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Der Israelit · 1933-11-09 · Heft 45 (9.11.1933) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 45 (9.11.1933)
Date
1933-11-09
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Sette 10 Nr. 45 Der Israelit 9. November 1933 als kleines Kind einer christlichen Mutter in Sevilla geraubt. Ich habe ihn als mein eigenes i.;in6 aufgezogen und gepflegt, er ist in Tvahrbeil aber getauft." „71'lnttec!", ertönte da -die Silberstimme des Kindes, „ich bin doch dein Kind, gehöre doch dir." — Der Mutter schnitt es wie mit Messer ins Herz. Sie wandte sich aber kalt ab von ihrem Kinde, und den heissen Schmerz verbeissend, wiederholte sie klar und fest: „Cs ist nicht mein Kind!" Line Weile schwieg alles im Saale. Da überkamen die Mutter schwere Zweifel; ihr jüdisches Gewissen begann sich zu regen: „Darf ich, o, G'tt!", sagte sie zu sich, „mein Kind deinem heiligen Glauben entreißen, das einzige Kind eines Vaters, der für Deinen Glauben in den Feuertod gegangen ist? Entweihe ich dadurch nicht noch vor meinem Tode den g'ttlichen Kamen, den zu heiligen meines teuren Maitnes letzter Gedanke war?" Sic besann sich und war schon entschlossen, ihr Wort zurückzunehmen. Da fiel ihr Blick auf das zarte Angesicht ihres Kindes. Diese himmlische Anmut, dieses erhabene Glück sollte in den verzehrenden tflannnen des Scheiterhaufens elendiglich umkommen? Unmöglich! Die mütterliche Liebe siegte in ihr, und sie blieb dabet: ,,Cs ist nicht mein Kind!" (Schluß folgt.) Licht aus dem Westen?) (Ein Nachwort.) Selten wohl hat ein Roman seine Leser mehr in den Bann zu ziehen gewußt, als diese Lebensbeschreibung, mit der „unser" lieber Schachnowitz, denn so dürfen alle Jsraelitlefer wohl den verehrten Verfasser nennen, uns Woche um Woche erfreute. Die ganze Fülle eines gewaltigen jüdischen Lebens, die einmalige Erscheinung eines ganz Großen, die Verflochtenheit von Leben und Lehre, die Einheitlichkeit der privaten Lebenssphäre und der öffentlichen Wirksamkeit, die innige Verbindung von Güte und Größe, von Bescheidenheit und Hoheit, all dies, und noch vielmehr, wurde hier mit soviel Schönheit und Anmut, mit soviel künstlerischer Gestaltungskraft und demütiger Hingabe geschildert, daß jeder Leser das Leben des Chasam Sauser miterlebte, gleichsam teilhatte an Freud und Leid, Werden und Aufstieg, Entwicklung und Abschluß. Es gibt viele Berichte über den Chasam Säufer, Schülerliebe und Familientreue trug sie zusammen, es gibt manche Erzählung über seinen großen Lehrer und das Verhältnis des Schülers zu ihm, es sind unzählige Thoraworte dieses großen „Lehrers Moses" mündlich überliefert und in den agadischen Werken niedergelegt, hier aber fyat ein Künstler die vielen Einzelheiten zu einem großen Gesamtwert zusammengetragen, daß das Wissen von Chasam Sauser auch denen zu einem kostbaren Genuß wurde, die sonst nur von ihm gehört, als von einer unfaßbaren Größe gehört hatten. Das „Licht aus dem Westen" hat in der Tat in viele Herzen Helligkeit und Freude getragen, hat in trüben Zeiten auf empfängliche Gemüter gewirkt wie ein echtes und wahres Muffarbuch! Wie ein Mussarbuch, weil hier nicht nur ein Künstler formte, sondern weil ein jüdischer Künstler aus den Tiefen der eigenen frommen Seele, mit Ehrfurcht und Bescheidenheit im Herzen, in innigem Lieben gestaltete. Ein jüdischer Künstler und ein Dichter von G'ttes Gnaden, der um diese Gnade weiß und sich dankbar für