Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1933)
- Date
- 1933-11-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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30. November 1933 - Der Israelit Nr. 48 Seite 3 deutschen Landen eine lebendige Kraft geblieben ist und heute in diesen Menschen ein seelisches Martyrium von beispielloser Gewalt heraufbeschworen hat. Aber es ist nicht geschmackvoll, dieses Martyrium zur Schau zu tragen, und beide verbände tun recht daran, wenn sie durch positive, beratende, a u s h a u - ende Arbeit, die mit den Tatsachen rechnet, nicht durch wortreiche Proklamationen, den seelischen Schmerz zu lindern suchen. Zwischen dieser vierten und fünften Farbeit- Ruance des deutsch-jüdischen Regenbogens und der siebenten (der zionistisch-nationalen) sehen wir eine Gruppe, die eigentlich nur aus zwei prominenten Persönlichkeiten besteht: Leo - L a e ck und Martin Bubet. Sie füllen das Vakuum zwischen centralver- I einlichcin und zionistischem Judentum: ein bei dein einen tu e h r liberal, dem andern m e h r national gefärbtes n e o - r e l t g i ö s e s Iudentmn, das aus der Orthodoxie inhaltliche, aus der kritischen Anti- Orthodoxie formal-historische Clemente schöpft und sic zu einem vielleicht recht zeitgemäßen neuen jüdischen Bekenntnis konservativ-liberalen Charakters zusant- »tenschwelßt. Luder war dabei so klug und vorsichtig, sich nicht in das rasch verbrauchende politische Räderwerk der „Reichsvertretung" einschalten zu lassen, während Lacck als deren „Führer", zwischen den Stühlen des Liberalismus und Zionismus sitzend, eine wenig beneidenswerte Rolle . spielt, eine Rolle, die auch durch erbauliche Führer-Betrachtungen an der Spitze der „Jüdischen Rundschau" nicht grade besser werden wird. Diese „Rundschau" und der hinter ihr stehende jüdisch-politische Rationalismus ist im jüdischen Kreise der eigentliche ideale und praktische Rutzuicßer des nationalen Umschwungs in Deutschland. So wie mancher jugendliche Führer des dritten Reiches mit gutein Gewissen sagen darf: „Ich glaube nicht an den Katholizismus und nicht an das evangelische Bekenntnis — ich' glaube an Deutschland", so verdampft dem modernen Zionismus W alle Glaubenskraft und alle religiöse Begeisterung in 8 der Hingabe an die biologische T a t s a ch e J d e s V o l k s t u m g, und an die Stelle dervMp^L"' M tritt der Dogmatismus eines den Völkern abgelanfch- 8 ten und nachgeabmten Parteiprogramms, das die lg Probe auf seine Richtigkeit -— trotz allen Zulaufs der 8 aus der Lahn geworfenen jugendlichen Massen — M erst noch zu beweisen hat. J So kann nran leider nicht behaupten, daß die Re- M genbogenfarben der jüdischen Parteigruppierung in 8 Deutschland sich zur Harmonie des reinen Sonnen- 8 lichts zusammenfinden. M Soll es in der Rächt des äußeren Geschicks wirklich 8 Tag werden für die deutsche Iudenheit, so kann es M nur das *23 YiX' das L i ch t des Airgesichts W des lebendigen Gattes fein, das uns — wie von je 8 — Erleuchtung und Tin h e,i t bringen kann: 8 T32 1182 1N82 12^12 122-12 schulen der Taufe. In einem dem Board o f D e p u t i e s in London erstatteten Berichte von Miß S z o l d über C r zi eh u n gsf r ag e in Palästina wird ein Ueberblick über die M i s s i o n s t ä t i g k e i t in Ienssalenr und ihre Auswirkungen in der jüdischen Jugenderziehung geboten. 800 Kinder besuchen zur Zeit in Palästina Missionsschulen, wovon zwei Drittel auf Jerusalem entfallen. Tiner kleinen Abnahme der Zahl nach 1929 folgt jetzt wieder eine merkliche Kurve nach oben. Man ist in Jerusalem und in London, wo der Board of Deputies ein eigenes Palästinaamt unterhält, fest entschlössen, diesem Uebel mit allen Mitteln entgegenzuarbeiten. Die angegebene Zahl müßte wirklich erschütternd wirken, wüßte man zum Glück nicht, daß unter Missionsschulen in diesem Zusammenhänge nicht allein die von Missionären zu Bekehrungszwecken erhaltenen und geleiteten Schulen, gezählt werden, sondern auch alle anderen christlichen Schulen, die jüdische Kinder anfnehmcn und geistig betreuen, ohne sie direkt für die Kirche zu