Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1934-01-04 · Heft 1 (4.1.1934) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 1 (4.1.1934)
Date
1934-01-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2450807-2450808--80106-2537899
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Fetiilleton- Beilage .- - .-• »■ -. C9 ■-■ Nummer 1 1934 Rahabs Lied; Von Sanon. (Fortsetzung.) Anok schäumte. Noch konnte er nichts gegen Rahab .unternehmen, denn durch ihr Astarothlied,. das nur in Zeiten der höchsten'Not gesungen werden durfte, hatte sie die Gunst des Volkes erworben. Man erzählte sich in großer Scheu voa dem flatternden Faden der Astaroth und Molochs Stern drohte zu erbleichen, dem mußte yorgebeugt werden. Deshalb. setzte Anok es durch, daß bei dem Umzug am dritten Tag der Molochwagen an erster Stelle kam. Qanz Jericho war auf der Straße. Man raunte, daß Anok selbst den Zug führen werde. Das war, seit" Menschengedenken nicht mehr der Fall gewesen. Und so entfaltete sich das Schauspiel in seiner ganzen Großartigkeit. Voran, eine Auswahl der ganzen Heeresmacht, Sichelwagen, Reitet. Fußvolk in schwerer Ausrüstung, leichte Bogenschützen und Schleuderer, dann im feuerroten Gewände die Tempelsklaven des Moloch, die auf kleinen Flöten schluchzende Weisen ertönen ließen. Dann kam eine große Lücke, die rechts und links von der spalierbildenden Garde des Königs umsäumt wurde. Es folgten drei Paukenschläger, denen sich Anok unmittelbar vor dem schnaubenden und dampfenden Molochbild anschloß. Auf einen Wink Anoks schwieg die Musik, und alies stand still. Drei Paukenschläge und Anok hub an: „Jetzt lasset Euch erzählen, weshalb-Jericho in Not ist. Seit mehr als 1000 Jahren hat sich Kenaans Blut aller Angriffe, die von Sems Blut ausgingen, tapfer erwehrt. Große Reiche haben: wir, gegründet, mächtige Städte haben wir gebaut. Nun aber hören wir, daß der ewige Kampf aufs neue in furchtbarer Form entbrennen soll. Schon haben Enkel dieses Sem unser Brudervolk in Mizrajim macht- und kraftlos gemacht. Ja, sie stehen vor unseren Tor'en. Anok glaubt, daß gestern sogar Spione dieser Ban,den innerhalb der heiligen Mauern weilten. Moloch , zürnt, weil wir seine Stadt so schlecht behütet haben. Unser Moloch zürnt! In schweren /Tagen hat einst Kenaan uns da,« Geheimnis des Moloch gelehrt. Wenn wir ihm nun unser Teuerstes bringen, dann schützt um sein starker Wille und die Feinde erbleichen. Darum frage ich heute zum dritten Male im Namen des Königs: .wer von Euch Männern und Frauen von Jericho opfert sein Kind, um Jericho zu retten?" Auch heute ein tödliches Stillschweigen ringsumher. Da erhob sich Anok aufs Neue zürnend iaus seinem Sattel und schrie in die Menge: „Wenn ihr aber glaubt, daß der rote Faden der Astaroth, der. von Rahabs Haus matt sich zu Boden senkt, Euch zu; schützen vermag, so täuscht Ihr Euch! Astaroth ist eine Herrin für glückliche Stunden, in schweren Zeiten kann nur Moloch helfen und zum letztenmal im Namen des Königs, bringt Eure Kinder/' . ■ : Da ertönte aus der Menge heraus die Frage: „Wer von den Großen, wer von Deinen Freunden, wer-von denen, die diesen Zug angeordnet und ausgerüstet haben, hat schon sein Kind gebracht?" ••:! .'