Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1933)
- Date
- 1933-12-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 52 Der Israelit 29. Dezember 1933 Korrespondenzen * ßacbricbten. Polen. Die Gemeindewahlen in Polen. Warschau, 13. Dez. Bei den in Ost- und West-Galizien vorgenoinmenen Eemeindewahlen haben die antisemitischen Parteien eine schwere Niederlage erlitten. Die Regierungspartei tonnte sich die überwiegende Mehrheit der Mandate sichern. Unter den Gewählten befinden sich auch 131 jüdische Gemeinde- Vertreter. In Lirakau wurden 40 Stadträte der Regierungspartei und 13 jüdische Stadträte gewählt. Ein Prozeß polnischer Jeschiwoth gegen die französische Negierung. Warschau, 5. Dez. Bekanntlich hat der in Frankreich verstorbene berühmte jüdische Gelehrte und erfolgreiche Bekämpfer der indischen Pest und der Lepra Professor Hasskins, ein frommer Jude, sein Vermögen in Höhe von einer halben Million Dollar zugunsten der Erhaltung der Jeschiwoth hauptsächlich in Diteiuopa hinterlassen. Die Verwaltung hatte laut Testament der Hilfsvecein der deutschen Juden inne. Nunmehr hat die französische Regierung die Sperrung der Hinterlassenschaft verfügt, so daß Unterstühungsgelder an die Jeschiwoth nicht mehr ausgezahlt werden können. Der Hilfsverein der Deutschen Juden und die polnischen Jeschiwoth haben das Pariser Büro des American Joint Distribution Committee bevollmächtigt, einen Prozeß gegen die französische Regierung auf Freigabe der Hinterlassenschaft anzustr'engen. Zehn bedeutende aus Deutschland emigrierte jüdische Advokaten haben d'.e juristische Sachberatung übernommen. Gebeine jüdischer Märtyrer in Polen geschändet. Warschau, 15. Dez. In dem Städtchen R a d z i m i n befindet sich der Sriedhof der jüdischen Märtyrer, die bei ■ tm Pogrom in der Warschauer Vorstadt Praga vor 150 ahren getötet und auf Befehl der russischen Regierung zu Hunderten nach Radzimin gebracht und dort aus einem dem dortigen Gutsbesitzer gehörigen Territorium bestattet worden sind. Der jetzige Inhaber hat nun das Territorium des Friedhofs zwecks Verkaufs parzelliert, die Gebeine der Märtyrer werden ausgegraben und die Skelette liegen in Hausen herum. Die jüdische Eemiende von Radzimin hat bei der zuständigen Behörde gegen diese Schändung der Gebeine jüdischer Märtyrer Beschwerde erhoben, ihr wurde aber geantwortet, daß von Amts wegen nichts gegen diese Handlung des Gutsbesitzers unternommen werden könne, da er als Eigentümer des Bodens auch über die Gräber verfügen könne. (ITA.) Der Agudavertreter beim Ministerpräsidenten. Warschau, 21. Dez. Am Freitag Mittag wurde der Deputierte der Aguda, Herr M i n z b e r g , vom Ministerpräsidenten I e n t s ch j e w i t s ch in Audienz empfangen. Herr Minzberg erstattete dem Chef der Regierung einen ausführlichen Bericht über die kritische Lage der jüdischen Bevölkerung und behandelte eine große Reihe von wichtigen Fragen, u. a. in Fragen der Schule und der Sonntagsruhe. Der Ministerpräsident nahm die Mitteilungen mit größtem Interesse entgegen. In Sachen der religiösen Schule versprach er, sofort die nötigen Instruktionen zu geben. Gegen die Verfolgung der Judentums in Sowjetrußland. — Petition an Präsident Roosevelt. Warschau, 22. .Dez. Die Warschauer jiddische Tageszeitung „Moment" meldet, das Hauptbüro. der Agudas Jisroel-Bew e g u n g habe beschlossen, eine Massenpetition an Präsident Roosevelt zu organisieren, in der der Präsident der Vereinigten Staaten gebeten werden soll, im Hinblick auf die vor kurzem vollzogene Anerkennung Sowjetrußlands durch dis Vereinigten Staaten seinen Einfluß bei der Sowjetregierung dahin gellend zu machen, daß die Verfolgung des Judentums in der Sowjetunion aufhöre. Das Blatt behauptet