Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1933-12-14 · Heft 50 (14.12.1933) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 50 (14.12.1933)
Date
1933-12-14
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2446951-2450756-2450804--80060-2537851
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Teiinkto«. Dcp Jsr*3.clit i\'V^ Rahabs Lied. Von Sanon. IV. „Rahabs" redete sie der König an, „ich sehe. Du bist zum Tanze gerüstet. Auch damit sollst Du uns heute noch erfreuen. Aber zuerst etwas Anderes. Du hast viele Wenschen gesehen in ihrer Leidenschaft und in ihrer Ermattung. Wir hatten vorhin die Gelegenheit, die Gesandten von Ai und Gibeon zu hören. . Leide wohnen in Deiner Herberge. was hältst Du von dem Gesandten von Ai?" „Treu ist er, aber verzagt." „Und was von dem Wann von Gibeon?" „verzweifelt ist er und unzuverlässig. Doch, mein König und Herr, wenn ich Dir mit Rede und Antwort dienen soll, so beengt mich das leichte Gewand der Tänzerin. Dann möchte ich als priesterin vor Dir stehen und meine Herrin Astaroth kann nur aus meinem Wunde sprechen, wenn ich das Gewand ihres Heiligtums trage. Gestatte, daß ich mich in mein schwarzes Kleid hülle." «Es sei Dir gewährt." Hoheitsvoll betrat kurz darauf Rahab den Saal. Da wandte sich Anok an sie — „Unser erhabener König hat mir erlaubt, einige Fragen an dich zu richten. Ich rneine, Du sollst stolz darauf sein, in der Gemeinschaft der Größten gehört zu werden." „Ich weiß, was das bedeutet." „Wohlan, Rahab, sage, wie ist die Stimmung des Volkes?" „Viel verzweifelte Wenschen sehe ich heiße Tränen vergießen im Tempel der Astaroth. was sie weinen, weiß -ich nicht, was sie sagen, verstehe ich nicht." „Dicht das will ich wissen. Die Sorgen, die zn Astaroth gebracht werden, sind nur große Angelegenheiten kleiner Herzen. Aber Du hast doch heute wohl an der Prozession teilgenommen. Wie fandest Du Straße und. Volk von Jericho?" „Erschreckt; aber verzeihe, Anok, ich meine, inan hätte dem Volke sagen müssen, warum Jericho in Rot ist. Auch ich weiß es nicht." „Du, Rahab, Du weißt es nicht, die Du doch so vieles erfährst?" „Ich weiß cs nichts Anok, und es kränkt mich, daß Du dem Weib im Priestergewand der 2lstaroth nicht mehr Glauben schenkst." „(D, verzeihe, ich dachte eben an die Tänzerin von vorhin und von nachher." „So gestatte der erhabene König, daß ich mich zurückziehe, bis man der Tänzerin begehrt." „Rein, Rahab, grolle unserem Anok nicht. Schars ist sein Wort, wie das Feuer seines Woloch. Achiman, sage Du Rahab, was uns Sorge bereitet." „Ein fremdes Volk bedränt uns, Sems Enkel nahen sich den Toren Jerichos. 2lllcs zittert jenseits unseres Jordan, ernste Botschaft kam von ernsten Riederlagen der Wächtigsten und Woloch versagt uns tröstliche Kunde." „Wie heißt dieses Volk?" „Sie nennen sich Kinder des Ewigen." „Haben sie uns Krieg angesagt?" „Roch nicht." „König, wäre es nicht bester, das Volk von Jericho mit frohem Wut zu erfüllen?" „2lnok, ist da Antwort bei Dir?" „Ich weiß, daß Rahab mehr dem sanften Gurren der Tauben ihrer Astaroth lauscht, als dem Bellen der Hunde Wolochs. Aber wisse, o König, daß Jerichos Volk sich von Dir wenden würde, sobald es sich nicht mehr dem Woloch beugt. Rnd deshalb frage ich Dich, Rahab, Du Weib mit Deinen 1OOO Augen, wie benahmen sich Kenaans Enkel, wie benahmen sich die /Fremden, denen wir in so vornehmer