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Der Israelit · 1933-12-29 · Heft 52 (29.12.1933) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 52 (29.12.1933)
Date
1933-12-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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dieser die deutschen Juden schwer kränkenden Behauptung ausgegangen ist. Schon rein logisch betrachtet, ist der Gedanke nicht recht vollziehbar, das; i r g e n d e i n c Rass e als Kaffe einer anderen Menschengruppe überhaupt in feindlicherGesinnung gegenüberstehen soll. Rasseneigentümlichkeiten müssen angeboren sein und dem Blute rnhärieren. Cs ist nicht denkbar, daß zu diesen angeborenen Eigenschaften eines Menschen oder einer Alenschengruppe -übechaupt die feindliche Einstellung gegenüber einer anderen Menschcngruppe gehört, deren Angehörige j-a die Individuen der betreffenden Rasse erst im Lause ihres Lebens unter den verschiedensten geschichtlichen Konstellationen und in tausendfältiger Abwandlung der persönlichen Erfahrung kennen lernten. Wollte das Gericht aber mit seiner Begründung sagen, das; zwar nicht die jüdische Rasse, wohl aber die erwachsenen, durch das Leben b e r eits geformten Juden Deutschlands zufällig samt und sonders oder auch nur dein Durchschnitt nach dem deutschen Volke feindlich gesinnt seien, so würde eine solche Behauptung zweifellos im Widerspruch stehen zu den in den letzten Monaten wiederholt von den höchsten Regiernngöinstanzen verkündeten Grnnd-- sätzcn, die eine Diffamierung oder Minderbewertung der in Deutschland als fremd betrachteten Rassen, auch der Juden, untersagt. Wo aber gäbe es eine schlimmere Diffamierung der deutschen Juden, die seit Jahrtausenden auf deutschem Boden wohnen, mit der deutschen Kultur und dem deutschen Volke aufs innigste verknüpft sind — von ihren L.e i ft u n g e n für diese Kultur und ihren B l u t o p f e r n für das Vaterland ganz zu schweigen — als die erstaunliche Behauptung eines immanenten Feindschaftsverhältnisses zu eben dem Volke, als dessen 'Angehörige sich die deutschen Juden allezeit mit Fug und Recht betrachten durften! Wir möchten glauben, das; es nicht aussichtslos wäre, das Kölner Gericht selbst von der unglücklichen Fassung seiner Begründung zu überzeugen und im Interesse der Ehre der deutschen Juden eine Richtigstellung herbeizuführen. „Ordnung in der Jndensrage." vom Buche des österreichischen Ministers a. D. Dr. Cmmerich Czermak war an dieser Steile bereits im Zusammenhänge mit der Bewertung gewisser Aeußerungen auf der wiener Tagung der „Katholischen Aktion" die Rede. Hier noch ein Wort über Czermak selbst und die von ihm angestrebte „Ordnung in der Iudenfrage". Dr. Czermak bläst nicht schlechthin ins bekannte antisemitische Horn. Cr erklärt, es sei ihm um eine „möglichst gute und ordentliche" Lösung zu tun; den, nicht immer mit hygienischer Begründung, aber stets mit hygienischer Wirkung. So werden kurz' die Speisegesetze, die Mäßigkeit, die Reinlichkeit, der Schutz gegen Infektionen (bes. gegen Aussatz), der Säuglings- Ichutz und die Beschneidung erwähnt. Alle diese längst bekannten und gewürdigten Maßregeln betreffen das. was wir heute als persönliche und als soziale Hygiene betreiben. Weniger gewürdigt wurden bislang die in das heute Eugenik genannte Gebiet gehörigen Vorschriften, die zum Ziele oder doch zur Wirkung hatten, die Fortpflanzung der wertvollen und gesunden Familien zu begünstigen, diejenige der unerwünschten Elemente zu erschweren. Redner stellt zusammen, was über Eheleben gefordert wird. Reben dem Verbot der Prostitution und jeglicher Art von Perversitäten steht die in früheren „normalen" Zeiten geradezu sebstverständliche Frühehe mit dem Gebot des „Seid fruchtbar und mehret Euch!" Jene Verbote wuden zu einer Zeit schon erlassen, da ringsumher zügellose sexuelle Freiheit herrschte; man denke an die Geschwisterehe in Aegypten und die in Hellas und Rom nicht verpönten Ausschweifungen jeder Art. Die Einschränkung des ehelichen Verkehrs auf etwa 20 erlaubte Tage im Monat gewährte Schonung dem Körper der Frau, der schriftlich zu fixierende Ehevertrag und die bei der Scheidung gebotenen Formen Schutz ihrer materiellen Existenz. Verboten waren Ehen