Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1933)
- Date
- 1933-12-14
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 50 Der Israelit 14. Dezember 193* dem sie das opferbereite Ehepaar hatten heraustreten sehen. Dort trafen sie ein Mädchen von etwa neun Jahren, das bitterlich weinte. Sie legten ihm rasch den Bruder in den Arm und verschwanden. Denn es lag im Rahmen ihrer Ausgabe, auch bei dieser Gelegenheit die Stimmung des Pöbels zu erkunden und, wenn es sich so gab, zu beeinflussen. Inzwischen hatte die Prozession etwas Reues gezeigt. Uran hatte in den SonnenbaU aus dem ersten Wagen lange, zungenähnliche Streifen gesteckt und die Lpheden, welche den Wagen begleiteten, sangen mit durchdringendem Hellen Sopran: „Auch Ehamon zürnt und mahnt Luch. Gierig züngeln seine Strahlen. Enkel Ehams, besänftigt Lhamon." Die ganze Straße geriet in unbeschreibliche Erregung. Man ries, inan warnte, man raste, aber dem Moloch wurde kein Opfer gebracht. - VI. So wurde es allmählich Abend und die Fremden muhten sich um ein Obdach umseben für die Rächt. Sie fragten nach einer Perberge. „Ihr seid Fremde? Da gibt es nur einen Platz für Luch, das ist Rahabs Gaststätte." „Führe uns dorthin." „Rur gegen Bezahlung." „Es sei so." Unterwegs entspann sich eine angeregte Unterhaltung. „Ihr kommt von weit her?" »Ja, so ziemlich, vdn Wlzrajim." „Dort soll es ja übel zugeben." „Das kann schon stimmen. Das ist eine merkwürdigc Geschichte. Da soll vor mehr als 2ÖÖ Jahren, übrigens aus Eurer Rachbarschaft, ein fremdes Volk eingewandert sein." „Auch Ehams Enkel, auch Kenaans Rinder. Ja, ja, wir beherrschen die ganze Welt." „Das mag schon so sein, aber diesmal waren es Rachkommen von einem Bruder Ehams, er soll Sem geheißen haben, also jedenfalls aus Eurer Familie. Uebilgens wurden ste nicht die Herrscher Mizrajims. Im Gegenteil, sie wurden Sklaven, elende Sklaven." „Aber freilich," fiel der Töpfermeister An, „ste müssen einen mächtigen G'tt haben, denn den Mizrajim ging es jämmerlich und die Sklaven gingen stolzerhobenen Hauptes aus Mizrajim. Seitdem habe ich wenig von ihnen gehört." (Fortsetzung folgt.) Ainderecke. Lhanukkah, ein Fest des Lichtes. Das Ehanukahsest erinnert woH. an die Heldentaten der Wakkabäer, die die Syrer aus dem Lande trieben und den bedrohten jüdischen Staat von äußeren und inneren Feinden befreiten, obwohl sie nur ein kleines Häuflein im Vergleich zu den anstürnienden Heeren des Antiochus waren. Aber im Talmud „Sabbat" wird auf die Frage iirmn „was ist Ehanukah?" nur die bekannte Geschichte vom Krügl e i nOel erzählt, ohne der Kriege und Siege auch nur zu erwähnen. Darüber haben schon viele ihre Verwunderung ausgesprochen. Doch ist die Sache ganz klar, wenn man die Frage im Talmud richtig liest und versteht. ,-wiin 'rw heißt nicht „was ist Ehanukah", sondern „wozu heute noch Ehanukah", wenn uns ja hundert Jahre später der von den Wakkabäecn eroberte Staat doch wieder verloren gegangen ist und wir in die Verbannung hinausgegangen sind? Wie kann man sich eines Gewinnes immer und immer freuen, nachdem man ihn, und noch vieles dazu, langst verloren hat? Darauf folgt die Antwort: Wäre cs nur der Sieg der Waffen, wir hätten heute wahrlich keinen Grund, Lichter anzuzünden und ein Fest zu feiern. Aber jene Ereignisse waren von einem Lichtwunder -im Tempel gekrönt. Das ist Rn Gewinn, den wir heut e n o ch wie immer besitzen. Denn das Licht bedeutet den jüdischen Ge i st , die Thor a. Und daß der jüdische Geist aus „letzten Resten" zur hohen Flamme aufloderte, das erlebten wir in jenen Tagen, aber ebenso in unserer Zeit. ni.n ptn nnn d’ö’2 * * vielfach wird die Frage aufgeworfen: