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Der Israelit · 1934-01-04 · Heft 1 (4.1.1934) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 1 (4.1.1934)
Date
1934-01-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 1 Der Israelit 4. Januar t9Q4 „Dieser Stunde werde ich gedenken. Ich glaube auch, König und Herr, daß der werdende Moloch dem Volke wohltut, denn viele Neugierige werden, sich mit mir an die Gießstelle begeben und werden so abgelenkt. Frohe Feste werden das Werk begleiten." Der König fragte: „Ist da Widerspruch gegen Rahabs Vorschlag?" Alles schwieg. „Und so sage ich Dir, Anok, Priester des Moloch, ziehe hinaus, dem Jordan zu und überwache mit heiligen Gebeten das Werk. Fördere es, wie Du kannst. Ich lasse Dich von fünfzig Mann meiner besten Helden geleiten. Die Aufräumungsarbeiten am alten Tempelplatz überwacht Rahab." (Schluß folgt.) Die Jeschiwa in Fiume. Die jüdische Oeffentlichkeit ist von der Absicht, die Rabbiner Dr. Breuer in Fiume verfolgt, in Kenntnis gesetzt worden. Ein beträchtlicher Teil der jüdischen Jugend in Deutschland, die bis jetzt ihren jüdischen Bildungsgang über die Frankfurter Jeschiwa genommen hatte, sieht sich veranlaßt, Deutschland zu verlassen. Die verantwortliche Leitung der Frankfurter Jeschiwa versucht durch Gründung einer Jeschiwa im Ausland wenigstens einen Teil dieser Jugend dem Geiste der Frankfurter Jeschiwa zu erhalten und sie über die Jeschiwa neuen, durch die Zeitverhältnisse gebotenen, Berufen zuzuführen. Daß eine solche Jeschiwa-Gründung den Bestand der Frankfurter Jeschiwa in keiner Weise gefährdet, sich ihr vielmehr ergänzend und fördernd anschließt, ist klar und braucht nicht weiter begründet zu werden. Jeder Plan, der der Not der deutschen Judenheit zu steuern versucht, darf für sich das Interesse der großen jüdischen Oeffentlichkeit in Anspruch nehmen. Dabei ist es gleichgültig, ob ein solcher Plan großzügige Lösungsversuche, der bestehenden Not zu steuern, darstellt, oder in Vergleich zur allgemeinen Nötlage nur einem verhältnismäßig kleinem Kreise zugute kommt. So lange kein Weg sich findet* der zur Behebung der Gesamtnot führt, wird jede Tat, so sie nur Hilfe bringt, in sich die Berechtigung tragen, weitere Kreise zur Mitarbeit aufzurufen. Das gilt auch für die Gründung der Jeschiwa in Fiume, deren Ziel es ist, einer nennenswerten Zahl von Schülern aus Deutschland die Möglichkeit zu geben, in ungestörter Ruhe an ihrer jüdischen Fortbildung zu arbeiten, um zu Persönlichkeiten heranzureifen, wie sie unsere Zeit mehr denn je benötigt und ihnen während und im Anschluß an ihre Jeschiwazeit Wege zu künftigen Berufen zu erschließen. Die Jeschiwa in Fiume, deren Hörer größtenteils dem Oberbau der Frankfurter Jeschiwa entstammen, konnten, alsbald ihren Lehrbetrieb aufnehmen. Nach Ueberwindung der ersten natürlichen Schwierigkeiten hat sie schöne Räume bezogen, die jedenfalls für den Anfang vollkommen ausreichen. Die daselbst eingerichtete Mensa gewährt gute Verpflegung. Die Lehrverfassung ist diejenige der Frankfurter Mutteranstalt, deren ■ Charakter der Oeffentlichkeit zur Genüge bekannt ist. Neben intensivem Talmudstudium;bildet Tnach unter besonderer Pflege der Ideenwelt Rabbiner Hirschs die unerschöpfliche Quelle jenes hohen Mussargeistes, der auch der Frankfurter Jeschiwa zu ihren schönen Erfolgen bei der Erziehung der Bachurim verhalf. Die Jeschiwa bietet das erfreuliche Bild einer von heiterem Ernst erfüllten, gleichgestimmten Schülerschar. Aeltere Hörer von hervorragender Tüchtigkeit sichern der Arbeit das wünschenswerte Niveau. Fleiß und von äußeren Einflüssen unberührte Ruhe lassen die besten Resültäte erhoffen. Was die künftigen Berufsmöglichkeiten betrifft, so besteht begründete Aussicht; daß tüchtige Hörer, nachdem sie die italienische Sprache beherrschen, in Italien und dessen Kolonien An- . stellüng als geistige Führer finden werden. Auf den örtlichen technischen und gewerblichen Schulen können Schüler, nachdem sie auf privatem Wege sich eine gewisse Vorbildung verschafft haben, , zu Elektrotechnikern, ' Kunstmechanikern