Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1934)
- Date
- 1934-01-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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4, Januar 1934 Der Israelit Nr. 1 Seite 3 Deutsch-jüdische Schulsorgen, Mit der Wintersonnenwende und den länger werdenden Tagen meldet sich für den zur Vor- .aussorge verpflichteten Schulpolitiker das Frühjahr an, das mit seinem Ostertermin bis auf weiteres noch in ganz Deutschland die große Wende für . das Schulleben und. den Eintritt ins Berufsleben bedeutet und für die Führer der jüdischen Gemeinschaft zumal (ob auch nicht für sie allein) diesmal mit einer Ueberfülle schwerster Problematik belastet erscheint. Drei Momente sind es, die den Ausblick verdunkeln und die Tatkraft lähmen; auch dort, wo das Ziel klar erkannt ist. Zum ersten die erschütternde wirtschaftliche Not der deutschen Juden und ihrer Körperschaften; zum zweiten die unüberbrückbaren weltanschaulichen Gegensätze innerhalb der deutschen Judenheit und endlich die Ungewißheit, die hinsichtlich der künftigen Rechtsstellung der Juden und hinsichtlich der Art und des Umfangs ökonomischer Möglichkeiten herrscht, die sich dem jüdischen Nachwuchs in Deutschland, bieten werden. Die acht höheren jüdischen Schulen "Deutschlands, nicht minder die Hochschulen und Seminare, vor allem aber auch ein großer Teil der jüdischen Volksschulen, ja zahlreiche Gemeinden als Träger bloßen Religionsunterrichts sind angesichts des katastrophalen Rückganges der Steuerkraft in ihrer Existenz gefährdet, solange die ausländischen Hilfsgelder ängstlich zurückgehalten und für Neugründungen — an die man unter solchen Umständen gar nicht denken kann — reserviert werden. . Die große Londoner Hilfskonferenz liegt fast ein Vierteljahr hinter uns, und von den 2 Millionen Pfund, die zusammenzubringen man sich anheischig machte, und von denen beträchtliche Summen für deutsche Kulturinstitutionen, ansehnliche, auch für Wohlfahrtszwecke bewilligt wurden, ist noch kein Penny zu sehen. Inzwischen hat" eine angesehene englische Persönlichkeit, der Advokat Harry S a c h e r , auf der Jahreskonferenz der englischen Zionisten eine Rede gehalten, die befürchten läßt, daß unter dem Drucke gewisser zionistischer Kreise die ganze Hilfsarbeit für die in D eutschl an d verbleibenden Juden und ihre religiösen und kulturellen Institutionen auf ein Minimum reduziert oder ganz eingestellt werden soll! Herr Sacher hält die deutsche Judenfrage nicht nur politisch — worin er recht haben mag — sondern auch wirtschaftlich für „erledigt" und gibt uns den freundschaftlichen Rat, uns einzuschränken und die Ausgaben den Einnahmen anzupassen. ]■ Es,stört Herrn Sacher nicht, daß er durch dieses Rezept, das an den seligen Dr. Eiseribarth gemahnt, mit sich selber in Widerspruch gerät. Denn wenn es tatsächlich dahin kommen sollte, daß den deutschen Juden jede materielle Möglichkeit einer echt jüdischen Erziehung ihrer Kinder zu innerlich freien und starken, dabei geistig und beruflich tüchtig vorgebildeten Menschen - genommen wird, dann würde es sicherlich nicht bei den 2000 Seelen bleiben, auf die Herr Sacher •nunmehr nach erledigter Judenfrage die deutschjüdische Jahres-Auswanderung schätzt. Wer mit Sacher die Auswanderungs-Welle, wie gewiß aufs innigste zu wünschen, eindämmen : will, und auch in der Bevorzugung der deutschen I Einwanderung nach Palästina einen schweren Fehler erblickt, der muß sicherlich zuallererst dafür sorgen, daß in Deutschland jüdische Erzieh ungsmögli c h k, e,i t e iji ■' in