Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1933)
- Date
- 1933-12-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 49 Der Israelit 7. Dezember 1933 letzte zwingende Konsequenz aller prophetischen Osfcnbarungen G'ttes^ der Eingang findet in die profane alltägliche Körperlichkeit soziologischer Schichtungen und Gruppierungen der Menschheit. Lein größerer Gegensatz zur prinzipiellen Ideologie des Zionismus ist -denkbar. Die g'ttestrunkene Seele des jüdischen Menschen, bisher nur geheimnisvolle Zwiesprache haltend mit ihrem Schöpfer, soll nun Mas; werden aller Dinge und Richtschnur auch der äußeren Beziehungen und Bindungen von Menschen und Menschengruppen zueinander. Doch bleibt alles Obige Phantom, billige kindische Traumphantaste, wenn es nicht gelingt, eine Alijah tiefüberzeugter orthodoxer Massen zu organisieren, Rur die orthodoxen organisierten Massen (der Begriff ist relativ zur gesamtjüdischeu Einwohnerschaft gedacht) haben genügend Rachdruck und Einfluß zur Geltendmachung der nationalen Forderungen ihrer erzieherischen, kulturellen und politischen Gedankenwelt. Rur orthodox organisierte Massen könnten — allein durch die Tatsache ihres Vorhandenseins — die bisher jüdisch-neutralen palästinensischen Kehilaus niajorisieren, oder zumindest, kraft ihrer zahlenmäßigen und charakterlichen Bedeutsamkeit, zu einer positiv gesetzestreuen Stellungnahme umstimmen. Rur orthodoxe Massen werden auch im Bündnisfall dem Araber Gewähr für die tatsächlich freundschaftliche proarabische Bewährung der Gesamtjudenheit bieten können. Line Immigration bewußt qesetzestreuer Juden ist ein uuerläßlicbes Postulat der Zeib lV. Alle diese Grundfragen der nächsten Zukunft waren durch e i n großzügiges Instrument ihrer Lösung und Erfüllung erheblich näher zu bringen. Durch einen außergewöhnlichen plan, der Kopfschntteln oder Begeisterung hcrvorzucufen geeignet ist, durch einen Vorschlag, der eine kaum glaubhafte erhebende geschichtliche Tat in sich schlösse. Cs wäre der agudlstischen Leitung nämlich unseres Trachtens tunlichst in aller Oeffentlichkeit zu raten, baldigst eine Kenessio Gedauloh in Trez Iisroel durchzuführen! Dieser einer tiefen Reberzeugung entsprungene Vorschlag ist nun bereits den führenden aguöistifchen Gremien zur wohlwollenden Begutachtung vorgelegt worden. Rur einem ganz großen palästinensischen Treffen des orthodoxen Weltjudentums würde es gelingen, die Parole der Thoraherrschaft auszugeben im heiligen Land. Die Besten der gesetzestreuen Iudenbeit ziehen ein in die heilige Stadt, an die hetllgen historischen Stätten und Gräber; die Lehrer der Gola, des Volkes Größte und Gelehrteste, die Denker wie die Praktiker, die Erfahrenen, die Opferwilligen und die Enflammtcn; litauische Thorafürsten, : chässtdische Volksführer, polnische Arbeitervertreier, ungarische Feuerköpfe, westeuropäische Politiker und; Organisatoren, deutsche Systematiker, thoratreue Jugend aus aller Welt, Askanim aus Amerika und Südafrika, aus dem gesamten Orient, Vertreter der noröasrikamschen, jemenitischen Iudenheit, — eine unerhörte grandiose Demonstration des beispiellosen Bmpv D’ina asm vor den Augen der wett aus historischem Heimatboden! — es wäre schon dies allein ein geschichtliches Erlebnis, von kaum einschätzbarer Bedeutsamkeit. Gleichzeitig würde ganz von selber eine solche dritte Kenessio begeisterten