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Der Israelit · 1933-12-14 · Heft 50 (14.12.1933) · page 15

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 50 (14.12.1933)
Date
1933-12-14
Page
– (sequence 15)
Language
German
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14. Dezember 1933 Der Israelit Nr. 50 Seite 15 Literarische Warte. Das Gesetz und das Land. Von Oberrabbiner PH. Fischer in Larofpakak. Unter der Uebcrschrrft pxni mn ist im Jerusalemer Hahed aus der Feder von Abigdor Lau - minger in Wien-Tel-Awirv ein Aufsatz erschienen, der in manchen Beziehungen Beachtung verdient, in einem Hauptpunkt aber entschiedene Zurückweisung erfordert. Der Verfasser entwickelt die (Einwirkungen der Umweltkultur aus jüdische Lehre und jüdisches Leben in den verschiedenen Perioden der jüdischen Geistesgeschichte. Trotz mancherlei anfechtbarer Behauptungen, die dabei mit unterlaufen, so z. L. der leicht widerlegbaren Konstruktion, das; die geistigen Einflüsse der Umwelt auf das p r a k t i s che Leben des Juden niemals Einfluß hätten ausüben können, wollen wir auf diesen Teil der Ausführungen des Verfassers nicht eingehen, uns vielmehr darauf beschränken, die von stark subjektiver Voreingenommenheit zeugende Charakteristik zu prüfen, die Bauminger von der Persönlichkeit Rabbiner Samson Raphael Hirschs gibt. Bauminger behauptet nicht mehr und nicht minder, als das; Rabbiner Hirsch b"^' indem er das Losungswort „Tauroh im Derech Trez" geprägt, darunter die „Anpassung des Thoragefetzes an das kulturelle Leben" verstanden habe. „Hirsch," so sagt er, „rechnete mit dem Vorhandensein der modernen Kultur, führte sie unter die Fittige der Schechinah des Judentums ein und gab dem jüdischen Dath neue Formen, die dem Zeitgeiste und den Bedürfnissen des Zeitalters entsprachen, ohne jedoch auf seine Grundlagen und Wurzeln im mindesten zu verzichten." Ts heißt dann weiter: „Die Schule Hirschs bildete den jüdischen Menschen mit der inneren Ausgeglichenheit heran, in welchem Dath und Kultur zu einer einzigartigen Verbindung sich zusammentaten, ohne Riß im Herzen und ohne Gegensätzlichkeit im Innern. Wenn die früheren Verbindungen (zwischen Religion und Kultur) zu einem Ausgleiche mit dem Leben auf Kosten der religiösen Gebiete führten, so kam nun Hirsch und setzte es zun; Fundamente des jüdischen Dath, daß letzterem die allgemeine Kultur oder daß der allgemeinen Kultur das jüdische Dath mit all seinen praktischen Geboten zur Seite zu stehen hat, Hirsch nahm die ganze germanische Kultur von Anfang bis zu Ende an, ohne zu prüfen, was sich dem jüdischer; Gei st e zur Assimilierung ja oder nicht eignet, nur daß er die Befolgung der praktischen Mizwoth h i n z u s ü g t e?) So entstand nun eine fromme Assimilation, ganz ähnlich der Assimilation der Reformer. Die ersten Aufklärer, de Anfänger des Ausgleichs (mit der Kultur) glaubten, daß ein solcher nur aus der Grundlage der Verringerung der Fahl der Mizwoth möglich sei: die gründlichen und radikalen Reformer hingegen glaubten, daß nur durch gänzliche Abschaffung der Mizwoth Raum für die Kultur zu schaffen möglich ist! Da kam nun die deutsche Orthodoxie und akzeptierte die Kultur mit H i n z u s e tz e n der Mizwoth. Da aber der jüdische Geist infolge seines ursprünglichen ’ Wesens das fremde Element, das durch ein unnatürliches Eindringen ihm zukam, nicht in sich aufnehmen und verarbeiten konnte und kann, gelang