ferner, die Organisation der Agudas Jisroel in Polen habe bereits mit der Sammlung der Unterschriften für die Petition begonnen! eine agudistische Delegation habe auch den gegenwärtig in Polen weilenden Präsidenten der Jewish Agency und der Zionistischen Weltorganisation Dr. Nahum Sokolow ausgesucht. Sokolow habe die Petition unterzeichnet und versprochen, die Exekutive der Zionistischen Weltorganisation werde die Petikionsbewegung unterstützen. Bei Ueberpiüfung dieser Meldung des Warschauer Blattes erfahren wir, daß die Initiative zu dieser Aktion von Rabbi Schneersohn aus Lubawitsch ausgegangen ist, der die Absendung einer entsprechenden Eingabe an Präsident Roosevelt der agudistischen und der zionistischen Organisation gleichzeitig empfahl. Eine Fühlung zwischen der Aguda und Rahum Sokolow hat dabei nicht stattgefunden. Rumänien. Die rumänischen Parlamentswahlen. Bukarest, 22. Dez. Die Jüdische Reich.'partei Rumäniens, die im aufgelöste Puarlament mit fünf Abgeordneten vertreten war, konnte bei den eben durchgeführten Wahlen nur etwa 30 600 Stimmen auf sich vereinigen und bleibt somit im Parlament unvertreten. Nach den bisherigen Wahlergebnissen dürfte der neuen Kammer nur ein einziger jüdischer Abgeordneter, der in Czernowitz auf der Regierungsliste gewählte Fabrikant Michelsohn, angehören. (Neuere Nachrichten sprechen von 4 -jüdischen Deputierten und Senatoren. Red.) Von den ausgesprochenen antisemitischen Parteien haben' die Euzisten zehn und die vom ehemaligen Innenminister Octavian Goga geführte nationale Agrarpartei acht Mandate erlangt. Die Cuzisten haben im ganzen Land etwa 80 600 Stimmen erhalten. England. Aufruf englischer Airchenführer zugunsten der Emigranten. aus Deutschland. London, 12. Dez. Die Erzbischöfe von Canterbury, Port und Wales, sowie die Oberhäupter der freien Kirchen von England und Wales haben zugunsten der Emigranten aus Deutschland ci'ren vom Emigrantenkommissar James MacDonald warm unterstützten Aufruf erlassen, in dem darauf hingewieseu wird, daß das Emigrantenproblem allen Glaubensgemeiuschaften eine gemeinsame Verantwortung auserlegt. An die Angehörigen aller Bekenntnisse wird der Appell gerichtet, zur Linderung der insbesondere in Frankreich nach Einbruch des Winters unter den Emigranten' herrschenden Rot durch Beiträge und gemeinsame Arbeit mitzuhelfen und den in Rot geratenen Emigranten behilflich zu sein, eine neue Heimat und Erwerb zu finden. In allen Kirchen soll eine besondere Weihnachtssammlung für die jüdischen und die christlichen Emigranten jüdischer Abstammung durchgeführt werden. Palästina. Zu den Stadtratwahlen in Jerusalem. — Ein Schritt der Agudas Jisroel. Jerusalem, 14. Dez. lieber die Audienz der Vertreter der Agudas Jisroel bei der Regierung in Sachen der Wahlen ist noch folgendes zu berichten. Am Freitag besuchten die Herren Rabbiner Mosche Blau und Advokat Dr. B u ch s b a u m< den Gouverneur von Jerusalem, um ihn über einige Punkte des von der Agudas Jisroel eingereichten Memorandums in Sachen der Wahlen aufzuklären. In der Hauptsache schlugen sie die Bildung von Wahlbcz i r k e n vor, sodann sollten die Juden, die kollektiv in gemeinsamen Häusern wohnen, wie beispielsweise Kolel Ungarn, alle Wahlrecht haben, während sie bisher nur eine Stimme abgeben konnten. Im weiteren geht der Vorschlag, wie schon berichtet, dahin, das Amt des Bürgerin e i st e r s turnusmäßig für je fünf Jahre einem Juden, einen Mohammedaner und einem christlichen Araber zu übertragen. Der Gouverneur versprach, all diese Fragen und Anregungen einer genauen Prüfung zu unterziehen. Der vielerwartete Regen. ' - Jerusalem, 15. Dez. Das Ausbleiben des Regens im letzten Monat verursachte schwere Sorgen nicht allein den Fellachen, die