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Der Israelit · 1934-01-11 · Heft 2 (11.1.1934) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 2 (11.1.1934)
Date
1934-01-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Frankfurt a. M. 11. Januar 1934 24. Tebet 5694 Die Rettung des Sabbats in Amerika. Ein Aufruf, der alle jüdischen Gemeinden und ihre Führer in den Vereinigten Staaten auffordert, die durch die N. R. A.-Bewegung gebotene Gelegenheit zur Rehabilitation des jüdischen Sabbats zu benutzen, wurde gestern vom Synagogenrat von Amerika veröffentlicht. Ursprünglich vor einigen Tagen auf einer Vierteljahrsversammlung des Rates des Tempels Emanuel angenommen, fordert der Appell die amerikanische Judenheit auf, sich sofort der Aufgabe zu widmen, den Sabbat „wiederzubringen". Dr. Samuel Schulmann, der den Vorsitz/ führte, sagte, daß die Aenderung des ökonomischen Lebens in Amerika den Juden die erste Gelegenheit wieder böte, den Sabbat besser zu beobachten. Vorigen Monat nahm die ,,United Synagogue of America" eine ähnliche Resolution an. In der Versammlung, welche die Resolution beschloß, waren u. a. anwesend Rabbi Herbert S, Goldstein, Morris Engelmann, Rabbi Leo Jung, Rabbi Bernhard Drachman. Der Aufruf besagt im wesentlichen: „Der Synagogenrat, von Amerika, der durch die ihn bildenden Körperschaften alle Gedankenrichtungen im amerikanischen Juden, Orthodoxe, Konservative und Reformierte, umfaßt, fordert alle Gemeinden im Lande auf, die große Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen zu lassen, die durch die Politik der Vereinigten Staaten, wie sie in der „Nationalen Lau jed'u w'lau jowinu, bachascheicho jishalochu. Sie wissen nicht aus noch ein und tappen im Dunkel ... Nichts kennzeichnet treffender als dieser Bibelvers mit seinem wunderbaren Rhythmus, der die ganze aus Verzweiflung über die Ratlosigkeit geborene Resignation widerzuspiegeln scheint, die Situation der deutschen Judenheit, ihre Hilflosigkeit und ihre Verlassenheit am Ende dieses ersten Jahres nationalsozialistischer Herrschaft. Nicht so sehr denken wir hierbei an die erdrückenden materiellen Sorgen, die auf uns allen lasten. Gewiß schlugen uns die tiefsten Wunden zuallererst die Maßnahmen auf wirtschaftlichem Gebiete, die unseren Lebensraum zum Teil über unseren prozentualen Anteil an der Bevölkerung hinaus beschränken, uns unsere Stellungen nahmen und unser Brot verknappten. Wir sind inzwischen zur Einsicht gezwungen worden, daß wir uns umzustellen haben, mag die Erkenntnis auch noch so schmerzvoll und niederbeugend sein, und so bemerken wir überall die eingreifenden Veränderungen in beruflicher Beziehung und in Anpassung der äußeren Lebens- Industrie-Wiederherstellungsakte" sich äußert, für die Wiederaufrichtung des jüdischen Sabbats im jüdischen Leben geboten ist. Eine Anzahl der Industrien haben die 5-Tagewoche - bereits akzeptiert und es wird erhofft, daß evtl. die ganze Industrie sich diesem wichtigen Wechsel anpassen wird. In einer solchen 5-Tagewoche ist der Samstag, der historischjüdische Sabbat, natürlich einer der Tage der Ruhe und Muße. Die amerikanische Judenheit sollte sich sofort der Aufgabe widmen, den Juden den Sabbat wiederzubringen. Die Wiederherstellung des Sabbats, dessen Vernachlässigung die Hauptursache des Niedergangs des jüdisch-religiösen Lebens war, wird in diesen kritischen Zeiten für das um seine Existenz kämpfende Israel Gewaltiges leisten. Er wird das persönliche religiöse Gefühl wiederbringen, das immer die Wurzel der Treue zu Israel und seiner Erbschaft war. Dies wird der Welt unmißverständlich zeigen, worin unsere wahre Einheit besteht und dies wird sich als eine große Hilfsquelle der Stärke erweisen, um den jetzt in der ganzen Welt gegen die Juden rasenden Verfolgungen Widerstand zu leisten, denn nur durch den Geist mit der Hilfe G'ttes hat Israel sein geschichtliches Dasein erhalten!" haltung an die geänderten Verhältnisse. Nebenher geht aber unverkennbar