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Der Israelit · 1934-01-18 · Heft 3 (18.1.1934) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 3 (18.1.1934)
Date
1934-01-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Frankfurt a. M. 18. Januar 1934 2. Schebat 5694 Nummer 3 en wir? .Zur innerjüdischen Auseinandersetzung in Deutschland. Das erste Jahr nationalsozialistischer Herrschaft in Deutschland nähert sich seinem Ende. Eine grundöätzliche Veränderung in der Einstellung des Staates zu den in seiner Mitte lebenden Juden ist nicht eingetreten. Noch immer klafft — wenn wir von allem Wirtschaftlichen absehen — der Widerspruch zwischen den in Geltung befindlichen alten Gesetzen, die die jüdische Gemeinschaft als eine der deutschen Nation eingeordnete Konfession betrachten, und der tat^ sächlich herrschenden staatsrechtlichen Anschauung, der die Juden, gleichgültig welcher religiösen oder areligiösen Weltanschauung sie huldigen mögen, eine eigene rassisch-völkische Einheit sind, grundsätzlich geschieden von der deutschen Volks- und Blutgemeinschaft. Unter „deutscher Nation" oder „deutschem Volk" versteht man heute — man darf schon von einem consensus omnium' sprechen — ausschließlich diese 'deutsche'Volks - und Blutgemeinschaft, in keiner Weise mehr einen rein staatsrechtlichen oder kulturellen Begriff. Die kleine Minderheit der deutschen Juden kann gegen diese, man möchte sagen philologische Revolution nicht anrennen; sie kann nicht fortfahren, sich abgelegter Begriffshülsen zu bedienen und diese mit einem ihr zusagenden Inhalt aus Wolkenkukuksheim zu füllen, den die Umwelt ablehnt. Das sollten eigentlich auch unsre Liberalen einsehen — nicht nur die kleine dem Zionismus schon immer nahestehende. Gruppe um Baeck, sondern auch die Herren Stern und Woyda so gut wie der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten und der Zentralverein. Man mag, wenn man Lust dazu hat, in dieser rassisch-völkischen Verengung des Staatsbegriffes wie des Kulturbegriffs einen Sieg des Blutes über den Geist, ja einen weltgeschichtlichen Rückschritt erblicken — dann gilt es eben, geduldig abzuwarten, bis diese Einseitigkeit der Entwicklung eine's Tages oder eines Jahrzehntes von innen heraus überwunden sein wird. Aber zunächst müssen sich die deutschen Juden, wenn sie miteinander und mit ihrer Umwelt reden, auf den Boden der Tatsachen stellen, die sie nun einmal mit unerbittlicher Gewalt aus dem Gesamtkörper, des deutschen Volkes ausschließen und ihnen ein eigenes urjüdisches Volkstum mit allen Konsequenzen für das Bewußtsein aufzwingen. . An d i e s e m Punkte brauchte und sollte zwischen Liberalen, Orthodoxen und Zionisten in Deutschland heute kein Streit mehr sein, so wenig wie über elementare mathematische oder logische Bewußtseinsdaten. Meinungsverschiedenheit und mehr oder minder scharfer Kampf gewinnen ihre Berechtigung erst in der Verschiedenheit der Einstellung zu der hier gegebenen Fundamentaltatsache. Für den echten Zionisten bedeutet der erzwungene Austritt aus der deutschen Volksgemeinschaft — von allen äußeren, wirtschaftlichen Momenten abgesehen — kein seelisches Martyrium — er erblickt in der Entwicklung lediglich die willkommene Bestätigung seines historischen Belrachtungsschemas, das von jeher im jüdischen Volk — auch ein Volk, im Golus einen tragi- Aus dem Inhalt: Die Landeskonferenz der Agudas Jisroel in Polen . . Seite 4 Vom liberal - zionistischen Kriegsschauplatz .... Seite 3 Richtlinien zur Aufstellung von Lehrplänen für jüdische Volksschulen in Deutschland . . . Seite 4 Der Züricher Kirchenrat gegen den Antisemitismus . . . Seite 7 Grotesken aus dem neuen Palästina Seite 8 Der Verlauf der Araberkundgebungen in Palästina Seite 12 sehen Fehler, einen faux pas der