Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1933-12-21 · Heft 51 (21.12.1933) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 51 (21.12.1933)
Date
1933-12-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450756-2450805--80073-2537865
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

21. Dezember 1933 Der Israelit Nr. 51 Seite 5 wan sie die deutsche Approbation als Arzt (Lahnarzt) erhalten, ausgehändigt wird, bleibt reichsdeutschen nichtarischen Kandidaten, die das Doktordiplom vor Erlangung der deutschen Approbation als Arzt (Zahnarzt) haben wollen, nur übrig, aus die deutsche Reichsa n g e h ö r i g k e i t z u verzichten und ihre Entlassung aus der Staatsangehörigkeit gemäß Paragraph 18-24 des Reichs- und Staatsangehörigieitsgesetzes vom 22. Juli 1913 zu beantragen." * * * . Der Preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und Völkhsbildung hat in einem Erlaß angeordnet, daß das Gesetz gegen die Ueberfüllung deutscher Schulen und Hochschulen auch auf die W o h lfahrts sch ulen, Ländpflegeschulen sowie auf die sozial pädagogischen Seminare und Lehrgänge sinngemäß Anwendung findet. Die Entscheidung über die Aufnahme von Personen, die im Sinne des Gesetzes nichtarischer Abstammung sind, behält sich der Minister künftig für jeden Einzelfall vor. Abweichungen von den Prüsungsvorschriften werden für Personen, die im Sinne des Paragraph 3 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums nichtarischer Abstammung sind, künftig nicht mehr zugclassen werden. Palästina-Zertifikate für Jugendliche aus Deutschland. Berlin, 15. Dez. Das Berliner Palästina-Amt teilt mit: Die Mandatsregierung hat der Jewish Agency für das nächste halbe Jahr 350 Zertifikate zur Verfügung gestellt, die für Jugendliche aus Deutschland im Alter von 15 bis 18 Jahren Verwendung finden sollen. Die ersten 65 Zertifikate, welche für die nach En Charod fahrende Gruppe bestimmt sind, gingen bereits an das Palästina-Amt Berlin ab. Das Winlerhilfswerk des deutschen Volkes und die Jüdische Gemeinde. Berlin, 20. Dez. Aus einem der letzthin von der Jüdischen Gemeinde abgchaltenen Werbeabende im großcn Saale des Zoo hielt der Gemeindevorsitzende, Direktor Heinrich Stahl, eine große Rede, in der er die Mitarbeit der Gemeinde! und ihrer Mitglieder am großen Winterhilfswerk der Negierung begründete. Not zu lindern und mit den Mitmenschen zu empfinden, sagte Direktor Stahl unter vielem anderen, ist Gebot der jüdischen Religion und Aufgabe der Gemeinde als Trägerin der jüdischen Lehre sei es, dieses Gebot in die Tat umzusetzen. Der Grundsatz, daß es beim Helfen keine Ilnterschicdc nach Abstammung und Glauben geben darf, komme auch nach dem Willen der Regierung beim W'.nterhilsswerk voll zur Geltung. Die jüdischen Organisationen sind bei der Durchführung vertreten, und die NS.-Volkswohlfahrt hat sich bereit erklärt, die Veaarbeitung der Anträge der jüdischen Hilfsbedürftigen in die Hände des Jüdischen Wohlfahrtsamtes zu legen, womitdie volle Gewähr erzielt fei, daß alle Gesuche der jüdischen Gemeindemitglieder in demselben Geist der Gerechtigkeit und des Wohlwollens geprüft werden, wie die aller anderen hilfsbedürftigen; Menschen. Nach den neuesten Verfügungen der Gauleitung kommt das Hilfswerk auch bedürftigen Ausländern, also auch ausländischen Juden, zugute. Außerdem ist vogesehenr, daß unsere rituell lebenden Glaubensgenossen rituelle Lebensmittel und Fette in den entsprechenden jüdischen Geschäften erhalten können. Es fei anzuerkennen, daß in dem Winterhilfswerk des deutschen Volkes eine vorbildliche Organisation geschaffen worden sei, durch die der Staat für jeden seiner notleidenden Bewohner sorgt. Direktor Stahl teilte mit, daß der Eemeindevorstand mit der Leitung der NS.-Wohlfahrt die Vereinbarung getroffen hat, daß ein Teil der von Juden aufgebrachten Mittel dein jüdischen Wohlfahrtsamt zur Verfügung bleibt und ein anderer Teil an das allgemeine Winterhilfswerk geht. Er begrüßt es mit Freuden, daß im Winterhilfswerk eine Institution entstanden sei, au der der Jude ohne irgend ein Gefühl von Trennung Mitarbeiten kaim, und es fei zu hoffen, daß durch diese Zusammenarbeit, die einträchtig und verständnisvoll vor sich geht, auch eine verständnisvollere und gerechte Beurteilung der jüdischen Gemeinschaft ln Deutschland durch alle Mitbürger ange- Lahnt werde. Die Woche. Frankfurt a. Rk. Nach einer Meldung des W. S. N.