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Der Israelit · 1934-01-11 · Heft 2 (11.1.1934) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 2 (11.1.1934)
Date
1934-01-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 Nr. 2 Der Israelit 11. Januar 1934 kenlosen Himmel und in Sibirien seine endlosen Schneefelder ausgeborgt, um einem vielgeplagten Mitteleuropa Gelegenheit zu geben, all das, was sein Gemüt trübt und belastet, in den tiefen Schnee zu vergraben, wo es eine Zeitlang in der Sonne und im Mondlicht glänzen kann, um später verweicht und zerschmolzen in das Tal hinvmterzurinnen . . . Schon morgens nach sechse schaue ich vom Fenster meines Schlafgemaches in einen weißen hellen Tag, in den die Sonne hinter den Bergen ihre schönsten Strahlen im Vorschuß hineingewebt hat. Man muß sich schlaftrunken langsam entsinnen, daß gestern noch in der heimatlichen Synagoge das schwarze Brett erst 7.20 Uhr als Zeit für das Tefillinlegen angegeben hat. Gegen neune schwimmt der dichte Nebel ins Tal hinunter, als hätten die Berge rechts und links, vorne und hinten, ihre jetzt in ihren weißen Hauben glatt, sauber und zum Greifen nahe steckenden Häupter in ganzen Teichen . von Lauge und Seifenwasser gewaschen und schütteten nun das Abwasser von sich. Gegen elfe wärmt die rote Sonne in den Frost und glitzernden Schnee so hinein, daß man nicht weiß, ob die Ohren in Wärme oder in Kälte brennen. Wenn gegen Mittag die Nebelmassen ganz zerflossen sind, hat man den freien Ausblick in die Dörfer, Weiler und Gehöfte des Steiermärkischen, in denen in kleinen Hütten hinter winzigen Doppelfenstern eine stille Bevölkerung genau so lebt, leidet und lacht, wie es ihr -Dichter Peter Rosegger geschildert hat. Die anspruchslose Einfachheit und Armseligkeit unten kontrastiert ' zu dem Glanz und der Eleganz in den Hotelpalästen oben, aber sie gehören zusammen, wie der blaue Himmel zu dem weißgefrorenen Schnee. Wenn abends der volle Mond sich in dem glitzernden Edelweiß unten spiegelt, rasen die Rodelschlitten zum Tal hinunter und die Luft ist durchhallt von frischer jugendlicher Heiterkeit. Die kleinen Leute unten sehen ohne Neid zu den Städtern hinauf, die vom Asphalt zu ihnen gekommen sind, um aus dem, was sie, die Dörfler, schwere Last nennen, eine Lust zu machen. Sie leben von diesen noblen Passionen einer naturhungrigen vornehmen Welt. Es gibt noch Ausgleich, in der Natur wenigstens. Uebrigens, dieser ganze Sport mit Rodelschlitten und den langen plumpen Skischuhen, dieses ganze Kraxeln und Rutschen, Laufen und Fallen, es ist nichts anderes, als das anstrengende Bestreben des kleinen Menschen, dem kalten, strengen knorrigen Herrn, Winter genannt, der kleinen, armen Leuten so viel Schrecken einjagt, ein freundliches Lächeln abzuringen. Und siehe, er lächelt nicht nur, er lacht da oben mit dem vollen, breiten Gesichte, bei all seiner Strenge und Kälte, wenn die runde Sonnenkugel vormittags in den weißen Teppich die roten Farben einbrennt und wenn, abends die goldene Mondscheibe glitzernde Perlen in die Schneedecke streut, vnd in ihrem Gespensterlichte die Skifahrer gleich Urweltgestalten weit ausschreiten und die Schlitten, wie -von Dämonen gejagt, den Berg hinunterrasen. Die jüdische Note erhielt der Semmering diesen Winter durch die Eröffnung eines jüdischen Kinderheimes, das mehr als das ist: ein Sammelpunkt für alle, die