und Kunsttischlern ausgebildet werden. Verhandlungen, die eine gründliche landwirtschaftliche Ausbildung im Auge haben, sind im Gange und werden hoffentlich zu dem gewünschten. Ergebnis führen. Es braucht nicht .gesagt zu werden, daß die Fiumer Jeschiwa nicht nur für die reife Jugend aus Deutschland bestimmt ist, sondern, ihre Tore der jüdischen Jugend aller Länder bereitwilligst öffnet, Sie möchte aber auch der Stärkung des jüdischen Lebens in Italien, dem einst. klassischen Lande der Thora, dienen. So schwierig gerade dieser Teil der Aufgabe auch erscheint, so löst doch gerade dieses Ziel in jedem Juden, der sich der Geschichte seines Volkes aufs innigste verbunden fühlt, solch freudige Erwartungen aus, daß die Jeschiwa ihrer Aufgabe nicht gerecht würde, wenn sie nicht ihre ganze Kraft einsetzte, um auch diesem Ziele näher zu kommen. Die Jeschiwa ist in der Mitte einer zahlenmäßig kleinen Gemeinde eröffnet worden, die aber immerhin das notwendige Milieu gewährt, auf das eine Jeschiwa nur schwer verzichten kann. Eine schöne Synagoge, eine neue Mikwoh, die auch verwöhnten Ansprüchen, gerecht wird und in wenigen Tagen der Benutzung zugeführt wird, eine erstklassige S c h e - c h i t a , Vorkehrungen, die die Versorgung mit allen notwendigen unter Aufsicht hergestellten Lebensmitteln sicher stellt, Maßnahmen zur Hebung des J u g e n.d Unterrichts bieten auch dem Zuzug weiterer Familien den erforderlichen Anreiz. Herr Rabbiner. Dr. Breuer hat durch die Gründung dieser Jeschiwa in Fiume den ersten, und gewiß nicht leichten Schritt getan, der zur Verwirklichung der gekennzeichneten Pläne führen kann. Die Opferfreudigkeit der \ prthodxen Gemeinde in Fiume hat diese Gründung dadurch ermöglicht, daß sie zunächst einer kleinen Anzahl von Bachurim den'Lebensunterhalt gewährleistet. Es muß sich jetzt herausstellen, ob diese Thorastätte lebenskräftig und vor allem entwicklungsfähig genug ist, um die genannten Pläne zu verwirklichen. Die Fiumer Gemeinde ist zu klein, als daß sie ein solches Jeschiwa-Werk allein zu tragen vermöchte. Von Anfang an rechnete der Plan mit der verständnisvollen und tatkräftigen Mitarbeit des In- und Auslandes. In den kommenden Monaten muß es sich herausstellen, ob diese Hilfe in dem ausreichenden Mäße erfolgt, die die Erhaltung und > den Ausbau; des Jeschiwa-Werkes zur Voraussetzung hat. Herr Rabbiner Dr. Breuer hat sich zur Realisierung dieses Werkes zunächst für ein halbes Jahr von der Führung der Frankfurter Jeschiwa beurlauben lassen.. Die außerordentlichen Zeitverhältnisse machten solche Versuche zur Notwendigkeit; ob ihnen der gewünschte Erfolg beschieden ist, liegt bei G'tt und ist von der verständnisvollen, opferfreudigen Mitarbeit bedingt, mit der eine ihrer ganzen Verantwortung sich bewußte jüdische Oeffentlichkeit solche Versuche zu fördern bereit ist. Heimatlos} Von Jaacov Meir Barsilai. I. Schön ist der Sommer im .Städtchen am Füße des Leithaberges. Auf dem Gebirge reifen Trauben, in der Ebene blüht-Weizen und Korn. Am Rande des Waldes ist die große Wiese, auf. der die Kinder, frohlocken und Ringelreihen spielen. Dann ist es auch in der Juderigasse recht heimisch. Dafür aber wütet stark der Winter. Meterhoher Schnee, Stürme, zugefrorene Brunnen. Aus den sonst friedlichen Häusern der Judengasse hört man fluchen über die abgesperrten Brunnen, über das zerbrochen« Ofenrohr, weil es den Rauch in der Stube entweichen läßt. Daß sich G'tt erbarme. Man . schrieb Januar 1745. . . Der "Winter war hart für die Gäßler. Schnee, zugefrorene: Brunnen und ^— die, Epidemie war; da. Der Knochenmann hüpfte in der Gasse umher- und - .vergnügte sich daran, da und dort. Menschen. aus dem Diesseits zu verscheuchen. Die „Heilige Brüderschaft" hatte mit vollen Händen , zu tun. In der Gasse hörte man bei Nacht aus dem nahen „Guten Ort" das Sägen und Nageln der Särge, und das Hämmern klang wie das tägliche Signal des Tempeldieners zum Gebet. Es schien, als ob man den Verstorbenen noch ein bißchen Kehillästolz ins Jenseits mitgeben wollte. II. : Als Berl, der Diener der