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Der Israelit · 1934-01-11 · Heft 2 (11.1.1934) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 2 (11.1.1934)
Date
1934-01-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 2 Der Israelit 11. Januar 1934 Geschehen als Mahnung zur Rückkehr zum g'ttlichen Gesetz zu deuten und es mit unerschütterlicher Treue zur Tradition zu beantworten, müßten als Führer dem Zuge voranschreiten. Denn noch ist die Stunde günstig, noch sind die Gemüter aufgewühlt. Der Eindruck, daß unmöglich Scheinendes Tatsache wurde, wie die peinliche Durchführung des Rassepririzips und die Realität Palästinas, wirkt nach. Die Strömungen der Zeit leisten Hilfe. Nicht daß wurmt einiger Verspätung Standarien weihen oder unbesehen das Führerprinzip kopieren oder einem dem Judentum fremden Rassegedanken Eingang bei uns verschaffen sollten. Wir meinen ein Anderes. Der autoritäre Staat begleitet uns auf Schritt und Tritt; er macht selbst vor der persönlichsten Sphäre nicht Halt. Ihm und seiner Ideenwelt kann keiner sich entziehen. Würde etwa heute schon jemand etwas dabei finden, wenn eines Tages allen Deutschen einmal für eine Woche der Kaffeehausbesuch untersagt oder wenn gewissen Assimilanten unter uns verbotert würde, einen Weihnachtsbaum aufzustellen? Sollte es nicht möglich sein, aus dieser Denkungsart Nutzen zu ziehen und ernsthaft einen Generalangriff auf die Gleichgültigkeit des deutschen Juden in religiösen Dingen ins Auge zu fassensagen wir — den Juden in Tallis und Tefillin, von dem neulich ein liberaler Rabbiner sprach, Wirklichkeit werden zu lassen? Unserer nichtjüdischen Umgebung werden Schwefe Opfer aller Art, von denen die finanziellen nicht die geringsten sind, zugemutet. Warum hören wir nicht unsere Verantwortlichen die Sabbatheiligung mit vollständiger Geschäftsruhe als ein wenigstens letztes, nicht von heute auf morgen erreichbares — oder auch ja, jenachdem ... — Ziel fordern? Vorläufig täte es vielleicht schon der Verzicht auf den Genuß der täglichen Zigarre oder auf nicht unbedingt nötiges Schreiben am Sabbat. Es geht nicht? „Wenn ich das Kolleg Samstags nicht mitstenographiere, bestehe ich mein Examen nicht", „Wenn ich ein Jahr meines Lebens für das Thorastudium opfere, bekomme ich die Stelle in dem großen Warenhaus nicht mehr", „Wenn ich meine Kinder in die jüdische Schule schicke, kommen sie in Konflikte mit dem Elternhaus". Es geht nicht? Es geht nicht, aber das, woran wir nicht dachten, das ging. Darum: etwas weniger Bequemlichkeit, etwas mehr Opfermut, umlernen, „lernen" und als Lehrling keine Führerambitionen haben, Schluß mit der Kurierfreiheit! Laßt endlich wahre A e r z t e an das Krankenbett des deutschen Juden! „Der getarnte Jude." Die letzte Dezembernummer des von Julius Streicher in Nürnberg herausgegebenen Wochenblattes „Der Stürmer" ist unter der Gesamtüberschrift „Der getarnte Jud" von der ersten bis zur letzten Zeile dem Kampf gegen Juden und Judentum gewidmet. Von dem Titelbild, das das Schwert über jüdischen Emblemen zeigt, bis zum abschließenden Aphorismus: „Der Jude ist nicht Deutscher", ist in der Nummer so ziemlich alles enthalten, was bisher seit Pfefferkern, Eisenmenger, Rohling, Fritsch und Dinter hundertfach gegen Talmud und Judentum vorgebracht und hundertfach in Wort und Schrift, z. T. in öffentlichen Gerichtsverhandlungen widerlegt worden ist. Endgültige Erlösung vom Juden verspricht der Herausgeber im Leitsatz. Rußlands Not, unter der bekanntlich die Juden am meisten seufzen, wird in einem Aufsatze „Im Sowjetjudäa" den Juden in die Schuhe geschoben. Aus hundertjährigem