Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1933-12-07 · Heft 49 (7.12.1933) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 49 (7.12.1933)
Date
1933-12-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450756-2450803--80038-2537828
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

.feftlir; r Seite 6 Nr. 49 De r Israelit 7. Dezember 1933 r;ry •: « . I, / r' r. ir < a -i.» Ä f-.. 1 ’. Rabbinen aus vielen Gemeinden der Tschechoslovakei und aus Ungarn. Punkt 1 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung, gefolgt von Zehntausenden, nach dem Friedhof, wo dem Rabbi ein Ehrengrab reserviert war. Hespedim wurden, nach einem alten Czotkower Brauch, nicht gehalten, es wurde nur viel Mifchna gelernt und Tilliin gebetet. Ein i"»»-Eebet und das Kaddisch durch die zwei älteren Söhne beschloß den Mt. Holland. Sondergesetzgebung gegen den Antisemitismus in Holland. Haag, 1. Dez. Aus der heute bekanntgegebenen Begründung der Negierung zu dem in der Zweiten Kammer eingereichten Gesetzentwurf zur Verstärkung des Schutzes der öffentlichen Ordnung und Sicherheit ergibt sich nach einem Eontibericht daß unter Punkt 3 des Gesetzentwurfs (Strafandrohungfür öffentliche Beleidigung einer bestimmten Gruppe der Bevölkerung) Maßnahmen „zur Unterbindung des Nassen - und G'ttesdien st Hasses" zu verstehen sind. Zu diesem Zweck sollen zwei neue Artikel in das Strafgesetzbuch ausgenommen werden. Sie sind in ihrer Fassung allgemein gehalten und haben Bezug auf alle Bevölkerungsgruppen ohne Unterschied. Es sollen daher nach der Annahme des Gesetzentwurfs sowohl antisemitische Aeußerungen wie auch etwaige Angriffe auf andere Gruppen, wie protestantische oder katholische Geistliche und Organisationen, unter das Strafgesetz fallen. In der Praxis dürften sich die neuen Strafbestim mungen allerdings hauptsächlich gegen die anti > e - mitische Propa ganda richten, denn die Regierung sagt in ihrer Begründung selbst, daß sie in erster Linie an „aktuelle Aeußerungen bezüglich unserer israelitischen Mitbürger" denkt. Schweiz. Erste Taguilg des Flüchtlings-Hilfswerks. Genf, 5. Dez. In Lausanne begann heute die Konferenz des internationalen Hilfswerks für die deutschen Flüchtlinge unter Vorsitz des Hochkommissars Mac Donald. Nach dem von ihm erstatteten Ver,chte beträgt die Zahl der deutschen Flüchtlinge zur Zeit rund 60000, darunter 51000 Juden. 25000 Flüchtlinge leben zur Zeit in Frankreich, 6000 in Polen, je 5000 in der Tschechoslovakei und in Holland, 3000 in England, 2500 in der Schweiz (bei letzteren dürste es sich, wie die schweizerischen Blätter betonen, durchweg um „bemittelte" Flüchtlinge handeln). 10000 deutsche Juden haben sich im Lause des Jahres in Palästina angesiedelt. Die Mittel des spontan entstandenen Hilfskomitees sind fast erschöpft. Es wird nun darauf ankommen, neue Mittel zu finden, um die Flüchtlinge in produktiver Weise, d. h. durch Arbeitsbeschaffung, Ansiedlung in Ländern mit größerer Absorptionsfähigkeit für Intellektuelle usw. unterzubringen. Eine der administrativen Fragen, die am dringendsten der Lösung bedarf, ist die Versorgung der Emigranten mit Pässen. Das Problem der Unterbringung der deutschen Flüchtlinge in einer Zeit der größten Wirt-- schaftskrise stellt nur einen verhältnismäßig leicht lösbaren Bruchteil der Aufgabe dar, die das Hilfswerk zu bewältigen haben wird. Verhandlungen mit den Regienmgen sollten auch das Ziel haben, Ausweisu ngen und unnötige Härten zu verhindern und die Möglichkeit zu Aufenthaltsgenehmigungen zu erlangen. Oberkommijsar und Verwaltungsrat sollen sich moralisch und praktisch dafür einsetzen, die nötigen Gelder für das Ilnterstützungswerk zu beschaffen, doch soll die eigentliche Sammlung und Verteilung der Unterstützungsfonds weiterhin Sache der privaten Vereinigungen bleiben. Der Verwaltungsrat vertagte sich dann, um in einer nichtöffentlichen Sitzung konstitutionelle Fragen zu erledigen. Es ist geplant, außer dem Verwaltungsrat noch einen Beratenden Ausschuß einzuberufen, dem 16 Mitglieder angehören, die sich aus Vertretern der p r i - vaten jüdischen Vereinigungen, der christlichen Kirchen und mehreren Gewerkschaften znsammensehen. Das geschaffene Departement für jüdische A ng e l e g e n h e i t e n wurde der Leitung von Professor Norman B e n t w i ch , einem der Delegierten des Joint, übertragen. Zum ständigen Berater des Hochkommissars wurde Eduard May, ein amerikanischer. Jude, gewählt. Die Woche, Berlin. An der Berliner Universität wurde ein neuer Lehrstuhl für Rassenhygiene eingerichtet, der Professor Dr. Lenz aus München übertragen wurde. — Der Werb erat der deutschen Wirtschaft teilt mit, daß Schilder mit der Inschrift „Deutsches Geschäft" nicht mehr ausgegeben werden. Dagegen sollen, wie V.