Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1933)
- Date
- 1933-12-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 51 Der Israelit 21. Dezember 1933 Jüdische Auswanderung aus Breslau. Breslau, 12. Dez. Nach den vorläufigen Ergebnissen der Volkszählung von 1933 zählte Breslau Mitte Juni dieses Jahres 19 723 ortsansässige jüdische Bewohner gegen 23 240 bei der Volkszählung im Jahre 1925. Das bedeutet einen Rückgang um rund 15 Prozent. Im Jahre 1933 vom Januar bis Oktober sind 1107 Juden in Breslau zugezogen, aber 2357 abgewandert, sodaß ein Wanderungsverlust von 1250 Personen entstanden ist. 58 Prozent der Abwanderer sind ins Ausland gegangen. 378 Personen haben Palästina als Ziel angegeben, 160 Polen, 133 die Tfchechoflovakei, 90 Frankreich, 83 Holland, 44 Oesterreich, 31 Italien usw. Im ganzen Jahre 1932 sind 1447 Juden aus Breslau weggezogen. Oesterreich. Das Hilfswerk für Sowjetrußland. Wien, 20. Dez. Die unter dem Vorsitz des Kardinalerzbischofs Dr. Inniger in Wien ■ tagende internationale Konferenz aller an einer Hilfeleistung für i>ic in der Sowjetunion hungernden Menschen Beteiligten, in deren Präsidium auch Oberrabbiner Dr. F e u ch t w a n g als Vertreter des jüdischen Hilsswerkes für Rußland seinen Sitz hatte, schloß am Samstag mit folgender Feststellung ab: 1. das; trotz aller Ablcugnnngsversuche die Hungerkatastrophe unwiderlegbar bestehe und das; das durch sie hervorgcrufene Massensterbcu die entsetzlichsten Begleiterscheinungen bis zum Kannibalismus gezeitigt habe, 2. daß diese Opfer durch eine richtige Dertcilungspolitik hätten vermieden werden können, 3. daß ein weiteres Anwachsen der Hungersnot bevorstehe, 4. daß unverzüglich Maßnahmen getroffen werden müßten, um schnellstens durch eine großzügige Hilfsaktion ein weiteres Massensterben zu verhindern. Sollten, heißt es weiter, die Darlegungen über die verheerenden Wirkungen der Hungersnot und die erneute Gefährdung von Menschenleben irgendwie in Zweifel gezogen werden, so glaube die Konferenz, daß die Weltöffentlichkeit durch ihre berufenen Vertreter Wege finden könne, um die Verhältnisse eindeutig festzustellen. Polen. Die Sefer Thora auf den Namen des Lhofez Lhajim. Wilna, 15. Dez. Zu einer ungeahnt großen und imposanten Maniseslalion der Thora gestaltete sich die Einleitung zur Herstellung der Sefer Thora auf den Namen vom Lhofez Lhajim. Die Festversammlung fand im großen Saale des Konservatoriums statt. Es zeigte sich, daß der Name des Lhofez Lhajim eine gewaltige Zugkraft nicht allein in den Kreisen der bildet. Denn schon Stunden vorher war der Riesensaal bis auf den letzten Platz besetzt. Auch Frauen hatten in .einem eigens für sie reservierten Raum Zutritt und machten von diesem Rechte in überaus großer Zahl Gebrauch. Am Präsidiumslisch saßen neben dem Vorsitzenden, Rabbi Lhajim Oser Grodseuski, etwa hundert Rabbinen aus dem Wilnaer Land. Eine Musikkapelle des Brith H a ch a j a l i m eröffnete den Akt mit einem Musikstück, woraus der Vorsitzende, Rabbi Lhajim Oser, in einer längeren Rede die Gäste begrüßte und Zweck und Bedeutung der Festlichkeit wie des von ihr eingeleiteten Unternehmens erläuterte. Schondaß dieser sonst der Oessentlichkeit abholde führende Eaon das Wort ergriff, ist eine historische Tatsache und wirkte als solche. Er weift auf die Pflicht eines jeden Juden hin, sich eine Sefer Thora zu schreibeneine Pflicht, die nach den alteu Belegen in Talmud und Midrasch nur im Sinne der Gemeinsamkeit verstanden werden kann. Er kommt dann auf die Jeschiwoth im Randgebiet zu sprechen, deren geistiges Niveau so hoch ist, wie ihre finanzielle Lage erschreckend wirkt. Der W a a d Zajefchiwoth war mit eine Gründung des Chofez Chajim und fein Lieblingskind. Die Lage sei heute so kritisch, daß nur ein Chofez Chajim Helsen könnte, aber es wird uns in absehbarer Zeit ein neuer Chofez Chajim nicht erwachsen. Darum muß es sein ni3T-frf)affen, müssen wir es in gemeinsamer Kraft im Andenken an ihn vollbringen. Zu der Sefer Thora, die seinen Namen verewigen wird, spendet jeder Buchstaben, Worte, und die Worte und die Buchstaben werden die Mittel erbringen zur