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Der Israelit · 1934-01-11 · Heft 2 (11.1.1934) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 2 (11.1.1934)
Date
1934-01-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 2 1934 RBfi Rahabs Lied. Von Sanon. (Schluß.) XII. Schnell hatte das Volk von Jericho seiner Angst und seines Schreckens vergessen; galt es doch einem seltsamen Schauspiel beizuwohnen. Hochbeladene Karren mit Erz wankten durch das weitgeöffnete Tor. Gaukler und Schlangenbe schwörer, Musikbanden und Tänzerinnen eilten hinaus, da sie reicher Verdienst lockte. Handwerksmeister aller Art schlössen sich ihnen an. Am Osttore harrte pflichtgemäß Rahab, um dem Anok den Scheidegruß zu bieten. „Rahab," rief er, ,,es freut mich, daß Astaroth sich so willig meinem Moloch unterordnet. Was sonst zwischen uns ist, darüber werden wir reden, wenn ich zurück sein werde." Dann zog er hinaus in die Ebene. Bald erblickte er unweit des Jordan den Rauch aus den Hütten, in denen der Moloch geschmolzen wurde. Ein ausgelassenes Fest begann, und Anok ging von dem einen zum anderen, um ihm zu schmeicheln und dadurch seine erschütterte Stellung zu verbessern. Er gab auch wie im Scherz die Geschichte von den beiden Kundschaftern zum Besten, die ihn, Rahab und ganz Jericho zum Besten gehabt hatten. Aber dafür feiern wir heute Abend ein Fest der Astaroth ohne ihre Priesterin. Es soll lustig werden. Vergebens warnte ihn Achinan, er möge doch nicht auch noch Astaroth erzürnen. ,,Ach was," erwiderte Anok, „wenn Astaroth so für Moloch sorgt, muß wohl auch einmal Moloch der Astaroth huldigen. Du griesgrämiger Alter, stimme deine Harfe und singe uns ein frohes Lied." Da warf erzürnt Achinan seine Harfe in die Gießgrube. „Das ist meine Gabe an den neuen Moloch, ich habe ausgesungen." Sprachs und wandte sich stadtwärts. In Jericho begab er sich sofort zu Rahab. Er traf sie nicht zu Hause, denn sie hatte ihre Zeit ausgenützt. Was sie an Kindern unter den Trümmern des Tempels noch lebend fand, hatte sie heimlich den Eltern wieder zurückgebracht. Dadurch hatte sie ganz der Sorge für die Ihrigen vergessen. Sie wollte sie auch gar nicht am ersten Tage gleich entweichen lassen, denn da waren die Straßen noch so sehr belebt, daß man eine Flucht der Fremdbürtigen hätte bemerken müssen. Aber sie war eben bei Vater und Mutter gewesen, um das Nötige zu verabreden und war nicht wenig überrascht, als sie Achinan in ihrem Vorzimmer antraf. „Was ist?" „Ich habe mit Dir zu reden." „So komm'." „Ich komme, um bei Dir über Jericho zu weinen. Seine Götter zürnen, erst Moloch, und draußen an der Gießgrube höhnt man Astaroth. Ich will das nicht überleben." „Ich danke Dir." „Ich gehe zum König." „Tue das." Erregt ging Rahab auf die Plattform des Daches und blickte hinaus in die weite Ebene. Da sah sie Menschenmassen in rasender Eile auf die Stadt zurennen, wüstes Geschrei drang an ihr Ohr. Sie vernahm nur immer wieder den entsetzten Ruf: „Sie kommen! Sie kommen! Sie sind schon da!" Bald wurde stürmischan das Stadttor gepocht, aber der Torwart weigerte sich zu öffnen. Bis endlich auch Anok, vollkommen verstört, im rasenden Galopp ankam: „Oeffne das Tor im Namen des