sie zeigt. Der weiß, daß in jedem Dichter etwas von einem Propheten ist, sein sollte und der darum zum Guten aufzurufen und zum Edlen zu spornen als seinen Beruf erkennt. Ein Mann, der die Freiheit des Dichters nie mißbraucht, der nie der Laune, stets nur der ernsten Stimme seines Innern folgt! Ist es nötig, -daß wir uns öffentlich zu Schachnowitz bekennen, daß wir ihm Dank sagen für das, was er uns schenkte, in diesem Werk in besonderer Vollendung schenkte? Wir fürchten: es ist nötig! Ich darf an. ein Erlebnis erinnern: Vor noch nicht langer Zeit wohnte ich einem Vortragsabend bei, an welchem ein frommer und kenntnisreicher Literaturkenner über das Buch -eines Autors referierte, das damals gerade den Büchermarkt beherrschte und demgemäß — denn dies gehört ja zur Bildung — vielleicht und hof¬ *) Diese Wertung ist uns vom verehrten Verfasser gleich nach Abschluß des Nomanes „Licht aus dem Westen" im „Israelit" zugegangen, die aber aus naheliegenden persönlichen Gründen vom Autor zurückgestellt wurde. Nun, da der Roman „Licht aus dem Westen" in Buchform erschienen und dem Buchhandel übergeben würden ist (Hermon-Verlag, 408 Seiten stark, Preis in Prachtband RM. 4.—) glauben wir doch, das kompetente Urteil von so hochgeschätzter und fachkundiger Seite unseren Lesern nicht vorenthalten zu dürfen. fentlich ist es jetzt besser geworden — auch von den orthodoxen Lesern „verschlungen" wurde. In einer sich anschließenden Unterhaltung bekannte ich dem Referenten meine Unbildung, das Buch nicht gelesen zu haben. „Ich halte mich an meinen Schachnowitz!" sägte ich, vielleicht mehr, um meine Einstellung zu demonstrieren als den Tatsachen entsprechend! Und ich wurde darüber belehrt, daß, von höherer literarischer Warte gesehen, — Schachnowitz und seine Vorgänger, Lehmann und Judäus bleiben trotz dieser Kritik unsterblich — die Werke orthodoxer Autoren dem modernen Lesepublikum nicht Zusagen können! Wenn dies der Sinn der schönen Literatur ist: dem Menschen in anziehender und fesselnder Form das Schicksal Einzelner oder einer Gemeinschaft nahezubringen,, ihn durch die Darstellung großer Persönlichkeiten oder Ereignisse, durch die Schilderung vergangener Epochen od?r Wiedererweckung entschwundener Zeiten zu erziehen, — und grundsätzlich Anderes wird dem orthodoxen Menschen die schöne Literatur kaum bedeuten können, dürfen, — wem sie, in Variierung des Wortes des großen deutschen Dichters ein moralisches Instrument ist, dem muß ein Schriftsteller vom Range und von der Tendenz eines Schachnowitz etwas bedeuten. Vielleicht, daß hie und da ein Gleichnis den verwöhnten Literaten nicht befriedigt, aber immer und ausnahmslos ist der Inhalt fesselnd, anregend, belehrend und erziehend „goldene Aepfel in silbernen Schalen"! Nicht wie bei den Andern, den „Modernen", den „Größen", bei denen so oft ein glänzender Stil, eine blendende Schreibweise den leeren und oft gar abstoßenden Inhalt verdecken muß: „wurmstichige Aepfel in goldenen Schalen"! Die Kunst ist für das Leben! wir sollten darum den jüdischen Künstler danach beurteilen, was er für unser Leben bedeutet. Kann sein Wort in schweren Stunden tröstend und aufrichtend zu uns sprechen, kann es unsere Seele wachrütteln, unsere geistige Haltung beeinflussen, kurz, kann der Dichter uns zum Erzieher'werden, dann haben wir ihm zu danken. Und solchen Dank schuldet aus unserem Kreise jeder, der nicht aus literarischer Verbildung an Schachnowitz zu seinem