für die zur Krise treibende Auseinandersetzung zwischen den führenden liberalen Kreisen, die im völkischen Zionismus eine Bekräftigung nationalsozialistischer Thesen und eine Gefährdung der Rechtsstellung der deutschen Judenheit erblicken, und der starken zionistischen Strömung in der Berliner Gemeinde, die von der Machtergreifung auf die Dauer nur durch Anwendung von Gewaltmitteln wird ferngehalten werden können. Ein sinniges Denkmal, In der jüdischen Welt des Ostens ist zur Zeit eine Aktion im Gange-, die dem in der westlichen Kultur verwurzelten Juden nicht auf den ersten Augenblick verständlich ist. Auf Initiative der rabbinischen Größen in Wilna und Warschau werden in allen großen Städten in feierlichen Veranstaltungen die Massen aufgerufen, sich mit einzelnen Buchstaben und den dazugehörigen Beiträgen an einer Sefer Thora der jüdischen Gemeinschaft auf den Namen des Chofez Chajim zu beteiligen. Die Begeisterung für dieses Werk strömt weit über den« Kreis der Thoratreuen hinaus und erfaßt auch die Lauen und die Matten, ja sogar die bewußt Abseits- und Jenseitsstehenden. Die Sefer Thora ist in Angriff genommen, wird Eigentum der jüdischen Gemeinschaft sein und den Namen des großen heimgegangenen Führers von Radin tragen. Der Spendenregen fällt aber auf die Jeschiwa von Radin und die anderen Jeschiwothim litauischen Polen, um sie vor dem Zusammenbruch zu retten. Eine Sammelaktion wie eine andere? Auch damit wäre das Unternehmen schon zur Genüge gerechtfertigt. Aber es geht hier um etwas Anderes, Höheres. Das jüdische Volk stellt einem seiner Größten, vielleicht dem Größten, der aus alten Zeiten - in unsere Generation hinr eihragte, ein Denkmal, ein Denkmal nicht aus; Erz und Stein, sondern aus heiligen Buchstaben auf heiligen Pergamenten. Es ist der Urstoff, aus dem er seine Persönlichkeit gezimmert, der nun das Material zu seinem Denkmal abgibt. Der Brunnen, aus dem er den Labetrank der Weisheit und Wahrheit für Generationen geschöpft hat, wird auf leuchtendem Monumente seinen Namen tragen. Wie könnten wir unsere Größen anders und schöner ehren? . ' Chofez Chajim ist unserem Zeitalter gleichsam zum Symbol geworden. Die wenigsten kannten seinen v/ahren Namen", und alle späteren tief- und scharfgeistigen rabbinischen Werke des Meisters konnten den Namen jenes Buches, mit dem er zuerst an das kleine Volk herangetreten ist, nicht verwischen. Man wundert sich auch gar nicht, daß sich nunmehr auch solche, die sonst ihren Platz unter der Fahne der Thora nicht haben, sich jetzt zum Mittun an diesem Denkmal mit ihrem Herzen und ihrem Obolus drängen. Absolute Wahrheit, wie sie dieser Rabbi und Volksmann vertreten hat, läßt sich nicht den Weg verbauen, kann durch Zeitströmungen und das Werk der Lüge nicht in ihrer Wirkung auf die Massen geschwächt werden. Wir begrüßen dieses Werk der Liebe und Pietät unserer östlichen Brüder und erkennen^ daran wieder einmal den Geist de(s Ostens, wie er dort, trotz Umwälzung und mannigfachen Niederganges, immer hoch in der Jesehiwa, im chassidischen Kibbuz und in der Mussarstube treulich gehütet wird, und an dem auch wir bei dem g e i s t i g e n Umbruch, von dem heute unsere Jugend so gern spricht, nicht werden vorübergehen können. Falsch und taktlos. Der Chassidismus schwankte außerhalb des Kreises seiner Gläubigen lange Zeit zwischen krasser Verkennung und romantischer Anhimmelung. Grätz und Dubnow auf der einen und Buber auf der anderen Seite zeigen die Extreme an. Die Grätz'sche Anfeindung kommt aus Nichtkennenwollen; die „Anhimmelung" bei den Romantikern daher, weil er, der Chassidismus, ihnen für die Erde und das Leben nichts zu geben hatte. Immerhin, ein Minimum von Verehrung und Pietät gegen lebende und tote Füh- .rer des Chassidismus war bis jetzt sogar auf liberaler und nationaler Seite zu beobachten. Einem Mitarbeiter der „Jüdischen Rundschau" blieb es vorbehalten, auch jene letzten Reste von Pietät über den Haufen zu rennen. Mit Rabbi Israel Friedmann, dem „Czortkower Rebben", ging ein Fürst und Führer von uns, der nicht allein kraft seiner hohen adeligen Abstammung, sondern auch wegen seiner rabbinischen und menschlichen Größe, weit über die Chassidimmassen hinaus, ja auch in der nichtjüdischen Welt höchste Achtung genoß. Die Wiener politischen Blätter zollten ihm in längeren Artikeln den Tribut ihrer Verehrung. Auch die „Jüdische Rundschau" stellt sich ein — mit einem ganzen Feuilleton, das eine Schmähung des Toten und eine schlimme Herausforderung der Hunderttausende, denen der Name des „Czortkower" was bedeutete, darstellt. Schon die einleitende Vorbemerkung der Redaktion weiß hur von „Kuriosis" und „Entartungserscheinungen am Hpfe des „Wunderrabbi" zu melden. Im „Feuilleton" selbst wird an erster Stelle eine Episode aus dem Leben des „Risiner" behandelt, ^eirie jener russischen Verhaftungen, von denen jedes Kind weiß, wie und warum sie erfolgten. Hier muß aber die Anschuldigung der „Banknotenfälschung" und des „Militärbefr.eiungsschwindels'" noch einmal aus der Versenkung hervorgeholt werden, ohne daran die Ungeheuerlichkeit der verleumderischen Anklage zu demonstrieren .• . Bestechungsaffären vom Czortkower Hofe" aus hätten sich in \ der Phantasie tder-Gläubigen zu Wundern ausgewachsen •^-;:.;.> ',;Pidjan'\ „Quittel" und „Schirajim" —,.das ungefähr die einzigen Aktiva, die der Berichterstatter:7im Hälisedes ,Wunderrabbi" zu registrieren weiß. Es widerstrebt uns, den Namen eines Thoraführers vom Formate des Czortkower Rebben in Zusammenhang mit solchen Verleumdungen — wenn auch nur zum Zwecke der Rechtfertigung — zu bringen. Aber zur Steuer der Wahrheit sei doch hier eine von Herrn Marcus Hornstein, Mitglied der Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde, durch die ITA. verbreitete Feststellung wiedergegeben: „Es ist unwahr, daß dem „Risiner" jemals Banknotenfälschung oder Militärbefreiungsschwindel vorgeworfen wurde. Wahr ist, daß seine Verhaftung durch die russischen Behörden wegen angeblicher „Wundertäterei" erfolgte und daß er freigelassen wurde, als sich herausstellte, daß seine Macht über die Massen ausschließlich dem Einfluß seiner Ideen und seiner Persönlichkeit zuzuschreiben war. Unwahr ist, daß „Kämpfe" um die Speisereste des Rabbiners geführt wurden. Wahr ist, daß es als Ehre angesehen wurde, Speisen von seinem Tisch zu erhalten. Verleumdung sind alle Berichte über Bestechungsversuche zur Erlangung von Niederlassungserlaubnis, vollkommen unwahr alle Erzäh-

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