Königs. Ich, Anok, befehle es Dir." Dem konnte sich der Torwart nicht versagen; weit auf flogen die eisernen Torflügel. Mit Anok wälzte sich die ganze Schar in die Stadt, man drängte sich und überrannte die Schwachen. „Sie kommen! Sie kommen! Sie. sind da, sie sind schon diesseits des Jordan. Wir haben sie gesehen. Riesen sind es und stark bewehrt!" Da rasselten die Tore von Jericho zu. Es war das letztemal. Bald ertönte der dumpfe Ton des Alarmhornes, der die Krieger auf ihren Posten rief, das hieß auch, daß die Tore fortan geschlossen bleiben, keiner hinaus, keiner hinein. In früher Morgenstunde wurde Rahab abermals zum König gerufen. Fast alle waren da. Achinan fehlte. Finster blickte Anok drein, er hatte vom König unter vier Augen bittere Vorwürfe entgegennehmen müssen, weil er Astaroth erzürnt hatte. Auch Rahab würdigte ihn keines Blickes. Der König fragte: „Wer rät zur offenen Feldschlacht?" Keine Antwort erfolgte. „So bleibt uns denn nur unsere feste Mauer." „Und der Schutz unserer Götter," rief einer der Anwesenden. „Wohl gesprochen," sprach der König. So höre denn, Rahab, von heute Abend an wirst du allabendlich die Lieder der Astaroth singen, daß es meine Bürger hören und sich erlaben. Den roten Faden knüpfst Du an alle vier Seiten Deines Hauses. Mögen unsere Feinde daran zuschande werden," XIII. Was aber war das? Vergebens wartete .man mit Zittern darauf, daß die Feinde die Stadt berennen würden. Nichts dergleichen geschah. Die Turmwächter berichteten etwas Seltsames. In weitem Umkreis umzog ein unübersehbares Heer die Stadt. Sieben weißgekleidete Gestalten begleiteten sie, die einen schweren Schrank trugen und in ein gewundenes Widderhorn bliesen. Die Eigenartigkeit dieser Erscheinung erschreckte das Volk noch mehr, namentlich, als es sich zwei und dreimal wiederholt hatte. Anok ließ Rahab fragen, ob sie ihn nicht trotz des roten Fadens empfangen wollte, um über die Rettung der Stadt zu beraten. Rahab verweigerte das, doch ließ sie ihm sagen, sie sei auf offener Straße bereit, sich mit ihm zu treffen. Die Zusammenkunft fand statt, sie war kurz. Anok sprach: „Rahab, willst Du mich nicht trösten, komme zu mir. Von den Kellern des Molochtempels führen viele unterirdische Gänge hinaus aus der Stadt. Komme, ich will Dich retten, wenn die Feinde eindringen." „Ich will nicht von Anok gerettet sein." „Und das ist Dein letztes Wort? Fürchtest Du Anoks Rache nicht? Warte nur, bis wir das Siegerfest feiern." „Ich fürchte Dich nicht mehr, Anok, nicht Dich und Deinen Moloch." Damit entfernte sie sich. Ging abends auf ihr Dach und sang mit lau-- ter Stimme ihr Lied. Sein Ton drang weit hinaus, bis in das Lager Israels. Und Kaleb sprach zu PiNechas: „Hörst Du Rahabs Lied?" „Ich höre es. Komm', wir wollen zu unserem Führer Jehoschua gehen und ihn darauf aufmerksam machen." Der aber trug ihnen auf, bei der Eroberung der Stadt, ihrem Versprechen gemäß, auf Rahabs Rettung bedacht zu sein. Als am sechsten Tag der Kreis der Belagerer sich immer enger um die Stadt gezogen hatte, und die Töne der Hörner jetzt schon jedem Einwohner Jerichos vernehmbar erklangen, da entstand Tumult in den Straßen. Das benutzte Rahab,' um ihre ganze Sippe in ihr Haus