Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1933)
- Date
- 1933-11-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450756-2450799--79987-2537805- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Beilage mr ilöä** Die Jüdin. Eine Erzählung aus der Zeit der spanischen Inquisition. Bon I. LupoNanski. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts lebte in einer Stadt Spaniens eine junge jüdische Frau. In einem ärmlichen Hause, ganz am Ende der Stadt» stand ihre Wohnung; hier lebte sie still und zurückgezogen, fast ohne Berührung mit der Außenwelt. Ihre einzige Sorge galt ihrem Kinde, einem anmutigen Knaben mit schönem Gesichte» klugblickenden Augen und blond gelocktem Haare. Der Erziehung dieses ihres heißgeliebten Kindes widmete sie sich mit der ganzen Liebe und Hingebung ihres mütterlichen Herzens. Darin empfand sie ihre einzige Freude» und das war ihre einzige Hoffnung. Niemand in der Stadt kannte die Frau näher, niemand wußte etwas von ihrer Herkunft. So waren fünf Jahre vergangen, seitdem die junge Frau hier still und in sich gekehrt lebte. Sie wollte in der Liebe zu ihrem Kinde jenes schreckliche Ereignis vor fünf Jahren vergessen, das immer noch wie eine tiefe und schmerzende Wunde - in. ihrem Herzen brannte. In der Erziehung ihres lieben Kindes wollte sie neuen Trost schöpfen für all des Schrecklichen, das sie erlebt hatte. Wohl war es schwer für sie, das .Bild jenes unglückseligen Tages aus ihrer Seele zu wischen: wie die Beamten der Inquisition ihren geliebten Mann aus ihrem Hause gerissen, ihn als Ketzer und Ungläubigen vor das Inquisttionstribunal gestellt und dann vor ihren Augen öffentlich verbrannt hatten. Immer und immer wieder stellte sich jene grauenhafte Szene vor ihre Augen, immer begann die Wunde» die noch kaum vernarbt war, aufs Neue zu schmerzen. Und doch dankte sie im stillen G'tt, der sie mit ihrem Kinde auf fast wundervolle weise vor ebendemselben Tode gerettet hatte, den ihr Mann erleiden mußte. Durch schnelle Flucht hatte sie sich mit ihrem Kinde hierher retten können, wo sie 'sich» von niemandem gekannt, sicher fühlte. Hier hatte sie sich vorgenommen, das vergangene mutig zu ertragen und in ihrem Kinde eine neue Hoffnung ihres Lebens zu sehen. Hier wollte sic sich eine neue Heimat gründen und in der Erziehung ihres Kindes neuen Lebensinhalt finden. Hatte sie aber an die Macht der. heiligen Inquisition gedacht und. an ihr weitverzweigtes Uetz, das sie in allen Orten und Winkeln ausgeLreitet hielt, um! ihre gesuchten Opfer langsam und sicher zu umstricken und umgarnen? . . Lange schon mühten sich die Inquisttionsbeamten und Häscher in dieser Stadt ab,' brauchbares Material für ihre heilige Arbeit zu finden. Aber nichts Großes, nichts Bedeutendes konnte bis jetzt gefunden werden! was wollte es auch heißen» wenn man einige Bürger'zur Anzeige bringen konnte, weil sie sich beim Kirchgang verspätet hatten; andere» weil sie der Sonntagöpredigt nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt hatten; oder wenn man schließlich zwei Angetrunkene dabei betraf, wie sie beim Vorübergehen vor dem heiligen.Marienbild die vorgeschriebene Ehrenbezeugung unterließen? Die schweren Vergehen, beidenen sich ein Inquisttionsgericht erst ganz in seiner bewährten Arbeit für den Glauben zeigen konnte, die eben fehlten