Erhaltung der Lehranstalten, für die der Chofez Chajim seine Seele hergegeben hat. Die Worte vom Rebb Chajim Oser werden noch vom Schwiegersöhne des Chofez Chajim, Rabbi Mendel Sachs, bekräftigt, indem er Aeuherungen seines Schwiegervaters wiedergibt, die das große Auditorium zu Tränen rühren. Es folgen Begrüßungen, deren Reihe im Namen der K e h i l l a Dr. W i g o d s k i eiuleitet. Reden des Sloitimcr wie des Lomscher Naw machen großen Eindruck. Der erste Satz wird dann vom Wilnaer Stadtsofer äilfs heilige Pergament unter den Klängen des Orchesters geschrieben. Eine ungeheuer große Anzahl von schriftlichen und telegraphischen Begrüßungen zeigen, daß auch auswärts und im Auslande das Interesse am heiligen Ilnteruehinen sehr stark ist. England. Anfragen über Palästina i;n Unterhaus. London, 13. Dez. Im Unterhaus richtete Colonel Wedgewood an den Minister für die Kolonien die Frage, ob er auf die Tatsache aufmerksam gemacht worden sei, daß' die Palästina-Regierung eine Beschränkung der zum ärztlichen Berus zuzulassenden Juden in Palästina beabsichtigt, und ob er mitteiien wolle, ob diese Einschränkung vyn der englischen Regierung gebilligt wird. Der Minister für die Kolonien Sir Philip C u n - l i f s e - L i st e r erklärte, er sei von der Palästina-Negierung nicht verständigt worden, daß clrnc solche Einschränkung geplant sei. (Aus Palästina wurde vor einiger Zeit berichtet, daß die Negierung im Hinblick auf die Uebcrfüllung des Aerzteberufes insbesondere rrnfolge der letzten Einwanderungswelle Einschränkungen bei der Erteilung weiterer Lizenzen vornehmen wolle. Don einckr unterschiedlichen Behandlung jüdischer Aerzte bei der Durchführung dieser Maßnahmen war jedoch in den betreffenden Meldungen nicht die Rede.) Schließlich erklärte Sir Philip auf eine Frage des Äbgeorneten Barnelt Jauner, nach dem Gesamtwert der Palästiuaeinfuhr einschließlich der Wiederausfuhr für 1922 und 1932, dis Aussuhrziffer ohne Berücksichtigung der Wiederausfuhr und Transitausfuhr sei für 1922 1 330171 Pfund und für 1932 2 381 491 Pfund. Palästina. Die Ausweisungen jüdischer Touristen aus Palästina. Zum ersten Mal ein Jude aus Deutschland betroffen. Jerusalem, 14. Dez. Bei der letzten Razzia auf illegal nach Palästina eingewanderte Juden wurden vier Personen, die aus Wien als Touristen nach Palästina gekommen waren, und der Leipziger Mar Vogel verhaftet und sollen wegen Ileberschreitung der ihnen gewährten Ausenthaltsfrift deportiert werden. Bis dahin verbleiben sie inr Gefängnis. Vogel, der 18 Monate in Palästina weilte, ist der erste Jude aus Deutschland, der von der Ausweisung betroffen wird. Von den übrigen Verhafteten sind Alfred Duckler und seine Gattin vor acht Monaten, Jakob Winker und Rudolf F r i u g e r vor 5 Monaten nach Palästina gekommen. Alle Verhafteten hatten in Palästina Arbeit gefunden. Der vor kurzem eiugetrosfene Leiter der Einwanderungsabteilung der Jewish Agency Jizchak Grünbaum hat am 14. Dezember den Direktor des Jmmigcationsdepartements der Palästina-Regierung Hyamson ausgesucht und hatte mit ihm eine längere Unterredung über Fragen der Einwanderung. Im Verlauf der Unterredung kamen insbesondere das Tvnristenproblem sowie die Frage der Zulassung von Handwerkern und von Personen der Kapitalistenkategorie zur Sprache. Die Hintergründe für die Vorgänge in Tel-Awiw. Jerusalem, 15. Dez. Die nun eingelauseneu palästinensischen Zeitungen zeigen in ihren Berichten den Hintergrund, aus dem sich die Explosion in Tel-Awiw abspielle. Die demoralisierende Wirkung der drakonischen Gesetze und der, man darf schon sagen, unfairen Methoden bei ihrer Ausführung kann schlechthin nicht übertrosfen werden. Die Dinge stehen zur Zelt so, daß jeder Jude, soweit er nicht zu den bekannten alteingesessenen Persönlichkeiten gehört, irgendwie im Verdacht steht. Entweder wird er von der Polizei als „Illegaler" verdächtigt, oder von den Juden als Spitze! angesehen. Sv ging jenem nnrnhrgen Sabbat eine solche lange Reihe von Plänkeleien, Uebersällen und Schlägereien voraus, daß der spontane Ausbruch nur als eine gewisse Krönung zu betrachten ist. Abgeschlossen ist