weise Gastfreundschaft gewähren? Denn Du sollst wissen, mein Herr und Gebieter, bis zu diesem Augenblick hat kein einziger Vater sein Kind gebracht, damit ich es als Sühne dem Woloch bringe. Rahab, was hast Du wahrgenommen?" Rahab erzitterte. Sie verstand 2lnok sehr gut. Ost hatte der finstere Wann um ste geworben und stets hatte sie ihn zurückgewiesen. Sie. ahnte einen tückischen Streich seiner Rache, sie dachte an ihre Brüder, an die Kinder ihrer Sippe und-fürchtete für sie. Es galt, dem vorzukommen. Deshalb sah ste Anok mit erzwungenem Lächeln an und erwiderte: „Großer Anok, Du weißt ja, daß auch in früheren Zeiten die Begeisterung des Volkes erst bei Wiederholung unserer Umzüge erwachte. Dürste ich vielleicht um die Gunst bitten, daß Du morgen oder übermorgen abends zu mir kommst; dann will ich Dir Antwort geben. Du weißt ja, die Dienerinnen der Astaroth dürfen Wolochs Tempelbczirk nicht betreten." Ein triumphierendes Läcbeln zog über Anoks Antlitz, „Cs fei so und ich hoffe, Rahab, Du wirft mir aus alle, verstehst Du wohl, aus alle meine Worte befriedigende Erwiderung zuteil werden lassen." „Ich verstehe, Anok." Da sagte der König: „Wahrlich, Rahab hat recht. Genug heute vom ernstem Werk. Woge trotz aller Sorge die Freude und di-Lust walte»/- Er klatschte in die Hände und Sklaven erschienen, um das Wahl des Abends zu rüsten. In großen irdenen Krügen wurde berauschender Palmwein gereicht. „Eine Frenndschastsgabe vom König Adoni Zedek aus Ursulimm," bemerkte der König. Dann rief 2lnok: „Rahab, tanze uns den Totentanz der Kinder, die zum Woloch gebracht werden." Und Rahab tanzte. Erst in. schmerzenden Windungen den Abschied von Eltern und Geschwistern, dann das dumpfe Grausen vor den züngelnden Flammen, die aus Wolochs Leib hervorbrechen, gesteigert bis zur (Ohnmacht, plötzlich aber erhob sie sich, warf das schwarze Gewand ab und sang in begeisterter Ekstase das alte Wolochlled: „So gehen Kenaans Kinder zu ihrem Vater, So mnkost Kenaan seine Kinder, So huldigt 2lstaroth, die große Wutter, dem Woloch Stets aufs Reue bringt sie ihm ihre Blüten," Dann hob sie das schwarze Gewand vom Boden und brachte es einem Oellichte nahe und Helle Flamme verzehrte das Gewebe. Flammendes, brennendes Kleid schwang Rahab in tollem Wirbel um sich, -es schien, als ob sie in Feuer sich verzehrte. Dann fielen glimmende Fetzen auf den Estrich und Rahab verschwand. V. Wieder bewegte, sich die Götzenprozesston durch die Straßen Jerichos. Unter der Wenge, welche in Erwartung des Schauspiels sich schon zahlreicher als gestern eingefunden hatte, wurden zwei Fremde benrerkt, der eine mit einem Aimmcrmannsbeil und einem ungefügem Senkblei, der andere mit einer Drehscheibe und sonstigem Töpferhanöwerk. ' „Woher des Weges?" fragte sie -ein Reugieriger. „weither, aus Damefeks Gärten." „Und was sucht ihr hier?" „2lrbeit für Brot. Wir waren in Eheschbon, sein König fiel in hartem Kampf. Fremdes Volk hat sein Gebiet erobert. Wir flüchteten über den Jordan. Hier in Jericho soll Reichtum sein und vieles Banen." . „Ra, ob ihr da zur günstigen Zeit gekommen seid, weiß ich nicht. Ihr werdet ja gleich hören, wie die Stimmung hier ist." Schon nahte der Umzug. Bomm — Bomm — Bomm — „Woloch zürnt." Da wandten sich die Fremden an ihren Gewährsmann: „was ist denn hier los?"' „Ihr hört doch, die Großen zittern und Anok, der gewaltige