Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1934)
- Date
- 1934-01-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 1 Der Israelit 4. Januar 1934 Volkstradition und geschichtliche Erfahrung bergen eine Fülle von Material in sich, das den glaubenstreuen Juden verpflichtet, der neu erwachten rassischen, erbbiologischen und eugenischen Gewissenhaftigkeit mit vollem Respekt gegenüberzustehen und in dieser Hinsicht — vom Gegner das eigene geistige Erbgut respektierenzulernen. Soweit die Bekämpfung der Mischehe und der Geburtenbeschränkung in Frage kommen, ist darauf wiederholt von uns hingewiesen worden, während über die Sterilisationsfrage — nach dem im „Israelit" erschienenen wertvollen Aufsatz Dr. Jacob Levys — noch mancherlei zu sagen wäre. Heute möchten wir nur die Aufgabe der j ü - dischen Schulen unterstreichen, mit der auch ihnen vom Staat auferlegten Verpflichtung des rassenkundlichen Unterrichtes Ernst zu machen. Es müssen zu diesem Zwecke Lehrkräfte ausgebildet werden, die das wissenschaftliche Material genügend beherrschen, um Tätsachen von Hypothesen kritisch zu scheiden, den überaus wertvollen Wahrheitskern der erbbiologischen und eugenischen Forschung herauszuschälen und die Rassenkunde in Verbindung mit der Kulturgeschichte für die Entwicklung des gesunden rassischen Selbstbewußtseins auch des jüdischen Kindes nutzbar zu machen. Das Hegt durchaus in der Linie des vom Staate Gewollten, denn es gilt ja nur, der bisher herrschenden rassenbiologischen Unwissenheit und Gewissenlosigkeit ein Ende zu machen und nicht etwa, — der Reichsinnenminister betont das ja selber — auf der einen Seite Rassenhochmut, auf der anderen Minderwertigkeitsgefühle zu züchten. Freilich ist damit das Problem der Teilnahme der die allgemeinen, nichtjüdischen Schulen besuchenden jüdischen Kinder am rassenkundlichen Unterricht noch nicht gelöst. Es wird sehr klarer und entschiedener Verfügungen der Schulverwaltungen bedürfen, um zu verhüten, daß bei diesem Unterricht, der doch bestimmungsgemäß Wertgefühle für die arische, oder gar die nordische Rasse wecken muß, die jüdischen Kinder gekränkt und zum Demonstrationsobjekt für rassische Differenzierung gemacht werden. Das widerspräche dem Willen der Schulbehörde, die jede Diffamierung der zum Schulbesuch verpflichteten oder zugelassenen jüdischen Kinder, verurteilt. Aber grade bei der Rassenkunde wird für die arische Lehrerschaft ein fein entwickeltes Taktgefühl notwendig sein, um dem Unterrichtszweck1 gerecht zu werden, ohne in dem Heiligtum der jüdischen Kindesseele Verheerungen anzurichten. Wir sind sicher, daß. der Ernst dieser Frage von den Schulverwaltungen nicht unterschätzt werden wird. Deutsche Kinder in Erez Jisroel. "' Wir haben uns zu wiederholten Malen mit dem Schicksal der. jüdischen Kinder aus Deutschland befaßt, die teils durch Berliner Komitees, teils durch den englisch-jüdischen Hilfsfonds nach dem heiligen Lande gebracht . werden, um dort" zumeist in ländlichen Siedlungen den Abschluß ihrer Erziehung und ihre Berufsvorbildung zu erhalten. Nun tritt die Sache aus dem Stadium der Vorbereitung in das der Verwirklichung und die erste Kunde, die dabei das Ohr der jüdischen Öffentlichkeit erreicht, muß auf jeden Kenner der Verhältnisse wie eine Bombe wirken: 65 Kinder aus Deutschland hat man — ausgerechnet — nach En Charod gebracht, das heißt, man hat sie, um es drastisch auszudrücken, zur Tau? geführt! En-Charod ist die berüchtigtste Kwuza in Erez Jisroel, die Stätte revolutionärster Entjudung und Auflehnung gegen das G'ttesgesetz, an der man von Sabbat und Speisegesetzen, von den Bindungen des jüdischen Eherechts, von Chuppa und Kidduschin, ja zum Teil; sogar vom Bundeszeichen der fj^'ü nichts weiß, kurz ein Dorf, das ebensogut in Sowjetrußland wie in Palästina liegen könnte. Und in diese Atmosphäre verpflanzt man die erste Gruppe deutscher Kinder, die wahrscheinlich trotz allem Schweren, das auf Erziehung und Zukunft der