die Synthese nicht. Und die deutsche Orthodoxie, auch eine Tochter der Assimilation, ward vom Beginne ihrer Entstehungan zur V e r st e i n erung und Austrocknung verurteilt. Die gestaltende Kraft des Dath hörte auf und wurde zur angelernten Meuschensetzung, ohne das geringste Maß eines Lebensgeistes, der sich selber seine Gebilde schafft. D i e' Hirsch ' sche Bewegung hat von ihrem Beginne an bis zum heutigen Tage das Dath nicht bereichert, es nicht verbreitert und vertieft. Aus der Mitte dieser Bewegung sind im! Laufe all dieser Zeiten keine neuen Schöpfer und Schöpfungen hervorgegangen. Die fremde Kultur verschlang den jüdischen Gast und die Thora wurde zum doppelten Teils Targum und nur zur Hälfte Mikra. Die Schule H i r s ch s, die wohl eine neue Lehre für ihr Geschlecht hatte, nützte zu ihrer Zeit und an ihrem Orte viel, um viele Seelen vor der vernichtenden Macht der Reform zu retten — aber zu einer jüdischen, nationalen, ewigen Schöpfung kam es nicht1" Wenn man diese Sätze liest, so muß man stark daran zweifeln, baß der Verfasser An wirklicher und *) Die Sperrung dieser, wie auch der meisten anderen Stellen stammt von uns. gründlicher Kenner des geistigen Lebenswerkes 0. R. Hirschs ist. Sonst hätte er nicht ein derartiges Zerrbild von dem Wesen der Hirsch'schen Auffassung des Judentums und von den Idealen, für die er gekämpft, übrigens auch den geistigen und organisatorischen Wirkungen, die er ausgeübt, entwerfen können. Wir wollen uns bei der Widerlegung seiner Ausstellungen zunächst ebenfalls eine gewisse Beschränkung aufcrlegen und uns nur mit der einen Frage beschäftigen, ob das, was der Hl e i st c r selbe r gelehrt und arrgeftrebt hat (ohne Rücksicht aus seine Erfolge im praktischen Leben), auch nur im entferntesten der Auffassung entspricht, die der Verfasser von S. R. Hirschs Gedankenwelt hegt. Wir fragen den Herrn Verfasser: Kennt er die „Rennzehn Briefe", diese Crstlingsschrift des Kleisters, die die Jünger und Anhänger des größten und erbittertsten Gegners S. R. Hirschs» die Schüler Abraham Geigers, wie folgt charakterisierten: „Diese Schrift ist die g l a u b e n s i n n i g st e, die das deutsche Judentum aufzuweisen hat (Abraham Geiger „Leben und Lebenswerk", S. 287.) Kennt Herr Bauminger jene Stelle in den „Neunzehn Briefen": „Israels ganzes Wesen beruht auf Tauroh: sie ist sein Boden und sein Ziel und Lebenssaft in seinen Adern. lIst's da gesund, kann Iisroel nicht kranken, ist's da aber krank, — kann Iisroel nimmer gesunden. Es gibt darum! keine Mißgestaltung, die nicht durch Sünde in Tauroherfassung erzeugt werbe oder mindestens Dauer erhält." (S. 96.) — „In zwei Akademien flüchtete sich Lehre und Geist; — aber bald wurden sie durch Leidenschaften und Verwirrung untergraben, — aufgehoben; — die Lehre i ging ins Exil, — der Buch stabe und die äußere ^praktische Erfüllung war gerettet, — der I ® e i [t, bis auf symbolisch ihn verhüllenden Buchstaben, — der Geist — war entflohen. — Aus dem Buchstaben und aus dem verhüllenden Symbol, verbunden mit dem,!was sich zu einzelnen gerettet, muß er erschlossen >w erden, — und hoch glänzten darin einzelne hervor. S Aber nicht alle hatten den Geist. — In nichtjüdischen | Schulen bildete Jisroels.Jugend ihren Geist in selbständiger, philosophischer Richtung. Griechische Philosophen l schöpften sie aus arabischen Brunnen. Sie erlernten als höchste Aufgabe Selbstvervollkommnung in