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Der Israelit · 1933-12-21 · Heft 51 (21.12.1933) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 51 (21.12.1933)
Date
1933-12-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 51 Der Israelit 21. Dezember 1933 Literarische Warte. Bilanz der Emanzipation. Zwei Buchbesprechungen. Von Rabbiner Dr. Alexander Allmann in Berlin. Die gegenwärtige Lage drängt nach einer festen geistigen Zielsetzung. Alle positiven Gruppen betonen ihre Klarheit darüber, daß der neue weg nur ein j ü - bischer sein dürfe. Aber worin besteht das Signum des „jüdischen"? Die Verworrenheit unserer Situation offenbart sich darin, daß der Legriff „jüdisch" zum Gegenstand durchaus fragwürdiger Exegesen gemacht wird. Ist „jüdisch" ein nationaler, ein kultureller oder ein religiös-normativer Begriff? Diese Problematik ist das Ergebnis einer Epoche, der Cmanzipationszeit, die das feste Lebensgefüge des Juden, fein selbstverständliches Eingebettetsein in die jüdische Daseinsordnung, ausgehoben hat. Gewiß ist diese Epoche, soweit sie die äußere Emanzipation betrifft, für uns Juden in Deutschland erledigt. Die politische Emanzipation, die geknüpft war an den liberalen Staat, hat ausgehört, eine Wirklichkeit zu sein. Wan glaube aber nicht, daß mit diesem großen Aufräumen auch die innere Problematik, die mit der Emanzipation aufgebrochen ist und an die Stelle der früheren Geltungen die fundamenale Fragestellung nach Sinn, Wert und Legitimation gestellt hat, mit aufgeräumt sei. Im Gegenteil, die echte Problematik beginnt erst. Geistige Vorgänge lassen sich nicht ungeschehen machen. Das Ringen um die zukünftige Gestaltung der jüdischen Existenz tritt eigentlich erst jetzt in ihr wesenhaftes Stadium. Um so dringender ist es, Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen, sondern die Probleme auf der Ebene zu behandeln, bis zu der sie im Grunde bereits vorgetrieben sind. Der neue Stand d^r Fragen wird sich also erstens aus einer intensiven Durcharbeitung der bisherigen Denkleistungen von Mendelssohn bis auf unsere Tage ergeben. Cr wird aber zweitens das existenziale Moment der seelischen Erschütterung nicht ausschalten dürfen, das den gewiß zeitlosen Fragen nicht nur eine neue Dynamik, sondern auch einen neuen Sinn zu geben vermag. Das Buch von Max W i e -- n e r,*) das geschrieben ist noch vor dem Cinbrechen der neuen Wirklichkeit, darf den Wert für sich beanspruchen, zur objektiven Klärung der heutigen Problemstellung entscheidend beizutragen. Wiener stellt in ausgezeichneter Klarheit die Entwicklung der in der Emanzipationsepoche geschehenen Bemühungen um den Begriff der jüdischm Religion dar. Cr unternimmt es, „zu beschreiben, wie sich von innen her, von seinem Religionsleben aus der jüdische Geist gesehett hat." (S. 24.) In vier großen Längsschnitten (Religionsgesetz und Lebensform, Philosophie und Weltanschauung, die religiöse Idee in der Wissenschaft vom Judentum, Judentum als Stimmung) wird kritisch das überaus reiche Material gesichtet. Die Motive der Reformbewegung werden schonungslos in ihrer Durchfetztheit von pMisch-üMitaristischen Triebfedern aufgeweckt. (vgl. u. a. S. 104.) Gewiß steht Wiener durchaus auf dem Standpunkt des Liberalismus. Aber es ist bezeichnend für die Verlagerung der Interessenschwerpunkte des heutigen