beeinflussen. Daß auch hier die Gefahren für die Kinder, die in Unkenntnis der jüdischen Glaubens- und Gesetzeslehre aufwachsen und der Einwirkung eines fremden Milieus schutzlos ausgesetzt sind, noch groß genug sind, muß nicht erst gesagt werden. Auch in den Städten Europas sind nickt alle jüdischen Gemeinden im glücklichen Besitze einer eigenen Schule, wo die Kinder vor solchen fremden Einflüssen und Einwirkungen geborgen wären. Dort wirkt aber in den meisten Fällen ein jüdischer Religionsunterricht mehr oder weniger ausgleichcnd, was in Palästina für diejenigen Kinder, die den Weg zur jüdischen Schule nicht finden, gar nicht, in Betracht kommt. Aber rollt nicht der Bericht in dein, was er verschweigt, das gesamte Erziehungsprobtcm in Palästina in feiner ganzen Tragweite für die geistige Struktur des jüdischen Crez Israel und feine Zukunft auf? 600 Kinder werden in ntcktjüdischcit oder sogar kirchlichen Schulen ohne Religion oder in den Sphären einer fremden Religion erzogen — und viele Zehntausende Kinder werden in «religiös e n j üd i s ch en 8 ch ulen in einem Geiste großgczogen, der sich von Bibel und Propheten, von Thora und Tradition noch mehr distanziert, als der in der nichtjüdischen Schule. Wir wollen die Väter, die ihre Kinder in die geistige Fremde der christlichen Schule schicken, das; sie dort in der Ocdc verschmachten, gewiß nicht rechtfertigen. Aber wer wollte es jenem biederen Jemeniten verargen, der uns sein Tun mit den Worten erklärte: „Hie keine Iüdischkeit, dort keine Iüdischkeit, so schicke ich eben mein Kind da hin, wo cs am wenigsten kostet und es am meisten von Sprachen und realen Fächern lernt." Gewiß, es ist primitiv gedacht, aber diese Aeußerung zeigt, daß ein gerütteltes Maß von Schuld am Steigen der jüdischen Kinderzahl in den Missionsschulen auch das nationale Schulwerk trägt. Miß Szold deutet ja auch in ihrem Berichte an, daß mit ein Grund für die Misere die it n z u l ä n gl i cb f c i t des jüdischen Sckulwerkcs sei. Sie . meint vielleicht die numerische Unzulänglichkeit, wie aber können nicht umhin, auch an. die geistige, an die jüdische Unbrauchbarkeit der Schule zu denken, die nickt zum geringen Teile, freilich unbewußt und nnnachweisbar, die Stimmung in vielen jüdischen Familien für die christliche Missionsschule vorbereitet. Wir wissen kaum eine höhere Aufgabe für die neuen jüdischen Olim, als Schulen zu gründen, die nicht allein ihre eigenen Kinder aufnchmen, sondern auch den Kindern all der Familien eine geistige Heimat werden, die heute bei der Wahl zwischen nichtjüdischer und unjüdischer Schule, die erstere wählen, weil sic ihnen als das kleinere Uebel erscheint. Was geschieht mit den HUfsgeldern für die deutsche Einwanderung nach Palästina? Aüs einer Veröffentlichung der „Histadrut h Ote Ger m a n i a " in Tel-Awiw erfährt man erstaunliche Tatsachen über die Unzulänglichkeit der bisher für die Unterbringung der deutschen Einwanderer in Palästina getroffenen Maßnahmen, was angesichts der großen Mittel, die gerade für diesen Zweck vom Londoner Hilfskomitee zur Verfügung gestellt worden sind, unbegreiflich erscheint. Für ein leeres Zimmer muß man in Tel-Äwiw 5, 4 auch 5 Lst. bezahlen und dabei den Mietpreis für ein volles Jahr im Voraus erlegen. Es gibt Fälle, in denen außerdem von den Mietern die Hinterlegung einer Sicherheit von 600 Lst. gefordert wird. Unter diesen Umständen ist schon für Bemittelte die Crmictung einer Wohnung ein Kunststück, während neu einwandernde Unbemittelte der Obdachlosigkeit preisgegeben sind. In den Olim-Häusern für Ehaluzim koinmcn IUU' alleinstehende Zcrtifikatinhabcc unter, nicht aber Familienväter mit ihren Familien. Alle Verhandlungen mit den zuständigen Instanzen seien, so schreibt die Histadruh, bisher resultatlos geblieben. Die Iria von TeUAwiw habe zwar 6000 Lst. gestiftet für Häuserbau, die aber erstens nicht für deutsche Einwanderer bestimmt waren und die zweitens bisher überhaupt nur auf dem Papiere vorhanden seien. Die deutsche Einwanderer-Organisation ist demgemäß zur Erkenntnis gelangt, daß sie zur Selbsthilfe