Wenn unsere Lichter jenem Oelwunder gelten, so sollten wir doch eigentlich nur sieben Tage feiern. Am ersten Tag war ja Oel genug da und mußte sich somit kein Wunder ereignen. Warum also a ch t Wundertage? Ein alter Kommentar beantwortet die Frage mit folgendem Gleichnis: War da ein Geschäftsreisender unterwegs, der sein Bargeld auf acht Beutel verteilte. In der Herberge wurden ihm nachts sieben Beutel gestohlen. Da er aber noch etwas Geld im achten Beutel hatte, konnte er stch eine Fuhre mieten, zur nächsten Polizeistation eilen and Leute ausschicken, die die Diebe einholtcn, so daß er wieder zu seinem ganzen Gelde kam. In seiner ersten Erregung hatte er gelobt, für den Fall, daß er wieder in den Besitz der Beutel käme, von jedem einen Prozentsatz der Wohlätigkeit abzufübren. Run wollte er aus den sieben wiedergefundenen Beuteln den Zehnten abliefern. „Rein," sprach der Arinenverwalter, „auch und erst recht vom achten. Denn ohne diesen hättest du die anderen sieben nie wiederbekommen." So verhält es sich auch hier. Wenn schon die Heiden alles Gel verunreinigt hatten, war es nicht vielleicht das größte Wunder, daß ein Krüglein doch -unberührt blieb? Wohl wäre ohne diesen letzten Rest das ganze Wunder nicht geschehen. Auch Wunder müssen ihren Ausgangspunkt haben. Von nichts kommt nichts. Wo ein letzter Funken noch glimmt, da kann eine Flamme entstehen, aber oer Funken muß da sein. Darum berichtet auch'das erste Lichtlein am ersten Abend vom Wunder der Zeiten. Von dem Wunder, daß immer noch ein Fünkchen da war, das bis zur hellen-Flamme anwachsen konnte . . . Kinder unter sich. Von Heinrich Einskädler. (Schluß.) IV. „Schön!" tönt es im kreise. „Das war nett. Wer kommt jetzt?" Da richtet stch Berta, die bisher vorgebeugt gesessen und dem Erzähler in die Augen geschaut hatte, in die Höhe. Sie besitzt eine kühne Phantasie und gutes Erzählcrtalent und beginnt ohne weiteres mit der Bekanntgabe ihres Themas: „In Abrahams Zelt". Und als sich der Einwand erhebt, es solle doch nur Gegenwärtiges geschildert werden, fügt sie noch hinzu: „In jenen Tagen um diese Zeit." In Palästina beginnt bekanntlich in diesen Wochen die Regenzeit. Tagelang, ja ganze Wochen hindurch bleibt der Himmel verschleiert, und ergiebige Regenfälle weichen den Boden auf und machen die Wege fast ungangbar. Abraham und seine Familie sind dadurch fast ganz von der Außenwelt abgeschlossen und auf den Verkehr mit ihren Freunden Oner, Cschkol und Wamre angewiesen. Heute hatte übrigens Sara genug im Zelte zu tun, um alles für den Schabbos würdig vorzubereiten. De- Boden wurde gekehrt und mit kostbaren Teppichen belegt. Auch die Wände sind festlich geschmückt worden. An der Decke hängt eine blinkende Lampe, die Terach seiner Schwiegertochter zum Abschied geschenkt hat. In einem Rebenraum, der als Küche dient, sind allerhand Speisen hergestellt worden, aus deren Wenge geschlossen werden kann, daß man trotz des Regens mit der Wög- Uchkeit rechnet, Gäste zu bekommen. Und in der Tat! Während Abraham in einem besonderen Zelte seine Bundesfreunde und seine Hausgenoffen um sich versammelt, um wie allwöchentlich den Tag zu weihen, den G'tt schon 6M Schlüffe der Weltschöpfung eingesetzt, gesegnet und geheiligt hat, da öffnet sich der Türvorhang, um einem Fremden Einlaß zu gewähren, der soeben mit feiner Dienerschaft auf Kamelen angekommen ist. Abraham begrüßt ihn mit höflichen Worten, geleitet ihn zu einem Ehrensitz und erklärt dann, daß er und seine Genossen stch hier versammelt hätten als Diener des höchsten G'ttes, der alles erschaffen hat und dem alles gehört, der überall ist und doch nirgends gesehen werden kann, der