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Der Israelit · 1934-01-11 · Heft 2 (11.1.1934) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 2 (11.1.1934)
Date
1934-01-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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11. Januar 1934 Der Israelit Nr, 2 Seite 3 Der wahre Weg in die Zukunft (Fortsetzung von Seite 1.) gen, stehen aufrecht und wanken nicht. Unsere Schriften, sie hat man nicht verbieten und auf den Index setzen können, und s i e brauchten nicht den Weg auf die Scheiterhaufen anzutreten. Darin lag unsere „internationale" Stärke, daß man es nicht wagen konnte; sie zu verbrennen, ohne die Grundlagen der eigenen Religion anzutasten. Die gläubige Judenheit konnte ihre Bücherschränke weit, weit öffnen, während ihre liberalen Brüder vor — bildlich gesprochen — leeren Regalen standen und ein kleiner Kreis in die Irre gegangener junger Leute — daß es sie einmal gab, ist es nicht wie ein Traum? — in aller Eile Birobidjanbroschüren Seite um Seite dem Feuer übergeben mußte, im wahrsten Sinne des Wortes geschreckt von dem Geräusch eines fallenden Blattes ... So war die Lage im Frühjahr und Sommer des vergangenen Jahres. Heute, da die Sicht klarer geworden ist und wir etwas Abstand gewonnen haben von jenen Ereignissen, sehen wir sie alle wieder auf dem Plan, die Parteien und Richtungen, die Gruppen und Grüppchen, alte und neue, und seitdem die größte jüdische Gemeinde Deutschlands mit gutem Beispiel vorangegangen ist, ist der Kampf um die Führung der deutschen Judenheit in voller Schärfe entbrannt. Der gehässigen Polemik ist kein Ende. Nur ist, dem Zug der Zeit folgend, der Ton fordernder, gebieterischer, kommandoähnlicher geworden, was sicherlich nicht zur Milderung der Gegensätze beiträgt. Wir hören sie die alleinige oder mitbestimmende, in jedem Falle aber unbedingte und absolute Führung beanspruchen, Disziplin verlangen — von den anderen. Haben wir uns also geirrt, als wir eingangs von unserer Hilflosigkeit und Verlassenheitsprachen, haben wir nicht Führer, sehr viele Führer sogar, denen wir nur zu folgen brauchen? Lau jed'u w'lau jowinu bachascheicho jishalochu. Ein zweites, Tragischeres liegt in dem Sinne und schwingt in der Melodie dieses Satzes mit: die bittere Enttäuschung darüber, daß unser Volk glaubt und daß seine Führer glauben, auf dem richtigen (jeder auf seinem) Wege zu sein, und daß sie nicht sehen, nicht sehen wollen, daß in Wahrheit tiefste Finsternis um uns ist. Wir sind immer noch nicht zu Verstand und Einsicht gelangt, wir haben nicht, nichts hinzugelernt in diesem Schicksalsjahre. Und damit stehen wir mitten in der Beantwortung der zweiten Frage, die wir uns — so will es jüdischer Brauch — zu stellen haben: Wozu dies e- Katastrophe? Hier lautet die fast einstimmige Antwort (eine unrühmliche Ausnahme -machen allein die nur von ihresgleichen ernstgenommenen bedeutungslosen Naumannianer): weil wir uns auf uns selbst besinnen, kurz, weil wir jüdischer werden sollen. Und scheinbar ist man jüdischer geworden. Den durch die gewaltsame Ausschließung neugewonnenen Gliedern und all denen, die stutzig und hellhörig geworden sind und eine neue Weltanschauung, einen Glauben, das Judentum suchen, schallts markig hier entgegen: Ich .bin ein Jude, und dort im,Brustton der Ueberzeugung, eindringlicher noch als vor dem März, Iwri onauchi. Was zunächst das Bekenntnis als solches angeht, so sind wir doch wohl alle der Ansicht, daß man uns das Verschweigen unseres Judentums oder seine nur leise Bejahung gründlich abgewöhnt hat (wodurch das Bekenntnis sehr viel an Wert verliert). Den gelben Fleck hat man uns an den Laden geklebt am 1. April und.Fragebogen uns ins Haus geschickt. Nicht uns führte man den Beweis, daß wir Juden sind, sondern wir selbst mußten aus uns