eigenen Schaden oorüeigeht, dem Verfasser des schönen Buches, das uns zu diesem Bekenntnis veranlaßt hat. Und diesem Dank sei eine Bitte angeschlossen: daß der verehrte Mann seine schöpferische Kraft noch weiter erfolgreich versuche an den großen Gestalten unseres Volkes, den Männern ferner Vergangenheit und jüngster Jahrhunderte. Mancher, der in der Geschichte unseres Volkes lebt, dem Geiste nahe, aber dem Herzen dennoch fremd, würde uns zu lebenswarmem gegenwartsnahem Vorbild und Wogebegloiter, wenn er uns in einer Geschichte wieder begegnete. In diesem Sinn sei das „Licht aus dem Westen" das Licht, an dem, getreu der Ueberlieferung, Schachnowitz noch viele Lichter entzünde. - Wir werden es ihm danken, wir — und dies sei ihm nicht der schlechteste Lohn — wir und unsere Kinder! W. S. I. Am den Heimgang des Lubliner Raw V'3T. Am Freitag nach dem Ableben vom Lubliner Raw gab der offizielle polnische Rundfunk in Warschau die Nachricht nach ganz Polen und der gesamten Welt durch. Der Schulinspektor von Lublin ordnete für Freitag für alle Volksschulen (n-lchtjüdische) eine kleine Trauerfeier an, wobei die Kinder angewiesen wurden, sich am Sonntag an der Bestattung zu beteiligen. Dadurch und durch die sonstige Teilnahme der nichtjüdischen Bevölkerung erhielt die Trauer den Charakter einer wahren Volkstrauer. * * * Besprochen und allgemein bewundert wird die Haltung der Rebbezin, die, kinderlos, mit dem Gatten alles verliert, und bei der allgemeinen Trauer von ihrem eigenen Schmerz nicht einmal sprechen darf. An jenem furchtbaren Freitag stand sie den ganzen Tag in der Küche und traf die Aiwrdnungen, daß ihre 200, Kinder, die Schüler, ihr Sabbatessen in üblicher Werse 'erhielten. Kurz vor Sabbateingang sah man sie in der Sabbatkkeidern in dem Speisesaal die Lichter anzünden. Dabei riß sich aber aus ihrer Seele etwas los. Sie sprach ein Gebet, ein eigenes Gebet, von der Trauer und der Weihe der Stunde Angegeben, eine Huldigung des großen Toten, die Bitte an ihn, daß ihr gegönnt bleibe, letzte Dienerin in dem von ihm geschaffenen Heiligtume zu bleiben, und alle standen erschüttert da. * * Als es Zeit war, am Freitag Abend mit dem Gebete zu beginnen und aller Augen nach dem Rabbiplatz obenan gerichtet waren, als warteten sie wie sonst auf ein Zeichen von, ihm, rührte sich keiner. Endlich wollte einer der jungen Schüler, der mit seinem lieblichen Gesänge oft genug den Rabbi erfreut hatte, ans Omud gehen. Da rief der Maschgiach, Rabbi Schimon Schelichower: „Halt, keiner von den Jüngeren wird heute vorbeten. Alle sind sie wnirr!im vollsten Sinne des Wortes." Und ein anderer, ein Außenseiter aus der Gemeinde, mußte ans Pult treten. Nach Schluß des G'ttesdienstes gingen die Schüler in den Hörsaal, wo der Rabbi aufgebahrt war, und -einer nach dem anderen ging an die Bahre heran und rief wie sonst: „Gut Schabbos Rebbe!" Darauf gingen sie, zum ersten Male, alle in corpore, ins Wohnzimmer, um der R e b b e z i n „Gut Schabbos" zu wünschen. Sie saß in ihren Festkleidern beim Sabbatlichte am gedeckten Tische und hatte keine Träne. Rabbi Meiir, so verlauieie in letzterer Zeit, war zum Oberrabbiner nach Lodz gewählt. Lublin protestierte. Lublin ist eine arme Stadt, Lodz ist reich, da wollte Rabbi Meiir einige Jahre in Lodz bleiben, um von dort aus die drückende Schuldenlast der Lubliner Ieschiwa zu tilgen und dann zurück nach feinem geliebten Lublin kommen . . . G'tt aber, so sagen seine