Schutt wird ein Dokument ausgegraben, das beweisen soll, daß der schädliche jüdische Einfluß sich schon 1858 in Amerika geltend machte. Dann folgen Namen mit Lichtbild von einzelnen Juden, die sich gegen das Gesetz vergangen haben sollen. Ein Artikel befaßt sich speziell mit den Juden in Aschaffenburg, ein anderer mit denen in Osthofen, ein dritter mit den „jüdischen Machenschaften im Saargebiet". Auch der „Reichsverband christlich deutscher Staatsbürger nichtarischer oder nichtreinarischer Abstammung" bekommt sein Teil ab. Die Beschwerde einer jüdischen Firma gegen einen Boykottversuch unter Hinweis auf eine Verordnung von höchster Stelle, wonach Wirtsc h a f t s f r a g e n vor Rassenfragen gehen, wird mit der Bemerkung begleitet, „Das könnte den Juden so passen!" Als Clou des Ganzen wird das Zeugnis eines Herrn G. Krüger aus Eisleben abgedruckt, dem, nach seinen Angaben nach einem Vortrag im Jahre 1892, einmal in der Synagoge einer Kleinstadt der Provinz Posen von alten Juden ein paar Tropfen Blut aus dem Arm abgezapft wurden!! Zwischendurch Aphorismen aus der antisemitischen Klassikerliteratur über all das, was der Jude nach talmudischem Gesetz machen darf oder sogar machen muß, und dazu einige Illustrationen, die den Juden „in seiner wahren Gestalt" zeigen. Wir müssen uns versagen, in eine Polemik gegen all diese Behauptungen und Insinuationen einzutreten. Anfeindung kann auch einen Grad erreichen, der eine Erwiderung aus Rücksichten der Selbstachtung unmöglich macht. Eine Frage vermögen wir aber bei der Lektüre der im ganzen nicht neuen, aber in dieser konzentrierten Form doch neu und niederschmetternd wirkenden Angriffe und Ausfälle nicht unterdrücken; Ist es der oft betonte Wille der Reichsregierung, den Juden in Deutschland — ob auch als Andersrassigen minderen Rechtes — einen Lebens- und Existenzraum zu lassen und sie nicht samt und sonders zur Auswanderung zu zwingen. — wie soll dieser Wille in der Praxis verwirklicht werden können, wenn durch Veröffentlichungen der hier zitierten Art der Haß weitester Bevölkerungskreise gegen die deutschen Juden unablässig bis zur Siedehitze geschürt und gesteigert wird? Die rote Inquisition. Aus Sowjetrußland kommen die Nachrichten sehr spärlich, aber die kurzen Briefausschnitte, die hie und da den Weg über die Grenze finden, sind Fragmente erschütternder Tragödien, die nur durch ihre Häufigkeit und unsere eigene Not allenthalben in ihrer vollen niederschmetternden Wirkung auf uns abgeschwächt sind. Man spricht schon gar nicht mehr von der seelischen Pein und von der Gewissensnot, in der sich eine jüdische Millionenbevölkerung hoffnungslos aufreibt. Es geht um das nackte Leben. Im gewaltigen Heere der Deklassierten stellen die Juden das größte Kontigent, nicht weil sie Juden sind — Rasse und Religion spielen in Sowjetrußland keine Rolle — sondern weil sie Städter und seit Urväterzeiten auf den offiziell „abgeschafften" Handel eingestellt sind. Im früheren Rußland und heute noch in Litauen und Polen pflegte dem Juden in der Not eine kleine Hilfe aus Amerika ins Haus zu kommen. In Sowjetrußland bedeutet aber der Dollar, der ins jüdische Haus rollt oder nur dort vermutet wird, einen Fluch, der das Schicksal des Juden vollendet. Ein Mitarbeiter des Neworker „Vorwärts", der sich die Dinge an Ort und Stelle genau angesehen hat, nennt dieses Kapitel des jüdischen Leides „Die Dollarinquisition in Rußland". „Mein Name Haschern." „Und ich offenbarte mich Abraham, Izchok und Jakob als ">iv 'X und meinen Namen 'n tat ich ihnen nicht kund . .." In der Vätergeschichte des ersten Buches wirkt aipbxder