Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1933)
- Date
- 1933-12-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 50 Seite 3 14. Dezember 1933 distischer Gedankengänge gefunden hat — so lebensgefährlich wäre grade jetzt jede Zurückdrängung des G r g a n i s a t o ri s chen mit seinen sittlichen Konsequenzen. Man kann gewiß nicht in dem gleichen Atemzug e eine Relativierung und Minderschätzung des Organisatorischen, das ja übrigens nur der äußere Ausdruck des heiligen j ü d i s ch e n V o l k sg e d -a n k e n s ist, und zugleich den Aufbau eines „Dritten Iifchuw" propagieren! Dieser „Dritte Iifchuw", den wir gewiß bitter nötig brauchen, wird Geld kosten — horribile dictu: jeder Dunam bares Geld, jede Holzbaracke, jedes Schiffsbillet bares Geld. Er wird nur geschaffen werden, wenn die thoralreue Jugend in ganz anderer, viel entschiedenerer Weise als bisher die Unentbehrlichkeit der auf Disziplin, freier Unterordnung und brüderlicher, l i e b r e i ch e r Z u f a m m e norönung beruhenden Einheitsorganisation der t h o r a t r e u e n I u d e n h e i t als Alpha und Omega aller Zukunftsarbeit für die Erlösung erkennt, wenn sie alle individualistische Eigenbrödelei, alles Besterwisten gegenüber der Führung und alle kritische Selbstgerechtigkeit der einen Gruppe gegenüber der anderen ablegt und auf das eine Ziel hinsteuert, das zum Endziel geleitet: eine kraftvolle und darum leistungsfähige „Agudas Iisroel". Für dieses Ziel schon die jüngste Jugend zu erziehen, schon die Fünfzehnjährigen, ja die Zehnjährigen in ihrer Art für den Gedanken der u m G ' ttes Thora gescharten, ewig lebendigen Volksgemeinschaft Israels zu entflammen, wäre die Aufgabe sowohl des „Esra" wie der Aguöas Iisroel-Iugendorganisation, wenn der jetzt gemeinsam erstrebte Dritte Iifchuw kein Traum bleiben soll. Allerdings: die Doppel Organisation auch der Erziehungsgemeinschaft würde an dem. Tage überflüssig, an dem diese Aufgabe auch vom Esra und allen seinen Führern aufrichtig als die oberste jüdische Crziehungsa u f g a b e anerkannt wäre. Vorläufig wollen wir uns der Tatsache freuen, daß sich die beiden gesetzestreuen Iugendbünde im „Roar Aguöati" einstweilen wenigstens praktisch zum gemeinsamen Dienst am Aufbau des „Dritten" Iischuw im heiligen Lande zusammengefunden haben: .Tmi warp’ w'ibwa or>n Anruhen in Tel Awiw. Der Titel ist alarmierend. Aber es handelt sich dieses Mal nicht um Demonstrationen gegen Juden, sondern um Zusammenstöße zwischen Juden u n d Polizei, die sich am letzten Samstag ln der jüdischen Großstadt von Palästina, in Auswirkung der Bestimmungen gegen die „illegale Einwanderung", ereigneten. Rach den Berichten der Telegra- Phen-Agenturen war die Lage so ernst, daß die Polizei Verstärkungen aus Jaffa heranholen und panzerautomobile einsetzen mußte. Cs gab viele Verletzte unter Juden wie Polizeibeamten. Daß hier die Unruhen nicht von außen, sondern von innen her kamen, wirkt nicht weniger beunruhigend. Einzelheiten sind noch abzuwarten, aber jetzt schon muß gesagt werden: *]“nn n n^r Man kann schon verstehen, wenn Razzias in der jüdischen Stadt auf Juden, die aus Ländern der Uot in die Heimat geflüchtet sind, Hetzjagden durch arabische Polizisten auf jüdische Menschen, deren einziges Verbrechen darin besteht, daß sie kein regelrechtes Zertifikat oder keine tausend Pfund besitzen, die revistomstische Jugend in eine sinnlose Wut versetzen und zu unberechenbaren Handlungen treiben. 