Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1933)
- Date
- 1933-12-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 50 D e r F s r a e l i t 14. Dezember 1933 Wirklichkeit. Nicht im Namen Aguda, nicht in der. bloßen Organisierung, nicht im Agudismus, weil er bisher so war. Sondern in der Kluft, aus der das Golus entstehen mußte. Von hier aus wollen wir nnseren weg ableiten, unbeirrbar, gewillt, alle Konsequenzen zn Ziehen. Erst dann werden wir wissen, was das agudistffche Programm ist. Wenn Ihr es nicht so nennen wollt, muß es doch durchgeführt werden . . . 2. Der Weg in heutiger Zeit: a) Totalität der Tanroh in unserer Weltanschauung! Ts handelt sich um die Formung unserer Menschen. Ls gibt nur eine Möglichkeit: Das Lernen! Aber es kommt nicht auf das Lernen überhaupt an oder auf die Zeit, die wir vielleicht auf der Ieschiwa waren. Darauf vielmehr, wieweit uns das Lernen Zugang zur Weltanschauung der Thora ist. wir müssen mit fragendem Kerzen ans Lernen Herangehen. Das Lernen soll uns Antwort geben auf alle Fragen der menschlichen Seele und des menschlichen Lebens. 2lus den unzähligen 2leußerungen, die aus dem Lernen an uns herantreten, muß sich immer deutlicher uns ein Bild unseres Seins und Sollens formen. Wir müssen aus dem Lernen als eigenartige und geschlojscnc Persönlichkeiten hervorgehcn. Das ist fast die einzige Voraussetzung, die wir brauchen, um die weiteren teilweise praktischen 2lufgaben zu lösen. Die Antwort nach der eigenartigen thoragcmäßen Gestaltung etwa der Wirtschaft gibt uns nieinand als wir selbst, wenn wir mit offenem Blick für alle Bezirke des Lebens — lernen. b) Totalität der Tauroh im Leben. Gemeint ist der Bezirk des öffentlichett Gebens, der unserer Gestaltung bisher verschlossen war; der beute in Trez Iisroel wieder geöffnet ist. 2lus dieser Möglichkeit entsteht für uns die Verpflichtung zur 2lrbcit. Keine Tinzclficdlungcn, nicht hier und dort ein vereinzelter Orthodoxer, sondern die p l a n m ä ß i g e Anlage von größeren Komplexen, geschlossene ländliche und städtische Siedlungen. Tine Thorastaöt — nicht nur eine „reinjüdische Stadt" wie Tcl-2lwiw, in der nach der Thora Recht gesprochen wird, in der am Schabbos wirklich Ruhe des „Ruhetages" herrscht, deren politische Führung, soziale Hilfe, wirtschaftliches Leben, künstlerische Veranstaltungen unter der unsichtbaren Herrschaft der totalen Lebensreglerin Thora stehen. Die ganze Stadt Zentrum einer ländlichen Siedlung, bestehend aus vielen Familien und Familiengruppen, in Lebensform und Besitzvcrteilung schöpfend aus dem gleichen Geist, wie die Stadt. Diese reicht in ihrer Wirkungssphäre bis in die letzte kleinste Siedlung, mehr Zentrum als Wohnansammlung, mehr Stätte festlicher Versammlung der Landfledler, als normale Wohnstätte. Die n.ormale Lebensform der Bauern, naturverbunden, thoraforschend, mitgetragen von dem pulsschlag gemeinsamen thoragebundenen Lebens. Die eminent wichtige Frage der Erziehung wird auf eine praktische einfache Weise geregelt werden: Tine Schule für die ganze Siedlung. Weder Ieschiwoh noch „Höhere Schule", sondern die Schule für das Leben aus dem Geist der Thora. Die geistige Spitze der Siedlung muß eine Forschungsstätte sein, in der die Weltanschauung der Tradition aus. dem Lernen heraus mit Trust und Verantwortung geschaffen wird, und besonders die Gestaltung aller Bezirke vor allem des öffenlichen Lebens in den Umrissen und Einzelheiten aus dieser Weltanschauung aufgezeigt wird, wir brauchen Menschen, die an den Oucllen sitzen. 