Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1933)
- Date
- 1933-12-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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7. Dezember 1933 Der Israelit Nr. 49 Seite 3 Mochenrundfchau. Verufsumschichtung und Serbbathbeobschtung. Cin immer größerer Teil der deutschen Inden konzentriert sich in den Großstädten und es sieht so aus, als ob diese Entwicklung, unter dem Druck der aus dem Lande und in der Kleinstadt herrschenden Verhältnisse, auch für die nächste Zeit weitergehen wird. So sind denn die statistischen Ziffern, die man aus Berlin beispielsweise für das Gebiet der Ler u f s u m s ch i ch tnng hört, bis zu einem gewissen Grade typisch und können auf den Durchschnitt der deutschen Iudenheit angewendet werden. In Berlin bat nun die Gemeinde in der Zeit vom April bis August 1955 858 Lehrstellen vermittelt (gegen 415 im Vorjahr), wobei entfallen 176 auf den kaufmännischen Beruf, 474 auf den handwerklichen Beruf, 67 auf den landwirtschaftlichen Berus, 121 auf den Haushalt. Das Charakteristikum dieser Ziffern ist der Uebergang zuin Hand w e r k, nachdem die Landwirtschaft dem jüdischen Jugendlichen in Deutschland so gut wie verschlossen ist, der kaufmännische Beruf durch die allgemeine Wirtschaftsentwicklung und den wirtschaftlichen Boykott nicht mehr begehrenswert erscheint. Wird aber das H a n d w e r k i n allen seinen Zweigen allmählich zum Normalberuf des jüdischen Nachwuchses in Deutschland, so gewinnt das Problem der S a b b a t b e o b a ch t u n g besonderen Ernst. Daß ein in seinem Fache tüchtiger selbständiger Handwerksmeister seinen Schabbos gewissenhaft wahren und doch vorankommen kann, unterliegt keinem Zweifel und ist von der Erfahrung vielfältig bewiesen worden. Aber es gehört dazu ein auf echter Religiosität ruhender fester Wille, der sich nicht einfchüchtern läßt und vor Opfern nicht zurückschreckt. Alles kommt also auf die Erziehung an, die von früher Jugend an Gesinnung und Charakter bildet und das Paradies des Sabbatglückes zü einer unentbehrlichen, mit dem innersten Sein der Persönlichkeit verknüpften Lebensvoraussetzung für jeden Einzelnen gestaltet. Was wir brauchen, sind also Lehrstellen für die sabbattrcue jüdische Jugend oder besser gesagt, Lehrstellen mit freiem Sabbat für a l l e jüdischen Jugendlichen. Das zu erreichen läge durchaus in der Wacht der großen jüdischen G e me i n d e n, w e n n sie w o l l t e n; wenn die auch von liberalen Kanzelrednern oft bekundete Neberzeugung von der religiösen und ethischen Bedeutung der Sabbathnt ins Leben hinein wirkte und die Gemcindestubcn und Berufsberatungsstellen ergriffe! Wan sagt, die zahlreichen jüdischen Handwerker in den Großstädten weigerten sich, ihren Lehrlingen den Sabbat freizugeben. Das mag zunächst richtig fein, solange man den kurzsichtigen und engherzigen wirtschaftlichen! Egoismus des Einzelnen als eine unabänderliche Tatsache hrnnrmntt.! Ader wir sollten uns ein wenig — •»rs? Dafii j 'mwn — die nationalsozialistische Waxime „Ge-! m e i n n u tz geht vor Eigennutz" zum vor- ^bild nehmen und dazu noch aus der gleichen Ouelle 10 proz. der Energie für die Durchsetzung unserer nationalen und religiösen Ideale beziehen, die dort für das eigene politische Programm aufgewandt wird. Dann würde sich bald jeder jüdische Handwerksmeister in Berlin schämen, zu der kleinen Gruppe derjenigen zu gehören, die aus Geldintercssc Totengräber des höchsten Lebensgutes der j ü d ii f ch e n G e m e i n f ch a f t, des Sabbats, sind, die sich sogar weigern, durch das kleine Opfer eines Sabbatdispenses für die Lehrlinge zur Neugestaltung einer besseren Zukunft für das deutsche Judentum beizutragen und damit der Tragödie der Dissimilation und des Treubrüchs gegenüber allen Leben erhaltenden