herausgehen, zugeben, und .bekennen: Ich bin ein Jude. Aus dieser Not eine Tugend zu machen, wie dieis geschehen magj, und den Ton des erzwungenen Bekenntnisses auf eigene Art zu färben, genügt nicht, um ein Jude, erst recht nicht, um jüdischer Führer zu werden. Ebensowenig wie gesellschaftliches Auftreten und Ausübung eines Besonders geachteten Berufs allein einen in Zukunft zum jüdischen Führer prädestinieren werden können, — abgesehen von der allgemeinen Anderswertung in; der jetzt angebrochenen Periode —^ebensowenig wirds der bloße Zusatz „Ich bin ein Jude" schaffen. Hinzukommen muß die jüdische Tat. Eine Definition dessen, was jüdische Tat ist, ist ohne vorherige Analyse des Begriffs „Judentum" undenkbar, was wiederum den Rahmen dieses Artikels sprengen würde; denn man müßte sich mit den vielen Judentümern auseinandersetzen, die in so verschiedenen Farben schillern, je nach der Farbe der Brille, durch die einer das Judentum betrachtet. Wenn man es aber wirklich ernst meint mit seinem Sich-auf-sein- Judentum-besinnen, das man so gern im Munde führt, sollte man tatsächlich ganze Arbeit leisten und sich nicht mit einer Umschaltung des Gefühls oder mit scheinjüdischem Tun begnügen. Es kann dann nur eine jüdische Tat geben: die konsequente Beobachtung des sinaitischen Gesetzes, dessen sechshundertunddreizehn Ge- und Verbote — und das lernt man nur in jahrelangem Studium begreifen — jeden, aber auch jeden Schritt unseres Lebens begleiten und bei jeder, aber auch jeder Frage, die an uns herantritt, ausschlaggebende Berücksichtigung heischen. Es gibt schlechterdings kein totaleres Gesetz. Und nur aus dieser durch die 'Tat vollzogenen Bindung, einer echten „religio", erwächst der jüdische Glaube, was gleichfalls nur der weiß, der jüdisches Gesetz lebt und erfüllt. — Jenseits von allem anderen müßte eine einfache Ueberlegung jeden zur Ueberzeugung zwingen, daß eben dies wahres Judentum ist. Was wir von Judentum wissen, verdanken wir unseren alt jüdischen Quellen. Aus ihnen schöpfen wir jüdische Hoffnung und Zuversicht, die uns nie trogen, aus ihnen leiten wir nicht zuletzt den rechtlichen Anspruch auf unsere Heimstätte ab. Sollen wir denn die Voraussetzungen jenes Vertrauens auf g'ttliche Hilfe, das Bekenntnis zum Judentum durch die Tat, die Erfüllung des unmittelbar neben der Verheißung stehenden Gebots, übergehen, die conditio sine qua non zum Rechte auf Palästina, in Seinen Satzungen zu wandeln, die nicht in Seinem Himmel und nicht jenseits des Meeres, sondern vor uns auf geschlagen liegen, überblättern? Ist das nicht;eih Widersinn? Und widerspruchsvoll bleibt man überall, wo man lediglich Bruchstücke [übernimmt. Jüngst. waren die Gestalten der' Makkabäer, mit denen schon seit je Mißbrauch getrieben wurde, des Chanukahfestes und des Erwachens des nationalen Bewußtseins in Deutschland wegen besonders gängig. Nicht als ob die Makkabäer nicht auch uns Vorbild für wehrhafte Ertüchtigung und höchste sittliche Kraft sein könnten. Aber gerade i h r Kampf, die Fleisch von unserem Fleische sind, für'die Erhaltung des thoratreuen Judentums sollte Beispiel sein für jüdische Tat, und ihr Geist sollte die Richtung weisen für den wahren Weg in die Zukunft. Sicherlich läßt sich ihr Heldentum so beschreiben, daß sie „in einer so heldenhaften und sittlich auf höchster Höhe stehenden Art einen vieljährigen Kampf siegreich bestanden, daß dieser Kampf an Größe und Heiligkeit hinter nichts derartigem in der Weltgeschichte zurücksteht." Man kann es aber auch schlichter vielleicht und sogar fast trivial, aber deutlicher, man kann es auch so ausdrücken, daß sie für den Glauben ihrer Väter in Kampf und Tod gingen, sich zur Wehr setzten, um — beispielsweise — nicht essen zu müssen vom Fleische, das zum Genüsse verboten ist. Ob die, die sich dieser Tage gewissermaßen