-B. zu berichten weiß, die bereits ausgegebenen derartigen Schilder ihre Gültigkeit behalten. Dresden. Das Sächsische Innenministerium gibt durch einen Erlaß bekannt, daß Anprangerung von Personen, die in den Verdacht antinationaler Gesinnung gekommen sind und deren Herumführung durch die Straßen nunmehr nicht geduldet und unter Strafe gestellt wird. Wüczburg. Das Schwurgericht in Würzburg verurteilte den Metzger Adolf Schmitz, der einen jüdischen Viehhändler in Diesenbronn durch falsche Angaben und Verleumdungen für vier Wochen in Schutzhaft gebracht hatte, wegen Verbrechens des Meineids zu fünf Iah-'' ren Zuchthaus. In der Urteilsbegründung heißt es, daß durch die Handlungsweise des Angeklagten ein Unschuldiger in Haft genommen worden sei und daß dadurch Stoff für die Greuelpropaganda im Ausland geliefert worden fei. Men. Eine hier tagende Internationale jüdische Wanderfürsorgekonf e r e n z faßte mehrere Beschlüsse zur Äufrechterhaltung der Wanderfürsorge in Oesterreich und zur Schaffung einer erweiterten interterritorialen Arbeitsgemeinschaft. Es wurde auch gegen die Einwanderungsbeschränkungen in Palästina protestiert. London. Die im Jahre 1790 erbaute Synagoge in der Prinzessinnenstraße zu Liverpool, eine der ältesten Synagogen Englands, ist einer vandalifchen Schändung zum Opfer gefallen. Die Täter richteten in dem großen Gebetraum und in den Nebenräumen große Verwüstungen an. Sie bemalten die Wände mit Hakenkreuzen, rissen die hölzernen Leisten hinter den Bänken heraus und zerbrachen sie und zertrümmerten die Marmorskulpturen rings um den Almemor. Lemberg. Am 28. November veranstalteten nationaldemokratische' Studenten antisemitische Straßenkundgebungen, die auf der Universität zu ernstlichen Zusammenstößen führten. Die Polizei griff energisch ein und verhaftete viele Demonstranten. Belgrad. Auf eine Interpellation im Parlament über die Einwanderung deutscher Juden erklärte der Innenminister Lazio, die Juden seien ein aufbauendes Element im Staate und es liege nicht der geringste Grund vor, sich über die im Lande angesiedelten jüdischen Familien aus Deutsch-. land irgendwie zu beschweren oder zu beunruhigen. — Unweit von Zagreb (Agram) in Kroatien haben deutsche Juden ein Großgut angekauft und in eine landwirtschaftliche Kolonie verwandelt. Es ist geplant, mit Hilfe des „Verbandes jüdischer Gemeinden Iugoslaviens" hier, eine Musterschule für Landwirtschaft zu errichten. Paris. Im Alter von 84 Jahren verstarb in Nizza der Senior der jüdischen Publizistik in spaniolifcher Sprache David Fresco, der 50 Jahre lang die fpaniolifche Tageszeitung „El Tiempb", die bis vor drei Jahren in Konstantinopel erschien, geleitet hat. Warschau. Das vor einiger Zeit bei der politischen Behörde von einer Proponentengrupps sittgsbrachte Gesuch um Legalisierung einer „Gesellschaft für die Uebernahme des Palästina-Mandats durch Polen" ist ab g elehnt worden. Die Gesellschaft kann somit ihre Tätigkeit nicht aufnehmen. Riga. Im Zusammenhänge mit Steinwürfen auf die englische Gesandtschaft wurden einige R evisio nisten verhaftet. Jassy. Es wird allgemein anerkannt, daß bei den letzten Unruhen der Jüdische Selbstschutz viele Exzesse verhindert und der Polizei die Arbeit erleichtert hatte. Jaffa. Der Dampfer P o l o n j a der polnisch-amerikanischen Gesellschaft konnte, von Konstanza kommend, am 4. Dezember infolge des arabischen Teilstreikes in Jaffa nicht landen und mußte weiter nach Haifa fahren. Der Teilstreik brach aus Anlaß des nun begonnenen Prozesses gegen die