Kräften wenigstens für die Zukunft ein Ende zu bereiten. Tausende von Inden müßten sich, vor allem in Berlin, zusammenschließen und sich gegenseitig verpflichten, nur solche jüdische Handwerker zu beschäftigen, die zunächst einmal — wenn sie schon selbst noch nicht die Kraft haben, Sabbat zu hatten — einem oder mehreren jüdischen Lehrlingen den freien Sabbat bei guter fachlicher Ausbildung sichern. Zwischen London und Jerusalem. Der Widerspruch zwischen der Aeußerung des W i n i st e r s der Kolonien im Unter hause j z u London und der des Hochkommissars ji rt Jerusalem in der Frage der transjordanij scheu Einwanderung nach Palästina, auf den wir in j letzter Nummer an leitender Stelle hinwiesen, klärt sich nun nach den neuesten Berichten auf, und, wie leider -zu erwarten war, nicht sehr zu unseren Gunsten. Sir i Arthur Wauchope sprach nicht von einem Verbote oder der Einschränkung der Einwanderung aus .Transjordanien. Cr gab vielmehr, analog der Aeuße- 1932), die Tat bezw. die Ausübung der ms» des Lernens alleiniges Ziel gewesen, dann wäre wohl die gegebene Form nuasP ma mi^n: lernen um zu üben; mzyb nm mit öer Bedingung aber, um zu üben, das würde sich etwa jo ausnehmen wie wenn ein Mann zu seiner Frau, bei der Scheidung sagen würde: ich überreiche dir den rn unter der Bedingung, daß du geschieden werdest, was wohl ein Unding ist, da die Scheidung das eigentliche Ziel der ganzen Handlung ist und die Handlung selbst niemals zur Bedingung gemacht werden kann. Und nun noch ein Wort über Sinn und Selbstzweck des Lernens. Dieser wurzelt für ihn in jener erhabenen Vorstellung von unsrem einstmaligen Jenseitsleben, zu dem u. a. nach Auffassung von auch der unendlich hohe Genuß gehört, aus dem Munde der g'ttlichen Majestät selbst Tauroh lernen zu hören, wobei jedoch, um jenes Genusses teilhaftig werden zu können, es der Einführung durch das vorhergehende Lernen hier auf Erden bedarf. p-rn? ^>an© n»i> r'mya ]m’i> namx nnmn nmn kV n'-apn Kia’tfaw i^nisa mm n»i> a-nis!» rrapn ’qö min pn»i> •(••pios «in nsns nr«a pjnv i>2n w mnun Bin^ Wenn also unser Mund keine nsn mehr essen, unser Arm keine p^sn mehr tragen und unsere Hand keine npnjt. mehr geben kann, wenn mit anderen Worten der Satz nix« i }» ’E?sn n©rn nv nirrv p'a sich einst verwirklicht — **) Diese Aeußerung von nimmt der o»n y-m in seinen Werken wörtlich. Und mit Recht. Daß wir es mit unsrem Verstand nicht begreifen, braucht uns nicht zu befremden. Haben doch einst die Engel nicht begriffen (S. na© 88), wieso die Tauroh auf Erden gegeben werden soll, wie sollen wir denn -nun hier begreifen, wie mri der Tauroh oben g-ehandhabt wird?! gelernt wird aber trotzdem weiter, ja, dann wird erst richtig angefangen zu lernen. Das Taurohlernen ist also die einzige Tat, die unser irdisches Dasein überdauert und sich dis in alle Ewigkeit fortsetzt. Soll das nicht für uns im Leben das allermeiste fein?!Vm ytoki vi-ia ijyj Wochenkalender. vom 9. - 16. Dez. 1933 / 21. - 28. Kislew 5694 > ’»Y> tp Samstag 9 21 na at?’! Sonnrag;10 22 13 Montag Dez. 11 23 T3 Dienstag 12 lt>82 24 ns Mittwoch 13 25 BS | Donnerstag 14 26 ( n a 12 n Freitag 15 27 J Samstag 16 28 si> * nsun ns© yp» Verantwortlich für den allgemeinen Teil unv das Feuilleton E. Echachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. 