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Der Israelit · 1933-11-30 · Heft 48 (30.11.1933) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 48 (30.11.1933)
Date
1933-11-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 48 Der Israelit 30. November 1933 Partei, deren Führer G o g a sich nur darin von Cuza unterscheidet) das; er nicht praktisch und ideolo gisch einen generellen Vernichtungskampf gegen die Juden predigt, sondern seine Bauern und Gewerbe treibenden aus der Mittelschicht zum Ausschluß der Juden auffordert .oder zwingt) also statt Pogrom A u s h u n g e r u n g. D u c a aber) der neue libe rale Ministerpräsident) gab einem Vertreter der ITA die Erklärung ab, die Regierung werde bestrebt sein „getreu dem Geiste unumschränkter Toleranz und ab soluter Gleichheit aller Bürger ohne Unterschied von Rasse und Religion vor dem Gesetz und der Verfassung unter der Bevölkerung des Landes alle jene Gefühle der Harmonie und des gegenseitigen Vertrauens z pflegen, die für den menschlichen Fortschritt und auch für die allgemeine Wohlfahrt des Landes so notwen dig sind." Aus die schönen Worte sind von beiden Seiten Taten gefolgt. Durchgreifende Maßnahmen gegen die gerade in letzterer Zeit zu neuer Aktivität erwachten antisemitischen verbände» wie „Eiserner Garde" und „Christliche Liga" wurden erlassen. Die Präfekten im ganzen Lande haben Order) Terrorversuche im Reime zu ersticken und mit den schärfsten Mitteln gegen jede Drohung und Mordhctzc vorzugehen. Und demgegenüber schwere A u s s ch r c i i u it g c n, plünde rungeN) Tote und verletzte im Iudeuviertel zu Jassy. Und damit scheint das ^piel noch nicht zu Ende zu sein. Die Cuzisten sprechen von den „Hunderttausenden im Hintergründe") deren verbände man wohl verbieten, deren Hände und Fäuste man aber nicht schwächen könne. Und fast noch gemeiner mutet die Verdächtigung des früheren Minister Goga von der Agrarpartei an, die liberale Regierung hätte sich den Juden verkauft und ihnen den Wahlsieg mit der Crlaubnis bezahlt, „152.002 jüdische Emigranten aus Deutschland in Rumänien aufzunehmen." Cs ist die neueste Taktik der Hetzer und Treiber aller Länder in Ost- und Westeuropa, mit dem Gespenste der deutschen Inden die Menschen gruseln zu machen, denn man weiß immer die neuesten Chancen auszunutzen. Wo sind die 150.000 Juden in Deutschland, die Lust hätten, über die Moldau zu gehen, um sich im gelobten Lande der Herren Cuzisten anzusiedeln; wo wäre in diesem vorweg agrarischen, kulturell und industriell armen Lande Platz für ein Viertel der deutschen Judenheit; wer hat je im jüdischen oder im Re gierungskreis ernstlich daran gedacht? Solche Fragen aufstellen, hieße vorausseizen zu wollen, daß die antisemitischen Treiber in Rumänien mit Argumenten der Logik und Vernunft arbeiten. Das tun sie dort so wenig wie im früheren verwandten zaristischen Rußland, es genügt ihnen, mit Schauermärchen, je phantastischer um so besser, die Bauern „aufzuklären". Hoffen wir, daß die kleine Verschiebung im Alphab eth der rumänischen Politik von C. zu D., nach Ueberwindung der ersten Schwierigkeiten, ein Aufrücken von langer Dauer und anhaltender Wirkung bedeutet, so daß es den D u c i st e n gelingen möge, das Crbe der Cuzisten restlos zu liquidieren. Rabbi Mosche Mordechm Epstein Vst. Kurz vor Redaktionsschluß erreicht uns aus Jerusalem die erschütternde Kunde vom Ableben Rabbi Mosche M o r d e ch a i Epsteins ^>"ST' des weltbekannten Leiters der Slübodkoer I e -- f ch >i w a in Slabodko und zuletzt in Hebron. Rach Chofez Chajim und Lubliner Raw geht auch dieser!;n:n piu von uns. Lin Gaon größten Ausmaßes, unterschied sich Rabbi Mosche Mordechai von den genannten nur dadurch, daß er einzig und ausschließlich für seine Jeschiwa lebte und hier an der Duette seine darum nicht minder wichtige und umfassende Klallarbeit zu entfalten suchte. Die Jeschiwa war der Inhalt, das Glück — und der Schmerz feines Lebens.'von Slabodko aus, wo er lange Jahrzehnte an der Seite „des Alten" (Rabbi Finkel) der legitime Sachwalter des Rabbi Israel Salanter'schen Crbes war, wollte er der Jeschiwa eine G a s s e n a ch dem Heiligen Lande bahnen. Cr selbst