-Büros wurde der Rabbiner von Offenbach, Dr. Dienemann, in Schutz- Haft genommen, und zwar wegen einer Aeußerung in einem Vortrag in der Jüdischen Kultusgemeinde, in der eine Beleidigung des Polizeipräsidenten erblickt wurde. Nach Mitteilung des W. S. N.-Büros wurde die Ueberführung ins Konzentrationslager gegen Dr. Dienemann beantragt. Berlin. Der Jugendführer des Deutschen Reiches teilte nun den untergeordneten Stellen mit, daß für alle Verhandlungen in Angelegenheiten der organisierten jüdischen Jugend ausschließlich der R e i ch s a u s s ch-u ß der jüdischen Jugendverbände und seine Landesausschüsse zuständig seien. — Eine Geschäftsstelle «des Elternhilfwerkes für jüdische Jugend wurde vor kurzem eröffnet. - Sie befindet sich in Charlottenburg II, Kantstr. 158. In den Sprechstunden (am Montag, Mittwoch und Freitag von 10—12 Uhr) erteilt sie Beratung und nimmt Anmeldungen und Anträge entgegen. — Der Sachverständigenbeirat für Volksgesundheit bei der Reichsleitung der NSDAP, gibt bekannt, daß die in verschiedenen Bezirken von örtlichen Aerzte- und Zahnärzteverbänden verwendeten Klebezettel mit dem Aufdruck „Deutscher Arzt" und „Deutscher Zahnarzt" verboten worden sind. Wenn trotzdem örtlich diese Schilder benutzt würden, so geschehe es ohne Genehmigung der Reichsleitung. Gvkha. Die Stadtkreisleitung der NSDAP, bringt folgende Anweisung der Gauleitung zur Kenntnis: „Jüdische Aerzte: Ebenso wie es den Parteigenossen untersagt ist, bei Juden zu kaufen, ist es auch nicht gestattet, daß sie sich in Behandlung jüdischer Aerzte begeben, da dies parteischädigend ist." Men. Professor Ernst S i ng e r am Villacher Bundesrealgymnasium beging im Konferenzzimmer seiner Schule Selbstmord, weil er, wie er in seinem hinterlassenen Tagebuch angibt, die Anfeindungen wegen seiner jüdischen Abstammung nicht mehr ertragen konnte. Amsterdam. Die älteste jüdische Frau Hollands, Frau D. Hnagman- S ch i e l a a r in Rotterdam, beging ihren hundertsten Geburtstag, aus welchem Anlaß sie von allen jüdischen und nichtjüdischen Behörden gefeiert wurde. — Vor einiger Zeit hatte die jüdische Gemeinde Groningen eine Abgabe zugunsten der Jüdischen Gemeinden in Deutschland in Höhe von 10 Proz. der allgemeinen Gemeindesteuer eingeführt. Die Exekutive des Verbandes der Jüdischen Gemeinden Hollands hat nunmehr sämtliche Gemeinden angewiesen, dem Beispiel der Gemeinde Groningen zu folgen. Riga. Der Ministerrat hat beschlossen, die antisemitisch-faschistischen Organisationen „Vaterlandsschutz" und „Perkonkrust" auszulösen. Gegen die Führer dieser Gruppen wird eine gerichtliche Untersuchung eingeleitet. Reval. An der Estländischen Universität in Dorpat wird am kommenden Semester ein L e h r - stuhl für jüdische Wissenschaften eröffnet. Czernonnh. Das Kultusministerium hat die Repräsentanz der jüdischen Gemeinde aufgelöst und einen Regierungskommissar für die Führung der Geschäfte eingesetzt. Gründe für diese Maßnahme, in der ein Eingriff kn die jüdische Autonomie erblickt wird, werden nicht angegeben. Lemberg. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Abgeordneter I. Jäger, ist im Alter von 50 Jahren g e st o r b e n. Jäger hatte sich während der Kriegszeit in Wien auf dem Gebiete des Flüchtlingswesens hervorragende Verdienste erworben. Paris. Die antisemitischen ß Camelots waren in das „Foyer israelite". eine jüdische Studentenmensa im Quartier Latin, eingedrungen und marschierten von dort aus, nachdem sie die Fensterscheiben des Lokals zertrümmert hatten, gegen das jüdische Viertel. Der alarmierte Selbstschutz der jüdischen Jugend eilte aus Motorrädern und in Autos herbei, um sich den Angreifern entgegenzuftellen. Es gelang jedoch der Polizei, den Zug schon vor dem jüdischen Viertel aufzulösen. — Die ständige Kommission für Messewesen im französischen Handelsministerium veröffentlicht ein