Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1933)
- Date
- 1933-12-14
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 50 Der Israelit 14. Dezember 1933 Stelle der Ieschiwa der k i b ’b u 3 , zumeist um den Rabbi herum, die Ausgabe der Sammlung der jüdischen Kräfte löste, war es der geniale £ u bl in er Raw > Rabbi llleiir Schapiro der mit solchem Schwünge die erste große Ieschiwa ins Leben ries, das; wir alle voller Bewunderung vor dem gewaltigen Werke standeir. Cs muß hier nicht noch einmal gesagt werden, was Lublin in seiner epochalen Bedeutung für die Regeneration des Thoralernens in Polen war und ist. Auch da schwere drückende Sorgen, die den großen Rabbi ins Grab begleiteten, die er aber nicht mit ins Grab genommen hat, denn sie bedrücken die lebenden Sachwalter von Lublin in noch höherem Maße. Auch da wäre zu wünschen, daß die großen Anstrengungen, die Pietät und die Trauer um den frühen Heimgang Rabbi Meiirs für die 'asn nn’tp'’ auszuwerten, von Erfolg gekrönt werden. lieber die Ieschiwoth in Ungarn, die mit p r e ß b u r g im Mittelpunkte heute noch Siegelbewahrer des Thatam Sofer'schen Geistes und seiner Lehrmethode sind — Geist und Methode, die seit hundert Jahren durch Jünger und Lehrer in alle Welt hinausstrahlen und jetzt mit Oberrabbiner D u s ch i n s k i ihren Weg auch ins Heilige Land gefunden haben — wctbcn wir demnächst in einem eigenen Artikel' referieren. Im Weste n. Sehen wir nach dem Westen, so bleibt das Auge zunächst aus der Frankfurter Zefchtwa hasten, die Rabbiner Dr. Salomon Breuer vor vierzig Jahren auf dem von Samson Raphael Hirsch *7"S7' eroberten und in allen Stadien vorbereiteten Boden als Born im Gelände, als Seele der Hirschgemeinbe gründete. Generationen dankten und weitere Generationen werden noch danken dem Brunnenmeister, daß er ihnen und ihren Kindern die (Quellen des Lebens erschlossen hat. Heute in der Zeit der vielfachen auch geistigen Röte, da eine Versachlichung aller Dinge und eine sportliche Erfassung des jungen Menschen alles Geistige in den Hintergrund zu drängen sucht, wissen wir, wilcher Segen damals in weiser Vorausschau mit der Gründung gestiftet wurde. Die Frankfurter Ieschiwa hat mit dem Wegzüge ihres bisherigen Leiters, Herrn Rabbiner Dr. Joseph Breuer, an innerer Kraft nichts eingebüßt. Herr Dr. Breuer hat von seinem neuen Wirkungskreise aus das Auge auf das Werk, das auszubauen ihm beschieden war, nach wie vor gerichtet, und in Dr. Michel Schlesinger und Dr. Clieser Posen ihre berufenen Leiter. Mit Hilfe der weiteren Dozenten und Mitarbeiter wird es diesen Männern gewiß gelingen, die Ieschiwa auf der Höhe zu erhalten, die sie nach wie vor als d i e Ieschiwa Deutschlands qualifiziert. Die weiten und schönen Räume oben und unten sind nach wie vor durchhallt von der Stimme der Lernenden. Der Betrieb in den einzelnen Abteilungen, beim Haupt- und Rebcnschiur wie bei den verhören geht ungestört weiter. Und in den Abendstunden, in denen sich der große Hörsaal noch nicht leert, wird das große Lernerr von den S ch ü l e r g r u p p e n abgelöst, die mit ihren Dozenten sämtliche gimmcr befet$t halten. Einzelheiten über Lehrgang und Lehrziele der Frankfurter Ieschiwa seien im folgenden Berichte geboten. Wer die Frankfurter Ieschiwa in der Friedberger Anlage, ihren großen architektonisch schönen und praktisch eingerichteten Hörsaal in den Nachmittags¬ und Abendstunden betritt, und das Gewirr der jungen wnm-Stimmen an sein Ohr klingen läßt, die ihren während des Vormittags unter bewährter Dozentenführung erarbeiteten Gemoro-Stofs selbständig in Gruppen zu zweit oder zu dritt zu chaseren (wiederholen) sich bemühen, daß aus dem Erlernten eigenes Schaffen werde, der glaubt sich versetzt aus dem Taumel der Großstadt in ein weltverlorenes Dorf Litauens oder Ungarns, wo die geistige Anspruchslosigkeit der Umwelt zum Lebensquell der Thora drängt, und er gedenkt dankbar der Großen, die in dieser geistigen und wirtschaftlichen Metropole nicht durch Zwang und künstliche Abschließung, sondern dadurch, daß sie klar und zielsicher das Thoralernen in den Mittelpunkt des Kehillolebens hoben, ein vv» snpa geschaffen, das im Innern bis ins Kleinste durchorganisiert, mit mustergültiger Ordnung und Pünktlichkeit, als deren Wahrzeichen die Schulglocke ihre gewichtige Stimme von Stunde zu Stunde erschallen läßt, die Vorzüge von Schule und Hochschule in sich vereinigt, in Verbindung von Unterricht und selbständigen Studien und nach außen hin durch seine Lage in Altertümliche fiebenarmige SleiwMcn von Liberias. Großstadt und Kulturzentrum allen Stürmen zu trotzen imstande ist, die den jüdischen jungen Menschen von Seiten prächtiger Scheinweisheit und wirtschaftlicher Scheichnotwendigkeit zu drohen vermögen. Diese ideale Verbindung von geistiger Freizügigkeit und disziplinierter äußerer Gebundenheit, von bescheidener Ruhe des Lernmilieus mit einem tiefen Verständnis für alle Fragen, die die Italienische Menora aus dem 16. Jahrhundert (Bezalcl-Museum). Außenwelt aufwirft, stellt die Frankfurter Ieschiwa in zweifellos seltener Eigenart dar. Das Material der Bachurim ist infolge der besonderen Verhältnisse des deutschen Judentums ein sehr verschiedenartiges. Der Unterbau der naiv' besteht aus Schulkindern, die in 12 Gruppen einen Teil des schulfreien Nachmittags dem nvzvn und rriar-Lernen widmen unter ... i ■ ' --s %Mgg, OeHSrnpchen aus der Zeit des zweite« Tempels (Przalel-Museum). Leitung der Dozenten der iornie einiger Lehrer von Real- und Volksschule. (Auch der Redakteur des „Israelit" stellt seine erprobten pädagogischen Kräfte in den Dienst der m'-"). Daraus bauen sich, nach Vorbildung genau geschieden, die eigentlichen Gruppen der m v auf, die in ihrer untersten Stufe auch vollkommene Anfänger in sich ausnimmt, ja, zum Teil solche, die in, den ersten Wochen mit den Schwierigkeiten des unpunktierten Lesens zu kämpfen haben, aber heute schon in «in» mit ihren ri'ian an Gründlichkeit des Verstehens und Genauigkeit der Ueberfetzung nicht uachstehen. Diesen An-' fängern folgen die zahlreichen Stufen der Fortgeschrittenen in ihren verschiedenen Nuancierungen individueL angeleitet, bis hinauf zu den Besten, zu den im Lernen schon ganz Selbständigen, die in keiner Weise, weder in synannr im Eifer noch im tiefen Verständnis den Bachurim liauischer oder ungarischer via-7' nachstehen. So wird das auch nach dem strengen Urteil langjähriger _ Kenner der berühmten östlichen nia'--" „echtjeschiwaische" Milieu geschaffen, das befruchtend und anregend, auf diejenigen wirkt, die sich hier ein gehöriges Maß von Wissen und lomdischem Verständnis in crp verschafft haben, sich aus die praktische nirnn vorbereiten. Aus diese Art bildet die Frankfurter na’w diejenigen heran, die berufen sind, in Deutschland und allen Ländern der westlichen Zivilisation an führender Stelle als lomdifche und wahre waan'i'a^n den Geist der echten, aus reichem und tiefem rni.