in primitiver Weise ihren Boden bearbeiten und einzig auf den Regen angewiesen sind, sondern auch allen jüdischen Bauern und Pflanzern, die lange über die Zeit hinaus den Boden künstlich bewässern mußten, was mit vieler Mühe und Mehrkosten verbunden ist. In Tel-Awim war vom Nabbinat auch ein Fasttag angesetzt mit Gebeten, wie sie für diesen Anlaß üblich sind. Zur ungeheuren Freude der Bevölkerung bedeckte sich am Mittwoch der Himmel mit Wolken und der langersehnte Regen kam, erst langsam, dann stärker und stärker und hielt den ganzeil Tag an. Die See in Jaffa wurde infolge des Regens sehr stürmisch, die Verladung der Citrusfrüchte erlitt aber dadurch keine Störung. Die künftige Zusammensetzung des Stadtrates von Jerusalem. Jerusalem, 15. Dez. Einer Mitteilung der hebräischen Tageszeitung „Haarez" zufolge soll die Stadtverwaltung von Jerusalem künftighin aus drei Mohammedanern, sechs Juden und zwei Christen bestehell. Außerdem wird ein gemischter mohammedanisch-christlicher Wahlkreis gebildet, in dem die Stimmen der Juden ausschlaggebend dafür sein sollen, ob er durch einen mohammedanischen oder einen christlichen Stadtrat vertreten sein wird. Außer den 12 Vertretern der jüdischen, mohammedanischen und christlichen Bevölkerung sollen dem neuen Stadtrat noch ein bis zwei Repräsentanten der ständig in Jerusalem wohnenden Ausländer angehören. Der B ü r g e r m e i st e r p o st e n soll durch einen Engländer bekleioet werden. Neue Arbeitervorstadt bei Jerusalem. Jerusalem, 10.. Dez. Die Jerusalemer Gesellschaft zur Errichtung von Arbeitervierteln hat mit der Pakestine Land Development Co. einen Vertrag geschlossen, demzufolge der Gesellschaft ein Terrain zur Errichtung von zunächst 150 Häusern für ein Arbeiterwohnviertel zwischen der Mittelstandssiedlung Talpioth im-Südosten Jerusalems und der an der Straße nach Bethlehem gelegenen Siedlung Ramat Rachel überlasten wird. Jede Siedlerfamilie erhält ein Drittel Dunam zum Preise von 42 bis 50 Pfund gegen eine Anzahlung von 15 Pfund und Abzahlung des Restes in Monatsraten innerhalb von vier Jahren. Das in fünf bis sechs Zonen aüszubauende Gebiet ist an das Jerusalemer Wasserleilungs- und Stromnetz angeschlossen. Die mit verschiedenen finanziellen Körperschaften geführten Verhandlungen betreffend Einteilung von Baudalehen an die Siedler nehmen einen günstigen Verlauf. Maßnahmen gegen die Ueberfüllung des Aerzteberufs in Palästina. Jerusalem, 15. Dez. Zu den von der Palästina-Regierung geplanten Maßnahmen zUr Einschränkung der Lizenzerteilung an Aerzte, die vom Abgeordneten Colonel Wedgwood zum Gegenland einer Anfrage im englischen Unterhaus gemacht wurden, wird der Jüdischen Telegraphen-Agentur vom stellvertretenden Direktor des palästinensischen Gesundheitswesens, Harkneß, mitgteeilt, die Negierung erwäge eine 'olchr Maßnahme im Hinblick auf die Gefahr einer noch stärkeren Ueberfüllung des ärztlichen Berufes. Von den 1043 Aerzten, die es Ende 1932 in Palästina gab, waren 882 Juden. Bis zu in 30. November dieses Jahres war die Zahl der Aerzte, Zahnärzte und Pharmazeuten auf 1566 gestiegen. Die im Jahre 1933 erteilten Lizenzen ür ärztliche Praris betrafen in der Hauptsache deutschjüdische Einwanderer. Afar Saba. Jerusalem, 14. Dez. Ueber die Streitigkeiten und Plänkeleien in K f a r Saba haben wir bereits berichtet. Die Lage hat sich seitdem kaum gebessert. Der Waad Leumi schickte eine U n t e r s u ch u n g s k o mm i s s i o n in die Kolonie: was sie untersucht und unternommen hat, weiß man nicht. So viel ist nur bekannt, daß. der Vorwurf gegen die Bauern von Kfar Saba, sie unterstützten die arabische Arbeit gegen die jüdischen Interessen, nicht zutrisft und daß die ganze Schuld jene Arbeiter der Hlstadruth