Communigue, in dem mitgeteilt wird, daß auf Wunsch des Handelsministeriums auf der nächsten Levante-Messe in T e l - A w i w ein französischer Pavillon errichtet wird. Streichung des Arierparagraphen im Rirchengefetz. Berlin, 17. Dez. Die soeben erlassenen neuen Kirchengesetze sehen die Streichung des sogenannten Arierparagraphen vor, der die Entlassung oder Emeritierung aller nichtarischen oder mit einer nichtarischen Person verheirateten Geistlichen und Beamten bestimmt hatte. Die Wirksamkeit der Geistlichen und Beamten jüdischer Abstammung darf nur dann angetastet werden, wenn das Verhältnis zur Gemeinde so zerrüttet ist, daß für die Zukunft eine gedeihliche Zusammenarbeit nicht mehr in Betracht kommt. Die Entscheidung in solchen Fällen überläßt das Gesetz einem unabhängigen Kirchengericht. Anfechtung von Mischehen wegen Irrtums in Zukunft nicht mehr möglich, Berlin, 19.De z. In der ,,Deutschen Justiz" wird ein in Köln gefälltes Urteil bekannt gegeben, durch das eine lange Zeit vor Einführung der natioualsozialistischeu Regicrungsform geschloffene Mischehe a u.f g e l ö st wurde. Der arische Ehemann hatte die Auflösung der Ehe mit der Begründung beantragt, daß zu den persönlichen Eigenschaften eines Menschen auch seine Rassenzngehörigkeit gehöre. Er habe zwar gewußt, daß seine Frau Jüdin sei, aber die Bedeutung dieser Tatsache sei ihm erst bewußt geworden, nachdem die breite Oefsentlichkeit mit dem Rassenprobkem vertrant gemacht worden war. Das Gericht gab dem Antrag dos Ehemannes mit einer Begründung statt, in der es u. a. heißt: „Daß zu d'n persönlichen Eigenschaften eines Menschen seine Rastenzugehörigkeit in erster Linie gehört, ist eine Frage, die endlich in bejahendem Sinne zur allgemeinen Erkenntnis gekommen ist. Das neue Recht baut sich wesentlich auf der Zusammengehörigkeit des Volkes als Träger gemeinsamen Blutes auf. Es ist selbstverständlich, daß bei gemeinsamer Würdigung des Wesens der Ehe als einer in erster Linie sittlichen, dem Fortbestand des Volkes dienenden Einrichtung ein arischer Ehegatte die Ehe mit einem Angehörigen einer vylkssxemden — ja volksfeindlichen Rasse — nicht abgeschlossen haben würde, wenn ihm die Sachlage zur Erkenntnis gekommen wäre. Dem Ehegatten war zwar bekannt, daß feine Ehefrau Jüdin ist, aber das bedeutete für ihn etwas rein äußerliches. Die Erkenntnis des Wesentlichen fehlte ihm zu einer Zeit, in der die Bedeutung der Rasse, des Blutes und des Volkstums nur einem verschwindend kleinen Kreise in seiner ganzen Wichtigkeit klar geworden ist." (Die Bezeichnung der jüdischen Rasse als volksfeindlich in einem Gerichtsurteil muß im höchsten Grade befremden. Wir werden uns zunächst über die Authentizität des Wortlautes erkundigen und behalten uns vor, dann darauf zurückzukommen. Red.) Gegen Einkauf bei Juden. Heilbronn a. N., 13. Dez. In Widerspruch zu den wiederholten Anordnungen des Reichswirtschaftsmiinsteriums, durch die. der ungestörte Aufbau der deutschen Wirtschaft gewährleistet werden soll bringt das „Heilbronner Tageblatt", das den dortigen Instanzen der NSDAP, nahesteht, große Verlagsanzeigen mit folgendem Wortlaut: „Wer beim Inden lauft, schädigt die deutsche Wirtschaft!" — Das jüdische Warenhaus ist der Totengräber des deutschen Mittelstandes." — „Wer seine Einkäufe für das christliche Weihnachtsfest in jüdischen Geschäften tätigt, innß als moralisch minderwertig betrachtet werden." Der Vorsitzende des Gberrats der Israeliten Badens beim Kultusminister. K a r l s r u h e , 13. Dez. Der badische Kultusminister Dr. Wacker empfing in Gegenwart des Referenten Oberregicrungsrai Asal den Vorsitzenden des Oberrates der Israeliten Badens, Dr. Nathan Stein, zu einer Aussprache, über die die Israelitische Neligionsgcsellschaft Badens zur Zeit bewegenden Fragen ans dem Gebiet der religiösen Betätigung und der Jugenderziehung. In der etwa einstündigen Aussprache wurde dem Obcrratsvorfitzenden Gelegenheit geboten, eine Reihe von Wünschen nnd Anregungen vorzubringen, die in Cinzelbesprechnngon mit dem Ministerreferenten weiter behandelt werden sollen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.