Erkenntnis ^dsr Wahrheit. Ihr erwachter Geist fühlte sich in Wider-? spruch mit dem Judentum, in dem sie keinen Geist er-! lernt; ihre Lebensansicht in Widerspruch mit einer Le- . bensansicht, die vor allem auf Tat, auf Wirken hindrängt und Erkenntnis selbst nur als Mittel zu solchem Wirken achtet." (S. 97.) Wir müßten nur noch die ergänzenden Stellen S. 104—110 in den „Neunzehn Briefen" hinzu- , fügen» um die Absurdität der Behauptung zu erweisen, Hirsch habe die „ganze germanische Kultur" mit Zusatz der praktischen Klizwoth als Judentum , akzeptiert. I Lesen wir die Stelle im Kommentar zum Ul. B. IN. 18, 4 und 5: „Indem nbet) cumi ij?'? vvv geboten wird, ist ja bereits die Beschäftigung auch mit anderen Gebieten der; Erkenntnis als gestattet vorausgesetzt. Nur soll uns die! Wissenschaft der mm und die aus ihr zu schöpfende j Erkenntnis das Hauptsächliche und das absolut Gegebene - und Feststehende sein. Nurals Hilfswissenschaft!und nur insofern sie dem Studium der nur-! W i ssenschaft wahrhaft helfend dienen und sich als i>st-dern v>? unterer d ne n, sollen auch sie gepflegt werden. Die nnn aber und die in ihr gegebenen Wahrheiten seien überall und immer das unbedingt Gegebene und bilden den Maßstab für alle, auf anderem Wissensgebiete zu schöpfenden Ergebnisse. Nur das den Wahrheiten der Gemäße sei für uns wahr. All unser geistiges Aufnehmen und Schaffen bewege ich immer auf dem Standpunkte der n-nn und in den von ihren Doktrinen gewiesenen Bahnen, so daß wir uns das an- und aufnehmen, was ihnen ädaquat ist, und nichts Fremdartiges, aus anderen Voraussetzungen Erwachsenes, irr u n s er e aus ber mm z u schöpfende Wissens ch a f t h i n e i n m i s ch e n. Nicht paritätisch sollen wir die nn^-W i s s e n s ch a f t anderen Wissensgebieten nur beiordnen, daß uns die nun nur auch eine Wissenschaft, Wahrheiten neben Wahrheiten in Geist und Gemüt zu einander beiordnend gesellten, und so ganz sicherlich, jeder einheitlichen Ueberzeugung und Anschauung bar, in zwiespältigem Wissen und Meinen geistig und sittlich zu Grunde gingen. Vielmehr, so gewiß die nun G'ttes ist, alle andere bei Menschen gefundene Wissenschaft und Weisheit nur menschliches Erzeugnis sind und nur von der und nach der Natur der Dinge gefundene und gefolgerte Resultate eiuhvlten: so gewiß kann es für uns nur eine maßgebende Wissenschaft und Wahrheit geben, der gegenüber alle anderen nur bedingte Geltung haben und nur von ihr aus zu würdigen sind, so daß wir auch bei der Beschäftigung mit anderen Wissensgebieten nie den Baden und die Ziele der nun verlassen, denen allein alle unsere Geistesarbeit geweiht sein soll und von denen: y2inv ivwi» 'rrvn Diese Ausführungen, die man durch gleichsinnige, an unzähligen Stellen der Werke des Kleisters illustrieren könnte, zeigen deutlich, mit welcher Entschiedenheit gerade S. N. Hirsch von dem Gedanken der völligen U n t e r o r d n u it g aller a u ß e r - jüdischen K ul t u r c l e m e nt e u nt e r den originalen Geist des I u d e n t u m s d u r ch d r u n g e n w a r und welch seltsame Verkehrung der Wahrheit es darstelit, wenn Herr Bauminger den Ruhmestitel, aus fremden Kulturen, nur das Brauchbare und Assimilalionsfähige ins Judentum auszunehmen, dem jüdischen Geist im allgemein e n zuschreibt, gerade S. R. H i r s ch a b e r davo n a u s n i m m t! Niemand so sehr bat wie Rabbiner Hirsch zu scheiden gewußt zwischen dein, was der