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Der Israelit · 1934-01-11 · Heft 2 (11.1.1934) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 2 (11.1.1934)
Date
1934-01-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 Nr. 2 Der Israelit 11. Januar 1934 Die Geburtenzahl ist etwa 4 auf 1000. Auch die Eheuud Scheidungsstatistik weist auf eine Krisis hin. Man zählte in der elf monatigen Periode 985 Ehen und 305 Scheidungen. Von den aus dem jüdischen Religionsverbande Ausgetretenen waren nur 20 Proz. Kultussteuerzahlen; die Flucht aus dem Judentum steht also in keinem Zusammenhang mit der Besteuerung. Die verminderte Heiratslust, der starke Geburtenrückgang und die Ueberhandhahme der Scheidungen sind hauptsächlich auf die zunehmende Verelendung der Wiener Judenheit zurückzuführen. Holland. Der Vertreter der holländischen Judenheit im Beirat des Emigranten-Hochkommissars. Amsterdam, 28. Dez. Wie der Amsterdamer ITA-Vertreter erfährt, wurde der Sekretär des Komitees für jüdische Interessen in Holland, einer von den holländischen Juden im Hinblick auf die schwerwiegende Bedeutung der gegenwärtigen Entwicklungen in verschiedenen Ländern gegründeten repräsentativen Körperschaft, Professor Dr, D, Cohen, zum Vertreter der holländischen Ju^ denheit im Beirat des Emigrantenkommissars ernannt. Italien. Feierliche Eröffnung des Rabbiner-Seminars in Rom, Rom, 28. Dez. Bei Anwesenheit von Vertretern des Kultusministeriums und der Leiter der größeren jüdischen Gemeinden Italiens, sowie von Repräsentanten des Verbandes italienisch-jüdischer Gemeinden wurde in Rom das Rabbiner-Seminar (Collegio Rabbinico Italiano) feierlich eröffnet. Der Präsident des Gemeinde- Verbandes, Advokat Feiice Ravenna, legte in der Eröffnungsrede die Ziele des neugeschaffenen Instituts dar, das im religiösen und geistigen *Leben des italienischen Judentums wegweisend sein soll. Das von der Regierung geschaffene Gesetz über die jüdischen Gemeinden Italiens enthält eine Bestimmung, daß das bisher in Florenz bestandene Rabbiner-Seminar in die Hauptstadt Italiens zu übertragen und auf neue Grundlagen zu stellen sei. Dieses neue Rabbiner-Seminar werde sich seiner Florentiner Vergangenheit würdig erweisen. Aus ihm seien die prominentesten jüdischen Persönlichkeiten Italiens hervorgegangen. Der Redner betonte die Verbundenheit des italienischen Judentums mit der ausländischen Judenheit, der es überall da, wo sie Not leide, beistehen wolle. An den jüdischen Traditionen und den jüdischen Kulturwerten halte das italienische Judentum fest. Der Oberrabbiner von Rom, Professor Angelo Sacerdoti, kennzeichnete die Aufgaben des Judentums in der heutigen Zeit und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Rabbiner-Schule in Rom dem italienischen Judentum seine geistigen Führer geben wird. Im Rahmen der Feier hielt Professor Cassuto die Eröffnüngsvorlesung des Seminars. Sein Thema lautete: »Rom und der Judentumsgedanke," Das Seminar wird jetzt von etwa 25 Hörern besucht. Polen. Die Landeskonferenz des Misrachi in Warschau. Warschau, 7. Jan. Die Landeskonferenz des Misrachi, an der durchschnittlich 600 Delegierte und Gäste beteiligt waren, zeigte die zwei widerstrebenden Grundmeinungen unter den Führern des Misrachi, Der Präsident, Rabbi B r o d t, führt eine offene Sprache und zieht ein Fazit des dreißigjährigen Zusammengehens mit der zionistischen Organisation, das keineswegs ermutigend wirkt. „Unsere Jugend hat von uns gelernt, daß .unsere Freunde auf der linken Seite und unsere Feinde in den Jeschiwoth sitzen". Das könne man in der Zukunft nicht mehr verantworten. Rabbiner Fischmann gibt all die schlimmen Auswüchse der zionistischen Erziehung