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Der Israelit · 1933-12-21 · Heft 51 (21.12.1933) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 51 (21.12.1933)
Date
1933-12-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Rahabs Lied. ' Von Sanon. „Aber, weißt Du, Bruder Töpfermeister," sagte der Zimmermann, „am Ende sind das dieselben Menschen, vor denen jetzt die guten Mitbürger unseres ehrbüren Begleiters zittern. Ja, freilich, mein lieber Mann, da habt ihr allen Grund, recht vorsichtig, zu sein. Aber übrigens, ich finde, daß der Weg zur Herberge dieser liabab ziemlich weit ist. Ich bin müde, sind wir nicht bald da?" „Gleich, gleich. Ihr seht ja schon unsere starke Mauer, an der sich ja wohl die Bezwinger Mizrajims die Zähne ausbrcchcn werden. Ganz dicht äN die Mauer ist die Herberge angebaut. Ihr werdet scheiß ein langes, langes Haus mit mächtigen Höfen." Sie waren angckommen. Wahrend der reichlich belohnte Begleiter in die nächste Schenke eilte, um dort feine Neuigkeiten loszuwerden, und in grenzenlosen Uebertreibüngen von der Macht der Bezwinger Mizrajims erzählte, so daß die gesamten Zuhörer erbebten, als ihnen der Bramarbas andeutete, das seien die Gegner Molochs, wurden die Fremden von Rahab empfangen. Sie waren nur ungerne eingekehrt. -Denn überall, in der geräumigen Diele sahen sie kleine Statuen der Astaroth, die ihr Auge und ihr Schamgefühl verletzten. Aber schon trat ihnen Rahab entgegen. Sie war noch nicht lange von, dem Umzug heimgekehrt, in langem, wallendem, weißen Gewände aus ägyptischem Linnen. Sie erwartete den Besuch Anoks. Kaum hatte sie ihre Gäste -erblickt, da ging ein Leuchten über ihr Antlitz. . . „Ach, Ihr seid es." . „Du kennst uns," fragten pinchas und Kaleb erstaunt und sichtlich erregt. „Nicht wer Ihr seid, aber wie Ihr seid. Ich beobachtete, wie Ihr Euch des Lindes angenommen habt. Ihr seid gute Menschen, ich begrüße Luch in meinem Hause, was kann ich Euch bieten?" „Nichts, als ein' stilles Gemach. Wir sind müde Wanderer. Aber' wir möchten einen ganz einfachen Raum ohne jeden Schmuck." „Ganz, wie Ihr wollt. Aber es ist übrigens in jedem Zimmer Platz, daß Ihr (Eure G'ttheit ausstellen könnt. Welche wollt Ihr? Ich'habe einen ziemlichen Vorrat aus sehr vielen Ländern, da sehr viele Gäste zu mir kommen, wir sind gastfreundlich hier 'in Jericho." ' , „Wir danken. Von der Macht, die wir verehren, gibt es kein Bild." „Lein Bild? Ja, wie betet Ihr denn? Was verehrt Ihr?" „Den Schöpfer von Himmel und Erde." „Und kennt feine Gestalt nicht?" „Nein."' „Und Wein habe ich von den Hängen des Karmel". „Auch davon wollen wir nichts. Cure Stadt ist ja berühmt wegen des guten Wassers. Davon sende uns in unser- Gemach." „So kommt, ich will Luch meine Räume zeigen." Rahab führte ihre Gäste in einen großen Hof, in den eine große Anzahl von Türen mündete. Sie -schloß einige auf. Sie waren alle prunkvoll eingerichtet, aber auch hier allüberall die Hinweise auf den Kultus der Astaroth. pinchas und Kaleb winkten ab. * „Führe uns weiter." Vom Hofe aus führte eine Treppe auf einen gedeckten Holzgang, der gleichfalls in eine Zimmerflucht führte. 