Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1934)
- Date
- 1934-01-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 2 Der Israelit 11. Januar 1934 Entspannung Während Palästinablätter noch dauernd Berichte über Touristenjagden, verbunden mit kleinen Unruhen und Gewalttätigkeiten, in den Straßen von Jerusalem und Tel-Awiw bringen, wird aus London und Jerusalem gedrahtet, daß nunmehr die englische Regierung mit einer Erklärung über die englische Einwanderungspolitik in Palästina eine Entspannung der Lage herbeizuführen gedenkt, die voraussichtlich schon diese Woche veröffentlicht wird. Es soll in dieser Erklärung, bei einer Rechtfertigung der bisherigen Einwanderungspolitik, festgestellt werden, daß eine Sperrung der Palästinagrenzen für die jüdische Einwanderung nicht beabsichtigt, sei. Eine solche Erklärung würde zwar keine sachlichen Verpflichtungen enthalten, aber, wie man in London hofft, doch eine gewisse Entspannung und Beruhigung der Gemüter herbeizuführen. Höchste Zeit wäre es allerdings, daß etwas zur Beruhigung geschieht. Erst in den letzten Tagen kam es wieder zu einem gewalttätigen Akte der Selbsthilfe, als fünf afghanische Juden, die als Touristeneinwanderer hergekommen waren, deportiert werden sollten. Das Auto, in dem sie abgeschoben wurden, mußte in der Nähe der Jerusalemer Hauptgeschäftsstraße halten. Kaum hatte die Menge erfahren, um was es sich handelte, da stürzten sich sofort ein paar Leute auf den Wagen, überwältigten den Chauffeur Was ist mit den Beschlüssen der Londoner Hilfskonferenz? In den weitesten Kreisen der jüdischen Oeffentlichkeit herrscht Befremden und Bedauern darüber, daß die Führer der im Oktober in London stattgehabten Hilfskonferenz für die deutschen Juden bisher offenbar nichts getan haben, um auch nur einen einzigen der in der Konferenz gefaßten weittragenden Beschlüsse zur Ausführung zu bringen. Nunmehr meldet das führende Londoner jüdische Blatt, daß es die Uneinigkeit zwischen dem von Prof. Cyrus Adler geleiteten American Jewish Committee und dem zionistischen American Jewish Congreß unter Leitung von Stephen Wise ist, was die Durchführung der Londoner Beschlüsse bisher verhindert habe. Die Welt wird diese Sabotierung nicht begreifen. Wenn der Appell, einen Zusammenschluß herbeizuführen, keinen Erfolg haben sollte, so wird nichts anderes übrig bleiben, als daß Zionisten und Nichtzionisten, jede Gruppe für sich, ihre eigenen Wege gehen und versuchen wenigstens das Minimum der erforderlichen Fonds in kürzester Frist auf dem Wege getrennter Sammlungen aufzubringen. und den begleitenden Geheimpolizisten und befreiten drei der Deportierten. , Mittlerweile und sicherlich unter dem Eindruck dieser unerfreulichen Zwischenfälle ist allerdings die „Touristenjagd" eingestellt worden. Es finden keine Razzien mehr statt. Wohl werden noch hier und da Touristeneinwanderer verhaftet, aber die Suche nach ihnen hat stark nachgelassen. Die Dinge nähern sich in dieser Beziehung dem Zustand vor Beginn der ,.Aktion". Das beweist die schnelle Umstellungsfähigkeit der englischen Politik, Bei der heutigen Bevölkerungszusammensetzung ist es für die englische Politik völlig gleichgültig, ob fünfzehn- oder zwanzigtausend Juden mehr oder weniger in Palästina sind — mehr beträgt die Zahl der Touristeneinwanderer auf keinen Fall, wahrscheinlich weit weniger. Wichtig ist für England, daß es die Regelung des weiteren jüdischen Bevölkerungszuwachses in der Hand behält. In diesem Punkte hat es nicht nachgegeben. Irgendeine Erleichterung der Einwanderungsbestimmungen, insbesondere eine Erhöhung der sehr begrenzten Zahl von Einwanderungszertifikaten für Arbeiter, ist nicht erfolgt, obwohl der Arbeitermangel geradezu eine Gefährdung der wirtschaftlichen Entwicklung verursacht, da er das Bauen verlangsamt und verteuert, die Mieten in die Höhe treibt und Fabriken in der Ausdehnung behindert. Beim Joint Foreign Committee, der von der Anglo Jewish Association und dem Jewish Board of Deputies gemeinsam gebildeten Kommission zur Behandlung auswärtiger jüdischer Angelegenheiten, sind aus Afghanistan alarmierende Meldungen eingelaufen, denen zu entnehmen ist, daß aus den afghanischen Grenzstädten Mazar, Ankohi, Maimana u. a, m. etwa 2000 eingeborene Juden von den afghanischen Behörden vertrieben wurden. Die Vertriebenen wandern . jetzt durch die Wüste und befinden sich in einer verzweifelten Lage. 5 Wie dem Joint Foreign Committee weiter mitgeteilt wird, ist auch die Lage von etwa 1500 in Afghanistan lebenden russischen Juden, die während der Nachkriegswirren nach Afghanistan flohen, außerordentlich kritisch; sie müssen jetzt nach Rußland zurückkehren. Aus dem von russischen Juden in Afghanistan an das Joint Foreign^ Committee gesandte Telegramm geht