Anreiz bieten, zu einer Alijah der Orthodoxie, allergrößten Stils. Die volkseczieherische Wirkung der Atmosphäre dieser heilig-fanatischen Unbedingtheit der restlosen selbstbewußten Eingabe an G'ttes Herrschaft, in Politik, Kultur, Wirtschaftsform, Rechtspflege, Pädagogik und Lebenskunst, ist (auch für den ehrlichen Misrachisten!) kaum zu überschätzen. Sowohl für die thorafremde Indenheit wie für die englische oder arabische Welt wäre ein derartiger a->j?T$ vvp ein wuchtiges politisches Erleben, das ernstliche und allergründlichste Auseinandersetzung erheischt. Cs wird sich dadurch das klare Bewußtsein durchsetzen, daß die Orthodoxie doch nicht eine bedeutungslose Clique fanatischer Outsider Frankfurter Observanz darstelle, sondern das pulsiere n d e H e r z des Klall Iisrael, dessen Forderungen für das öffentliche Leben, in ihrer elementaren politischen Vitalität, stattgegeben werden muß. Eine Kenessio besonderer 7ht soll es werden, keine alltägliche Konferenz, vielmehr politische Geschichte. Keine Tagung, die wie bisher nur belebende Impulse weckt, die jedoch den Unerbittlichkeiten der Tatsachen und Umstände nicht stand zu halten vermögen, sondern ein heiliges volksgeschehen, als verantwortungsschweres Zusammenarbeiten der Sachwalter des thoratreuen Judentums für Alle, auch für die Interessen der verirrten und entarteten Brüder, die unsres Stammes sind. Einer solchen crm' llwb '■»oaa könnet auch eine Teschuwobewegung entwachsen, die weite Teile des heutigen deutschen Judentums insbesondere, einer ausschließlich thoragemäßen antiassimilatorischen Gedankenwelt wieder zuführt. So wäre diese Kenessio eine Mahnung und ein großes Wecken der Gesamtjudenheit zur Selbstbesinnung auf den ureigenen nationalen Lebensberuf des rr\b smp ns? 'rv^rm —■ Diese Kenessio müßte nun (in irgend einer Forin) als stete zuständige orthodoxe Körperschaft, als gesetzestceuec "■'aus1? iyi" gleichsam im Erez erhalten bleiben, beschickt von Vertretern aller Landsmannschaften und Organe der organisierten Orthodoxie, die durch ihren ständigen Wohnsitz und ihre öffentliche Stellung als Erim und D^poy in Erez Iisroel anerkannt sind. Einer derartig gebildeten msp ,->03D würde die politische Vertretung der Weltorthodoxie, insbesondere ihres palästinensischen Mittelpunktes übertragen werden. So wären dann für die im Obigen skizzierten drei historischen Zielsetzungen der Ration G'ttes realpolitische Lösungen gefunden. Erez Iisrael kann so zum seelischen Jcntralpunkt der Gola werden. Ts muß erobert werden für G'ttes Herrschaft, zur Bereitstellung der jüdischen Gemeinschaft aus jüdischem Boden für die messianische Erlösung, der wir bedürfen, um auch im — eigenen Land dem Golus zu entgehen. Das ist die greifbar klare Lösung der erwachten Orthodoxie. Unsre Politik ist nicht eine leerlausende Reuschöpfüng, sie ist g'ttliche Politik, zutiefst begründet in unsrer weltgeschichtlichen messtanischen Mission. Schon langst ist eine neue Kenessio fällig, da das Totälbild der „jeweiligen jüdischen Gesamtheitsaufgaben" sich — seit jenen unvergessenen Wiener Tagen — erheblich und bedeutsam verschoben hat. Tiner dem Vorgebrachten entgegenzuhaltenen Ueberängsttichkeit betreffs der Finanzierungsfragen kann entgegengehalten werden, daß, da Emigration, zumindest Besuch in Palästina in Aussicht gestellt ist, das Problem der Geldaufbringung nicht von