Wolochpriester, ist Herr der Stunde. Cr heischt Opfer." „Ja, was habt Ihr denn zu fürchten, mit solchen Helden, mit solchen Wauern?" „Aber es scheint doch, daß die Krieger mürrisch sind und ich sehe so manches. Wansagt so viel von einem gewaltigen, unwiderstehlichen Volk, das drüben in Schittim lagern soll. Cs soll groß sein und mächtig." „2lber hört einmal, Ihr kommt doch von Osten, habt Ihr von diesen Horden gar nichts gesehen und gehört?" „von Horden, nein. Aber vielleicht meint Ihr dieselben, vor denen wir fliehen. Das ist fc.itte Horde, das ist ein mächtiges, kampfgeübtes Heer." „Ja, ja," fiel der Zimmerinann ein, „die kennen wir." Da lief der Wann, der sich mit dem Zimmerinann und Töpfer unterhalten hatte, davon und bald hatte es sich auf der Straße herumgesprochen, daß die Wänner von der Horde bei Schittint etwas wußten. Klan scharte sich uni die beiden Fremden, man fragte sie aus/man hörte ihnen zn. Sie waren so zum Wittelpunkt geworden, daß man darüber die ganze Wolochprozession trotz der Dampfwolken, die -ans den Rüstern des Götzenbildes hervorqnollen, gar nicht beachtete. Das lag aber nicht im Interesse der beiden Fremden. Bei der nächsten Seitengasse waren ste plötzlich verschwunden und die Wenge hatte das Rachsehcn. Run überbot inan sich in Wiedergabe des Gehörten und in Uebertreibnngen, so daß ein allgemeines Gruseln Platz griff. Zwischen den beiden Fremden, die durch eine verödete Gasse schritten, entspann sich eine kurze Unterhaltung. „Ich glaube, Bruder Zimmermann» das hat gewirkt." „Ich glaube auch, Bruder Töpferineister, wenn wir so Weiterarbeiten, werden diese Weminen von den Straßen Jerichos bald das Zittern gelernt haben. Und der Sieg wird uns leicht sein. Weinst Du nicht, daß wir unsere 2lufgabe bald gelöst haben?" - „Roch nicht ganz. Ich möchte erst genau die Lage der Wauern kennen lernen und ihre Schwächen erkunden. Doch jetzt laß' uns wieder unter das Volk gehen und Stimmung machen." Sie bogen in die große Hauptstraße ein. Da wurden sie Zuschauer einer gewaltigen Szene. wieder war der Huf erschollen: „Wer liebt Jericho, wer bringt sein Kind?" Da brach sich durch die angestaute Wenge ein Ehepaar mit wildem Schreien Lahn: „Wir lieben Jericho, wir sühnen Woloch, wir bringen unser Kind." Din frenetischer Jubel brach los. „Wir sind gerettet, vorbei die Rot von Jericho!" Lin wilder Tanz begann. Unterdessen hatte das Ehepaar den Wolochwagon erreicht und bot dem satanisch grinsenden Priester ein Bündel, in das ein Kind von etwa drei Jahren gewickelt war. Die Wolochsdienec rissen die Hüllen ab. Da kam ein jämmerlich schreiendes, vollkommen verkrüppeltes Kind zum Vorschein. „Ihr Hunde," riefen die Priester, „Ihr Verräter, Ihr habt Woloch gehöhnt! Wißt Ihr nicht, daß Woloch nur untadelige, fehlerfreie Opfer annimmt? Ihr Hunde, da habt Ihr Euren Balg!" Und während ein Scherge die Tür zum Ofen in Wolochs Leib, die er feierlich znm Empfang des Opfers geöffnet hatte, wie rasend wieder schloß, wurde das Kind in die Wenge geschleudert. Entfesselte Wut durchtobte die Straße. Das Ehepaar, welches den Frevel an Woloch verübt hatte, wurde beinahe gesteinigt. Riemand kümmerte sich um das Kind. So kam es, daß die beiden Fremden, die dicht eingekeilt in der Wenge sich befanden, es in ihren Wantel bergen und rasch in das Haus tragen konnten, aus

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.