25.: S.Schatbnoroitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Berlag des Israelit und Hermon ®. m. b. §., Frankfurt a. M. — Druck Hermon Druckerei, Frankfurt a. M. rung des Winisters, zu, daß an der Grenze von T r a n s j o r d a » i c n n a ch Palästina keinerlei Hindernis für die einwandernden Beduinen beste h t. Freilich sehe er sonst bei der Handhabung -der Eimvanderungöbestimmungen auf gleichmäßige Behandlung, und so seien in letzterer Zeit Ausweisungsbefehle nicht allein gegen Juden, sondern auch gegen einige Araber, die auf illegale Art ins Land gekommen sind (nicht aus Transjordanien) erlassen worden. Ein formaler Widerspruch klärt sich auf, der innere Widerspruch bleibt: Wenn Beduinen in beliebiger Zahl ohne Paß und Visum über den. Jordan nach Palästina strömen dürfen, warum dürfen nicht Juden aus Palästina in umgekehrter Richtung, wenigstens m i t Paß und Palästinavisum, nach Transjordanien gehen? Diese Tatsache steht zwar nicht im Gegensätze zur Aeußerung eines hohen Winisters, aber im krassen Widerspruch zu allen Gesetzen der Vernunft und Rechtsgleichheit. Inzwischen machen sich die Fcrnwirkungcn der Bestimmungen in einer Weise bemerkbar, die wir, in eigener Not befangen, gar nicht so gleich überblicken konnten. Da gibt cs in L u ch a r a und Türkest a n, die geographisch und kulturell zu Sowjetrußland gehören, viele Taufende von Juden, die unter unsäglichem politischem Druck leben, unter Rcligionsverfolgungen leiden und zuletzt durch die Verschärfung der wirtschaftlichen Krise noch buchstäblich verhungern. Ihr Ziel war und ist p a l ä st i n a , wo sie fast alle Verwandte haben und wo die leidlich wohlhabenden bucharischen und anderen orientalischen Gemeinden für sie sorgen. 550 Familien, annähcmd tausend Seelen, flüchteten aus diesem sowjetrussi scheu Randparadiese auf illegale Art über die Grenze, nachdem ihnen der Auslandspaß verweigert worden war. Sie wurden auf dem Wege nach Palästina von den neuen Linwanderungsbcstimmungen überrascht und sind in P c r s i e n und 21 fgha n i st a n stecken geblieben, wo sie, völlig mittellos, (sie wurden von den Grenzschmugglern ausgeraubt) nun mit ihren Kindern darben und der Abschiebung entgegensehen. Wohin? Oeffnet sich ihnen nicht das Tor Palästinas, so werden sie wahrscheinlich über die sowjetrnssischc Grenze wieder geschafft, wo schwere Strafen, abgesehen von Not und Hunger, ihrer harren. Einige Glückliche aus dieser Clendsgruppe, die noch rechtzeitig Palästina erreichten, sieben Familien, erhielten jetzt bei der neuen Welle der „Säuberung" ihre Ausweisung. Ihrer einer, ein Familienvater, erlag in Jerusalem einem Herzschlag. Cr hatte mit diesem Schicksal seinen Brüdern einen Dienst erwiesen, denn nun wurde die Austreibung der anderen noch um ein paar Wochen hinausgefchoben und soll einer neuen Prüfung unterzogen werden. Soll aber dieser krasse Fall den Behörden nicht die Augen öffnen ü b c r d i c u n g e h e u r e S u m m e v o N E 1 e N d, die s i e m i t i h r e m neuen G e s c tz e a u f dem weiten C r d e n r u n d e, überall wo Juden leb c n n n d leiden, schaffen? Ungerecht und unzweckmäßig sind.die Bestimmungen. Je mehr Waterial man über die Frage zu Gesicht bekommt, um so fester drängt sich einem diese Neberzeugung auf. Ungerecht: Nach einer von Reubeni ausgestellten Statistik betrug in den drei Jahren von 1028 bis 1951 die moslemitifche Einwanderung in Palästina Ivo.ooo Seelen, die christliche 12.000. In den folgenden zwei Jahren sind zumindest noch einmal 100 000 Araber ins Land gekommen, von diesen über 200.000 Einwanderern in den letzten fünf Jahren sind mindestens 96 proz. illegal ins Land gekommen. Die Zahl vermehrt sich täglich durch die offene Passage über die Allenbybrücke aus Transjoröanien, auch ist der Einwanderung aus 21 eg y pt c n und Syrien keine Grenze gezogen. Wan weiß sogar, wie die paar Renommieraraber, die wie Juden aus dem Lande geschickt wurden und auf die sich die höchsten Stellen berufen, tags darauf auf anderen Wegen wieder nach Palästina gekommen sind. Also treffen die Verordnungen einzig und allein d i e Juden und sind ungerecht. Unzweckmäßig: W. Nowomeiski, der Direktor des großen Kaliwerkes am Toten Weere, weist in einem großen Referate nach, daß dieses große Werk wie die anderen Industrien in Pa-