2lber verstehen ist hier nicht gleichbedeutend mit Verzeihen. Sie müssen, in Würdigung der Umstände und der kraftverhältmsse, doch Vernunft annehmen und auch wissen, daß „Gewalt gegen Gewalt" keine jüdische Kampfmethode ist. Cs mag schon richtig sein, daß hier nicht eine „illegale Einwanderung gegen die Gesetze", sondern, — vom Mandatsftanöpunkt aus gesehen — „illegale Gesetze gegen die Einwanderung" vorliegen. Aber mit der geballten Faust machen wir die Sache nicht bester und werden auch gegen die englischen Tanks wenig ausrichten. Und wenn einmal diese Faust oder der Der Israelit Gummiknüppel einen unteren Beamten trifft, so ist damit zumeist nur ein armer unschuldiger Mensch getroffen, der einen ihm gewordenen Auftrag ausführt. Dieses Vorgehen ist genau so unsinnig, wie das einiger aufgeregter Revisionisten, die in Warschau und Riga die englische Gesandtschaft mit Steinen bewarfen. Solche Cnergicanfälte der Machtlosen machen in der well wenig Eindruck. Die Schuldigen sitzen wo anders, in den Amtshäusern zu London und Jerusalem, und an die kann inan nur mit den Waffen des Geistes, der Vernunft, der Gerechtigkeit und der Billigkeit Herangehen. Das ist in erfreulicher Einmütigkeit von jüdischer Seite geschehen. Wenn es diese nicht machen sollten, so steht zu befürchten, daß die „gepanzerte jüdische Faust" die Lage noch verschlimmert. In Tel-Awiw wird dieser Tage an der Kuppel der Irijah nach altem schönem Brauch ein Licht aufblitzen, zu dem sich an jedem weiteren 2Ibcn6 ein neues gesellen wird. Möge auch für Tel-Awiw die Sprache des Lichtes bedeuten: •nan ‘rna xb Anker falschem Titel .... Die Berliner „Börsenzeitung" vom 4. Dezember brachte unter der Ueberschrift „Jüdischer Luftangriff auf Deutschland" folgenden Bericht aus London: „Ein Plan, über deutschen Städten jüdische, gegen die deutsche Regierung gerichtete Flugblätter abzuwerfen, ist in letzter Minute, wie die Blätter melden, verhindert worden. Cs verlautet, daß ein bekannter, zur Zeit stellungsloser englischer Flieger für die Durchführung des planes gewonnen worden war und rund 10.000 Mark für fernen Flug erhalten sollte. Ein ebenfalls ungenannter Jude hatte das Geld Für den Zweck zur Verfügung gestellt. Die Flugblätter waren schon im Flugzeug verstaut, als der Start plötzlich abgesagt wurde. Es heißt, daß e i it f l u streiche Juden f i ch in letzter Minute gegen d i e D u r ch f ü h r u n g d e s p l a n e s ausgesprochen haben (hier von uns gesperrt. Red.) aus der Erkenntnis heraus, daß, wenn der plan gelinge, er a u f 6 i c Beziehungen zwischen Deutschland u n d E n g l a n d unangenehme Rückwirkungen haben müßte." Liest inan den Bericht, unbeeinflußt von der Ueberschrift, richtig durch, so erfährt man daraus, dast der Abwurf deutschfeindlicher Flugschriften von verbrecherischer Seite in London geplant war und daß es einflußreichen Juden im letzten Augenblick gelang, den Plan zu verhindern, weil ihnen daran gelegen war, die Beziehungen zwischen England und D e u t s ch l a n d nicht zu trüben. Daß der „startbereite" Flieger ein Jude war, wird nirgends behauptet und ein „ebenfalls ungenannter Jude", der feine Hand mit im Spiele gehabt haben soll, bleibt u n g e n a n n t. Danach darf man wohl annehmen, daß es sicb in der Ueberschrift um einen Druckfehler handelt. Es muß wohl richtig heißen „Inden verhinderten einen „Luftangriff" auf Deutschland". Sollte es aber wirklich einen Juden gegeben haben, der zu solch irrsinniger und verbrecherischer Tat die Hand — und sein Geld — bot, so könnt: nicht nur der deutschen, sondern auch der e n g l i i che 11 Iudenheit nichts erwünschter sein, als daß dieser gefährliche Schädling deutscher -— und jüdischer Interesten schleunigst der verdienten Strafe zugeführt wird. Ttoar Agudaki. („Agudistische Jugend"). Agudas Jisroel-Jugendorganifation und Esra haben gemeinsam einen Ehaluzimbund gegründet, den Noar Agudati. Der Bundesleiter des Noar Agudati wendet sich an die in Aguda und Esra organisierte Jugend und an die agudlstischen» und Esra Hachschara-Zentren mit den nach» folgenden grundlegenden Ausführungen. Siehe dazu auch die Wochenrundschau: „Der dritte Iischuw" (Seite 2). I. Die Triebkräfte: Crez Iisroel wird mehr und mehr der Boden jüdischen Lebens. Zugleich wird immer deutlicher, daß auch Crez Iisroel im Banne jüdischer Rot und jüöi- scheu Schicksals steht. Der nüchterne und harte Kampf UNI das Brot, die