eine mindestens ebenso wichtige geistige und seelische Umschichtung. Seit hundertundfünfzig Jahren vielleicht zum ersten Male vollzieht sich ein gewaltiger Umbrüch, politisch, kulturell, soziologisch, bei uns nicht nur, sondern auch in unserer nichtjüdischen Umwelt, nur daß wir durch die unerbittliche Durchführung des Rasseprinzips in besonderem Maße betroffen und weitaus am stärksten in Mitleidenschaft gezogen sind. Ein Zeitalter, das den Juden körperliche und seelische Befreiung gebracht, das ihrem Intellekt freien Spielraum gelassen hatte, scheint abgelöst zu werden von einem, das — wenigstens in unserem Vaterlande — uns nicht kennen, von uns nichts wissen will. So in einer neuen Welt ganz auf uns selbst gestellt, verlassen von unseren Freunden und in unsere vier Wände gedrängt, haben wir uns damals zweierlei gefragt: Was haben wir gerettet, was ist uns geblieben? und Weshalb ist uns dies geschehen? Schon bei Beantwortung der ersten Frage Nummer 2 kam der großen Masse der deutschen Judenheit ihre Hilflosigkeit und Verlassenheit deutlich zum Bewußtsein. Nur im deutschen Kulturkreis denkend und atmend, plötzlich von ihm hermetisch abgeschlossen, sah sie sich ihrer geistigen Lebensgrundlage beraubt und mußte einen geistigen Offenbarungseid leisten. Nichts besaß sie mehr, von jüdischen Werten keine Spur. Denn wie sah doch dieser deutsche Durchschnittsjude zwischen für.fundreißig und siebzig Jahren aus? Schon im Aeußeren fehlten sehr oft die als typisch angesprochenen Merkmale seiner Rasse, er trug und betrug sich wie jeder andere Deutsche. Man studierte, handelte, musizierte, trieb Sport, vergnügte sich mit ihnen, stand im Felde seinen Mann, betätigte sich in der allgemeinen Caritas, galt als anständiger, vaterländisch gesinnter, allseits geachteter Bürger, war Kollege, Freund und Kamerad, und nahm nicht selten dank seinem lauteren Wesen und überdurchschnittlicher Tüchtigkeit eine gehobene Stellung ein. Auf Befragen gab man zu, Jude zu sein, war zu irgendwelchen statistischen Zwecken die Rubrik Konfession auszufüllen, schrieb man jüd., isr., oder mos. Vielleicht bekleidete man sogar ehrenhalber einen Posten in der jüdischen Gemeinde, woraus aber keine weiteren Pflichten erwuchsen, es sei denn, daß man gelegentlich für diesen oder jenen wohltätigen jüdischen Zweck etwas gab oder daß man am Versöhnungstag den Tempel besuchte. Damit war aber auch ihr Judentum erschöpft und der „Jude" für achtundneunzig Hundertstel ihres Lebens in den Schrank gestellt. Was Wunder, daß ihn, als sie ihn im März 1933 wieder herausnehmen wollten, die Motten gefressen hatten. Nur der kleinste Teil der deutschen Judenheit wußte in jenen Tagen eine Antwort auf die Frage, was geblieben sei, und hatte damit einen Wegweiser für eine aufbauende Zukunft: die Zionisten und die Orthodoxie. Den Zionisten ist damals das Kunststück geglückt, das Wort. Erez in aller Mund zu zaubern. Ihnen gebührt das unbestreitbare Verdienst, einer Unzahl von Menschen frischen Lebensmut, inneren Halt und den Stolz gegeben zu haben, den das Bewußtsein, einem ewigen, nicht unterzukriegenden, ruhmreichen Volke anzugehören und die Aussicht auf ein eigenes, unabhängiges Staatswesen erzeugt. Die Orthodoxie bekannte wie seit Jahrhunderten: En Schijur rak hatauroh hasaus, nichts ist uns geblieben als diese T h o r a. Ein anderes Blatt der alten Bücher wurde aufgeschlagen, der eine oder andere kam öfters ins Lehrhaus als früher. Wie eigens für sie geschrieben, beruhigender und ermutigender als sämtliche Leitartikel der jüdischen Presse, lauschten sie im vergangenen Sommer den Tröstungen Jesaias, und was vermochte sie, uns alle, mehr aufzurichten als die Morgen um Morgen, ganz wie sonst und doch so anders, gesprochenen Psalmworte: Mögen sie kommen mit Roß und mit Wagen, wir rufen an den Namen des Ewi- (Fortsetzung au! Seite 3.) Der wahre Weg in <üe Zukunft, Von Dr. Ferd. Bermann in Köln.

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