Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1934)
- Date
- 1934-01-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Frank£&sr$ a« 4. Januar 1934 17. Tcbet 5694 NusEismer i Mit dem ersten Januar tritt der „Israelit" in das fünfundsiebzigste Jahr seiner Existenz. Die Zeit ist nicht dazu angetan, Jubiläen zu feiern, zumal der deutsch-jüdische Leserkreis, den wir vertreten und der uns nahesteht, von den äußeren Wirkungen des politisch-wirtschaftlichen Geschehens tiefer und schmerzlicher getroffen worden ist als diejenigen, denen keine Sabbathut und keinerlei sonstige Lebensbindungen den Kampf um den wirtschaftlichen Lebensraum erschweren. ♦ Erschütternde Dokumente dieses Zeitgeschehens sind die unzähligen Briefe und Karten, in denen während des letzten Jahres Leser und Leserinnen von uns Abschied nahmen, denen der „Israelit" von Jugend auf der stete Führer und Begleiter war, und die nun — weil sie sparen müssen für den nackten Lebensbedarf, auf den Weiterbezug verzichten und sich mit der Lesehalle oder dem Exemplar der freundlichen Nachbarn behelfen. Für die wirtschaftlichen Wunden, die auf diese Weise unsrem Blatte geschlagen worden sind, gewährt auch das in weiten, bisher indifferenten Kreisen gewaltsam geweckte neue jüdische Interesse keinen Balsam, weil dieses Interesse entweder vom Liberalismus oder vom Konjunkturzionismus aufgefangen wird und sich von den ernsten Bindungen des echten, geschichtlichen Judentums naturgemäß abgeschreckt fühlt. So sieht sich denn — um der Wahrheit willen darf das nicht verschwiegen werden — der „Israelit" in einer ernsten Krise seiner wirtschaftlichen Existenz. Aberwirlassen den Mutnicht sinke n f in dem tiefen Bewußtsein, daß vielleicht noch nie seit dreiviertel Jahrhunderten ein Blatt mit den geistigen Traditionen des „Israelit" der deutschen^Judenheit vor allem, und darüber hinaus der gesamten jüdischen Gemeinschaft, so sehr vonnötenwar, um neben den mit tausend Zungen verkündeten Irrlehren eines blut- und traditionslosen Konfessionaiismus und eines die Religion degradierenden, im tiefen Grunde auf Nachahmung beruhenden jüdischen Rassen-Nationalismus das Banner, der alten, unverfälschten urnationalen Offenbarungsreligion des sinaitischen Judentums furchtlos zu entfalten. Wir werden im neuen Jahre nichts unversucht lassen, um dieser Aufgabe noch vollkommener als bisher zu genügen. Neben den bisherigen Beilagen „Literarische Warte", „Aus Welt und Leben", „Blätter der Aguda's Jisroel" sollen durch eine neue periodisch erscheinende Beilage: Gola und Geulla Blätter der jüdischen Selbstbesinnung unter der ständigen Mitarbeit unseres bewährten Freundes Oberrabbiner Dr. Joseph Carlebach die ewigen jüdischen Werte in zeitnaher, an das Aktuelle anknüpfender Form dem alten und vor allem dem neuen Kreise suchender jüdischer Seelen nahegebracht, soll schmerzliches Erleben fruchtbar gestaltet werden für eine wahrhaft jüdische, das Leben meisternde Aktivität. Daneben wird manche Umgestaltung in Stoffanordnung und äußerer Gewandung die Stoßkraft der Ideen, denen wir dienen möchten, hoffentlich erhöhen und die Propaganda für den „Israelit" erleichtern. Um diese Propaganda bitten wir unsreLeser! Möchte jeder von ihnen es sich zur Pflicht machen, für den „Israelit" zu werben und ihm so viel neue Ab o n n e n - ten zuzuführen, daß mit dem Ende des heute beginnenden Jubiläumsjahres, die Sache, der wir dienen, berechtigten Anlaß haben wird, ein Jubelfest des Dankes und des Aufstieges zu feiern. Propagandamaterial