nicht klar hervor, ob eine antijüdische Maßnahme der afghanischen Regierung oder ob wirtschaftliche Schwierigkeiten die russischen Juden zur Flucht aus Afghanistan veranlassen. Die Jewish Agency for Palestine hat aus der letzten Schedule 40 Palästinazertifikate an russisch-jüdische Familien in Afghanistan gesandt. Gegen Rassenhochmut und FamiliendänkeL Vom „Aufklärungsamt für Bevölkerungspolitik und R a s s e n p f 1 e g e" wird darauf hingewiesen, daß die praktische Mitarbeit der Volksgenossen für die Aufwärtsentwicklung der Nation neben den gesetzgeberischen Maßnahmen unerläßlich sei. Ein besonders wichtiges Gebiet für diese praktische Mitarbeit sei die Familienkunde. Nur durch eigene Anschauung und durch gründliche Beobachtung könnten die störenden Erscheinungen, wie Rassenhochmut, Familiendünkel und Blondfimmel, aus der Völksgemeinschaft verschwinden und einer klaren Erkenntnis Platz machen. Eine Beurteilung der einzelnen Menschen erlaube nicht die Beschränkung auf äußere Erscheinungen, sondern fordere die Beachtung der Familien-Gesetzmäßigkeiten und Erfahrungen aus der Geschichte. Gerade für die jungen Leute sei dies wichtig, denn bei der Gattenwahl sei die richtige Beurteilung maßgebend und Gattenwahl und Geburtenpolitik seien allein entscheidend für unseres Volkes Zukunft. Jeder verantwortungsbewußte Deutsche solle daher Familiengeschichte betreiben. Dazu müßte er z. B. eine Lichtbildsammlung mit genauen Daten und Bezeichnung der einzelnen Familienmitglieder anlegen, einschließlich aller erreichbaren Bilder von Verwandten; auch gehöre die wahrheitsgetreue Niederschreibung des Lebenslaufes der Familienmitglieder in dieses Gebiet und die Sammlung von Nachrichten über alle Vorfahren und Nachfahren nach einem bestimmten Schema. Wegen der Wichtigkeit der familienkundlichen Arbeiten könnten und würden in Zukunft amtliche Stellen Richtlinien vorschreiben und gewisse Angaben zur Eintragungspflicht eines jeden Volksgenossen machen. Besonders-werde das für die gesundheitlichen und rassebiologischen Gebiete in Frage kommen. Trotzdem bleibe noch, viel freiwillige Arbeit übrig. * * * Vom jüdischen Standpunkte ist es als erfreulich zu registrieren, daß hier einer oberflächlichen Uebersteigerung des Rassenhochmuts von amtlicher Seite entgegengetreten und der Erziehung zur Objektivität auf Grund klarer Erkenntnis das Wort geredet wird. Im übrigen könnten auch wir im jüdischen Kreise aus einer vernünftigen, Einseitigkeit und Uebertreibung vermeidenden Pflege des Familien- und Stammesbewußtseins reichen moralischen Gewinn ziehen. Gefahr neuer Araberunruhen in Palästina. Das bevorstehende Ende des Ramadanfastens am 16. Januar bringt die Gefahr neuer Araberunruhen in Palästina. Alle arabischen Zeitungen, vor allem die mohammedanischen Organe mit Ausnahme des „Falastin", fordern die Bevölkerung auf, an den geplanten Kundgebungen teilzunehmen. „Falastin" dagegen warnt vorneuen Abenteuern, da die Welt durch die Kundgebungen im Oktober v. J. bereits genügend auf die Araberfrage in Palästina aufmerksam gemacht worden sei. Die Regierung trifft umfangreiche Vorkehrungen gegen die Gefahr neuer Unruhen. Aus zuverlässiger Quelle verlautet, daß militärische Verstärkungen aus Aegypten nach Palästina beordert wurden, um für den Fall von Unruhen in Bereitschaft gehalten zu werden. Eine automobilisierte Kavallerieabteilung aus Aegypten, bestehend aus vierzehn Panzerwagen des Lancierregiments Nr. 12 und ein Infanteriebataillon sollen in Aegypten Marschordre nach Palästina erhalten haben. Diese Truppen sollen über das ganze Land verteilt und in* den wichtigsten Zentren stationiert werden. Staatliche Organisation d< in Bayern. Nach einer Meldung der ITA. aus München wurden die jüdischen Wohlfahrts- und religiösen Vereine in Bayern auf Anregung des Landesverwalters der N. S.-Volkswohlfahrt in Bayern in einem „Dachverband der israelitischen Vereine im Freistaat Bayern e. V." zusammengeschlossen. Die Herren Justizrat Dr. Eugen Strauß, Augsburg und Felix Feuchtwange r , München wurden zu Vorständen, Herr Fritz Rothschild, München zum Treuhänder bestellt. Durch die Berufung des Herrn Justizrat Dr. 3 jüdischen Vereinswesens Strauß, der die liberale Richtung im Judentum vertritt, und des Herrn Felix Feuchtwanger, München, der die orthodoxe Richtung vertritt, ist den Autonomieansprüchen der beiden religiösen Richtungen im Judentum in erfreulicher Weise Rechnung getragen. Vielleicht kann die in Bayern zunächst auf dem Gebiete des Wohltätigkeits- und religiösen Vereinswesens getroffene Regelung nach mancher Richtung hin auch für das Reich vorbildlich werden. Auch der von der Behörde zum Treuhänder ernannte Herr Fritz Rothschild, der selber gesetzestreuer Jude ist, erfreut sich des allgemeinen Vertrauens.