in Palästina zu, wünscht aber keineswegs einen Austritt aus der Organisation. Entschiedene Verteidiger findet die zionistische Organisation in Rabbiner Nissenbaum und Rabbiner Rubinstein aus Wilna. Rabbi G r o ß mann aus Grajevo, der eine Vereinigung mit der Gesamtorthodoxie wünscht, tritt Rabbi H a 1 p e r n von Bialistok scharf entgegen. So geht das Hin und Her bis zur Schlußsitzung. Diese begann am Dienstag 11 Uhr nachts und zog sich bis Mittwoch morgen hin. Alle verlesenen Resolutionen zeigen, daß man über die Ansichten und Anträge derer, die für eine Abkehr von der zionistischen Organisation und eine Fühlungnahme mit der Gesamtorthodoxie plädierten, einfach zur Tagesordnung übergegangen ist, was zu tumultuösen Szenen führt. Selbst die Anregung einiger junger Mitglieder, doch endlich die dicke Freundschaft mit den Revisionisten aufzugeben, ließ man unbeachtet. So bleibt alles schön beim Alten. In der Schlußsitzung " wurde Rabbi B r o d t zum Präsidenten des Misrachiverbandes von Polen wiedergewählt. Noch einmal polemisierte Rabbiner Rubinstein gegen Brodt, der eine Annäherung an die Aguda suche, während letztere nicht im Entferntesten daran denke, mit Misrachi zusammenzugehen und warnt davor, mit dem Gedanken eines Austrittes aus der zionistischen Weltorganisation zu spielen. Der Sejmdeputierte, Rabb. N u r o k aus Riga schließt sich der Meinung Rubinsteins an und fordert Misrachi zur Mitarbeit an dem Jüdischen Weltkongreß auf. Es wurde dann beschlossen, den Nationalfond zu unterstützen und die Aktion zur Ansiedlung deutscher Juden in Palästina nach Kräften zu fördern. Vorsitzender des Parteirates bleibt Rabbiner Rubinstein. Mit Schlußreden und dem Hatikwah-Liede ging die Konferenz zu Ende. Gegen die Sabbatentweihung. Warschau, 4. Jan. In der Vorstadt P r a g a mußte man am letzten Sabbat erleben, daß fast alle jüdischen Fisch- und Gemüsestände in der ' städtischen Markthalle, wie die meisten Kramläden in den angrenzenden Gassen geöffnet waren wie am Werktage. Proteste daherkommender frommer Juden wurden mit Spott und Hohn beantwortet. Darauf erhob sich im großen Bes Hamidrasch ein solcher Sturm, der dazu führte, daß zum Zeichen des Protestes das Bes Hamidrasch für drei Tage geschlossen wurde. Am vierten Tage fand eine große Protestversammlung statt. Es ist geplant, von Seiten des Rabbinates den Fischgenuß am Sabbat allen Mitgliedern so lange zu verbieten, als die Fischhändler nicht am Sabbat schließen. Vor der Konstituierung des polnischen Pro Palästina-Komitees.. Warschau, 7. Jan. Das Hauptziel der Anwesenheit des Präsidenten der Jewish Agency, Nahum Sokolow in Polen, ist die Schaffung eines polnischen Pro Palästina-Komitees, dem die führenden Persönlichkeiten in Diplomatie, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft Polens angehören sollen. Nachdem nun die Vorarbeiten beendet sind, fand am 8. Januar im Sitzungssaal des polnischen Senats die Gründungsversammlung des Pro Palästina- Komitees statt, die vom Senatspräsidenten Raczkiewiez geleitet wurde und in der Sokolow ein Expose über das Jüdische Nationalheim in Palästina halten wird. Der Neujahrsgruß des Oberrabbiners. Warschau, 8. Jan. Am Neujahrstage empfing der Präsident der polnischen Republik den Vorsitzenden der Agudas Harabanim, Oberrabbiner Ahron L e w i n und den Vizepräses des Rabbinerverbandes, Rabbi Kanal. Oberrabbiner Lewin überbrachte dem Präsidenten die Neujahrswünsche der orthodoxen polnischen Judenheit für die Zukunft des polnischen Reiches und des polnischen Volkes, insbesondere auch im Namen der Agudas Jisroel. Sowohl der Staatspräsident, wie die dem Akte beiwohnenden Minister bedankten sich herzlich für die überbrachten