■ Anok tat, als ob;er diese Frage überhörte und fuhr fort; ■ „Nun gut, bis jetzt hat der König gebeten, von diesem Augenblick an verlangt1 er. Von denen, welchen Jericho die große Wohltat einer neuen Heimat gewährt hat, heischen wir das erste Opfer. Garde des Königs, her zu mir! Ihr werdet mir bis morgen alle wohlgebildeten Kinder der Fremden in den Tempel Molochs bringen und ich, Anok, werde die Auswahl unter den schönsten treffen. Das Volk von Jericho aber lade ich auf morgen für die Stunde, da Kenaan und Astaroth sich begegnen zur großen Versöhnungsfeier in den Tempelbezirk des Moloch und nun voran, wir kehren zurück." Anok ritt zur Seite und ließ den ganzen Zug an sich vorüberziehen. Als der Wagen der Mondgöttin an ihm vorüberfuhr, welcher Rahab, folgte, warf er einen teuflisch triumphierenden Blick auf die von Angst und Schrecken verzerrten Züge Rahabs, ritt auf sie zu und fragte laut und vernehmlich: „Wehrt der rote Faden Astaroths auch mir den Eingang in Dein Haus?" Und Rahab sprach bebend laut und deutlich: .„Da Du dem Volke Jerichos gekündet hast, daß Astaroth ihm nichts bieten kann, werde ich ihn einziehen und bin bereit, mit ihm umgürtet Dich zu empfangen." In der Menge aber, die sich immer mehr zu Rahab und den sonnigen, Dienst der Astaroth als zu Moloch und seinen Brüdern "hingezogen fühlte, erhob sich nun lautes Murmeln. Viele schworen ihm Rache und gar viele. Pläne wurden in stillverschwiegener Schenke nach dem Umzug erwogen. X. Es gab viel Tränen an diesem Tag in Jericho. Rücksichtslos wurde Auswahl unter den Kindern der Sklaven und Fremden getroffen und die Eingeborenen Jerichos frohlockten. Seltsamerweise wurde die Sippe Rahabs verschont. Rahab allerdings wußte diese Rücksicht zu deuten und erwartete zitternd den Besuch Anoks. Er kam. Diesesmal mit dem stolzen Bewußtsein des Siegers. „Nun," begann er, „Deine Gäste von gestern sind ja rasch abgereist." Rahab, die ja eigentlich nichts mehr zu befürchten hatte, setzte sich energisch zur Wehr mit der Gegenfrage: „Und weißt Du vielleicht, Anok, wer an des Königs Hof hinterbracht hat, daß meine Herberge ein Asyl für Spione sei?" „Lassen wir das," erwiderte Anok, „Wir haben Wichtigeres zu sprechen! Hast Du gehört, was ich heute dem Volke verkündet habe?" „Ich habe gehört." „Und weißt Du, daß ich bis zur Stunde die Kinder Deiner Sippe verschönt habe?" . „Ich weiß, und weiß, es Dir Dank.";,. „Pah.," sagte Anok, „spielen wir mit. offenen Karten. Es liegt ganz in Deiner Hand, ob nicht morgen Dein Brüder als der erste, den Weg in die Gluten findet, und ich säge Dir, ich habe:' Befehl gegeben, daß dieses Mal,sehr gut geheizt wird." „Du willst," sprach Rahab, „daß ich Dich um das Leben meines Bruders bitte." „Bitten, nein, aber eine Gegenleistung verlange, ich. . Folgst Du mir heute noch, was ich so oft schon vergebens von Dir erfleht hatte, als mein Weib in den Tempel des Moloch, so ist Pein Bruder gerettet." „Und Astaroth in ihrem Tempel soll ich im! Stich .lassen?" „Nein;" erwiderte der hälbdunkle Anok. ,iJetzt will ich Dir noch mehr sagen. Wir werden den Tempel der Astaroth schließen und werden dem Volk Kunde geben, Dir sei Asta-r roth im Träume erschienen und habe Dir gesagt, ' daß sie allein nicht im Stande sei, Jericho in. solcher Not zu retten, und daß sie deshalb' entschlossen sei, sich mit Moloch zu verbinden;; Als Zeichen dieser Vereinigung kommst Du zti mir und dann — ist Moloch und sein Priester allmächtig in Jericho. Und Du als Gattin Anoks wirst diese Macht teilen und kosten." „Wer aber," wagte Rahab zu erwidern, „wer aber gibt mir Gewähr, daß Du nicht morgen schon, oder