brachte das größte Opfer seines Lebens, indem er sein geliebtes Slabodko anderen Händen anvertraute und sich selbst an die Spitze der Zweigstelle j in'H e b r o n stellte. Der August 1929 brachte die unsägliche, heute noch kaum faßbare Katastrophe, von -der 6 0 211 ä r-- t y r e r g r ä b e r auf hem jüdischen Friedhof. ..von Hebron zeugen. Blutenden. Herzens verlegte der Rabbi sein Lehrhaus nach Jerusalem, aber es gab nach diesem Unglück keine Erholung mehr für ihn. Cr kränkelte und kränkelte, bis das kranke Herz zu schlagen aufhörte. In wenigen Jahren sind nun, nach dein Tode von Rabbi Chajim Sonnenfeld und Rabbi Clije Klatzkin auch dem heiligen Lande drei führende fintP’ genommen worden. Ci n Führer nach dem anderen verläßt das Schiff, >ba es auf sturmbewegter See durch tausend Gefahren sich durchzuarbeiten hat. Wöge es genug sein lassen fT *pn ixbQb iQsm und möge aus dem kostbaren Menschengut, das diese Männer gemeistert und gestaltet haben, uns bald der Zuwachs erstehen, dem es vielleicht gelingt, mit gemeinsamer Kraft die uns in erschreckendem Maße geschlagenen Lücken zu schließen. (Cin Lebensbild des Heimgegangenen erscheint in nächster Rümmer.) y"na)i Um die Heimat des Judentums? Von Rabb. Simon Schwab in Jchenhausen. t. Die gegenwärtige Zeitenwende hat uns alle aus dem Sattel geworfen. G o l u s hat uns wieder sichtlich in seinem Bann. Und damit vollzieht sich an uns ein Akt welthistorischer Gestaltung. Schon seit bald zweitausend Jahren sind wir zum Golus geboren, zum Wandern bestellt. In uns das Bewußtsein zeitlosen Romadentums, — nirgends seßhaft, nirgends verwurzelt. Das Zeitalter der Emanzipation wollte Wandel schaffen, eine Golus Müdigkeit hatte um sich gegriffen, das unbändige Verlangen nach Bodenständigkeit, nach dem Sich-verwachfen-fühlen mit der. eigenen Scholle und der Wille, dem schier endlosen Fluch des Romadendaseins zu entrinnen. Golusmüdigkeit war tiefste Wurzel der Assimilation in jeder Form. Golusmüdigkeit allein;r auch Fundament der zionistischen Gedankenwelt, die eine öffentlich - rechtlich organisierte Heimkehr ins Stainmland der Väter als Patentlösung aller jüdischen Golusprobleme erklärt. In all dem liegt herbe geschichtliche Tragik unsres alten durch die Geschichte gehetzten Volkes. Die Gegenwart hgt der Assimilation übel mitgespielt. Sic ist (bis heute nur) in Deutschland ein politischer Scherbenhaufen zerschellter Hoffnungen, vereitelter Sehnsüchte. Golus, seit Jahrtausenden vertrautes vätergolus, rüttelt unsanft gegen unsre geschichtliche Müdigkeit, zwingt uns wiederum zum hellhörigen Wachsein des Wandervolkes. Romadentragik. Und doch, — es will uns nicht recht gelingen, nach solch einem Jahrhundert des Geborgenfeins. und der Stabilität des Lebens, uns die Müdigkeit aus den Augen zu reiben. Und so hängen unsre verträumten Augen mit golusmüöem Blick an unsrer alten geliebten Heimat. Unsere brennende Sehnsucht schaut aus nach Jerufcholajim, der Stadt unsrer ältesten Hoffnung. Heilige Stadt, mir ünden wieder zu Dir. Frohe Kunde dringt zu uns aus dem Lande der Sehnsucht über die Möglichkeiten, Hunderttausenden Brot und Besitz zu gewähren. Der Strom der Massenemigration soll ein letztes Mal — so träumt die todmüde Hoffnung auf endliche Verwurzelung im eigenen Crdreich — nach Palästina gelenkt werden, als beglückender Abschluß der jüdischen Tragödie. Darf da der Skeptiker bremsen — angesichts dieser rührenden Raivität des Lebenwollens eines um Auferstehung ringenden Volkes? Darf der kalte Logiker, der nüchterne Rechner Zweifel verlauten lassen über Berechtigung, Wirtschaftlichkeit, Dauerhaftigkeit einer solchen leidenschaftlichen Heimkehr ins heimatliche Land? Cs ist durch und durch historisches <8c* 'chehen, geschichtliche Gestaltung, was sich da abspielt in Crez Jisroel. Das jüdische Land tritt wieder ein in die jüdische Geschichte. Und so kann nur die jüdische Geschichte, als ungetrübte Erkenntnis, zeugen für und wieder die Zukunft dieser zu geschichtlichem Leben erwachten Crde und des heimkehrenden Volkes, das sein Tiefstes kettet an seinen heiligen Mutterboden, ans eigene Land. ) Die Ouellenliteratur der jüdischen Geschichte, von den Propheten bis