mit taubstummen und unzurechnungsfähigen Personen, da zu diesen alle Schwachsinnigen gehören, wurde im Prinzip erreicht, was man heute mit der Sterilisierung der Idioten anfirebi. die Verhütung ihrer Fortpflanzung. Für die Ausschaltung der ethisch Minderwertige sorgten die Eheverbote für Ehebrecherinnen und deren Nachkommen sowie überhaupt mit einem Mamser, d. h. einem Nachkommen aus verbotener Ehe sowie mit einem Schetnki, d. h. dem unehelichen Kind eines unbekannten Vaters. kes ihren Teil beigetragen haben zu dem Reichtum - und zur Fülle auf allen Gebieten kultureller Leistungen und wirtschaftlichen Aufschwunges." Dr. Czer!- mak stellt an einer Stelle die Juden sogar als leuchtendes Beispiel dahin, da, wo er ihrer Eignung, „sich für alle für die Menschheit wichtigen Belange zu erwärmen, sich diesen hinzugeben und dafür Opfer zu bringen", gedenkt. Und dennoch ist das Buch eine A b r c ch n u n g mit dem Judentum —mit dem l i b c r a I e n , emanzipierten Jude,n t u m der Assi in i 1 a t i o n. von der nationaljüdischen Bewegung und den zionistischen Bestrebungen spricht er mit Wohlwollen. Dr. Czermak gibt zu, das; die Juden von Ratur aus dem Konservativismus zuneigen, und er konstatiert ihre loyale staatsbürgerliche Gesinnung in der Vergangenheit. Indes, feil der Aufklärung und besonders infolge des Durchgreifens des Individualismus und Liberalismus habe sich vieles geänder. „Dem emanzipierten Judentum" —- so heisst cs wörtlich in dem erwähnten Buche — „war cs Vorbehalten, mit großer Kühnheit und unzweifelhaftem Geschick in die christliche Ideenwelt einzudringen." Die Asstmiliernng sei jedoch inifstnngen und für beide Teile von bösen Folgen begleitet. Daß zwischen Assimilation und Rationalismus ein Judentum der Thora als Träger der jüdischen Vergangenheit, einschließlich der alten jüdischen Reigung zum Konservativismus auch im Sinne der Staats- Reue, steht, scheint der frühere Herr Minister nicht zu wissen. Auch das entgeht ihm, daß selbst der jüdisch-religiöse Liberalismus, dessen Verteidigung wir gewiß nicht übernehmen wollen, wenig mit p o - litt schein Liberalismus zu tun hatte und sogar im krassesten Gegensätze zum Kommunismus und Bolschewisnms stand. Die wenigen, die aus den jüdisch-liberalen Reihen in den politischen Radikalismus abgesplittert sind, glaubten sich durch ihre Behandlung abseits und auf die linke Seite geschoben. Diese zur Begründung einer Ausnahmestellung der Juden zu verwenden, hieße doch eine w i r - k u 11 g als Ursache nehnien. Was verlangt Tzermak?, wie denkt er sich die Ordnung in der Iudenfrage? Die Juden sollen sich zwar einerseits vollkommen zu dem Staate bekennen, dem sie augenblicklich angehören, jedoch anderseits mit einem „ b e s o n - Zum Schluß würbe die Stellung des Judentums gue gewollten Beschränkung der Kinderzahl erörtert. Wichtiger als alle modernen Versuche durch steuerliche Belastung Kinderlose und Kinderarme zu treffen oder durch materielle Vorteile die Kinderreichen zu lohnen, sei eine Aenderung der Gesinnung, eine Umformung der seelischen Einstellung zu Familie und Kind. Einen Beweis für die Richtigkeit dieser Ansicht erblickt Dr. Ezellitzer in dem Kinderreichtum des neuen Palästina auch bei den Schichten, die aus der westlichen,Kultur mit ihrem egoistischen Individualismus und der westlichen Scheu vor großer Kinderstube herkommend eingewanderl sind. An den Vortrag schloß sich eine sehr ausgedehnte Diskussion an. ( Hprochverhällnß'je der jüdischen Bevölkerung Wilnas.) Das soeben erschienene statistische Jahrbuch der Stadt Wilna enthält bemerkenswerte Angaben über die Sprachverhältnisfe der jüdischen Bevölkerung ihrer Stadt. Nach der Volkszählung des Jahres 1931 hat Wilna 193.000 Einwohner, davon 55.000 Juden (23f< Proz. der Gesamtbevölkerung). Von den 55.000 Juden haben 88 Proz. Jiddisch als ihre Muttersprache angegeben, 11 Proz. Hebräisch und nur 0,9 Proz. eine nichtjüdische Sprache. Von den übrigen Nationalitäten haben 127.000 Polnisch, 7000 Russisch, 1500 Litauisch, 1500 Weitzrussisch, 500 Deutsch und 200 Karaitisch als Muttersprache angegeben. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton s. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. 