mit der Beendigung der Demonstration die Kette der Unsicherheit und die Mhmosphäre des Mißtrauens und der Verdächtigung keineswegs. Hier eine kleine Auslese der Berichte über die Hetzjagden und ihre Rückwirkungen in der Bevölkerung: Am Freitag wurde eine Frau aus Aleppo mitsamt ihrem kranken Kinde im Alter von 12 Jahren verhaftet. Das Kind war von der Mutter nach Jerusalem gebracht worden, um dort in ärztliche Behandlung zu kommen. Mau hat Anhaltspunkte dafür, daß gewisse bekannte Spitzel, Juden und Nichtjuden, die Frau angezeigt haben. Am gleichen Tage wurde ein Mosche Levi im Spital „Hadasah" mit schweren Verletzungen eingeliesert. Vier junge Juden, deren Raine er nicht kannte, waren über ihn hergefallen und hatten ihn übel zugerichtet. Besagter Levi ist ein stadtbekannter Agent der Polizei. Es ist bezeichnend, daß er die ihm von „Hadasiah" angebotene ärztliche Hilfe ablehnte und eine Ikebersührung in das M i s s i o n s s p i t a l wünschte. Rach „Falestiu" wurde an der syrischen Grenze eine große Anzahl türkischer Juden angehalten, die über Syrien nach Palästina reisen wollten. Rach der gleichen arabischen Quelle werden sich zwei jüdische Polizist e u von T e l - A w i w vor dem Gerichte zu verantworten haben, weil sie einem arabischen Kameraden nicht beigestanden hatten, als dieser bei einem Versuch, einen Verdächtigen zu verhaften, tätlich angegriffen und mißhandelt wurde. Dem Manne gelang es, während der Schlägerei zu entwischen. Am Dienstag Abend wurden zwei junge Juden, ein Georgier und ein Aschkenasi, blutüberströmt ins Polizeirevier gebracht, wo sie zu ihrem eigenen . Schutze die ganze Nacht über verbleiben mußten. Beiden konnten Spitzeldienste nachgewiesen werden. Zur gleichen Zeit fuhr au der Stelle der Wagen des englischen Offiziers Robinson (kein Jude), des Leiters der Hetzjagden, vorbei. Sofort sammelte sich eine große Menge um den Wagen und fragte, ob Robinson darin wäre. Nur Dank der Geistesgegenwart seines jüdischen Chauffeurs, der schrie, es fei ein Irrtum und sein Fahrgast sei ein Jude, und dabei mit voller Fahrt daoonraste, hatte es der Offizier zu verdanken, daß er unbehelligt davonkam. In T e l - A w i w ist einer der notorischen Angeber einfach verschwunden, ohne daß über seinen Verbleib etwas bekannt werden konnte. Ileberfälle auf der Angeberei Verdächtige kommen tagtäglich vor. Auch zwei junge Araber, die in Tel-Awiw an hebräischen Abendkursen teilnehmen, wurden schwer mißhandelt und mußten in ihrem eigenen Interesse in Schutzhast genommen werden. Zusammen mit ihnen mußte auch ein jüdischer Jüngling namens Gedaljah Polziski in Polizeigewahrsam bleiben. „Falestin" konstatiert mit Behagen, daß in Jaffa allein bis jetzt hundert Juden, die illegal eingewandert sind, verhaftet werden konnten, schätzt aber die weitere Zahl der Illegalen iin Lande auf 15 000 Personen. Der Waad Leumi berief eine Versammlung der jüdischen Rechtsanwälte ein und bildete aus ihrer Mitte eine Kommission zur Gewährung von Rechtshilfe au Ausgewiesene. Am Mittwoch wurde verlautbart, daß die Regierung demnächst eine Verordnung zur (£ i 11 ft e 11 u tt g der Razzien erlassen würde. Vielleicht stützt sich darauf die Aeußerung von Bürgermeister D i tz i n g h o f f im Stadtrat von Tel-Awiw, Auf der andreren Seite steht zu befürchten, daß die Vorgänge am Sabbat, dem 9. Dezember, die Bestimmung hinausschieben, da sich die englischen Behörden solche Verordnungen nicht abtrotzen lassen. Teilnehmer <nt den Demonstrationen in Tel-Awiw vor dem Untersuchungsrichter. Jaffa, 13. Dez. Dem Ilnierfuchungsrichter Bodilly wurden 17 junge Leute, zum größten Teile Mitglieder des revisionistischen Jugendbundes „Brith Trumpeldor", vorgeführt, um sich wegen ihrer Teilnahme an den Demonstrationen sin Tel- Awiw zu verantworten. Die Beschuldigung lautete auf Teilnahme an einem gesetzwidrigen Umzüge. Alle Beschuldigten wurden vorläufig gegen Sicherstellung auf freiem Fuß belassen. Die Verhandlung wurde auf den 27. Dezember vertagt. Bis dahin wurde den Beschuldigten verboten, an politischen Versammlungen teilzunehmen. Es waren auch fünf von der Anklagebehörde geführte Zeu-