allzuhemmender Bedeutsamkeit seinmag. Auch wird wohl sicherlich Deutschlands Staätsführung gegen die Beteiligung an einem derartigen die Emigration fördernden Weltkongreß keinerlei behinderndes Interesse geltend machen. Wie wird aber unsre jüdische Welt das Projekt begrüßend Es bietet sich die Chance für das Erwachen der Besten und Erlesensten unsres zeitgenössischen Judentums, wie wird unsre jüdische Gegenwart dazu Stellung nehmen? Die weitausholende strafende Hand G'tt-Königs trifft uns Schlag um Schlag. Mitten in diesen Hexenkessel der Krisen und Katastrophen, des seelischen und irdischen Leides platzt die Rachricht vom letzten Abschied unsrer Größten: Chofez Lhajim und Lubliner Raw Solche Verluste wiegen zentnerschwer als Verpflichtung auf uns allen, den Ueberlebenden. Im Sinne dieser Ganz-Großen lautet darum die Parole: Run erst recht!! Die Generäle fallen, aber das Heer steht. Kein Zurück! Wir kämpfen uns durch ans Licht, als G'ttes beglückte Ration. Die "’DID soll ein Markstein sein bei 'diesem Aufstieg. Wird das Judentum ihn ausstellen? Oder wäre alles Obige in den wind geredet? G'tt gebe den Maßgeblichen die glückliche Einsicht, das Heroische, Einmalige und Echte von der zeitgenössischen Gesamtheit zu fordern. Ls geht um uns alle. Cs geht um die tausendfach erträumte und erstrittene Heimat. Damit nicht die heldenhafte jahrzehntelange Pionierarbeit, die mit dem mütterlichen Erdreich um den Segen gerungen hat, geschichtlich belanglos bleibe. -Das Vorgebrachte findet recht eigentlich in der geschichtlich bis zum Aeußersten geladenen Atmosphäre unserer Tage .genügend Berechtigung und Begründung. Die technischen Schwierigkeiten dürften kaum allzuschwer ins Gewicht fallen. Um so mehr die seelischen Bedenken. Mögen sie in klärender Für- und Widerrede zur Geltung gebracht werden. G'tt aber möge wachen über Seinem Volk für und für. Die zwei Kronen. Bon Venzion Rachelsohn.*) In mp 88 lehrt Rabbi Simoi: „Als Israel am Sinai nrsn vor ynsn sprach, stiegen 600.000 Engel herunter und setzten jedem von Israel zwei Kronen zum Zeichen der Anerkennung auf, eine für ovyi und eine für Man sollte annehmen, datz die aus dem »»sni rivpi sprechende doppelte Bereitschaft für Lehre und Tat — heißt nach dem Sohar: pav ynmy» praktische Erfüllung der nix» und yvvz bedeutet: rrw'mxi theoretisches Studium der Thora — der doppelten Auszeichnung durch die zwei Kronen würdig ist, gleichviel ob zuerst npv2 oder s»pj gesprochen wurde. Indessen heißt es an der angeführten Stelle nichtrapj-i npyj nn«p mim: Als Israel am Sinai und vvvo sprach usw., sondern nypa ynvib npyj wipnv „als Israel am Sinai n&yj vor r-ov-J sprach," woraus klar hervorgeht, daß nur mit Rücksicht auf die Voranstellung des npya vor vnvi die zwei Kronen verabfolgt worden sind, eine Tatsache, die wohl verstanden sein will. Brisker Raw, Rabbi Josef Bäer Solweitzig — Verfasser von ’iVn rra— erblickt darin folgende für die jüdische Lebensanschauung eminent wichtige Lehre. *) Ans einer Begrüßungsansprache, gehalten iMin (29. Oktober 33) anläßlich der 16. Sijumfeier der Chewroh-Schaß in Frankfurt a. M. Er sagt: Hätte Israel zuerst rovrs gesprochen, was gleichbedeutend mit Lernen ist, dann hätte ynv: eine untergeordnete Rolle gespielt. Das eigentliche Ziel wäre und yvrn nur ein Mittel dazu. Als solches aber könnte ynvy freilich keine extra Krone beanspruchen und es wäre darum eine Krone für beide Teile genügend. Anders aber, wenn Israel zuerst nc-yj gesprochen, was schon ein ynvi voraussetzt — da npyj ohne s»P3 nicht denkbar ist — und nachdem bereits durch das nvyi die Tat gesichert war, sie sich zur Pflicht von y»p.