Schüler, wollte nicht den zweiten Maharam aus Lublin freigeben. Er behielt ihn da, und nun ruht er für ewig an der Seite des e r st e n Maharam. In Lublin gibt es außerhalb der Jeschiwah noch eine andere Jugend: radikale Zionisten, Bundisten, Jiddischisten u. a. w. Ein Verband unter dem Titel wvmn dient sportlichen Zwecken und kann sich im gegebenen Falle auch als jüdische Selbstwehr betätigen. Die Mitglieder dieses Bundes, 200 an der Zahl, standen Wache vor dem Iefchiwahaus von Freitag früh bis Sonntag Abend. Am Sonntag sollte eine große Tagung des Verbandes in Warschau stattfinden. Sie sahen aber von einer Beteiligung ab und blieben auf ihrem Posten, um den Ehrendienst bei der Bestattung auszuüben und die Ordnung bei dem Massenandrang der Zehntausenden aufrecht zu erhalten. Einer von ihnen sagte laut: „Er war auch unser Rabbi, unser Vater. Erst am letzten Simchas Thora hatte er uns auf die Jeschiwah eingeladen, daß wir uns an den Hakofoth beteiligten. Er sagte uns, daß auch wir Anteil an der heiligen Thora haben, und unserer viele haben es sich zu Herzen genommen . . ' Ein Schüler sagte an der Bahre: -i2j?bn iva nsnipa uynx bv ]nrv>a nVm Der Tod der Großen ist gleichbedeutend mit der Einäscherung des heiligen Tempels. So sorget, Freunde, dafür, daß wir nicht von einem doppelten Unglück betroffen werden: dem Tode des Großen und der Zerstörung seines heiligen Tempels. Das Lubliner Lokalblatt schreibt: „Wir sahen hier einen umgekehrten Prozeß. Lublin hat sich nicht seinen Raw gewählt, sondern umgekehrt Rabbi Meiir hat sich Lublin als Residenz gewählt, um die Steine auf dem altehrwürdigen Friedhofe von neuem ausleben zu lassen. Cs war ihm dies gelungen. Nun steht der dreistöckige Isschiwahbau da wie ein steinernes Waisenkind . . ." In Lublin gibt es außer dem Raw noch einen Rebben, Nabbi Schlomo Eigsr, ein vielgefeierter Gelehrter, mit dem Rabbi Meiir in engster Freundschaft lebte. Er war auch der intime Berater Rabbi Meiirs in allen geistigen Angelegenheiten der Jeschiwah. Dieser Rabbi hat nun auf letztwilligen Wunsch des Heimgegangenen bis zur Neuordnung der Dinge auf Grund der von allen rabbinifchen Autoritäten Polens unternommenen „Rettungsaktion" die Verwaltung des Hauses und die Führung der Geschäfte übernommen. Am Freitag n, dem Todestage Rabbi Meiirs, lernte Lublin und lernte die Welt den '»r> aus 'mmns «"3, wo es heißt: 2in siisb wviwn bs w3». Die 200 verwaisten Kinder in Lublin haben geschworen, die Verpflichtung aus. ihre Art zu tragen. Wird ihnen die jüdische Welt zu Hilfe kommen? Eine Erez-Zisroel-Iahrk vor 200 Zähren. «Schluß.) Am Freitag morgen gingen wir gleich, nachdem wir gebetet, hinaus, um die Gräber der -anderen Größen der Welt vor Miron aufzuuschen. Vor der Höhle des Rabbi Schimon ben I o ch i befinden sich welche, die nicht bei Namen genannt sind, manche Gräber haben auf der Spitze der Grabsteine -einen Behälter für Oel zum Entzünden. Am Grabe von Rabbi Joch an an Ha sandle r zündeten wir Lichter an und verrichteten viele Gebete. Dann bestiegen wir die Höhe, wo H-i l e l H a so ke n mit dreißig Schülern ruht. Es ist eine wunderbare Höhle mit acht Nischen, die mit Marmor armgehgut sind. Manche Steine haben noch unleserliche Schnftspuren. In einer zisternenartigen Höhlung sahen -wir das klarste Regenwasser, das uns je zu Gesicht gekommen ist. In tiefer Ergriffenheit lernten wir hier alle sechs Ordnungen

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