in seiner großen Güte den allwöchentlichen Ruhetag geheiligt und für die Allmenschheit bestimmt hat, um sie sich zu nähern und für seine Lehre zu begeistern. Wit tiefer Andacht hört der Fremde zu und verbeugt sich am Schluffe vor Abraham, den er einen Priester des unsichtbaren G'ttes nennt. Abraham nimmt ihn mit in sein Wohnzelt zu seiner Familie, um mit ihr gemeinsam das Festmahl einzunehmen. Nachdem sie gegessen und getrunken haben, ergreift der Gast das Wort: „Ich bin Rachas, des Enan Sohn, und meine Heimat ist padan Aram. Dort wohnt ein hoch angesehener Wann, R a ch o r mit Rainen, in dessen Familie ich auch schon von dem unsichtbaren Herrn der Welt, dem ewigen G'ite, gehört habe. Seine Frau W-ilka ist sehr gastfreundlich, und an einem Abend, als ich mich unter den Gästen befand, erzählte ein Fremder von einem Zauber, dessen Wunder er auf einer Reise erlebt habe. Sie hatte ihn in das nördliche Bergland geführt, das oft von verheerenden Stürmen heimgesucht wird. Dort war er eines Tages in der Hütte des Dorfhäuptlings eingekehrt. Wan hatte ihn freundlich bewirtet, und auch Rachbarn waren gekommen, um stch mit ihm fröhlich zu unterhalten, plötzlich erhob sich ein Windstoß, und alle Eingeborenen sanken auf die Kniee. Die Heiterkeit war auf einmal tiefem Ernst, ja furchtbarem Schrecken gewichen. Alle Anwesenden schrieen zu dem Herrn des Sturmes und des Todes, und als gar ein neuer Windstoß von fernem heftigen Gepolter begleitet war, da riefen ste auch die Ramen ihrer verwandten an, denn sie waren überzeugt, daß jetzt die verwandten Geister auf den Flügeln der Windsbraut kommen und an den Wänden des Zeltes erscheinen würden. Und o Wunder! Alsbald bewegten sich die Falten der Umhängc, und zwischen ihnen erschienen —die Gestalten der Beschworenen! Alle hatten gespannt der Erzählung gelauscht. Doch Wilka lachte darüber und sprach: „Welch eine Täuschung, und welch eine Torheit, ste nicht zu erkennen! Von meinem Oheim Abram weiß ich, daß der wind ein Bote des Ewigen ist, aber kein G'tt. Cr hatte die Wandbekleidungen bewegt und zwischen den Schatten, die die Falten der Teppiche verursachten, glaubten die aufgeregten Dorfbewohner ihre Verwandten zu erkennen. Diese klugen Worte hatten manche der Anwesenden schon halb überzeugt. Aber der Zufall wollte^ daß sich im gleichen Augenblick, als sie geendet hatte, ganz unerwartet ein furchtbarer Sturm erhob, und ein unerklärliches Gepolter die Leute erzittern liest. Wit flehend erhobenen Armen stürzte der Erzähler zu Boden und rief den Schutz- und Stammherrn seiner Sippe an. Er und alle starrten dann bebend nach den sich bewegenden Falten des Türvorhangs hin. Sie wurden stärker hin- und hergeschüttelt» obwohl dem ersten Windstoß kein zweiter gefolgt war. Ein Gruseln überlies manchen, und in dem -entstandenen Spalte des Vorhangs erschien — dcrKops eines Kamele s." Der Erzählung des Rachas folgte ein so munteres Gelächter, daß es ihm erspart blieb, nun noch zu schildern, -welche Szene im Zelte des Rachor gefolgt war. Aber viel mußte er noch berichten von der Familie des Rachor und von seinen Kindern und kinöeskindern. War doch Rachor Abrahams Bruder und Wilka Saras Schwester, und als Bus und Kemuel und all die Anderen geboren -worden waren, da hatten ihre Eltern merkwürdigerweise versäumt, in der „padaner Zeitung" anzuzeigen: „Unsrem U tz ist ein lang ersehntes Brüderchen geboren worden" usw. obwohl doch der Rame so trefflich dafür geeignet gewesen war. Da lachten die Geschwister auch. Da aber für die nächste Geschichte» die Eugen folgen lassen wollte» die Stunde zu weit vorgerückt war, -wurde sie auf den Schab bos Chanucko verschoben.