Liberalismus, daß die Träger der Orthodoxie (die alten Rabbinen sowie S. R. Hirsch und Luzzatto) stärkste Beachtung und eine vom existenzialen Gesichtspunkt her gesehene wertvolle Auseinandersetzung erfahren. Es tritt überhaupt, durch die Analysen des Buches angeregt, dasjenige an den Gestalten hervor, was man in der heutigen Philosophie und Theologie als das existenziale Denken bezeichnet. Es ist nicht allein das logische Denkgesetz, das den einzelnen Systementwürfen immanent ist, auch nicht die materiale Verschiedenheit ihrer Denkgegebenheiten, sondern im Grunde doch die verschiedene menschliche Haltung zu Schicksal, Erbe und Umwelt. Geiger steht dem Judentum existenzial anders gegenüber als S. R. Hirsch (vgl. S. 50, 52, 77.) Aber auch die Reformer können an der Wucht der halachischen Wirklichkeit nicht vorbei. D i e a l t e ) ü d i s ch e *) Judentum im Zeitalter der Emanzipation. Von Max Wiener. Berlin 193 3. Philo Verlag. Lebensform erweist s i ch s e l b st in i) e destruktivsten Cpoch e a l s ei n Fermen d e r K o m Position. Hirschö Rettung dieses' „unerweichten" Begriffs vom Judentum bedeutet so — zumal für die Problematik unseres heutigen Reuauf- -baus — die fundamentalste Lei stu n g d e r C m m a n z i p a t i o n s e p o ch e. Gewiß ist auch Hirsch in der Struktur seines Denkens von der Aufklärung mitbestimmt, er hat aber, das tritt bei Wiener nicht klar genug hervor, in einer im Grunde geuommen sehr modernen Haltung drei Elemente theologischer Besinnung herausgestellt, die sich heute immer stärker durchzusetzen scheinen. Wir möchten sie bezeichttcn als die W e n d e z u m O b j e k t, z u m S i n n u n d zur Gestalt. Mehr soll an dieser Stelle nicht gesagt weyden. Rur an eines sei erinnert: Im lö. Kap. seiner „Reunzehn Briefe" spricht Hirsch die Gewißheit aus: „Cs wird anders werden in Iisroel; dazu führt unabweisbar unsere Zeit." Dieses Kommende werde heißen: sich selbst begreifendes Judentum, vielleicht werde diese Wirklichkeit erst da sein in der Generation der Enkel, vielleicht erst der Urenkel. Aber sie werde kommen. — Hirschs Worte haben sich als wahrhaft prophetisch erwiesen. Die Generation der Urenkel, das sind wir. Und wenn es auch einer Erschütterung von außen her bedurfte, die Tendenz unserer Generation geht darauf aus, die Gestalt des Judentums a u s i h r e r inneren Sinnhaftigkeit heraus zu begcetf e n. An die Stelle eines dualistischen Humanismus tritt die Sehnsucht nach einem, jüdischer Wurzel rein und klar entsteigenden hebräischen H u m a n i sm ü s. Freilich bedarf das ungestüme Drängen, das leicht wieder in extreme, Radikalismen umschlägt, noch einer Zucht und Bändigung, von jüdischer Totalität im Sinne eines biblisch-talmudischen Humanismus sind wir noch ein Stück entfernt. Dafür diene die Ideologie der neuen Schrift von I o a ch i m p r i n z *) als Beweis. Prinz' Luch ist in seinem Auszeigen der Emanzipationsgebreste durchaus getragen von einem gefühlten positiven. Feine wahrhaft erschütternde Schilderung des jüdischen Riedergangs bisher entspringt nicht der bloß negativen Verzweiflung am Bisherigen. Cr glaubt einen Weg in die Zukunft zu spüren. Cr glaubt an eine konstruktive Lösungsmöglichkeit der Iudenfrage: den Zionismus. „Weil wir ein Volk sind — wächst überall der Haß gegen uns, überall wo wir — verstreut unter andere Völker — leben." (0. 