2lber richtunggebend müssen wenige Bedeutende sein, die ihre ganze Zeit und Kraft der Forschung widmen können: Tine 2lrt Universität. Landsiedlung und städtisches Zentrum bilden dann einen geschloffenen Neuen Fisch uw, derDritteIls ch u w! Tr steht ohne Feindschaft, aber zunächst ohne Beziehung zum Zweiten Iischuw, dem zionistischen Iischuw, aber mit werbender Kritik zum Gilten Iischuw, um dessen Jugend zur neuen Bejahung des Lebens neben dem Lernen und des 2lufbaues neben der Bewahrung zu gewinnen und die Herzen der 2llten. Je klarer und sclbstgewisser unsere geistige Stellung gegenüber dem Wisrachi und seiner Jugend' ist, desto besser und freundschaftlicher werden die Beziehungen zwischen dem Menschen des Dritten Iischuw und vielen des Wisrachi sein können, wenn wir aber einmal etwas geschaffen und geleistet haben, wird zweifellos der Wisrachi feine aussichtslose und unentschiedene Richtung im Neuen Iischuw verlassen und sich in den Iischuw der' Thora des Lebens eingliedern. Wenn dieser zweite Schritt, der Einbeziehung der Thoratreuen in den Dritten Iischuw gelungen ist, wird mit G'ttes Hilfe die Zeit gekommen sein, wo die Eroberung des Neuen Iischuw, die Aufrichtung der c) Totalität der Tauroh im jüdischen Volk in 2lngriff genommen werden kann. Agudas Iisroel wird dann durch den „Dritten Iischuw" in Crez Iisroel schon längst ansgehört haben, eine bloße Organisation zu sein. Tine geschlossene Siedlung thoratreuer Menschen, Stadt und Land, deren öffentliches und privates Leben ganz unter der Thora steht, ist dann der wesentliche Teil der Agndas Iisroel. Der Weg zu „Kneses Iisroel" zum jüdischen Volk, wie es im Golus sein soll, geht dann über die Einbeziehung der einzelnen umkchcendcn Juden des zionistischen Iischuw in den Dritten Iischuw. Wird es uns gelingen, die ersten Wegbahner für die Geuloh zu fein? 5. N o a r A g u d a t i: Sammlung der jungen Metlfchen der gezeigten „agudistischen" Anschauung, die den beschriebenen Weg in heutiger Zeit als den richtigen ansehen, um die Spannung zwischen Anschauung und Wirklichkeit zu lösen. Den Weg über den geschlossenen großen Iischuw, den Weg über die persönliche Umstellung auf den schassenden Beruf. Den Weg über das Lernen. Lernen, 2lnschauung, Arbeit: Die Leitung des Noar 'Agudati wird einen Lehrplan und Minimalforderungen aufstellen. Wer zu uns kommt, muß erst innerhalb des Bundes durch die geistige Hachschara gehen, bevor er zur praktischen Ausbildung zugclaffen wird. In der 2inschauung und im politischen plan fühlen wir uns verpflichtet, wegweisend zu sein und hoffen auf Widerhall und Gefolgschaft. Schließlich ist eine gewisse Zentralisierung der praktischen Hachschara notwendig. Tin Korrespondenzblatt soll die Verbindung schaffen. Daß neben diesen drei Hauptgebieten unserer Aktivität, wir nicht uninteressiert sind, an der Schaffung, der anderen notwendigen Voraussetzungen zur Errichtung des Dritten Iischuw, ist selbstverständlich. — Die wirtschaftliche Zukunft unserer poalim in Crez Iisroel muß gesichert werden durch Bodenbesitz. Unsere Menschen sollen nicht vollständig von der Lohnarbeit abhängig sein, sondern eigenen Boden besitzen, auf dem gemeinschaftlich gesiedelt wird. 2lußerdem muß unseren 2lrbeitern, durch die planmäßige Beschäftigung von mittelständischen Familien im Dritten Iischuw, ausreichende 2lrbcitsmöglichkeiten garantiert werden. Außerdem muß unsere Sorge gelten der Beschaffung der Gelder durch zugkräftige Werbemethoden, Vorbereitung der Schule und der Universität im geschilderten Sinne. Vor allem fühlen wir uns verantwortlich dafür, einzutreten, daß bei. allen Maßnahmen der Aguda in Trez Iisroel, die geschloffene Anlage und der plan des Dritten Iischuw als Einheit unbedingt beachtet werden. Damit möglichst alle leistungsfähigen Kräfte zur Mitarbeit herangezogen werden und zwecks einer gewissen Stabilisierung der Führung beabsichtigen wir, einen Führer- Rat des Noar Agudati zu schaffen, dessen Mitglieder gleichermaßen an der Führung wie an der zentralen oder peripheren Arbeit des Bundes beteiligt sein werden. Schließlich: es kommt nicht auf kleine Unterschiede der 2lnschauung an. Ihr alle, die Ihr uns versteht — helft uns! Lichter im Dunkeln. Tin wort der Halacha, an dem wir oft achtlos Vorbeigehen, erhält seinen tiefen und weiten Sinn, wenn wir es unter dem Schicksal der Gegenwart erleben: „Das Licht im Hellen nützt nichts: wnn rnn'vz k™ Wie oft schon haben wir Thanukah gefeiert, wie oft schon seiner Lichtcrsprache, wenn ein kundiger Mund oder eine flüssige Feder sie uns verdolmetschte, gelauscht, wie oft schon gesprochen: „diese Lichter sind heilig ...", in wie mannigfacher Deutung den Grundakkord der Hastorah vernommen: „Nicht mit Macht und nicht mit Kraft, sondern in Meinem Geiste!" Und