--Wissen sprudelnden Jüdischkeit mit ihrem berechtigten Anspruch auf Selbständigkeit und Unabhängigkeit in ihrer Unterstellung lediglich unter G'ttes Gesetz nachzurufen. Nicht zum wenigsten tragen dazu die Kurse und Arbeitsgemeinschaften und die bei bescheidenen irdischen Genüssen vonechter Schabbos- Geistigkeit durchdrungenen Freitagabend-Zusammenkünfte bei, in welchen alle diese jungen jüdischen Führer der Zukunft unter bewährter Leitung dazu geführt werden, aus dem in rriva und o-pv'v Gelernten die Folgerungen für die Bewährung im Strudel des Lebens zu ziehen. Dazu gehören gemütvolle M u s s a r - S t u n d e n nach litauischer Art, Lektüre alter Mussar-Sfvrim, und die gründliche Durcharbeitung des in den Schriften von S. N. Hirsch enthaltenen Gedankens. Gewiß nicht ohne Einfluß >öer Frankfurter Ieschiwa wagten sich in den letzten Jahren auch in anderen Ländern des Westens leise Versuche zur Jeschiwagründuug, zumeist auf sehr steinigem Boden^ hervor. An erster Stelle dieser neuen Experimente, nicht allein zeitlich, sondern auch wegen seines vollen Gelingens, steht das bekannte Lehrhaus des Herrn Rabbiner Botfchko auf der Höhe von Montreux mit dem Ausblick nach dem Genfersee. Hier ist ein Wunder geschehen, von einem Ausmaße, das unseren Lesern aus vielfachen Schilderungen bekannt ist. Ganz am litauischen Geiste und an der litauischen Methode orientiert, gestaltet hier ein Lehrhausunter der Leitung eines g'ttbegnadeten Talmudpädagogen Menschen und Juden, die dem thoraarmen jüdischen Westen die geistige Erlösung bringen könnten. Einzelheiten erübrigen sich nach unseren letzten Darstellungen im August dieses Jahres. Eine Ausnahme in dieser Beilage möge das Bild vervollkommnen. Eine weitere Ieschiwa entstand für Frankreich in S t r a ß b u r g. Aus einem über dieses neue Thorannternehmen uns zugegangenen Berichte geben wir folgendes wieder: In Erfüllung einer vielleicht geschichtlichen Mission: haben gesetzestreue Kreise des elsässischen Judentums den Jeschiwagedanken ersaßt. In dieser Zeit, in der es den Anschein hat, als ob die Keime des thoratreuen Lebens in manchen Ländern absterben — was G'tt verhüten möge — ist man in Frankreich sich der Pflicht bewußt geworden, tätig am Bestand Jisroels mitzuarbeiten, indem man der min «ine neue, würdige Stelle gewinnt. In erstaunlich kurzer Zeit wurde in Straßburg eine Ieschiwa gegründet. Sofort hat man begonnen, zu lernen, anfangs in provisorisch zur Verfügung gestellten Räumen. Seit einigen Wochen besitzt die Ieschiwa ein prachtvolles Haus. Es liegt idyllisch irr einem kleinen Park, abseits des Lärmes der Stadt, Raum zur Genüge, schon jetzt bis in die späten Nachtstunden hinein, erfüllt von der uralten Melodie des „Lernens". Die unteren, recht großen Räume, sowie der erste Stock, sind für das Lernen reserviert, während die Zimmer des zweiten Stocks einem Internat dienen sollen, das rra recht bald eröffnet wird. Ein neu eingerichtetes Bad und Zentralheizung erfüllen alle Anforderungen der Hygiene und Bequemlichkeit. Die Leitung nvarma liegt in bewährten Händen von 'vn-n der ungarischen und litauischen Schule, die die Gewähr bieten, die Schüler systemaisch und mit Erfolg so weit zu bringen, daß sie ein Blatt rrinr mit nivoin und ll'vvrri allein gründlich zu lernen verstehen. Gemorvh nimmt natürlich im Lehrplan die erste Stelle ein, außerdem werden noch und selbstverständlich b\j" gepflegt. Mussar kommt im Rahmen einer gemütlichen und erhebenden .11150-Feier zur Geltung. Bor Jomkippur hat das erste öffentliche Verhör staktgefunden, das erfreuliche Resultate gezeitigt hat. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß die Ehaluzim dev in der Nähe Straßburgs befindlichen gesetzestreuen, landwirtschaftlichen Hachscharah den Winter über mit großem Ernst und Eifer lernen, um im Frühjahr wieder zur Arbeit zurückzukehren. Die Straßburger Ieschiwa ist zweifelsohne ein Markstein in der Geschichte des gesetzestreuen Judentums und