eine. „Traditionsgruppe der alten Makkabäer" nannten, auch alle . . .? Geradezu eine Verfälschung des Judentums und ein Hinabgleiten in überwunden gehoffte Assimilation bedeutet es, wennbehauptet wurde, Tat für den Glauben sei zu den Zeiten der Makkabäer die Antwort einer bedrohten jüdischen Gemeinschaft an die Umwelt gewesen; Glaube als Tat sei die Antwort des deutschen Judentums auf unsere drangvolle Zeit. Nein und dreimal nein! Seit jenen Tagen zu dieser Zeit hat sich darin nichts für uns geändert. Tat, Tat und wiederum Tat heißt auch für uns die Losung. Mit dem - einen Unterschied, daß uns in den Schoß gefallen ist, wofür jene mit ungewohnten Waffen kämpfen mußten: die Möglichkeit zu jüdischer Tat, zur Erfüllung der Tauroh. Daß die vielen, die umlernen müssen, nicht durch einen gleichschaltenden Akt zu jüdischer Tat angehalten werden können, ist verständlich. Wer ihnen jedoch Glaube als Tat — und nur d^es — empfiehlt, spielt mit der Seele des jüdischenVolkes. Leider ist auch die andere Seite der jüdischen Front vom Widerspruche nicht frei. Wohl erleben jüdisches Land und jüdische Sprache eine überraschende Wiederbelebung, und ein großer Teil der deutschjüdischen Jugend, darunter die ostjüdischdeutsche ziemlich restlos, setzt sich in den zionistischen Bünden mit prächtiger Begeisterung und alle Hindernisse nehmendem Elan für eine an sich sehr gute Sache ein. Dieser Jugend droht keine Gefahr durch Aufgehen in anderen Völkern. Ihr droht aber die Gefahr, in dem aufzugehen, was anderen Völkern Selbstzweck ist, im Nationalen im allgemein gebräuchlichen Sinn. Die Befürchtung liegt nahe, daß sie in der Randschicht stecken bleibt, ohne bis zum Kerne des Judentums vorzudringen. Ihr Denken kreist um Iwrith, hebräische Lieder, Geschichte der zionistischen Bewegung, Kibbuzim, Histadruth und Hachscharah, — in gewissem Sinne schon ein Fortschritt —, für das religiös-jüdische Kulturgut haben bedauerlicherweise viele von ihnen, darunter manche, an die das Elternhaus es herangetragen hatte, nur ein Lächeln. Ein jüdischer Matrose gilt ihnen mehr als ein Tag und Nacht lernender Raw im Osten, der für sie ein unproduktiver Mensch, ein „Batlen" ist. Was kümmert's sie, daß er ein Taurohgebot befolgt? In kaufmännische Gewinn- und Verlustrechnungen vertieft, haben sie vergessen, wie den deutschen Juden alle Berechnungen über den Haufen geworfen wurden, vergessen, daß, was der Himmel verhüten möge, auch Deklarationen ihre Schicksale haben könnten. „Iwri onauchi" haben sie akzeptiert, mögen sie im Zitat fortfahren und sprechen: und den Ewigen, den Herrn des Himmels, ehrfürchte ich. — — Wenn früher Not hereinbrach über unsere Gemeinschaft, setzte man einen Fasttag an und versammelte sich in den Synagogen zum Gebet; man ging in sich, forschte nach in seinem Wandel und versuchte besser, jüdischer zu werden. Auch heute versammelt man sich in den Synagogen, zum Gebet erscheint aber nur das alte Minjan. Die Parteien und Gruppen haben eine neue Stellung bezogen, kaum eine jüdischere. So uneins sie sonst sein mögen, wie sie um die Führung ringen, im Ausweichen sind sie verbunden. „Volksaufstand der Oberflächlichen", angetan mit Kleinodien aus der von der g e s e t z e s t r e u e n judenheit gehüteten Schatzkammer... .Wo aber bleiben sie selbst, die Legitimierten im Neugestaltungsprozeß des deutschen Judentums, die Hüter des Schatzes, der alles birgt, was wir ersehnen, Inhalt, Formen, Gemeinschaftserlebnisse? Wo ihre Rabbinen und ihre Verbände? Fürchten sie, von den Kanzeln herabgestiegen, zwischen den Mühlsteinen der Parteien zermalmt zu werden, sie, die das einzig wahre, das überparteiliche Judentum predigen? Sie schweigen, fragen nicht — und werden nicht gefragt. Sie und jeder, den sein Herz treibt, das

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