ihr Jüdisches in die Freuden des Gebirges mitgebracht haben. Es war die glückliche Idee eines Wiener jüdischen Pädagogen, Jakob Eisenberg, der bereits an anderen Höhepunkten des Semmermggebietes mit glänzendem Erfolge Kinderheime geleitet hat, in Gemeinschaft mit einem tüchtigen Wiener jungen Arzt, Dr. Erb er, an das bekannte große Sanatorium von Dr. Hecht auf der Höhe des Gebirges eine jüdische, streng rituell geführte Abteilung anzuschließen, in der erholungsbedürftige jüdische Kinder eine Pflgee des Körpers und des Geistes erhalten, ..wie kaum sonstwo in der reinen Höhenluft. Hier aber finden auch erwachsene Erholungsbedürftige für kürzere oder längere Zeit eine vorteffliche Unterkunft bei mäßigen Preisen und dabei einen jüdischen Kreis, der die Lust der Ferientage zuweilen zu einem jüdischen Glücke steigert. In der Eisenberg-Pensioh finden sich im Sommer die B e s Jakauw-Lehrerinnen mit ihren Schülerinnen bei Arbeit und Vergnügen. Hier hat die Wiener Aguda-Jugendgruppe ihr Asyl, wenn sie im Winter während der bürgerlichen Feiertage mit Schlitten und Ski tagsüber durch die weiße Landschaft streift. Hier ist der Sammelpunkt aller, die in der großen weißen Helligkeit nicht geblendet sind für das eigene kleine traute jüdische Licht . . . Ein kurzer Freitag geht zu Ende. Fast unvermitteltf ällt der sonnige Tag in die Schlucht und macht einem klaren Abend Platz. Oben auf der Höhe in der kleinen Villa erstrahlt Kerzenlicht am Fenster und lacht und lockt in die weiße Nacht. Wie ein Lichtsignal aus einem Leuchtturm, das abirrende Schiffe ans Ufer ruft . . . Und siehe, wie .sie kommen! In ihren Bergschuhen und ihrem Sportdreß, aus den Weekendvillen rundherum und aus den großen Hotelpalästen, um einen Freitagabend bei jüdischem Licht und jüdischen Speisen zu feiern. Und die drinnen zum Hause gehören, sind sabbatlich ge kleidet und sabbatlich gestimmt und. singen die heimatlichen Sabbatlieder vom „Tage, der Israel Licht und Fnude bedeutet", von der „Seele, die nach G'tt dürstet", von „G'tt, dem Herrn der Welt und Welten, dem König aller Könige, der das Schaf lein aus dem Rachen des Löwen befreien mag". Ein Lied zum Schluß, zum 'Dank an Ihn, „dessen Brot wir aßen und dessen Wein wir tranken" und das Stufe n 1 i e d zur Einleitung des Tischgebetes. Wie sie alle mitsingen, auch diejenigen, die lange mehr kein Lied und kein Licht für den Sabbat hatten . . . Die Kinder glühen vor Freude und Eifer, Draußen lauscht die weiße Nacht. Harte Schritte auf dem gefrorenen Schnee machen Halt. Heiteres Glockengeläute vorbeifahrender Schlitten reiht sich dem Gesänge an. Ueber den weißen Wipfeln ist Ruhe und über dem Hause am klaren Nachthimmel die blanke Mondscheibe schickt helle schräge Streifen bis zum Lichtfenster! hinunter. An dieser Höhenstelle des Semmering verstummt an diesem Abend der laute lustige Gesang der Sportler, Schlitten und Ski stehen unter Dach. Es ist Sabbat ringsumher, der weiße Sabbat auf dem Semmering. —tz. Hebräische Die nunmehr erschienenen weiteren Teile der unter dem Titel nnay (Hebräisch)' herausgegebenen Lehrhefte für die hebräische Sprache von Dr. M. G o 1 d m a n n (Verlag Sefarthenu, Berlin- Charlottenburg-Tel-Awiw) zeigen doch, daß sich Dr. Goldmann andere Ziele gesteckt hat, als die meisten Lehrbücher des Hebräischen, die heute wie Pilze nach dem Regen in die Höhe schießen. Mögen auch diese Hefte