2lber auch hier fanden die eigenarti- . gen Gäste nichts paffendes für sich. Rahab wurde etwas ungeduldig. „Ach, Ihr seid wohl arme Menschen. Nun, ich habe noch einige kleine Lämmern unter dem Dach. Ls ist aber nicht besonders gut wohnen dort, denn auf dem Dach lagern viel Reifer und Flächsftengel zum Trocknen. Das knistert die ganze Nacht. Ihr könntet gestört werden. Auch gehen die Fensteröffnungen direkt zur Mauer. Und'manche böse Fliege aus den Riederungen des unfernen Jordan könnte da zu Luch den weg finden." Da rief eine Stimme aus dem Hof: „Rahab, hoher Besuch kommt. Anok, der große Oberpriester, schreitet auf das Haus zu." Rahab erbleichte. . „Ich komme schon. Schnell, ich zeige Luch die Kammer. Zürnet nicht, wenn das. Mahl etwas später kommt. Vielleicht bringe ich es Luch selbst." Vll. Kaum war Rahab in ihr unteres Geschoß gelangt, da sah sic 2lnok, wie er einem Sklaven herrisch befahl, des edlen Rosses zu warten. Zitternd erwartete ihn' Rahab im vorramn. Sie hatte ihm, eilt vorzügliches Mahl vorbereitet. „Ich begrüße Dich, Anok, im Hause der Astüroth. Das ist hohe Ehre." „Ich begrüße Rahab im Namen des Moloch. Komm, wir wollen von seiiren wünschen sprechen." „Geruhe 2lnok, nach dieses Hauses Sitte eine bescheidene Aufmerksamkeit annehmen zu wollen. Darf ich den Gberpriefter Molochs zu Tische bitten." „2lbcr-sorge, daß wir ungestört sind." ,>Wie Du befiehlst." Rahab selbst ließ cs sich nicht nehmen, den Gast zu bedienen. Im Rebenraum spielte eine Kapelle frohe Weisen. . „Und nun," sprach Anok nach vollendeter Mahlzeit, „lasse Dich nieder und teile mit mir einen Becher' dieses Felten guten Weines." Rahab nahm Platz. „Aber nun laß' uns von ernsten Dingen reden. Du bist mir noch Antwort auf meine gestrige Frageschuldig. Wie steht Jericho zu Molochs'Zorn?"-. F> „Gestatte, daß ich mit einer.Gwischenfrage antworte. Cs ist übrigens die allgemeine Frage der Straße: was ist es '-eigentlich, was Jericho bedräüt? Ich glaube, Jerichos Volk würde sich eher zu feinen Göttern wenden, wenn es wüßte, wovor es sich eigentlich fürchten soll." „Magst recht haben, Rahab, aber rücke.näher, noch näher, denn ichkann nur ganz leise mit Dir sprechen.. So, und jetzt gib-mir Dbine Hand, als Zeichen. des Schweigegelöbnisses und ich werde sic halten,, bis ich vollendet habe." ' Rur ungern überließ Rahab Anok ihre Hand, die er mit festem Druck umschloß. „So, und nun höre. Unsere Rachbarn drüben über dem Jordan, ja, selbst die mächtigen Philister im Süden zittern und zagen. Da brach ein Volk aus der Wüste hervor und rannte alles über den Haufen. Vor vierzig Jahren schon haben sich unsere Kenaanbrüder drüben mit wechselndem Erfolg mit ihnen gemessen. Da hat vor noch nicht so langer Zeit der Zwinghcrr von Arod mit'ihnen gekämpft und hat ein kleines Mädchen erbeutet; ein stolzes Ding, das hat einmal in seinem Zorn verraten, daß in diesem Volk schon die jungen Linder ein Lieölein singen, dessen Schluß lautet: Tod den Söhnen Kenaans. Und nun steht dieses Volk gar nicht weit mehr von uns. In einem tüchtigen Dagemarfch können sie vor den Toren Jerichos lagern." ' „Und haben die tapferen Krieger Jerichos nicht schon große Heere besiegt? wo ist ein Volk, das sich mit uns vergleichen kann an wehr und Waffe?" „Ja, das ist doch etwas Besonderes. Dieses Volk besteht aus eigentümlichen Menschen. Sie essen nicht mit anderen, sie würden auch Deine Einladung verschmähen, doch was zitterst Du, Rahab, was ist Dir?" „Nichts, ich trage nur schwer am Druck Deiner Hand." „So schwer erträgst Du mich?" „Nein, nein, nein, aber bitte fahre fort." „Sie freien auch kein Weib aus fremdein Blut. Und was das allerschlimmste ist, sie haben keine Götter, denen man fluchen, deren Bild inan vernichten könnte." 