zum Talinud, von den'Makkabäerbüchern bis.Josephus, zeichnen uns das zeitgenössische Bild der politischen, soziologischen und Mlturellen Hintergründe und Zusammenhänge, die die Entstehung des Golus als dauerndes Verhängnis und im Geschichtlichen tief begründete spezifisch jüdische Gestaltungsform ursächlich möglich machten. So lange die eigentlichen, die treibenden, das Golus heraufbe- .schwörenden Ursachen heute nicht beseitigt sind, ist an eine bodenständige Existenz von geschichtlicher Bedeutung und Dauer auf dem Mutterboden Palästinas nicht zu denken. Solange ist die Zukunft unsres Volkes auf eigner Scholle auf einem politischen Vulkan leichtsinnig gezimmert, ohne Anspruch auf Dauerwert. Drei bedeutsame Faktoren haben Pate gestanden beim bewegten Beginn der Golushistorie unsres Volkes. Als erstes ist zu nennen, eine weitgehende Verwilderung der Sitten, schrankenloser Individualismus des Sichausiebcns, anstelle der schlichten, heroischen Treue zum Gesetz, —ein aus alles Moralische zersetzendes Heidentum, das aus Prinzip oder nachahmender Gewohnheit entstanden war. Kurz: die Nnheiligkvit des perfö n t i ch e n Lebens der jüdischen Einzel glleder. Als zweites trug die Hauptschuld: der politischgesellschaftliche verfall. Die politische Assimilation der ,T,T-Ideologie mußte dieselben Riedergangserschcinungen zeitigen, wie sie alle überlebten Staaten des ausgehenden 2lltertums aufwiesen. Staat, Verfassung und Staatführung, Wirtschaft und Kultur den Bindungen des von den Vätern ererbten Gesetzes entzogen, dein freien Ermessen des sich entwickelnden Menschengeistes anheimgestellt, steuerten gradlinig und unaufhaltsam dem politischen Chaos entgegen. ■ Als dritter Faktor der Golusentstehung kam der Umstand der fortgesetzten Feindseligkeiten der Nachbarvölker hinzu, begünstigt durch die geographisch fatale Lage des palästinensischen Durchgangslandes. Feindseligkeiten, denen das jüdische Volk, das zahlenmäßig schwächste, unterliegen mußte, da es ja in seinem nationalen und Staatscharakter — gegen seine ureigentliche Bestimmung — sich kaum aus dem Rahmen der anderen zeitgenössischen Rationen heraushob, die sich im steten Kaiupf und Krieg um ihre Grenzen, um ihren Lebensraum gegenseitig immer wieder auf Reue behaupten mußten. Den hier gekennzeichneten Hauptursachen verdankt das Golus seine Entstehung. Cs ist damit gleichzeitig die völlige Unmöglichkeit gekennzeichnet, beim Weiterbestand der obigen drei bedeutsamen Faktoren, oder bei ihrem Wieöeraufkommen, eine staatliche Selbstverwaltung — auch unter irgend einem getarnten Ramm — aus eigenem geschichtlichen Boden für eine beachtenswerte gewisse zeitliche Dauer zu erhalten. Warum sollte uns heute die Selbstbehauptung in Crez Jisroel besser möglich sein, da die drei Grundübel am nationalen Organismus unsres Volkes längst nicht ausgemerzt sind. Wir erleben heute den schrankenlosen Individualismus der Thoraentweihung im Cinzelleben, die Richtanerkennung der Orthodoxie als selbständigen gemeinschaftsblldenden und politischen Faktors in der jüdischen und uichtjüöisch.en Öffentlichkeit. Wir erleben endlich die Gegnerschaft der gesamten arabischen Welt wider jede jüdische nationale Bestrebung in Palästina. Warum sollte deshalb der Crlöfungsstrahl palästineustscher Rationalideen mehr tatsächliche Berechtigung enthalten; .weil diese durch englische Bajonette (wie und wie lange?) gesichert erscheinen, ohne daß zuvor die Goluskeime der Aussichtslosigkeit und der inneren Auflösung ausgeschieden wären? Bisher ist das Golus m i t gezogen ins Land, hat sich als unentrinnbarer Fluch an unsre Fersen geheftet, hat uns bisher recht eigentlich aus d o r t nicht zur Ruhe kommen lassen. Der arabische Streik hat hier wieder kaum vernarbte Wunden aufgerissen. Die frisch überwachsenen Grabhügel in Hebron von anno 1929 reden eine zu deutliche Sprache. Golus inacht uns auch die Heimat problematisch. Wohin d e n n mit dem Iuöenleiö der Welt? Wird unsre alte Heimat unser werden? Bleibt sie es? Der ehrliche, ungetrübte Blick auf die Ouellen der jüdischen Historie stimmt wehmütig, pessimistisch ... (Fortsetzung folgt.)

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