156.) Prinz' jüdische Haltung hat also in der neuen Geschichtsosfenbarung unserer Tage eine Betätigung seiner schon vorher zionistischen Theorie erfahren. Ob er aber damit eine echte aktuelle Offenbarung empfangen bat, möchten wir bezweifeln. Der sakrale Charakter schicksalhaft jüdischen Daseins wird von ihm nicht genügend gesehen. So werden auch seine sicherlich bestens gemeinten pädagogischen Bemühungen, die biblischen Gestalten dem heutigen Menschen erlebbar zu machen, ihr Ziel verfehlen. Denn es wird hier an der eigentlich religiösen Subtanz zu Gunsten eines bloß nationalen Kolorits vorbeigesehen. Auch ästhetisch ist manches gegen die biblische Gestaltenzeichnnng einzuwenden. Das Wertvolle des Luches jedoch besteht in seinem kritischen Ausweis. Dem entwurzelten Juden wird mit glänzender Rhetorik ein Register seiner Sünden vorgehalten. Für diese Leistung gebührt ihm Dank. Auch für seine bewußte Hinwendung auf das Problem der jüdischen Zukunft. Wir bestreiten aber, daß wir nur ein Volk sind, wenn wir auch zunächst erst einmal Volk sind. Wir bestreiten ferner, daß „die Orthodoxie als unmögliche religiöse Lebensform" zu gelten habe, und die Jugend, wenn sie einen Weg zur Religion suche, den Weg der freien Religiosität gehen werde. Prinz sieht hier nicht d i e j ü d i s ch e Wirklichkeit, wie stein den Besten unsererjüdischenIngenü,vorallemauch in Erez Israel, lebt. Eine stärkere Sicht der jüdischen Realität und der jüdischen Metaphysik wird hoffentlich Prinz einmal dazu führen, die Werbekraft 'eines Wortes in den Dienst des totalen Judentums zu stellen. *) W i r Juden. Von Joachim Prinz. Berlin 1 9 3 4. Erich Reiß. Bücherbesprechungen. .fD’2Xni<n py~ 21 M12I700U 2X7 J1XI3 ,P22l>N VT XTW DasResponsenwerk Rabbi Nussenbaums zeichnet sich durch eine ganz besondere Beschlagenheit in der talmubischen Literatur wie auch durch außergewöhnlichen Scharfsinn aus, das gerade im Pilpul dem Kenner einen Genuß bietet und nicht zuletzt für die -mim von nicht geringem Wert ist. Eine Fundgrube für nism hiermit. Wir weisen u. a. auf die Frage des znp iv in mm mao hin, bei welchem das n dem o ähnelt. Auch das brennende Problem der wns findet reichen Beitrag durch ausführliche Behandlung. Eine der mt-rw, die den Ausführungen zu Grunde liegen, fei hier in Kürze angegeben. Zwei Zeugen haben getrennt und von zwei verschiedenen Kriegsteilnehmern gehört, daß der betreffende Mann nach dem Gefecht schwer verwundet gewesen sei, und von einem Dritten will der eine gehört haben, daß er mit einem Bauchschuß bewußtlos im Spital lag und von den Aerzten aufgegeben war. Von der Heeresleitung kam der Bericht „schwer verwundet und vermißt". Die Frau eines Mitkämpfers erhielt von diesem die Nachricht, er habe den Betreffenden im Spital schwer verwundet gesehen und gehört, daß er nach drei Tagen verstarb. Allgemein wurde von seinem Tod gesprochen. Zwischen dem Mann und der Frau war niemals Streit. Darf die Frau wieder eine Ehe eingehen? Dem über 300 Folioseiten starken Responsenwerk geht ein viii betitelt vm kiV'r voraus. Das Werk ist durch den Verfasser Rubin Wolf Nussenbaum, Drohobycz (Polen) zu beziehen. S. i>'t ß'aain 'ivi»- Bon Simon Schreiber, Oberrabbiner in E g e r (Ungarn). Verlags K. Z. Zobel, Budapest. Eine glänzende Idee, die Morallehren des Maimonides aus seinem Lebenswerk nprnn