zu bringen. Atemlos erwartete man den nächsten Morgen. Die ganze Nacht sarig Rahab. Abermals nach Aufgang der Sonne jener sonderbare Umzug, abermals der gemessene Klang der Widderhörner, dann ein ohrenbetäubender Jubelruf der Belagerer und dann brach die Mauer, wie geborsten. Bresche auf Bresche entstand. Durch eine solche drangen PiNechas und Kaleb auf das Haus Rahabs vor. Der rote Faden zeigte ihnen den Weg, „Rahab, rasch, es ist höchste Zeit. Komme mit allen, die zu Dir gehören.". Und Rahab ging, hinter ihr sank Jericho in Staub und Asche. XIV. Man hatte den Flüchtigen einen Platz außerhalb des Lagers angewiesen. Das kränkte Rahab, obwohl es ihr und den ihrigen an gar nichts fehlte. Da sagte sie eines Tages zu Kaleb: „Kaleb, warum darf ich nicht in das Lager Israels?" „Wir achten Dich und schützen Dich, wir sind Dir dankbar, aber wisse; wer Götzen dient, darf das Lager Israels nicht betreten." Stumm neigte Rahab das Haupt. Bis sie eines Tages PiNechas und Kaleb abermals zu sich holen ließ. „Ich habe jeglichem Götzendienst abgeschworen, ich und die Meinen. Ich will mit Euch beten und opfern. Saget, wie ich büßen kann." „Wir werden Jehoschua fragen." Kurz darauf kam dieser mit großem Gefolge vor Rahabs Zelt. „Die Männer, die Du gerettet, erzählten uns von Dir. Wir sind Dir Dank schudlig. Wir vernahmen auch von Deinem ernsten Wunsch, ganz zu uns zu gehören. Komme. Wir begrüßen Dich als Schwester." Und Rahab kam. Sie lebte vollkommen zurückgezogen, Bald jedoch drang der Ruf ihrer Klugheit durch das Lager Israels und manchen guten Rat gab sie, als Israel siegreich durch das Land zog. Bald wurde sie Jehoschua eine treue Helferin und im Laufe der Jahre auch seine Gattin. Sie hat. auf ihre Nachkommen eine grenzenlose Hingabe an Israel und sein Geschick vererbt. Zu den späteren Enkeln Rahabs gehören Jeremia und die Prophetin Hulda. Ein weisser Sabbat auf dem Semmering- Wenn man nach einer Fahrt von einem halben Tage und einer-ganzen Nacht im ersten Morgendämmer in Wien eintrifft, hat man nicht gleich das Bedürfnis, noch bis zur Tausendmeterhöhe hinaufzukraxeln, um von oben herab festzustellen, wie wunderschön unten die Landschaft ist. Eher hätte man schon den Wunsch, unten in der schönen- Landschaft in einem warmen Bette von der schönen Höhe zu träumen Aber der Semmeringzug im Südbahnhofe nimmt den Uebernächtigen und Schlaftrunkenen auf, preßt ihn zwischen die vielen Menschen, die in ihrer Ausstattung, mit ihren Schlitten und Skibrettern so anmuten, als zögen sie ins Land der Eskimos zur Eisbärenjagd, und führt ihn in wenigen Stunden wie auf Adlersflügeln zur Höhe hinauf, hinein in das weiße Paradies, wo ein tiefblauer Himmel, wie er sonst nur über der Adria, wenn an deren .Gestaden die Feigenhaine 2u blühen beginnen, gespannt ist, sich über eine Schneelandschaft wölbt, die weit und breit von keinem dunklen Punkte getrübt wird! Es ist dies der Semmering. Schon das Wort hat in seinem Wohlklange etwas vom Zauber dieser blauweißen paradiesischen Höhenwelt vor den Toren der Donauweltstadt. Es ist hier so, als hätte sich das Gebirge für die paar Wintermonate bei Italien seinen tiefblauen wol-

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