'Aufs neue erzitterte Rahab.. „Ja, was ist Dir denn?" „Ich weiß es selbst nicht. Laß mich einen Augenblick die Türe öffnen, daß Frische der Luft aus meinen Balsamgarten eindringe." „Gut so." Blitzschnell hatte Rahab eine Ahnung überkommen, daß ihre Gäste Kinder dieses Volkes seren. War es nicht ihre Pflicht, das 2lnok zu sagen, es dein Könige zu melden? 2lbcr sollte sie so gute Menschen dem Tod preisgeben? Und wie dann, wenn Anok, was sie ihm nicht wehren konnte, durch das Haus ginge?" - ' Sie mußte ibn ablenkcn. Eilends tarn sie zu ibm zurück und sagte: „2inok, ich wollte Dir doch rasch sagen, die Gesandten von 'Ai und Gibeon, die bei 'mir wohnten, sind heute gegen Abend Hals über Kopf aügoretst." „Oho, warft wohl nicht nett gegen sie?" „Ich habe cs an nichts fehlen lassen, Du weißt ja, des Königs Gäste werden von mir ganz besonders gut behandelt. Aber ich belauschte sic.und da höre ich, wie der Gesandte Gibeons den Vorschlag machte, inan solle über den Jordan gehen und versuchen, mit dieser gefürchteten Horde in ein 'Bnndesverhältnis zu kommen. Jedenfalls würde Gibeon dies versuchen. Daraufhin sagte der Gesandte von 2li, wenn ich es richtig verstanden habe: „Hm, das muß ich rasch meinem König sagen." Kurz darauf brachen sie aus, ohne sich von der Herrin des Hauses zu verabschieden." „Und das alles sagst Du mir erst jetzt?" „Jawohl, denn wenn ich es Dir gleich gesagt hätte, dann wäre der pslichtgetreue 2lnok sofort zum. König gelaufen." „Wie Du mich-kennst! Ich bedaure, daß Dir durch die rasche 'Abreise der Botschafter so manch schweres Golötalent entgeht. Denn Du weißt ja, der König zahlt-gut für .seine Gäste. Hast wohl ziemlich leeres Haus Jetzt. Sind Gäste da?" Rahab zitterte. „Ja, ein paär lumpige Handwerksburschen sind kurz vor der Nacht >einmarschiert. Waren riesig müde. -Ich will nachher sehen, was sie verzehren. Man kann wohl von Töpfer-- -und Jimmermannsgesellen nicht viel erwarten." „Rahab, lassen, wir jetzt das alles. Ich muß nachher zum König. Laß uns die knappe Stunde aus- -nützen. Nicht wahr, Rahab, Dn weißt doch, weshalb ich zu Dir gekommen bin?" „2lnok kam zu Rahab wegen des Wohles von Icricko." „Meinst Du?" „So sagtest Du-" „Rahab, fürchte Anoks Zorn und spiele nicht mit mir." „Anok, tausende lagen zu meinen Füßen und stammelten sinnlose Leidenschaft. Willst Du der Tausendundeinste sein, 2lnok, dazu bist Dn mir zu groß und zu gut." „Rahab, ich kann Dich zwingen!" „Rein, 2lnok, zwingen kann man Astaroths priesterin nicht. Das weißt Du ja.. 2lber höre, auch 'wir müssen zu Jerichos Rettung beitragen. So gebieten es die Normen von Moloch und Astaroth. Wir wollen enthaltsam sein, bis Jerichos Not vorüber. Am Tage, da Jericho seine Siegesfeier begeht, folge ich Dir als Dein Weib in den Tempelbezirk Molochs." „Dn hast mich an meine Priesterpflicht erinnert. Ich habe nichts mehr zu sagen. Gute Nacht!" Und zähneknirschend ging 2lnok. (Fortsetzung folgt.)

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