greifen müsse und hat nun ein Büro gebildet, das gemeinsam mit dem Komitee für die deutschen Juden bei der Agency und mit der Histadrntb-boowöim die Baufrage zu lösen suchen soll. Cs liegen zwei Projekte vor, von denen eines die Errichtung von Häusern aus kooperativer Grundlage für Wohnungen von 5 Zimmern mit Zubehör, c.iit anderes die Herstellung von Holzhäusern für Wohnungen von 2 Zimmern und Zubehör vorsieht. Hoffentlich werde cs, so schreibt die Histadruth, gelingen, diese Projekte etwas rascher ihrer Verwirklichung zuzuführen, als es bei allen bisherigen Plänen und Versprechungen der Fall war. Dieser Bericht stellt die Öffentlichkeit vor ein Rätsel. Rach den Angaben von Dr. Leo Hermann, die wir in der vorigen Rümmer veröffentlichten, hatte das Londoner Hilfskomitee schon Ende Juli it i ch t w e n i g e r als 5 0 0 0 0 Lst. für den Bau v o u W o h n u n - g e n z u r V e r f ü g u n g g c st eilt. Die Rede ist dabei allerdings von Wohnungen in den Kolonien. Aber es kann doch unmöglich die Absicht des Hllfsaussckuffes sein, sich so elementaren Roiwendig-- keiten, wie sie hier geschildert sind, zu entziehen und sich aus irgend eine am grünen Tisch ausgehcckte Formel zu versteifen. Auch wären die obdachlosen Einwanderer gewiß bereit gewesen, in den Kolonien sich niederzulassen, wenn man ihnen die Möglickkeit dazu geboten hätte. Wir weisen in diesem Zusammenhang aus eicke Bemerkung unsers Korrespondenten aus Tel-Awiw in der vorigen Rümmer hin, in der ebenfalls der gewaltigen E n t t ä u s ch u n g dar ü b e r Ausdr u ck verliehe n wird, die d i e b i shectge Praxis des Hilfskomitees f ü r die deutschen Juden in Ere z I i sro el selb st überall erwecke n in u ß. In Londoit erklärt man, daß s ä in t l i ch e G e l d e r, a u ch d i e für Crez Iisroel b e st i m m ten, a u s gegeben seien und in Crez Iisroel i st k e i it e Spur pon d e n praktif ck e n W i r ku n g e n dieser bcträchtli ch e it Gelds n »i m en zu v e r s pure it. Eine detaillierte Rechnungslegung über die Verwendung der für die Zwecke der deutschen Einwaitderuitg nach Crez Iisroel bewilligten Gelder muß unter diesen Umständen zur Beruhigung der öffentlichen Meinung aufs dringendste gefordert werben. Die Vorgänge in Rumänien. Rumänien ist feit undenklichen Zeiten 'der Gegenstand schwerer Sorge in der jüdischen Welt. Und nirgendwo stoßen sich hart im Raume die Dinge so sehr, wie in diesem Moldaustaate. Vor dem Weltkriege gab es in Rumänien einen gewissen von den sog. Signatarmächten Unterzeichneten Vertrag, der der Regierung einige Verpflichtungeit gegen die Juden auferlegte. Der Vertrag war, wie meistens Verträge, die Juden berühren, ein Fetzen, mit den sich kein Mensch, am wenigsten die Staaten Europas, küntmerten. Man erinnert sich, daß es in Rumänien eine dichterisch begnadete Königin gab, die in ihren lyrischen Gedickten heiße - Tränen für das Los des jüdischen Volkes hatte. Volk in Runtänicn unter F-tlh-- rung geeigneter Tribunen sorgte dafür, daß der Sängerkönigin der Stoff nie ausging . . . Die neue Karte Europas nach dem 'Weltkriege brachte Rumänien einige neue Gebiete aus dem früheren Oesterrcichllngarn und Südrußland ein, u. a. die volkreichen Iudenbezirke in der Bukowina und in B e ß a r a b i e n. Und da „Iudennot", — im Gegensätze zu Arbciternot oder Wassernot, — niemals einen Mangel, sondern ein Zuviel an Inden bedeutet, so konnte dieser Zuwachs gewiß nicht zur Cntspannuitg der Lage führen. Kommt noch hinzu, daß mit der Angliedernng Leßarabiens, aus der Gegend von. Kisch in ew (kischinew war, wie man sich erinnert, ein Fanal für die Judenpogrome in Rußland) der führenden antisemitischeit Partei in Runtänien, den C u z i st e n, neues Blut und neue Kraft zuflossen. Seitdem ist jeder Regierungswechsel in Rumänien zugleich auch ein Spiel mit dem I u ö e n s ch i ck s a l. Die jüdische Frage ist entscheidender Punkt im politischen Programm der einen oder der anderen Partei. Die l i b e r a l e Partei, die jetzt mit I. G. D u c a am Ruder ist, übernahm das Erbe nicht direkt aus der Hand der Enzisten, sondern aus der der Agra r-