doch! Dieses Jahr strahlt das Licht uns anders. ist seine Sprache uns deutlicher, äst , der Geist des Haftörahwortes uns näher gerückt! - vielleicht ging es uns sonst doch gar zu behaglich^ daß das Chanukahlicht uns wie ein Licht im Hellen schien und uns darum nicht so viel bedeutete! Unser politisches Leben war gesichert, unser Trwerbslvben einigermaßen fundiert, unser Familienleben sorglos, es sah die Cltern und die Kinder um den Tisch des Hauses vereint, unser geistiges Leben war, oder schien uns wenigstens, befriedigend! Und nun auf einmal, nun ist es anders geworden! Wir alle haben unsere Sorgen, in jedem Kreise sind sie vielleicht etwas anders gelagert, aber; kein Kreis und keine Gemeinschaft ist von ihnen frei. Gerneinden, Institutionen, Anstalten, Familienhäuser kämpfen um ihre Existenz. Tin großer Teil unserer Jugend hat uns verlassen und sucht anderswo nach neuen Lebensmöglichkeiten. Der Begriff der bürgerlichen Wohlhabenheit, der zu vielen von uns wie etwas Selbstverständliches gehörte, ist uns etwas Rares geworden, der „Kampf ums tägliche.Brot" ist den meisten von uns, denen er früher so etwas wie ein „literarischer Ausdruck" war, zur harten Selbstverständlichkeit geworden. Zu diesem Geschehen, dessen einzelne Fakten wir so aneinanderreihen, wie sie täglich jedem von uns zum Bewußtsein kommen, ist für uns orthodoxe Juden, ja für alle Juden geistiger Prägung überhaupt, in letzter Zeit noch das Sterben unserer beiden ganz Großen: des „Zadiks von Radin" und des „Sehers zu Lublin", gekommen, so daß wir wirklich sagen können „stehe, Dunkelheit bedeckt die Trde." Da ist denn das Thanukahlicht so recht zeitgemäß! Da wird es zum Licht im Dunkeln und da leuchtet's, leuchtet's so ganz anders wie in früheren Jahren, sein Schein reißt uns nicht nur für einen Augenblick aus dem gewohnten Lebenseincrlci, seine Sprache wird uns nicht wie die eines routinierten Kanzelpredigers zum schnell sich verflüchtigenden Ohrenschmaus, nein,, das Chanukahlicht strahlt hinein in verdüsterte Gemüter, in dunkle Stimmungen und wirduns so zu einem mächtigen Anreger! Die Vergangenheit vermählt sich mit der Gegenwart, das Cinst mit dem Jetzt, die Erinnerung ’ mit dem Erlebnis. Und Wut und G'ttvertrauen werden zu den wachen Begleitern, unseres Tages! Bringen wir die Thanukahgeschichte, in der für uns Krieg und Sieg ja nur Beiwerk sind, auf eine kurze Formel, dann lautet diese Formel: Wenn G ' t t w i l l, dann brennt Oel, das nur für einen Tag bestimmt ist, acht Tage! Wenn G'tt will^ dann verlischt die Flamme nicht, die mit reinen Händen und reinem Oel entzündet wurde, wenn G'tt will, geschieht das Wunder! Wenn G'tt will — und diesen größten und. leuchtendsten Gedanken sprechen wir täglich so oft achtlos aus: nxT vrr —dann brauchen wir nicht müde und ängstlich und verschüchtert und verzagt zn sein. . . Wenn G'tt will! Was Sein Wille ist, ist uns tausendmal gelehrt worden und wir haben es tausendmal überhört, was unsere Bestimmung nach diesem Seinem Willen ist, die Thora hat's gesagt, die Propheten haben es gemahnt, unsere Weisen haben es durch Zäune geschützt, unsere Philosophen haben cs vertieft — un d wir sind an dieser Best i m m u n g v o r b e i g e g a n g e n! Ts war zu hell um uns, wenn wir sonst das Thanukahlicht entzündeten. „Das Licht im Hellen nützte nicht". Nun, wo es trüber und dunkler geworden ist, sollen wir es uns zum Nutzen werden lassen! vor Jahrtausenden ist uns gesagt worden „Wenn Ihr anders seid, dann gehört ihr Wir; wenn nicht, seid Ihr der Assimilation rettungslos verfallen". Weil es „nur" ein Wort des Sifri ist, glaubten wir hochmütig, es überhören zu können. Nun, da Wenschen cs zu uns sagen — und manche von ihnen, nicht alle — verbinden mit dem, was sie sagen, Kränkung und Beleidigung — da horchen wir auf und suchen nach eine m Ausweg, statt nach ö e m R ü ck w e g! Chanukahlicht! Licht im Dunkel der Gegenwart, sei uns zu Nutz! Leuchte uns die Erkenntnis ins Herz, daß wir mit der Thora alles sind, und ohne die Thora — nichts! Daß wir als G'ttes Volk Königssöhne 2nö und ohne-G'tt — heimatlose Flüchtlinge. Daß wir mit dem Gesetz voll, innerer Würde und stolzer