Mächtige in der Natur, der „unvergleichliche unter den Mächten und Gewalten". Alles spielt sich auf natürlichem Wege ab. Abraham wandert aus, da Hunger ihn aus dem Lande treibt. Izchok zieht weiter, dahin, wo er bessere Brunnenverhältnisse weiß. Jakob flüchtet, da Gefahr von Esau droht, und dessen Söhne ziehen aus nach Brot, das die Heimat nicht hat. Alles ist im einzelnen klein, klar und natürlich, wenn auch als Ganzes ein Wunder der Geschichte. Ihnen, den Vätern, war G'tt als 'X erschienen, und wenn er ihren Leiden und Prüfungen sein „Genug" zurief, auch als "IV (■>7 -ikxv) Nun, da Vätergeschichte in Volksgeschichte übergeht, tritt '7i in Erscheinung; der von Moses als 'hk Tin "i»s angekündigte G'ttesname. Ueber Raum und Zeit erhaben, stellt er Israels Geschicke und Geschichte über die Zeit und jenseits aller Faktoren, die sonst Völkergeschichte bedingen. Mit anderen und ewigen Maßstäben habe man Judenlos zu bemessen. Mit den gleichwaltenden Naturgesetzen, die das Leben der Väter ordnen, kommt Volk in Not nicht mehr aus. Nunmehr ist „mein Name 'rr. Für die Volksgesamtheit nur? Nein! „Unser G'tt ist Herr der Welt, der regierte, bevor ein Gebilde war; er war, er ist und er wird sein; einzig ohne Anfang, ohne Ende!" Und dennoch! „Er ist — jeder Einzelne tritt an Ihn heran und sägt es — „mein G'tt und mein lebendiger Erlöser, Hort meines Seins in der Zeit der Not--—" Mit diesem dVi? pns-Bekenntnis zur Einleitung unseres Morgengebetes empfangen wir täglich von neuem die g'ttliche Botschaft '~ •>nen Kleines Feuilleton, Lichtstrahlen aus Samson Raphael Hirschs Schriften. Zur Jahrzeit von Samson Raphael Hirsch VWST« am 27. Teweth. 1. Sehr oft üben Spötter noch aus Gewohnheit oder Feigheit die Vorschriften des Gesetzes, machen sich aber über ihre eigene Lebensweise lustig und untergraben mit ihren Reden die Achtung des Sittlichen und Heiligen in der Brust ihrer Nebenmenschen. 2. Im Lebensverkehr auch mit theoretischen Feinden und Verächtern der sittlichen Gesetzlichkeit zusammenzukommen, kann kein Mensch vermeiden und der •pflichtgetreue am wenigsten. Nur in der Gesellschaft lassen sich die Pflichten der Lebensaufgabe lösen. Den sozialen Kreis seiner Mitwelt kann keiner sich wählen. Allein über seine Mußestunden kann Jeder nach freier Wahl verfügen. In den Mußestunden gehört jeder sich selber und seinen Gesinnungsgenossen an. 3. G'tt läßt lange die Menschen sich in Ausführung ihrer Pläne und in Erprobung ihrer von ihnen überschätzten Einsichten und Kräfte versuchen. Seine Weltordnung ist für den endlichen Sieg des Sittlichen im Menschenkreise berechnet. Er kann die Menschen gehen lassen. Die letzte Summe ihrer Erfahrungen bereitet die endliche Erkenntnis vor, daß Unsittlichkeit und Unrecht nicht der Weg zuni Gesamtheil ist. 4. Nicht das zitternde Sichgebrochenfühlen ist die Stimmung, in welcher der G'ttesdienst unserer Lebenswirksamkeit gelöst werden soll, gelöst werden kann. Nur in der heiteren Freudigkeit blüht der ganze Mensch auf und werden alle Kräfte frei, deren , der Mensch zur Lösung seiner Aufgabe bedarf. 5. Fortschritt zum Heil gibt es für alle, für Menschen und Völker nur, wenn sie ihre Zuversicht allein in G'tt und nicht in Bestrebungen setzen, für welche sie nicht auf G'ttes Billigung, somit nicht auf G'ttes Beistand rechnen können. 6. Wen G'tt zu einem neuen Tag erwachen läßt, dem sichert G'tt damit seinen Beistand, zu immer" noch wiederzugewinnender Lebens-Reinheit und Lebensheiterkeit. 7. Ohne Erhebung zu G'tt, ohne mit unserem ganzen irdischen Tun und Lassen die Nähe G'ttes, die

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