t> yerauszuschälen und in einem handlichen Büchlein als klassische Mussarlektüre der Jugend zu reichen. Es ist eine gute Ausgabe, die man bestens empfehlen kann. Jahre der Entscheidung. Er st er Teil: Deutschland und die weltgeschichtliche Entwicklung. Von Oswald Spengler. München 1 933. Eh. Beck. Es ist eine merkwürdige Mischung von Schicksalsbewußtsein und politischer Aktivität, die in diesem neuesten Werke Spenglers nach Ausdruck ringt. Einerseits ganz in der Ueberzeugung wurzelnd, daß „im Zwange der Welt die Normen weben und nichts wenden noch wandeln können," andererseits von einem bis zum Aeußersten gesteigerten Missionsbewußtsein für Deutschland, insbesondere aber für den Geist des Preußentums, beseelt, schildert Spengler in ästhetisch reizvoller, oft erschütternder Art und Weise die nach seiner Ansicht vielleicht unmittelbar bevorstehende Notwendigkeit eines zweiten Weltkrieges mit unbekannter Verteilung der Nächte und nicht vorauszusehenden militärischen, wirtchastlichen, revolutionären Mitteln und Zielen. Er erilickt diese Konstellation als ein Ergebnis der im Keime chon vom Zeitalter der Gracchen in Rom aus sich entastenden „weißen Weltreoolution", d. Hader Empörung der demokratischen Massen gegen den Geistesadel und das innerlich notwendige Führertum und der nun bevorstehenden „farbigen Weltrevolution", d. h. der Erhebung Asiens (Indiens und Chinas), sowie der Indianer und - Neger mit ihrer überlegenen Fruchtbarkeit gegen die überreifen, dem Untergang zuneigenden Kulturvölker. Der G'ttesgedanke spielt bei Spengler keine Rolle. Es ist ein durchaus entgöttertes, dem Spiel des Naturgeschehens preisgegebenes Weltall, dem er .mit seinen düsternen Prophezeiungen das Horoskop stellt. Dabei ehlt es nicht an einer Fülle von rein subjektiven Einöllen und Konstruktionen ohne alle historischen und politischen Unterlagen, die aber in einem solchen ToNe der Ueberlegenheit gegeben werden, daß man glaubt, unumstößliche Wahrheiten zu hören. Es ist jedenfalls ein ästhetischer Genuß, das Buch zu studieren, wenn auch der vorsichtige, an wissenschaftliche Kritik gewöhnte Leser es ebenso entschieden ablehnen wird, wie der gläubige, aus den Quellen der Bibel gespeiste Mensch. . St. Nationalismus und Imperialismus im vorderen Orient. Von Hans Kohn, Frankfurt a. M. 1931. Societäts-Verlag. Das Buch ist zwar schon zwei Jahre alt, hat aber durch die Entwicklung der Dinge im Orient und insbesondere durch Ereignisse der ullerjüngsten Vergangenheit eine so starke Aktualität erlangt, daß es angemessen erscheint, gerade an dieser Stelle auf es hinzuweisen. Wer ein auf geschichtliche Tatsachen gegründetes Verständnis gewinnen will für den großen Kampf des Arabertums in Palästina mit dem englischen Imperialismus, für die Konflikte, die sich an das Auftreten des französischen Mandatars im benachbarten Syrien knüpfen, für die Aussichten, die der Irak und Transjordanien vielleicht in kommenden Jahrzehnten der jüdichen Siedlung, von Palästina aus bieten, der kann zu keiner besseren Quelle greifen als zu Kohns prächtigem Buche. In zehn Kapiteln entrollt es die gesamte Problematik des vorderen Orients, schildert uns seine Geschichte, die Entwicklung des Vevölkerungsaufbaus nach Ständen und Klassen, im allgemeinen und dann die Besonderheit

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