58.: S. Sch ach» nowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag oes Israelit und Hermon G: m. b. H., Frankfurt a. SB. — Druck Hermon Druckerei, Frankfurt a. SB. men, das oie wirtschaftliche und soziale Ciiigliede-- rung der Juden in das Wirtsvolk so regelt, „daß möglichst wenig Anlaß und Gelegenheit zu Haßkonstikten übrigbieibt." „Sie, die Juden, werden uns in Hinkunft an einigen Belangen nnier uns iassen müssen", betont Dr. Czermak, und er führt dabei die w i r t s ch a s t i i ch e n Fragen und die n a - 1 i o u a 1 e i.. u 1 t u r an. Cr legt ihnen übrigens sogar nahe, sich von der „Illusion der Gleichschaltung mit den Deutschen" sreizumachen. Die „Reue Freie presse" erinnert Dr. Czermak, der selbst ■ ein Sudciendeuts ch e r ist, an die Rolle, welche gerade die Juden in den naiionaien Kämpfen seiner Heimat gespielt haben, ganz abgesehen von all ihren anderen Leistungen im Dienste der deutschen Volksgemeinschaft. Entschließt man sich so leichten Herzens, die Gleichberechtigung einem Bevölkerungsieile abzusprechen und ihm dafür das Gnadenbrot des Riinderheitsrechtes zu offeric.dn, so könnte das, was heute gegen die einen gerichtet ist, morgen schon gegen die anderen ins Tressen geführt werden. Rur a u f d e m F u n d a m e nieder <351 e i chb e r e ch t i g u n g wird es auch für Oesterreich möglich sein, eventuelle Alängel der Rebergangszeiten zu überwinden und „Ordnung in der Iudenfrage" zu schaffen. Landwirtschaftliche Ansiedlung von Juden in Übersee. Auf der in London vor kurzem abgehaltenen Generalversammlung der I e w i s h L o l o n i s a - t i o n Associatio n (ILA) hielt deren Präsident, Sir Leonard Cohen, eine Ansprache, in der er die Ergebnisse der bisherigen Kolonifalionsarbeit der IC2l, insbesondere in den überseeischen Ländern, schilderte und auf die Möglichkeiten weiterer Entwicklung der jüdischen landwirtschaftlichen Siedlung hinwies. Sir Leonard Cohen stellte fest, daß die Länder, aus denen Juden auswandern, schwer von der Wirtschaftskrise betroffen sind, daß dieser aber auch jene Länder zum Opfer fielen, in denen die Auswanderer eine neue Heimat zu finden hoffen. Die Verhältnisse hätten sich so gestaltet, daß zahlreiche Juden auch heute wieder wie in vergangenen Zeiten auf der Suche nach Arbeit und Brot zum Wanderstab greifen müssen. Ein Bericht über die Tätigkeit der IC2i würde einem Reberblick über sämtliche Maßnahmen gleichkommen, die zur Lösung des gegenwärtigen Problems getroffen wurden. Die Hauparbeit der Organisation betraf die Siedlungsarbeit, der es zu verdanken sei, daß so manches Opfer der Entwicklung zum unabhängigen Landwirt gemacht wurde. Klan denke nur an die 550C jüdischen Familien, die in den argentinischen Siedlungen der IC2l leben und trotz allen Schwierigkeiten der Krise standhalten, im Boden Wurzel gefaßt haben. Die Gesellschaft habe seit dem Beginn ihrer Kolonisationstätigkeit viele Crfahrungen auf diesem Gebiete gewonnen und wisse daher die Rotwendigkeit sorgfältig vorbereiteter Arbeit zu würdigen. Die IC2l bat in 2l r g e n t i n i e n insgesamt 1.525.815 Acres, davon im letzten Jahr 59.! 85 Acres, erworben. Das gesamte Gebiet werde mit der Zeit Cigcntnm der jüdischen Siedler werden (heute seien schon 557.566 2lcres im Privateigentum); mit Genugtuung könne auch festgestellt werden, daß eine Bodenreserve von nicht weniger als 554.729 Acres vorhanden fei, die die Anstcdlung von taufenden Cmigrantenfamilien ermögliche. Cs bestehe kein Grund zu Skepsis, was die Zukunft betreffe, wenn man sehe, wie die argentinischen Kolonien der Weltkrise widerstanden haben. Auch die palästinensischen 29. Dezember 1933 Der Israeli! Nr. 52 Seite 3 er verlangt Gerechtigkeit und Billigkeit für beide Telle, Ausschaltung allen Hasses und gesunde Lebensbcdingungen für beide Völker, für die Deutschen und die Juden. Cr hebt ausdrücklich hervor: „Wir begegnen dem jüdischen Volk und seiner nationalen Religion gerne mit voller Achtung, wir wollen sie geschützt sehen." — „Auch wir Deutsche haben keine Ursache, zu leugnen, daß die seit Jahrhunderten unter uns wohnenden Söhne des jüdischen voll1 hurDIÄlQN-ßüder d e r c n m i n d e r b e i t e n r e ch t " vorlieb neh-

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