heiligen Brüderschaft, im Totenwachzimmer aus seinem Buche aufblickte, merkte er beim Ofen ein Bündel Kleider, das hin und herzappelte. Dreißig Jahre Totenwächter — Berl erschrak nicht —, er . wußte, oder fühlte, daß es bis zur Auferstehung noch weit ist. Er hob die Mütze dieses Wesens, blickte in ein knochiges Gesicht, das mit den Zähnen klapperte und ihm gänzlich unbekannt war. Woher er sei, fragte Berl, wie er hierherkäme, so um Mitternacht? „Kalt, hungrig," brummte der Mensch und seine Zähne klapperten. „Bald kommt Ablöse, da nehme ich Sie mit nach Hause," sagte Berl, worauf sich sein Gegenüber beruhigte. Als Berl seinen Gast, Ahron Gavriel, wie er sich nannte, gelabt hatte, begann dieser sein Schicksal zu erzählen: Er kam aus Nikolsburg. Maria Theresia hatte ein Austreibungsdekret für die mährischen Juden erlassen. Noch bevor man anfing, diesen schrecklichen Ukas in Wirklichkeit umzusetzen, begannen viele jüdische Familien Mähren zu verlassen. Das tat auch Ahron Gavriel mit seinem Bruder; Sie wußten, wie! schrecklich es ist, von „militärischer Hand abgeschafft zu werden". Ihre Ahnen wurden aus Wien vertrieben, flüchteten nach Nikolsburg, wo sie an den Folgen der Wiener Knute starben. Die Enkel lernten daraus. Noch ehe sie mit der Peitsche verjagt wurden, nahmen sie den Wanderstab in die Hand, um eine neue Heimat zu suchen. So kamen sie nach diesem Städtchen. In einer Hütte außerhalb der Gasse suchten sie Unterkunft, bis sie vom Vorsteher der Gemeinde das Asylrecht erworben hatten. Um aber einen Berater und ein bißchen Wärme zu finden, schmuggelte er sich zu Berl ins Wachzimmer ein. „Und wo ist Ihr Bruder?" fragte Berl den Nikolsburger.' „Der liegt krank in der Hütte." „Nun ja, morgen gibt es ein Begräbnis für einen Nikolsburger," dachte sich der erfahrene Totenwächter Berl. Zu Ahron Gavriel sagte er aber: „Es iwird schon gut werden." - III. '. In der Amtsstube der Gemeinde waren der ganze Vorstand und alle Richter versammelt. Es mußten neue Sittenverordnungen und Maßregeln für die Gemeinde geschaffen werden, denn G'ttesgericht war über der Gemeinde. Schon war sie um einen beträchtlichen Teil kleiner geworden, die nichtjüdische Nachbarschaft außerhalb der Gasse begann unruhig zu werden, als ob die „Gäß" der Herd allen Unglückes wäre. Auch bei der fürstlichen Herrschaft war man den Schutzjuden seit, der Epidemie nicht sehr gewogen. Die Synagoge, war geschlossen, jedoch das Lehrhäüs am Rande der Gasse war Tag und Nacht von Psälmbetern gefüllt. Der Singsang des Vorbeters, die plötzlich eintretenden Intervalle vereinigten sich mit dem Schluchzen der Beter zu einer traurigen Symphonie^ die die Luft durchdrang'-!und in die Höhen stieg. Die Epidemie ließ aber: nicht nach. Die Eisenstädter Juden fragten sich:, womit hat man so sehr gesündigt, daß G'tt dieses Jahr die Gemeinde so heimsuchte. Oben am Tische saß der Öberrabbiner der Gemeinde, Rabbi Meir, berühmt in der jüdischen Welt durch seine Werke, beliebt in der Gemeinde wegen seiner Klugheit und Sanftmut, nur bei denen nicht, die es ihm nicht verzeihen konnten, daß er kürzlich ein neues Gebet gegen Angeber verfaßte und dadurch das Morgengebet' jeden Montag und Donnerstag um 10 Minuten länger dauerte. „Also Herr Sekretär," sagte der Rabbi — lesen Sie uns den Beschluß nochmals vor, bevor wir ihn unterschreiben und rechtsgültig machen."- Und der Sekretär stand auf und las: „Mit G'ttes Hilfe, da wir gesehen haben, daß G'ttes Gericht über unsere Gemeinde verhängt ist, also entschließen wir uns zu folgenden Anordnungen: 1. Sei von nun unter Bann verboten, mit den. ' sogenannten Karten zu spielen, 2.'ttebenfalls mit : Bann das Tragen der neuen unsittlichen- Reifröcke, 3. und 4." las der Sekretär vmit Eile, woran man merkte, daß er der Verfasser der Statuten war. „Und G'tt erbarme sich''Unser; bald, und führe uns in die Heimat Ziori, Amen." Und die Anwesenden unterschrieben. Was man wegen des Nikolsburger Juden gemacht habe, fragte nachher der Rabbi, ob Herr Austerlitz in der Duxkanzlei war.

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