weitestem Umfange geschaffen,twetden,-i Bisher ist davon wenig zai-sehen. .. In mühsamem Ringen müssenY-"tlief:'vorhandenen Institutionen durch im ^stillen betriebene Notsammlungen aller Art, deren' Ergebnisse in der Regel, lächerlich gering sind, ihr Dasein fristen und ihre Kräfte auch noch verzehren in mühseligen Verhandlungen mit dem zähen und gewissenhaften Verwaltungsmechanismus, der in Berlin über , die ausländischen Hilfsgelder-Reste wacht. Das trifft insbesondere die gesetzestreue Judenheit Deutschlands. Von den acht höheren Schulen sind sieben orthodox, von den Volksschulen gewiß ebenfalls dreiviertel. Das ist weder ein Zufall, noch ein Zeichen für die besondere Wohlhabenheit der deutschen Orthodoxie, sondern nur die Folge davon, daß mehr als ein halbes Jahrhundert lang .die . deutsche Orthodoxie > die einzige .Gruppe -, der Judenheit war, die aus der Tiefe ihrer jüdischen Weltanschauung heraus die jüdische Schule forderte und sie unter ungeheuren persönlichen Opfern an Geld, und Gut aus eigener Kraft geschaffen und erhalten hat. Damals gab es weder einen der Völkerpolitik abgelauschten jüdischen Nationalismus, noch konnten sich die liberalen Kreise von dem politischen Dogma der Simultanschule befreien. Daß die Verhältnisse sich geändert haben, und die jüdische Schule heute ein Postulat der Liberalen und Zionisten geworden ist, mag der gesetzestreuen Judenheit: zur Genugtuung' gereichen. Keinesfalls gibt diese Konstellation jedoch den nicht-orthodoxen Parteien das Recht — auch wenn sie sich hinter dem Firmenschild der „Kultusgemeinde", „Ortsgemeinde" oder ähnlicher juristischer Begriffe oder gar hinter dem Berliner „Zentralausschuß für Aufbau und Hilfe" verbergen — den orthodoxen Schulkörperschaften auf dem Wege der Subventionspolitik ihre wohlerworbenen Rechte zu rauben oder sie durch religionswidrige Forderungen unter Gewissensdruck zu stellen. Auch von den Regierungsbehörden darf man wohl erwarten, daß sie dort, wo orthodoxe Schulen bestehen, ihre Beseitigung, innere Umwandlung oder Drangsalierung nicht dulden werden. Es wäre dringend zu wünschen, daß diese störenden inneren Streitpunkte, die. die Kräfte der beteiligten Faktoren in ganz unnützer Weise belasten und aufzehren, baldigst beseitigt würden, damit die konzentrierte Kraft des Denkens und Planens den Neugründungen zugewendet werden 'könnte. Auch hierbei jedoch wird sich jeder Versuch, über die,.Gewissensforderungen der Orthodoxie zur Tagesordnung überzugehen und die „Eigen- Sinnigkgit" des geschichtlichen Judentums,.unter das caudinische Joch eines neu erdachten national-liberalen Einheits-Judentums zu beugen, als Unsegen erweisen, an dem auf die Dauer nicht einmal die auf Rationalisierung, und Ersparnisse eingestellte Verwaltungsbürokratie Freude haben dürfte. Das dritte hemmende Moment, die Undurchsichtigkeit der Rechtslage zu beseitigen, liegt nicht in unsrer Hand. Aber es geht keinesfalls an, darüber hinwegzusehen und irgendwo bedenkenlos Vorhandenes zu zerstören, ohne daß man weiß, ob Besseres an dessen Stelle gesetzt werden kann. Die vorhandenen Schulen dürfen ihrer Wesens- *art nicht beraubt und nicht Hals über Kopf in widerspruchsvolle Zwittergebilde verwandelt werden. Wir . glauben, im übrigen, daß es gerade auf dem Gebiete des jüdischen Bildungs- ':iwesens ■ tiinddes 'Kultus am ehesten möglich sein wird, eine positive Stellungnahme der Reichsregierung herbeizuführen, söbald brauchbare, möglichst einfache und die staatlichen Interessen wahrende Pläne von jüdischer Seite vorgelegt werden können. . Vielleicht