aus der Notwendigkeit der Zeit heraus1 gewachsen sein, so greifen sie doch tief in den alten Sprachschatz hinein, um nicht allein dem Lernenden, sondern auch der Sprache selbst zu dienen. Die fl'V-'inn (Uebungsstücke) sind von einem vortrefflichen Pädagogen, der alle Gesetze des Aufstieges in der Geistesbildung kennt, so vortrefflich aufgebaut, daß sich der Lernende bei den letzten Lesestücken des dritten Heftes schon im Hebräischen ziemlich zu Hause fühlt. Die zwei noch ausstehenden Hefte (es sollen im Ganzen fünf Hefte von je 130 bis 200 Seiten sein) werden den Aufbau bis zur Spitze treiben. Die Vokabeln und die grammatikalischen Anweisungen sind zwischen Lesestück und Lesestück so gut verteilt, daß sie den Lernenden nicht ermüden, sondern ihn sanft zur Höhe führen. Wir freuen uns, daß wir endlich ein Werk für den Selbstunterricht im Hebräischen haben, das kein „Touristenhebräisch" für den Tag vermittelt, .sondern dem Juden in der G o 1 a h eine Einführung in seine Quellenliteratur bietet und dem Palästina Wanderer mit Laut und Sinn der Sprache so vertraut macht, daß er kein Fremder mehr im Lande ist. Die Bibel vom. Berg Sinai. Das Britische Museum ist von der englischen Regierung ermächtigt worden, die von der Sowjetregierung zum Kauf angebotene Bibel, den sogenannten1 Codex Sinaiticus, die früher im Besitz des russischen Zaren war, für 100 000 Pfund (etwa V/z Millionen Mark) zu erwerben. Die Mittel werden zur Hälfte durch öffentliche Sammlung, zur Hälfte von der englischen Regierung aufgebracht. Das Werk ist eines der ältesten und wertvollsten Manuskripte der griechischen Bibel aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts, Es ist auf Antilopenpergament gedruckt und nicht ganz vollständig. Es wurde im Jahre 1853 von dem Bibelforscher Konstantin Tischendorf im Kloster St. Katharina auf dem Berg Sinai entdeckt und dem Zaren Alexander IL zum Geschenk gemacht. Heimatlos! Von Jaacov Meir Barsilai. (Schluß.) ■ ■ Außerdem haben wir den Leuten in der Kanzlei schon lange keine Aufwartungen gemacht, unsere Brüder in der Gemeinde vertragen sich in letzterer Zeit, so daß schon lange keiner verurteilt worden ist, an die Duxkanzlei Pfeffer oder Wachslicht zu zahlen. („Zum Glück," dachte der Rabbi, „kommt bald Neujahr, dann schicken wir ein paar fette Gänse.") , „Was wir denn glaubten," sagte mir der Hofmeister, „aus allen Ländern Juden aufzunehmen, und ihneh; Wohnrecht zu verschaffen. Der Herr Jude aus Nikolsburg möge nur gehauen, daß er bald aus der fürstlichen Stadt verschwinde." „Ja, da kann man nichts machen," seufzte Herr Austerlitz, „traurig die Geschichte. Höchstens werden wir ihm aus der Gemeindekasse Geld mitgeben können." „Geld kann mir nicht viel helfen," brummte Ahron Gavriel; als man ihm das Ergebnis sagte, „Geld benötige ich nicht, ich brauche ein bißchen Heimat!" IV. Am nächsten Tag war es nicht besser geworden und man begrub einen Nikolsburger, Ahron Gavriels Bruder. . Außer zwei Leuten, Berl und Ahron Gavriel, war: niemand beim Begräbnis. Bei Nacht gingen sie beide in' die Hütte, legten den toten Galuthjuden in einen Leiiiensack und trugen ihn auf Umwegen zum „Guten Ort". Vor einem offenen Grab blieben sie stehen. „So hier," sagte Berl, „das habe'ich heute abend) gegraben. Vor zehn Jahren kaufte ich an dieser Stelle zwei Plätze für mich und für meine Frau, sie;möge beten für uns. Sie starb