Unruhestifter aus. Jerusalem. Das Jerusalemer Gericht hat die wegen Teilnahme an der verbotenen Demonstration in Jerusalem angeklagten drei Mitglieder der arabischen Exekutive für s ch u ld i g erklärt. Das Strafmaß soll später bestimmt werden. mmm Bisher haben 12 Staaten ihre Vertreter in den Verwaltungsrat geschickt und zwar Belgien, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Holland, Italien, Polen, Schweden, Schweiz, Tschechoslovakei, Uruguay und Vereinigte Staaten von Nordamerika. Zu einem Referat über die Lage der aus D eu tsch land aus gew and srten Gelehrten wurde der Genfer UniverMtsprofesfor William R a p p a r d , der auch Mitglied der Mandatskommistion des Völkerbundes ist, eingeladen. England. Aussichtslose Lage für junge deutsche Juden in England. London, 28. Nov.. Auf Grund einer mit Mr. Otto M. Schiffs dem der Londoner Iewish Nefugees Eommitte, gehabten Unterredung, möchte ich auf dessen Wunsch - alle jungen Freunde in Deutschland auf die Aussichtslosigkeit für Ausländer, eine wirtschaftliche Existenz in England zu gründen, auf-f1 merksam machen. Es ist selbstverständlich und brauchte eigentlich keiner besonderen Unterstreichung, daß wenn ein Mann wie Otto M. Schiff, der von stütz morgens bis in späte Abendstunden seine ganze Kraft in geradezu rührender Weise den jungen Deutschen in England zur Verfügung stellt^ deren Schicksal er miterlebtund miterleidet, es für nötig gefunden hat, dies die deutsch» Oesfentlichkeit wissen zu lassen, eine hundertprozentige Notwendigkeit dafür vorhanden ist. Es kann nicht nachdrücklich genug darauf hingewiefen werden, daß das englische Home Office es kategorischst a b l e h n t, in irgend einer Weise Arbeitsbewilligung für Nicht-Engländer zu - erteilen und daß dementsprechend Hoffnungen, auf irgend eine Weise trotz dieser unabänderlicher Tatsache die Möglichkeit eines Broterwerbes herausfinden zu können, geradezu eine aus der Luft gegriffen^. Illusion ist, es sei denn, daß dem Betreffenden die Mittels sich auf kaufmännischem Gebiete selbständig zu machen, zur Verfügung stehen. Nicht allein das. Sogar die Erlangung der Ein-- reisegenehmigung ist mit den allergrößtem Schwierigkeiten und Schikanen verbundem und es gehört in letzter Zeit geradezu zu der Tagesordnung, daß die Immigration-Officers den kaum den englischen Boden betretenden deutschen Emigranten wieder deportieren läßt unter der einzigen Begründung, die Giowähr, daß derselbe dem englischen Staate nicht zur Last falle, sei nicht vorhanden. Es ist außerordentlich bedauerlich, daß unter der letzten Kategorie mehrere junge Leute aus unseren orthodoxen Kreisen sich befinden und es liegt dringende Veranlassung vor, hier mit größtem Nachdruck zu betonest,, daß — entgegen allen Gerüchten — die Londoner Agudcr niemals einen aufgefordert hat, nach England zu kommen und daß sie daher in keinem der vov-- gekommenen Fälle für irgendwelche bei der Landung entstandenen Schwierigkeiten auch nur die geringste Verantwortung übernehmen kann. Was das Wegziehen von Deutschland als solches anbelangt, so ist es beispielsweise meiner Ansicht nach ein Verbrechen, wenn junge Menschen, die in Deutschland noch Beschäftigung haben, au^ Motiven, die vielfach mit bestem Willen nicht in Zusammenhang zur politischen Entwicklung gebracht werdem können, ohne die geringsten wirtschaftlichen Anhaltspunkt» zu haben, von zuhause wegziehen, um im Auslande dem Hilfskomiteen zur Last zu fallen ungeachtet der Tatz» 'ache, daß sie in Deutschland die Möglichkeit einer Berufsausübung gehabt hätten. Solche Fälle kommen unzählig vor und es ist hier die Aufgabe der deutschen jüdischen Beratungsstellen, in ihren Sprechstunden immer wieder zu betonen, daß die Auswanderung für einen Mittellosen nur dun in Erwägung gezogen werden dürste, wenn —wie es vor Allem bei den jungen Akademikern der Fall ist — es unter feinen Umständen möglich ist, in Deutschlands eine Existenz zu finden. Denn die Vorstellung, daß hinter der deutschen Grenze die Straßen mit Gold gepflastert sind, ist bis jetzt miL der Wirklichkeit nicht in Einklang zu bringen. E. St.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.