g'ttlicheu Lehre des Judentums weseusverwandt ist und dem, was als fremd und unassimilierbar abgelchnt werden muß. So feierte Hirsch in seiner klassischen Schillerrede mit unvergänglichen Worten den Idealismus und Humanismus des deutschen Dichters, weil er darin einen unbewußten Abglanz biblischer Lehre und Ideale findet, während er die „Sendung Klosis" des gleichen Schiller als „Klärchen" und „Unwahrheit" ablehnt. wenn man Herrn Bauminger hört» nach dem Rabbiner Hirsch die „ganze germanische Kultur akzeptiert" habe, „nur daß er die Befolgung der Klizwoth hinzusetzte," so sollte man meinen, das; Hirsch der Crsiuder der sogenannten C> r t h o p r a x i e gewesen sei, während es doch allgemein bekannt ist, daß gerade die Gesinnungsgenossen des Verfassers und des Hahed, die klrsrachisten, einen beträchtlichen Beitrag zu dieser dem Geiste des wahren Judentums Hohn sprechenden Verirrung geliefert haben, praktische Klizwatat ohne geistiges C r f ü l l t s e i 11 v o m Sinn c der jüdischen Lehre, das hat n i e m and f o sehr als u n j ü d i f ch e H a! b h e i t g c - k c nnzeichnet, wie unser Kl eiste r. Cs wäre nicht schwer, auch die weiteren Behauptungen Baumingors, die sich auf die Auswirkung der Hirsch'schen Lebensarbeit unter seinen Zeitgenossen und in den nachfolgenden Generationen beziehen, zu widerlegen. Wir kommen darauf möglicherweise ein anderes Klal zurück. Für henk nur der Hinweis, daß die literarische Arbeit unzähliger jüdischer Schriftsteller während, des letzten halben Jahrhunderts, die von Hirschs Gedankengut zehrten, von der parteiischen Ungerechtigkeit desBaunttnger'schen Urteils Zeugnis ablcgt, wenn diese Arbeiten auch zumeist nicht im Gewände der h e b r ä i - scheu Sprache erschienen sind. Eine g a n z e R a bh i ner - u u d L e h r e r g e n eratio n in Deutschland und allen westeuropäischen Ländern lebt und webt in der Gedankenwlelt, deren Grundlagen S. R. Hirsch geschaffen hat und hat im Lichte dieser Gedankenwelt Tausende von Klcnschcn zu aufrichtigen, mitten im Leben stehenden und doch der G'tteslehre treuen echten Juden herangebildet. Cs ist, so-schrieben wir vor einigen Jahren, einem Gesinnungsgenossen in Frankfurt, gewiß ein g'ttlicher Fingerzeig, daß nunmehr viele der Gesetzcstrenen Deutschlands ihre Schritte nach dem heiligen Land lenken. Wenn nämlich im Hoimatlande des Kleisters, in Deutschland, infolge der staatlichen (Eingriffe in das Schulwesen die von ihm gewollte und in seinem „Chorew" meisterhaft dargestellte Synthese von Thorageist und Weltkultur nicht ganz in der von ihm gewünschten Weise bei vollem Uebergewicht der Thora durchgeführt werden konnte, so w i r d es g c r a d e in Crez Iisroel mögli ch sein, Hirschs C r z l c h u n g s i d e a l. ohne Abstriche und ohne Verzerrung, im hebräische n Sprachgewan b zu ver w i r k l i ch c n. „K e r n n n d ^k r o n e a l l e s W i s s e n s i st u rr d b l e i b t die Ehora"! klöchte der Verfasser des Hahed- 2lrtikels sich künftig gründlicher in die Gedankenwelt S. R. Hirschs, insbesondere in seine Programm- Schrift „von den Beziehungen der allgemeinen Bildungselemente zur speziell jüdischen Bildung" (Ges. Schriften II, S. 44H) vertiefen, damit ihm eine 2lhnung aufgehe von dem wahren Sinn des „Thora im Derech Crez-Prinzips", wie Rabbiner Hirsch es ausgestellt und in seiner eigenen Person vorbildlich verwirklicht hat.

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