Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1934)
- Date
- 1934-01-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 3 Der Israelit 18. Januar 1934 - Die Behandlung der nach Deutschland zurückkehrenden Emigranten. Der amtliche „Preußische Pressedienst" weist darauf hin, daß angesichts der ungünstiger werdenden wirtschaftlichen Lage der Mehrzahl der deutschen Emigranten im Ausland eine zunächst noch langsame Rückwanderung sich auszuwirken beginne. Es wird daher bekannt gegeben, daß die deutschen Behörden zurückkehrende Emigranten entsprechend ihrem Benehmen im Ausland behandeln werden. Solche Emigranten, die weder irgend welche Straftaten zu verantworten haben, noch als marxistische Zersetzer und Verhetzer anzusehen sind, sollen, wenn sie beweisen können, daß sie die Hetze im Auslande nicht mitgemacht und nicht durch den Bezug von Emigrantenzeitungen unterstützt haben, auf eine freundliche Wiederaufnahme in Deutschland rechnen können. Jedoch gilt das nicht für Emigranten oder Flüchtlinge nichtdeutscher Staatsangehörigkeit, deren Zahl in der Verwaltungsratssitzung des High Commissioner für die Flüchtlinge in Lausanne insgesamt auf 16 000 angegeben worden ist. Die Rückkehr dieser Emigranten ausländischer Staatsangehörigkeit oder staatenloser Emigranten ist den Behörden nicht erwünscht. Wir glauben, daß diese Veröffentlichung für viele jüdische Emigranten deutscher Reichsangehörigkeit, die nur aus einem gewissen Furchtgefühl heraus oder in der ersten Verzweiflung über den Zusammenbruch ihrer wirtschaftlichen Existenz Deutschland verlassen haben, von Wichtigkeit ist und von ihnen bei der Entschließung über ihr weiteres Schicksal ernst mit in Betracht gezogen werden sollte. Eine nette Kundgebung des Kardinals Faulhaber. Nunmehr ist auch das fünfte Heft der Dezember - Predigten von - Kardinal Erzbischof Faulhaber in München erschienen, (Verlag A. Huber, München), die die Neujahrspredigt in St. Michael zu München enthält. Wir haben bereits aus den früheren Botschaften des Kirchenfürsten an das katholische Volk und an Deutschland wesentliche Teile gebracht. Hier seien noch aus dem letzten Hefte die Ausführungen Faulhabers über die Stellung der Kirche zur Rassenfrage auszugsweise wiedergegeben: Vom kirchlichen Standpunkt aus ist gegen die ehrliche Rassenforschung und Rassenpflege nichts einzuwenden. Auch nichts einzuwenden gegen das Bestreben, die Eigenart eines Volkes möglichst rein zu erhalten und durch den Hinweis auf die Blutsgemeinschaft den Sinn für die Volksgemeinschaft zu vertiefen. Nur müssen wir vom kirchlichen Standpunkt aus drei Bedingungen machen: Erstens darf die Liebe zur eigenen Rasse in der Kehrseite niemals Haß gegen andere Völker werden. Zweitens darf sich der einzelne nicht der sittlichen Pflicht enthoben glauben, mit den Gnadenmi£teln seiner Kirche in zäher Selbsterziehung seine Seele zu pflegen. Ein junger Mann, der immer nur von Seligpreisungen seiner Rasse! hört,'* kommt zu leicht auf den Gedanken, er habe seinem G'tt und seiner Kirche gegenüber nicht mehr die sittliche Pflicht der Demut; und Keuschheit. Drittens darf die Rassenpflege keine Frontstellung gegen das Christentum einnehmen. Was soll man zu dem ungeheuerlichen Vorwurf sagen, die germanische Rasse sei durch das Christentum verdorben worden, das Christentum sei nicht artgemäß, besonders wegen seiner alttestamentlichen Belastung, und deshalb ein Hindernis für den Rassenstolz, in Volk und Schule?,; ' Wie sich das Christentum zur germanischen Rasse stellt? Rasse und Christentum sind aiv sich keine Gegensätze, wohl aber verschiedene Ordnungen. Rasse ist Naturordnung, Christentum aber ist übernatürliche Ordnung, j Rasse ist völkische Geschlossenheit und Abgeschlossenheit, Christentum ist weltweite Heilsbotschaft an alle Völker. Die Begriffe Offenbarung und Erlösung, Uebernatur und Gnade dürfen nicht verwässert werden. Bei keinem Volk wurden Blut und Rasse so stark betont wie bei den Israeliten des Alten Bundes. In der Fülle der Zeiten aber wurde das Rassendogma durch das Glaubensdogma abgelöst. Wie sich das Christentum zur germanischen Rasse stellt? Es ist dem Christen nicht verwehrt, unter obigen Bedingungen für seine Rasse einzutreten und für deren Rechte, Man kann also ohne inneren Zwiespalt ein aufrichtiger Deutscher und ein ebenso aufrichtiger. Bekenner des Christentums sein. Wir haben darum keinen Grund, deshalb dem Christentum den Rücken zu kehren und eine nordisch-germanische Religion zu gründen, um ein Bekenntnis zu unserem Volk ablegen zu können. Wir