heranwachsenden Generation der deutschen Juden lastet, hier in Deutschland noch immer eher Aussicht gehabt hätten, aus Schicksal und Erlebnis jüdische Werte in sich aufzunehmen als in einem Sowjetdorf auf entweihter heiliger Erde, Es klingt wie bittere Ironie, wenn fast gleichzeitig Weizmann in der Rede, die er auf der Jahresversammlung der englischen Zionisten gehalten hat und über die wir an anderer Stelle berichten, die „Frage der Versorgung der jüdischen Kinder" als „gelöst" bezeichnet! Eine schöne „Lösung", die das Band zerreißt, das die jüdischen Seelen aller Zeiten und Generationen miteinander und dem Tage vom Sinai verknüpft, die die jüdischen Kinder „versorgt" wähnt, wenn sie essen und trinken, säen, pflügen, diskutieren und rauchen — aber nicht zu Juden, sondern zu religionslosen Bolschewiken erzogen werden. Kleines Feuilleton, Geisteskämpfe im heutigen Judentum. Unter diesem Titel veröffentlicht die bekannte katholische Revue „Hochland" einen interessanten Aufsatz aus der Feder von Ernst Ringer, der von dem sichtlichen Bemühen um eine wohlwollende Objektivität getragen ist. Daß diesem Bemühen allerdings kein voller Erfolg beschieden sein kann, liegt an der eigenartigen Keuschheit der dem Außenstehenden immer mehr oder weniger esoterisch bleibenden jüdischen Innenwelt. Aus der zentralen Tatsache des Daseins der Juden, ihrer Zerstreuung unter allen Völkern, folgt dem Verfasser, daß die Symbiose mit der außerjüdischen Welt zum eigentlichen Problem des jüdischen Denkens und zum Ausgangspunkt der verschiedenen Richtungen im heutigen Judentum geworden ist. Das trifft nur für das westliche Judentum zu, in dem die Orthodoxie zur Minderheit geworden ist. Ueber diese äußert sich der Verfasser wie folgt: „Ueberblicken wir die Fülle dieser Richtungen, so fällt uns die verhältnismäßig geringe Rolle auf, die auf dem Kriegsschauplatz des zeitgenössischen Judentums jene Kraft hat, die die jahrhundertealte Tradition des Judentums repräsentiert, die Orthodoxie. Das hat seinen Grund sowohl im Seelischen als in der Verlagerung des Kampfes selbst. Die Orthodoxie trat kämpfend und aktiv auf den Plan, als sich die Tore des Ghetto auftaten und die neue, fremde, europäische Kultur das Judentum in seinem eigensten Bestand zu gefährden schien. Dieser Kampf der Orthodoxie . gegen daa Neue war übrigens viel stärker im Osten als im Westen. Hier, namentlich in Deutschland, wirkte abschwächend schon die Gestalt jenes Mannes, der dem deutschen Judentum als Vorbild galt und noch gilt, und der Orthodoxie und Aufklärung" in sich verband: Moses Mendelssohn. Aber selbst von ihm sagt Leo Baeck (,Wege im Judentum', Schocken-Verlag, Berlin 1933, S. 345), um die Tatsache zu erklären, über die man sich schon zu Lebzeiten Mendelssohns verwunderte, nämlich daß er .Stockjude' blieb: ,Für den, welcher sich, in ein ganz anderes hineinführen ließ oder in ein Umgestaltendes eintrat, wird es oft zum Bedürfnis, einen Bereich seines Lebens zu habon, der abseits von dieser Wandlung bleibt.' Diese Abseitigkeit ist vollends das Typischste für die jüdische Orthodoxie im eigentlichen Sinne dieses Wortes: sie hat für sich gleichsam eine innere Scheidewand vor der Außenwelt aufgerichtet, und sie bleibt so von jenen großen und quälenden Problemen der Symbiose verschont, die heute das eigentliche Feld der jüdischen Geisteskämpfe bilden." l) Der Orthodoxie, die „mitten in der Welt gleich- *) Zu erwähnen ist der Kampf der Orthodoxie (in Gestalt der sog. .Agudah'-Bewegung) gegen den Zionismus, sofern dieser durch seinen weltlichen Charakter ihr als eine Gefahr für den Bestand der jüdischen Religion erscheint. Im übrigen gibt es freilich auch religiöse oder gar orthodoxe Zionisten (die sog. .Misrachi'-Bewegung) und es existiert auch unter der Jugend eine Richtung .religiöser Pioniere' (,chaluzim datiira'), die sich ins Heilige Land vornehmlich als Ackerbauer begeben. Dennoch bleibt na- Freilich — mit Schreien und' Protestieren allein