ein andermal, wenn Du meiner überdrüssig und Deines Triumphes froh geworden bist, Dich Deines Wortes nicht mehr erinnerst? Wirst Du beim König, erwirken, däß meine ganze Sippe, wenn ich in Jericho bleibe, heute nocl auswandern darf?" „Ich könnte es, aber Dein Mißtrauen schmerzi mich so sehr, däß ich es nicht tue. Jetzt hört mein letztes Wort: Du oder Deine Brüder? Du hast die Wähl, ich habe gesprochen." „Anok, Du grausamer Henker, ich durchschaue Dichi Du meinst mich und meine Brüder." Da, plötzlich erhob sich auf der Straße ein furchtbarer Lärm. Aus einem Tumult der Stimmen hörte man immer wieder den Ruf: „Anok, wo ist Anok?" Im Tempelbezirk des Moloch hätte sich etwas Furchtbares ereignet. Sei es, daß das Bild an und für sich brüchig war, sei es, daß von böswilliger Hand die Ableitungsröhren des Dampfes verstopft worden waren, kurz, das Bild war geborsten und die fessellos züngelnden Flammen hatten viele der Tempeldiener ergriffen. Man erzählte sich Verschiedenes; so unter anderem, daß manche der Eltern, die ihrer Kinder beraubt worden waren, heimlich große Naphtabrocken aus dem toten Meer unter das Feuerungsmaterial gemischt hätten und noch tausend andere Gerüchte durchbohrten die Stadt. Das Feuer aber hatte bei den Menschen nicht still gestanden und im Augenblick brannte der ganze Tempelbezirk des Moloch. Deshalb verzweifelte Rufe: „Anok, Anok, Anok wo bist Du?" Anok war sprachlos und eilte seinem Heime zu. Er fand eine rauchende, schwelende Trümmerstätte. Ganz verschiedenartig war der Ein-r druck auf die Bevölkerung. Die Anhänger Molochs verbreiteten, der zürnende Moloch habe sich selbst seine Opfer geholt. Andere wieder sagten, es wäre die Rache gegen die Eingeborenen Jerichos, weil diese ihre Kinder versagt hätten. Jedenfalls drohte das Ansehen Anoks rasch zu schwinden und seine Späher berichteten ihm, daß man höhnisch gesagt habe, nun sei es wohl nichts mit der Versöhnungsfeier morgen Abend und vielleicht sei es besser für Jericho, sich ganz der Astaroth anzuvertrauen, die solche Opfer nie geheischt habe. Der König hatte alle Priesterschaften zur ernsten Beratung geladen; so sahen sich Anok und Rahab wieder. Sie wußte auch, daß der sanfte Kult der Astaroth auf die Dauer das wilde Volk von Jericho nicht befriedigen würde. Es hatte außerdem das Gespräch mit den beiden israelitischen Kundschaftern* sie aufs Tiefste erschüttert. Sie wollte gar nicht mehr im Mittelpunkt des Götzendienstes stehen. So machte sie einen Vorschlag, der einerseits Anok schmeichelte, andererseits ihr vielleicht Zeit ließ, ihrer Sippe zur sicheren Flucht zu verhelfen. „König und Herr," sagte sie, „Jericho kann nicht ohne Moloch sein. So möge denn der Staatsschatz sofort an den Bau eines neuen Tempels gehen und auerdem unserem Anok reichliche Mittel an die Hand geben, auf daß er draußen in der großen Grube in der Jordanniederung an die Herstellung eines neuen Bildes gehe. Die Menschen, die ihre Kinder nicht geben, werden um so reichlicher Geld und Erz geben. Anok, laß' von Sklaven den ganzen Tempelsehatz der Astaroth holen. Astaroth huldigt dem Moloch." Da atmete Anok auf. Was er gefürchtet hatte, war vermieden. Astaroth trat nicht in Wettbewerb mit Moloch. Sein jagender, brennender Ehrgeiz war befriedigt und er stellte in diesem Augenblick alle persönlichen Wünsche zurück. Er trat auf Rahab zu und sprach:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.