dürfen aber niemals vergessen: Wir sind nicht mit deutschem'Blut erlöst. Erster Schritt zur Selbstverwaltung in Palästina. Jerusajem, 15, Jan. Durch öffentliche Bekanntmachung wurde da& neue Reglement für palästinensische Stadtgemeinden in Kraft gesetzt, das, entsprechend der Ankündigung des Hochkommissars; von Palästina in der Sitzung der Mandatkommission von 1932 den ersten Schritt zur Einführung der Selbstverwaltung darstellt. Durch das Inkrafttreten der neuen Verordnung wird auch die Frage der Einsetzung eines Legislative Council wieder aktuell. Die Verordnung erstreckt sich zunächst auf 23 Stadtgemeinden und regelt die Einsetzung der Verwaltungskörperschäften, der Gemeindevertretungen und der Gemeinderäte. Die Erklärung^ eines Gebietes zur Stadtgemeinde liegt in . den Händen des 'Hochkommissärs. Für Jerusalem, Haifa und Tel-Awiw gelten besondere Bestimmungen. Der High Commissioner kann zeitweilig; Bürgermeister und Vizebürgermeister ernennen, sowie auch sie ihres Amtes entheben. Charakteristisch ist, daß in allen Städten Pasion von 1932, den ersten Schritt zur Einführung., alter von 25 Jahren das aktive und solche vori;30 Jahren das passive Wahlrecht besitzen. Dagegen ist für die jüdische Stadt Tel-Awiw auch den weiblichen Bewohnern der Stadt, soweit sie Steuern im Mindestbetrage von einem Pfund abgeführt haben, aktives und passives Wahlrecht gesichert. Tel-Awiw ist also die einzige Stadt mit Frauenwahlrecht in Palästina, obgleich diese Regelung ebensowohl im Widerspruch mit* dem jüdischen Religionsgesetz und dem Volksempfinden steht wie in den vorwiegend arabischen Städten mit dem mohammedanischen. Der Board of Deputies und die Kultur-Institutionen der deutschen Judenheit London, 15. Jan. In der gestrigen Sitzung des Board of Deputies kündigte Sir Osmond d'Avigdor Goldsmid an, daß der Emigranten-Hochkommissar James Macdonald am 25. oder 264 Januar in Begleitung eines führenden Repräsentanten der amerikanischen! Judenheit in London eintreffen werde, um mit den Vertretern , der interessierten Organisationen; über die Durchführung, des Emigranten-Hilfswerks zu beraten. Man habe mit Rücksicht darauf die: Bildung eines Beirates für das Emigranten-Hilfswerk einstweilen zurückgestellt, bis die Besprechung mit dem Hochkommissar stattgefunden haben werde. . Im weiteren Verlauf der Sitzung wurde auf Antrag des Vorsitzenden, Neville Laski, Sir Osmond d'Avigdor Goldsmid die Glückwünsche des Board of Deputies ausgesprochen zu der ihm zuteil gewordenen Auszeichnung mit der Baronetwürde. ' ' Mr. H. Goodman brachte die jüngst von Harry Sacher, einem Mitgliede des zentralen Verteilungskomitees, in Gegenwart von Dr. Weizmann und Dr. Brodetzky gehaltenen Rede , zur Sprache. In seiner Rede, hatte Mr. Sacher die Hoffnung ausgedrückt, daß das deutsch-jüdische Problem binnen kürzester Frist liquidiert werden würde. Viele, so meinte Mr. Goodman, möchten diese Hoffnung teilen, sähen aber keine Möglichkeit, das Problem angesichts der gewaltigen Schwierigkeiten, mit denen es verknüpft sei, zulösen. Auf der einen Seite habe sich Mr. Sacher gegen jede weitere Unterstützung nach Deutschland gewandt, während er auf der anderen Seite nur mit einer Einwanderung von 2000 deutschen Juden nach Palästina jährlich rechnet. Es sei klar, daß wenn die Weltjudenheit sich nicht an der Erhaltung der deutsch-jüdischen Gemeinden, ihrer sozialen, und erzieherischen Institutionen beteilige, dann unter allen Umständen ein starker Auswänderungsstrom vor sich gehen werde. Die deutsche . Judenheit hat in der vergangenen Zeit in vollem Umfange an der Unterstützung aller jüdischen Bestrebungen sich beteiligt; sie heute als eine Gemeinschaft von geringem Werte zu behandeln, sei unwürdig der besten Tradition der Judenheit und des Judentums. Er fühle, daß eine autoritative Erklärung von Seite n des zentralen Verteilungskomitees erforderlich sei. Sir Osmond d'Avigdor Goldsmid distanzierte: sich von den Bemerkungen Har r y; S a c h e r s, die, wie er sagte, reine Privatmeiriungen darstellten. Das zentrale- Verteilungskomitee habe seinen Wunsch.. ausgesprochen, die deutsch-jüdischen Institutionen zu unterstützen und habe bis jetzt für die deutschen Schulen allein 10.000 Lst, .zur Verfügung gestellt! Soviel er wisse, sei es nicht die A b s"i c h t. d e 4 Komitees, von die-' s e m!W e g e a b z u w ei chen, da es ü b erzeugt s.ei,! daß die deutsche Judenheit Üer Hilfe von außen zur Auf-' recht, erhaltung ihrer Sch ul e ri, ihrer, sozialen erzieherischen und religiösen Institutionen bedürfe.