würde auf diesem^ Wege auch eine Diskussion darüber in Fluß kommen, welche Wege des Erwerbes — Handwerk, Landwirtschaft, Kaufmannschaft und freie Berufe — den im Lande bleibenden Juden Deutschlands faktisch und nicht bloß rechtlich offen stehen werden. Denn ohne Kenntnis dieser Wege bleiben auch die Schulpläne, soweit sie über reine Geistesbildung hinausgehen, eine Fahrt ins Blaue. Für die Jugend der thoratreuen Judenheit bietet in dieser völlig ungewissen Situation nach beendeter Volksschule und erst recht nach beendeter höherer Schule die Jeschiwa zunächst einmal unter allen Möglichkeiten den sichersten und niemals verlierbaren Gewinn fürs Leben, was dieses dem Werdenden auch bringen möge: Tino *pn K>n "o Wochenrundschau, Rassenideologie und Rassenkunde, Reichsminister Dr. F r i c k hat im neuesten Hefte der „Deutschen Juristen-Zeitung" der Rassenfrage in uer deutschen Gesetzgebung eine ausführliche Darstellung gewidmet, die erneut in starken Worten die Fundierung des nationalsozialistischen Staates auf dem Rassegedanken unterstreicht, die Juden als solche, weil sie so ziemlich die einzige nicht-,,arische" Rasse von Bedeutung in "Deutschland sind, als rassische „Gefahr" kennzeichnet und damit die Unumgänglichkeit der Ariergesetzgebung zu rechtfertigen sucht. In dem Wunsche ,der Reinerhaltung der eigenen Rasse und der Sicherung ihrer Vorherrschaft in Staats- und Kulturleben liege jedoch kein Werturteil zu Ungunsten anderer Rassen. Am Schlüsse wendet sich der Reichsinnenminister gegen eine uferlose Ausdehnung der Ariergesetzgebung auf Gebiete, für die gar keine Vorschriften erlassen sind. Es heißt da: „Spielte bei den Gesetzen und Verordnungen ein starkes öffentliches Interesse an der Ausschaltung nichtarischer Einflüsse mit, so schießt es doch über das Ziel hinaus, wenn, wie es manchmal geschehen ist, die Grundsätze des Paragraphen 3 [des Berufsbeamtengesetzes) wähl- und kritiklos auf Gebiete übertragen werden, für die sie nicht bestimmt sind, und wenn dabei womöglich noch-nicht einmal .die Ausnahmen zugelassen werden, die Paragraph 3 und die hierzu erlassenen Durchführungsbestimmungen vorsehen. Mag insbesondere noch ein öffentliches Interesse für die deutsche Aerzteschaft bestehen, die auch nach der Durchführung der Säuberungsaktion bei den Krankenkassen noch sehr stark von jüdischen Elementen durchsetzt ist (in Berlin z. B. heute noch 60 Prozent), so läßt es sich doch kaum rechtfertigen, wenn jüdische Angestellte eines Warenhauses in nichtleitender Stellung entlassen werden, selbst wenn sie Frontkämpfer sind. Derartige Bestrebungen v erkennen, daß es auch in der Ariergesetzgebung Grenzen gibt, die beachtet werden müssen, und sind deshalb auch von der Regierung schon wiederholt mit Nachdruck abgelehnt worde n." Andererseits, so betont der Reichsinnenminister, werde es eine besonders wichtige Aufgabe des künftigen Staatsbürgerrechts sein, sich mit der Rassenfrage auseinanderzusetzen. Für die in Deutschland wohnenden Juden wird es unsres Erachtens allmählich Zeit, sich nicht nur mit der Ariergesetzgebung selbst als einem über sie hinwegschreitenden unvermeidlichen Schicksal abzufinden, sondern der dieser Gesetzgebung zu Grunde liegenden Ideologie — die sich ja durchaus als Ergebnis wissenschaftlich erkannter Tatsachen gibt — ernstes Interesse zuzuwenden. Die Bedeutung alles dessen, was mit Abstammung, Vererbung, Rassen- und Volkscharakter zusammenhängt, haben wir nicht erst von den Nationalsozialisten zu lernen brauchen; schriftliche und mündliche Lehre des Judentums,