ist nichts getan, nachdem nun einmal die Spender und Geber im jüdischen Volke, auch wenn noch ein. Rest religiöser Treue in ihrem Herzen wohnt, seit Jahren durch die zionistischen und nichtzionistischen Zentralfonds . daran gewöhnt worden sind, jeden, auch den schlimmsten Mißbrauch gesammelter Gelder zu unreligiösen und damit antinationalen Zweäen schweigend zu dulden. . Sie werden auch jetzt weiter schweigen. Aber sollten sich nicht auf dem weiten Erdenrunde ein paar jüdische M ä c e n e finden, deren Herz weint über den Jammer dieser unglücklichen, kindlichen Opfer eines antireligiösen Fanatismus und die die Mittel zur Verfügung stellten,- um in dieser Zeit schwerster Not für das jüdische Volk in geschlossenem tho ratreu em Milieu auf dem Boden Erez Jisroels ländliche Erziehungs - und B e r u f s b i 1 d u n g. s s t ä 11 e n zu errichten? Und wenn es — neben dem Kibbuz Rodges — nur noch eine wäre, die den Wettbewerb mit den Propagandastätten des Abfalls und das Ringen um die jüdische Zukunft deutscher Kinder aufnehmen könnte! Das Attentat in Rumänien. Der Schuß, der den liberalen Ministerpräsidenten Duca am Samstag darniederstreckte, ' wird die neue liberale Aera in Rumänien nicht vernichten. Im Gegenteil ist zu erwarten, daß Regierung, Volk und Gesellschaft sich jetzt mit allen Mitteln gegen die sogenannte „Eiserne Garde" und alle, die da glauben, die politischen Probleme mit dem Revolver lösen zu können, zur Wehr setzen. Es hat sieb, gezeigt, daß der angesammelte cuzistische Schutt sich mit einem bloßen Personenwechsel im Kabinett nicht restlos abtragen läßt. Eine politische Erziehung muß hier einsetzen und eine Aufklärungsarbeit, ein moralischer Aufbau, dem die Besten im Lande ihre Kraft leihen und der den Jüngsten und Geringsten im Volke erfassen muß. Es ist eine Arbeit für viele Jahre und wird Kämpfe und Opfer kosten. Duca fiel als Edelopfer im Kampfe für das bessere Rumänien. . Rumäniens Juden stehen nicht allein als Bürger voll Entsetzen vor der Bahre, sondern sie werden auch eine eigene jüdische Träne dem Ministerpräsidenten nachweinen, in dessen Programm das vielumstrittene jüdische Recht in Rumänien seinen vollen Platz hatte. Duca hatte als Führer der Liberalen, da er zur höchsten Macht kam, die Wünsche der jüdischen Parteien nicht sam in ,einer unsichtbaren Festung" wohne, stellt Ringer als Antipoden das äußerste Assimilantentum gegenüber, das er .an Stajil, Weininger, Karl Marx und den Bolschewiken treffend schildert. Erschütternd wahr ist seine Darstellung dessen, was in Rußland vorgeht. Er schreibt: . (;, „Was im Reiche der Sowjets mit dem,Judentum vorgeht, ist eine Tragödie doppelter Art: dieses Judentum, das bis vor dem Weltkriege ein starkes ideelles Reservoir auch für das westliche Judentum darstellte, stirbt heute nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistig aus. Wenn das aus der Zeit vor dem Kriege herrührende Geschlecht dort vergangen sein wird, wird mit ihm bis auf: geringfügige, verborgene Reste auch die jüdische, religiöse und geistige, Tradition vom Erdboden verschwunden sein." Zwischen der Orthodoxie, der die Zerstreuung als ein g'ttgewollter und durch diese Betrachtungsweise in seiner Bitternis gemilderter Zustand, dem Assimilanten einfach als gegebene Tatsache erscheint, erblickt der Verfasser die mittleren Richtungen, zunächst die den Missionsgedanken vertretenden, wobei unsres Erachtens einem Manne wie Constantin Brunner, der kaum Wirkungen aufgeübt hat, allzuviel Bedeutung beigemessen wird. J. W e i g 1 s. A., türlich der Zionismus als Gesamtbewegung in seinen Zielen religiös indifferent. Das betont auch der polnische Priester , Jozef Kryszynski (,Zydzi i kwestia zydowska', Wloclawek 1920, S. 156) und macht darauf aufmerksam, daß. in* diesem religiösen Indifferentismus des Zionismus selbst (ganz abgesehen von der Vorsorge der christlichen Großmächte) eine Gewähr für die Intaktheit der christlichen Heiligtümer in Palästina gegeben ist.