\ zur $flid)t des Lernens bekannten, dann bekundeten sie. daß das Lernen, außerdem, daß es die Tat ermöglicht, auch einen S e l b st z w e ck hat. Wenn nun yaen einen Selbstzweck bat/bann ist es ein gleichberechtigter, ja infolge seiner doppelten Bedeutung sogar ein noch höherer Faktor wie das nr-yz und kann wie dieses eine Krone für sich beanspruchen. Dem wurde auch Rechnung getragen, indem ein jeder tatsächlich zwei Kronen bekommen hat. So weit Brisker Raw mit dem Zusatz: in van 'q ’iri „Die Worte des Weisen sind voller Anmut". Besagt doch derselbe ausdrücklich>d. h. Lernen, sei . nicht ip'?, was denn nun, etwa Nebensache bezw. p>2v!? Er beantwortet diese Frage kurz: ->?•>* heißt hier nicht, wie geläufig übersetzt wird: Hauptsache, sondern: Grundbedingung (mit dieser Uebersetzung ist auch Bars tenuro zur Stelle absolut in Einklang zu bringen), ähnlich ’ wie mim ix"?, worunter, im Gegensatz zu .12102 msvin, die j unerläßlichen 200 ober 100 (je nach dem, ob oVim oder Sus verstanden sind, ohne die eine Eheschlie- ßung nidjt denkbar ist. Wie also dort eine Eheschließung! ohne diese Summen unmöglich ist, so ist auch hier ohne ipstb, ohne Ausübung der nisa ein Judesein nicht denkbar. Selbst n~y ij’ai rtPü muhte N'8'2 tragen und MV j essen usw. Wie aber bei mim doch noch lange nicht ge- ' sagt ist, daß der i?'? mehr ist als das msom. sondern umgekehrt, das mso-tn kann tausendfach mehr sein als der irny. so ist auch hier, trotzdem, daß npyv der ip'y ist, wie es in mb P’i ’h^piiv in vMvi und später im n~n 'bn am »-uz? ausdrücklich steht, Diiv viel höher und bedeutungsvoller. Diese Ausführungen bringen einem den smni n®gr Ruf aus den Kreisen der Chewroh-Schaß deutlich zu Gehör. Die Tendenz der Chewroh-Schaß ist, innerhalb einer Gemeinschaft wie miP' my bvp, in der bereits für das npyi in vorbildlicher Weise durch mustergültige Institutionen und Einrichtungen gesorgt wird, innerhalb dieser Gemeinschaft einen Kreis von Menschen an die Quelle jüdischen Wissens zu führen und sie mit den Disziplinen von Schaß vertraut zu machen. Ist das etwas anderes als ein öffentliches Bekenntnis zu jenem Sinai-Ideal, zu jener sinaitifchen Verpflichtung, das vnvi nicht nur des n?j wegen, sondern auch seiner selbst willen zu pflegen?! Wie soll nach Brisker Raw der bekannte Satz: r-ri-i vpyvo rrl-rr ip'sr amnn (Spr. d. V. 1, 17) zu verstehen sein? Steht nunmehr der Satzimv emnn xin in keinem Widerspruch zu dem Standpunkt vom Brisker Raw, so ist folgender, ebenfalls aus der Mischnah entnommene Satz sogar ein unwiderleglicher Beweis «für ihn. Eine der 48 Voraussetzungen zur Erlangung der Tauroh-Krone ist nach Spr. d. V. (6, 5) m» by imi>n heißt: unter der Bedingung, nipp^mv-y mithin: Lernen mit der Bedingung, um zu üben. Die Form m» by ist nur berechtigt, wenn man, wie der Brisker Raw, auf dem Standpunkt steht, das Lernen habe, abgesehen von seiner zur Tat hinführenden Bedeutung, noch einen Selbstzweck. Hätte dies aber das Lernen nicht, wäre vielmehr, wie es von vielen angenommen wird (vgl. einen diesbezügl. Aufsatz in der Schowuaus-Nr. des „Israelit" vom Jahre