Grüße und Wünsche. Dubin lehnt ein Zusammengehen mit Misrachi ab, Warschau, 4. Jan. Der in Warschau weilende Führer der lettländischen Aguda, Sejmdeputierter M. Dubin, erklärte dem ITA-Vertreter, er glaube nicht, daß die Aguda bereit sein werde, mit dem Misrachi irgendein Abkommen zu treffen. Misrachi hat den Moment der Annäherung an die Aguda nicht richtig gewählt: warum erhebt er erst jetzt, wo die Linken ihn aus der Zionistischen Exekutive hinausgedrängt haben, das Geschrei über Religionslosigkeit im palästinensischen Aufbau? Das ist verdächtig. Es besteht keine Aussicht, daß die Aguda mit dem Misrachi zusammengeht, solange der Misrachi eine Fraktion der Zionistischen Organisation bildet. Er, Dubin, glaube, daß dies der Standpunkt der Führer der Welt-Aguda ist. Von der Landeskonferenz der Agudas Jisroel in Polen. Warschau, 8. Jan. Die am Sonntag, den 20. Tewes, in Warschau begonnene Landeskonferenz der Agudas Jisroel erweckt das Interesse der gesetzestreuen Judenheit in Polen in höchstem Maße. Auf der Tagesordnung stehen Referate von Oberrabbiner Ahron Lewin, I. M. Lewin, Minzberg, dem Gemeindepräses von Warschau, E. Masur, A. S. Friedmann, Orlean, Friedensohn, Rabbi Tubje Horowitz, M. Kaminer, I. Trockenheim, u. v. m. Hand in Hand mit der Konferenz geht eine Session des polnischen Rabbinischen Rates der Agudas Jisroel, der ungemein wichtige Fragen zur Entscheidung vorliegen. Einen großen Raum nehmen in den Verhandlungen der Konferenz Erziehungsfragen ein. Ausführlicher Bericht folgt in einer späteren Nummer. Palästina. Die normale Palästina-Touristik soll nicht gestört werden. Jerusalem, 5. Jan. Der Vorstand des Verbandes zur Förderung des Fremdenverkehrs in Palästina hielt mit dem Chefsekretär der Palästina-Regierung eine Beratung ab und überreichte ihm ein Memorandum, in dem auf die den allgemeinen Touristenverkehr schwer benachteiligenden Folgen des Regierungsdekrets gegen die sogenannten Touristerieinwanderer hingewiesen wird. Der Chefsekretär erwiderte, die Regierung werde demnächst eine Verordnung erlassen, die „bona fide"- Touristen, die nur zu vorübergehendem Besuch Palästinas eintreffen, allerlei Sicherheiten und Erleich-, terungen gewährt. Amerika. Prof. Cyrus Adler und das deutsch-jüdische Problem. Newyork,2. Jan. In der 27. Jahresversammlung des American Jewish Committee, dessen Aufgabe der Schutz der jüdischen Rechte in der ganzen Welt ist und das man als die repräsentativste Körperschaft der amerikanischen Juden ansehen darf, hielt der Präsident, Prof. Cyrus Adler, eine Rede, in der er sich mit dem Rassenprinzip und seinen kulturellen und ökonomischen Folgen fürdie deutschen Juden beschäftigte. Infolge des Arierparagraphen würden die Juden vielfach ihrer Rechte beraubt. Die deutsche Regierung stehe auf dem Standpunkt, daß dies eine Angelegenheit sei, die andere Völker nicht berühre. Dieser Ansicht könnte nicht beigepflichtet werden, denn wenn durch die Gesetzgebung große Teile einer Bevölkerung gezwungen werden, sich im Ausland Erwerb und Existenz zu suchen, so würden damit die Interessen aller Länder berührt. Insbesondere aber könnten die Juden außerhalb Deutschlands der These nicht beipflichten, daß ihre Stammesgenossen nicht wertvolle Bürger ihres Staates seien. Man dürfe das Vertrauen hegen, daß die Welt sich eines Tages doch zusammenschließen werde zum Schutze einer Gemeinschaft, die seit 3000 Jahren besteht und der Kulturmenschheit hohe geistige Werte geschenkt hat. Zum Schluß erklärte Prof. Adler, daß das Komitee nach wie vor an seinem Beschlüsse festhalte, sich an keinerlei organisiertem Boykott gegen Deutschland zu beteiligen.

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