steht jederzeit zu Diensten. Frankfurt a. M. Verlag des „Israelit" und Hermon G. m. b. H. le Palästina-Konferenz „Wer in Erez Jisroel wohnt, erbt die Ewigkeit"! Eine 'Ahnung dieses Wortes ging uns in diesen zwei Tagen auf, da wir auf Einladung der Palästina-Zentrale der „Agudas Jisroel" einer Tagung beiwohnten, die Erez Jisroel, dem „Heiligen Lande", diente. Wir wohnten für kurze Zeit geistig und seelisch in dem Lande unserer Gewißheit und wir vergaßen darüben den Tag mit seinen Nöten und Sorgen. Wir hoben uns über Zeit und Zeitlichkeit hinweg, ließen uns von einer Stimmung tragen, die, fern aller Ueberschwänglichkeit, aller Tagesbegeisterung uns den wahren ewigen Sinn der Dinge näher kommen ließ. Diese Zeilen, welche unter dem unmittelbaren Eindruck der Tagung niedergeschrieben werden, wollen in keiner Weise ein Bericht über den Ablauf der Tagung sein, der weiter unten folgt, sie wollen nur einiges von den Gedanken aussprechen, die uns bewegten. Es war keine Tagung für „Erez", es war eine echte rechte Erez Jisroel-Tagung, wo die „Söhne das Land der Väter" mit der Seele suchten, das Land der Väter im ursprünglichen und auch im engeren Sinne: Der alte Jischuw war es, zu dem hin Herz und Seele derer, die auch dem neuen Jischuw Diener sein wollen und sein werden, gelenkt wurden. Der alte Jischuw: Man hat ihn dem europäischen Bewußtsein, und wir alle fast sind ja dieses Bewußtseins voll, hinstellen wollen als etwas Träges und Totes auf der einen Seite, als etwas Wildes und Exzentrisches auf der anderen Seite. Jugend voll blindem Eifer, voll müder Resignation. — Und nun hat diese Tagung uns durch den Mund derer, die jetzt Wochen und Monate drüben weilten, durch Dir. Dr. Deutschländer und Dir. Dr. Elias, durch den Mund eines Moses Auerbach, der den alten Jischuw am nächsten und am treuesten kennt, wissen lassen, daß dieser alte Jischuw, dieser erste Jischuw, Kraft und Basis all dessen ist, was ein neuer Jischuw geleistet hat. Vor uns stehen die Träger des alten Jischuw auf, in dem Licht einer wahren, von keinem Haß verzerrten Beleuchtung. Wir haben es uns eindringlich sagen und tief in unsere Herzen dringen lassen, daß viel von dem, was die Welt für eine Leistung des neuen Jischuw hält, mit Blut und Schweiß und Pfennig des alten Jischuw errichtet wurde. Dies soll in keiner Weise, das sprachen alle Redner aus, die Leistung des neuen Jischuw verkleinern, es soll uns nur zu rechter Einstellung verhelfen, soll die Voreingenommenheit bannen, die leider auch bei den Besten von uns herrscht. „Die Söhne suchen das Land". Die Söhne, im engeren Sinn das Geschlecht der Werdenden vor allem, das war der zweite Eindruck, den diese Tagung brachte. Unsere Jugend, auch wenn sie, den anderen nachahmend, von „Erez" spricht, meint und will Erez Jisroel. Auch sie meint und will das Land dieser Väter, von dem wir oben sprachen. Sie will einen neuen Jischuw. Sie will den „dritten Jischuw", und wenn dieser dritte Jischuw zunächst auch nur ein Versprechen ist, wenn wir auch nicht im mindesten gewillt sind, ihnen Vorschuß-Lorbeeren zu geben, eines ist gewiß, die, welche diesen dritten Jischuw mit G'ttes Hilfe aufbauen möchten, stehen nicht in der kühlen Blasiertheit der Jungen den Alten gegenüber, sondern in dem heißen Wunsche, daß die Alten es verstehen und begreifen möchten, daß auch sie nichts anderes wollen, als ein Leben der Ganzheit und Heiligkeit auf dem Boden, der einst wieder Boden für G'ttesstätte werden soll. (Fortsetzung auf Seite 5.)