Anfeindung von außen bleiben unsere treuen Begleiter. Die nationale Ehre bleibt eine Sehnsucht. Wer ein jüdisches Herz hat, trauert um die Verwaisung des Landes, das die Ehre und den Glanz der G'ttgegenwart verlor — spürt, daß das Land um feine Freude weint. Die Erkenntnis von der furchtbaren Wucht des Golus, das jede Zeit und jedes Land in feinen Bann schlägt, braucht uns nicht niederzudrücken, wenn es eine Ueberwindung gibt. Es ist uns immer wieder gesagt, daß der "Weg die Teschuwoh ist. 2lm 2lnfang dieses Weges steht das gewaltige Gefühl der Reue. Setzen wir das Gefühl der Differenz zwischen unserem Schicksal und unserem Wunsch um in das Gefühl der Differenz zwischen unserem Sein und unserem Sollen. Erkennen wir, daß die Thora unsere totale und alles gestaltende Lebenshaltung sein soll. Erkennen wir, daß wir nur Gcsetzesjuden sind, die nichts wissen von der geistigen und gefühlsmäßigen, den ganzen Menschen eigenartig formenden Lust der Thora. Wir dürfen nicht sagen: Thora im ... und Thora we ... und ganze Bezirke unseres Denkens und Lebens auf fremde Art gestalten. 2ln die Stelle des Vertrauens zur Tradition haben wir ein Glaubcnsdogma gefetzt: Thora min hafchamajim. Wir suchten hier und dort die Unwistenschaftlichkeit der wissenschaftlichen Krim zu beweisen, für uns bestand nicht mehr das untrügliche Zeugnis des jüdischen Volkes selbst von Geschlecht zu Geschlecht, daß wir gleichsam selbst am Sinai ständen. Aus dieser Umkehr entsteht der Agudismus, die Seele der Aguda. vielleicht sind wir fähig, uns dagegen aufzulehnen, daß die Thora uns nur noch Religion ist. So wie wir aus der Weltanschauung den Glauben gemacht haben, so haben wir aus dem Gesetz über das ganze Leben, das Religionsgesetz, den G'ttesdienst in der Kirche gemacht, vielleicht verteidigen wir uns damit, daß unsere äußere Lage schuld an dieser Verengung trägt, aber dann hätten wir dies als rechtes Leid, als Golusmcderung empfinden und uns iimner neu dagegen auflehnen müssen. In d i e s e r Umkehr liegt die Wurzel der e i w c n Richtung agudistischer Tätigkeit. Und nun haben wir uns zu einer R i ch t u n g im Judentum erniedrigt. Wir haben uns darauf berufen, religiös erzogen zu sein. Wir haben unterschieden zwischen Jude und G'ttesknccht. wir haben die anderen Juden als andere Konfession betrachtet. Wir haben uns abgefunden mit dem Mastenabfall. Wir haben — und dies ist das Schlimmste — keinerlei Gefühl mehr dafür, wie gänzlich unerhört, wie so unaussprechlich widersinnig es ist, daß die Majorität, die Masse der Juden, die Thora abgelegt haben, „Juden" geblieben sind, daß einige wenige das noch „aus persönlicher Ueberzeugung" tun, was alle, alle als unveräußerliche und ewige Verpflichtung erfüllen müßten. Wir haben uns dabei beruhigt, daß das offizielle Judentum, der Typ des Iuöeus, wie er dem Richtjuden bekannt ist, ganz und gar neuartige entstellte Züge trägt. Wir merken nicht mehr, daß das jüdische Volk krank ist, daß wir» d?r eine Teil des Organismus, milleiden müssen für die Entstellung und Entartung des anderen. Indiefer Umkehr liegt die Wurzel der zweiten Richtung agudtsttscher Tätigkeit. 2lm Ende dieser dreifachen Erkenntnis der Reue steht die Tat. Wollen wir die eherne Kette des Golusfchickfals zerbrechen, so müssen wir erst heilen die Krankheit der jüdischen Seele und die Krankheit des jüdischen Lebens und die Krankheit des jüdischen Volkes. Dies ist ein dreifacher Kampf für die Totalität der Thora: von Glaube zu Weltanschauung, von Religionsgesetz zum Leben, . von Richtung zum jüdischen Volk. Die Triebkräfte unserer jüdisch-„politlschen" Aktivität liegen im Golusgefühl, in der Erkenntnis, daß das Golusschickfal nur die Reaktion ist auf die Mißachtung der Thora und im Kampf für die dreifache Totalität der Thora. Hier liegt der Motor der agudistischen Aktivität und hieraus ergibt sich das Programm der Aguda, eben aus der Kluft, der Spannung zwischen Thoraforderung und