aber nicht, hier und so wurde der Platz neben dem meinigen: frei., Hier soll Ihr Bruder liegen." Sie legten den Toten ins Grab und warfen Erdschollen darauf. Dabei sagte , Ahron Gavriel: „Wohl Dir, mein Bruder, Du bist jetzt gut gebettet in weicher warmer Erde, Du hast nun Ruhe und Heimat, Ich muß jetzt weiter wandern und jagen, um eine Heimat zu finden," Er blickte: Berl an und sagte: „G'tt bezahle es Euch" und wandte sich der Landstraße zu. V. Als der unglückliche Winter vorbei war und der •Frühling neues Leben sprießen ließ, ging die heilige; Brüderschaft daran, die Gräber zu ordnen. Neben dem Grabe Berl des Schammes — der den Winter nicht überlebt hatte — fand man ein Grab, von dessen Herkunft man nichts wußte. Auf der Rückseite von Berls Grabstein wurde eingemeißelt: „Und hier ruht ein Mensch, unbenannten Namens, gestorben in der unruhigen Zeit". Nachwort: Seit damals sind Jahrhunderte vergangen. Vieles hat sich verändert, aber Tausende .Ahron Gavriels suchen wieder eine Heimat. Palestine and Near Exhibition and ' Fair of Tel-Aviv, Anläßlich der VI. Levantemesse, die in Tel-Awiw in der Zeit vom 26. April bis 20. Mai 1934 stattfinden wird, gewährt der Lloyd Triestino den Ausstellern folgende Ermäßigungen: , Passagen: 25 Proz.' auf Nettopassagepreise (Verpflegung muß voll bezahlt werden) für die Fahrt in der I. und II. Klasse der Palästina-Linie und auf der Touristen-Linie A, sowohl in der I. und II, als auch in der III. Spezial-Klasse. Die Ausreise von Triest oder Genua muß nach dem 1- April und die Rückreise von Haifa spätestens am 1, Juni, 1934 erfolgen. Waren: Für den Transport von Warenmuster wird bei der Ausreise der Tarifpreis angerechnet, während der Rücktransport kostenlos erfolgt. Um vorgenannte Ermäßigungen zu genießen, müssen sich die Aussteller mit der Ausstellerkarte ausweisen, die vom Messekomitee ausgestellt sein muß- Die große Liebe und die Erlösung. Nach einem alten Midrasch. Weinend kamen die Engel vor den g'ttlichen Thron und riefen: „Wie lange noch?" Israels Söhne werden getreten und gedemütigt, in harter Fron gehalten, so daß sie kaum noch die Kraft: haben, aufzuschreien, „Wann willst Du die Jakobschar aus dem mizrischen Zwange befreien?" „Gemach," :sprach G'tt. „Es wird der Mann der großen Li eb e kommen, Er wird seine Stimme erheben und seine erlösende Hand, von Mir geführt, ausstrecken. Nicht eher kann die Erlösung kommen, als bis ein Werk de r großen Liebe vollbracht ist." Da ergab es sich, daß. Moses, der junge ägyptische Prinz, an die Stätte der Fron zu den Sklaven hinausging, die er als seine Brüder erkannte, ihnen bei der Arbeit half und zuletzt einen ägyptischen Schergen' niederschlug, weil er sich anschickte, einen Juden zu schlagen. Schon eilten die Engel zum Herrn der Welt, wieder und riefen frohbewegt: „Hier, der Mann der großen Liebe, er hat seinem Bruder geholfen. Moses heißt er. Die Erlösung mag nun kommen." „Noch nicht," wehrte der Herr der Welt ab. „Er hat einem Brud.er Liebe erwiesen, gewiß eine schöne Tat, aber noch nicht gewichtig genug, um einem Volke und einer Welt die Erlösung zu bringen." Da ergab es sich ferner, daß Moses, ein'heimatloser Flüchtling, am Brunnen vor dem Tore in Midjan hilflosen midjanitischen Mädchen beistand, als sie von rohen Hirten bedroht wurden, und ihnen hilfreich die Eimer füllte.

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