Weltgeschichte gesehen hat. Normaler ■ Weise müßten wir eben in „Palästina" sitzen, an der europäisch-amerikanischen Kultur und Zivilisation auf dem Wege der Uebersetzung ins Hebräische teilhaben und gelegentlich Auslandsreisen nach Berlin, Paris und London unternehmen. Die deutsche Revolution trägt also nur dazu bei, diesen notwendigen Prozeß der Normalisierung und Assimilierung des sonderbarer Weise aus der Reihe gesprungenen Judenvolkes zu beschleunigen, und Ordnung auf der Landkarte herzustellen. Dem Liberalismus dagegen ist mit seiner Theorie von der als Nation untergegangenen, als Konfession wieder auferstandenen jüdischen Gemeinschaft nicht nur eine Theorie zerschlagen, sondern ein Heiligtum zertrümmert. Ihm war deutscher Geist und deutsche Kultur wahrhaft zur R e 1 i g i o n geworden, und die jüdische „Konfession" diente nur als dünnes, dürftiges Mäntelchen, um den großen Abgrund zu überdecken, der dieses ins Deutschtum und Europäertum aufgegangene Judentum von seiner geschichtlichen Vergangenheit mit all. ihren Gefühlsresten in Seele und Blut trennte. Durchaus anders geartet ist die Lage und die Stellung der gesetzestreuen Judenheit Deutschlands. Sie hat — fünfundvierzig Jahre sind heute seit dem Tode S. R. Hirschs "?"ST' rund hundertfünfundzwanzig seit seiner Geburt vergangen — ein Jahrhundert lang ehrlich ü »l das Problem gerungen, jüdisches G'ttesvolk-Bewußtsein, vorbehaltlose, religiös durchglühte Anerkennung der naturhaften Tatsachen der jüdischen Geschichte synthetisch zu verschmelzen mit dem innigsten, liebevollsten Anschluß an die deutsche Nation, ihre Kultur und ihren Boden. So wie die Orthodoxie Deutschlands im Golus keinen unglücklichen Zufall der profanisierten Weltgeschichte erblickte, sondern die g'ttgewollte Erprobung ihres Judeseins auf einem gefahrenreichen, aber zur Mehrung der TQ3 ''»U? ITD^a» zur noch tieferen Erkenntnis der Taurohwahrheit führenden Wege, so war sie auch von der Ueberzeugung durchdrungen, daß der durchaus einzigartige, jeder Einschachtelung sich entziehende religiöse Charakter des jüdischen Volkstums eine weitgehende Ausnützung aller Errungenschaften der Emanzipation, ein aufrichtiges, ja enthusiastisches Eingehen in die deutsche Nation als Heimat der Seele gestatte, ohne daß davon eine Gefährdung der urjüdischen Geistes- und Lebenshaltung von lndividuum und Gemeinschaft zu besorgen sei. Davor sollte die gewissenhafte Wahrung des Religionsgesetzes, das „Lernen" vor allem, schützen. Daß das Experiment vollkommen- und restlos geglückt sei, kann man nicht behaupten; aber es hat der jüdischen Kulturgeschichte zweifellos Dauerwerte gegeben, hat jüdische Persönlichkeiten von bemerkenswerter Eigenart und Geschlossenheit hervorgebracht und für die noch ausstehende große Auseinandersetzung zwischen Volljudentum und hebräisch drapierter Assimilation — der gefährlichsten — unschätzbare Vorarbeiten geleistet. Dabei ist es nun kein Zufall, daß S. R. Hirsch V'XT' der große synthetische Denker dieses kulturerfüllten Offenbarungsjudentums, zugleich der Künder des orthodoxen Selbständigkeitsgedankens war. Es ist Zeit, wieder einmal darauf hinzuweisen» daß die negative Seite des sogenannten „Austrittes" eben nur ein — manchmal leider unvermeidliches — Negativum, sein positiver Sinn aber die Milieuschöpfung ist. Das offenbarte Judentum kann sich in seiner lebenumspannenden Totalität, sobald es das Leben wirklich meistern will, nur in einem selbständigen, geschlossenen Organismus entfalten; es kann in seiner Reinheit weder von vereinzelten Individuen, noch von mehr oder minder abhängigen Fraktionen und Grüppchen innerhalb thorafremder Organisationen erhalten und weitertradiert werden. / (Fortsetzung aui Seite 3,)

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