hier noch und mußten auf alle Fälle gesunden werden! Cs dauerte auch nicht lange, da hatten die findigen Geheimagenten durch wochenlanges, unablässiges Spionieren herausgebracht, daß bei der jungen Frau am Stadtende, etwas nicht-ganz stimme. Man hatte die Beobachtung gemacht, daß die junge Frau au jedem. Freitag, sobald es Abend wurde, mit ihrer Arbeit im Hause aufhörte, ihre Kleider wechselte und ihr Stüblein feierlich erhellte. Man bemerkte auch, daß sie — wiewohl sie die Sonntagsruhe in aller Strenge hielt, — auch am Samstag keinerlei Arbeit verrichtete und ihrem Kinde an diesem Tage bessere Kleider anlegte. Bel weiterer Nachforschung wurde in Erfahrung gebracht, daß sie in keinem Mctzgerladcn ihrer Umgebung jemals etwas Schweinefleisch eingekauft hatte. Und schließlich brachte man heraus, daß sie einmal im Jahre acht Tage lang nur ungesäuertes Brot gegessen hatte. Man hatte allen Grund, hinter der so still und zurückgezogen lobenden jungen Frau eine schlimme Ketzerin zu vermuten, die sich äußerlich als Christin gab, heimlich aber den schlimmen jüdischen Gebräuchen und Vorschriften anhing. Nun galt es, die junge Frau zu überführen, und sie auf frischer Tat bei dem schrecklichen Verbrechen zu ertappen. Man wartete, bis das jüdische Osterfest herankam. Am ersten Abend dieses Festes drangen mehrere Beamte der Inquisition gewaltsam in ihre Wohnung am Stadtende ein. Hier fand man die Frau mit ihrem Krude am Tische sitzend an. Auf dem Tische waren nngesänerte Brote» bittere Kräuter und dergleichen mehr wohlgeordnet angerichtct. Die Mutter hatte ein hebräisches Buch in Händen und war gerade dabei, ihrem Kinde etwas vorzulesen oder zu erklären. An den wänden des Zimmers hingen einige Helligenbilder, die aber— o Schreck! — mit einem Tuche verdeckt waren. Nun wußte man genug! Die junge Frau war eine Ketzerin schlimmster Sorte, die die streng verbotenen jüdischen Osterbräuche hielt und sich noch erdreistete, ihr Kind in den verbotenen Lehren zu unterweisen. Jetzt war ein Fall gefunden, wie man ihn schon lange suchte; dem hohen Inquisitionsgericht war nun wichtige, heilige Arbeit gegeben. Die Frau wurde von -den pflichteifrigen Beamten mit ihrem Kinde gefangen genommen und dem Gerichte zugeführt. •*' Zwei Tage schmachtete schon die Mutter mit ihrem Kinde hungernd in einem finsteren, schmutzigen Kerker. Das Kind schaute mit traurigem, verzweifeltem Blick auf seine Mutter, als wollte es sie voll Verwunderung fragen: „warum muß ich hungern, obwohl du, Mutter, bei mir bist?" Und als die Mutter dem wehmutsvollen Blick ihres geliebten Kindes begegnete und in fein zartes, blaßgewordenes Gesichtchen sah, da rang sie verzweifelnd die Hände: „O G'tt, kann es Menschen geben, die so grausam ein unschuldiges Kind peinigen wollen? werden sie wirklich keine Schonung finden für dieses zarte, reine Geschöpf?" Im Stillen wußte sie aber wohl, daß die Inquisitionsge.richte schon manches zarte Kindlein von der Mutterbrust Hinwegerissen hatten, um es vor dem versinken im Unglauben zu retten. Schweren Herzeng unterdrückte sie die Tränen in ihren Augen und beruhigte mit einem gezwungenen Lächeln ihr Kind: »»Seiberuhigt» mein Kind» bald dürfen wir nach Haufe gehen!" Und wie das Kind sich wieder mit bangem Gestchtsausdruck der Mutter zuwandtc» da flüsterte sie ihm leise ins Ohr: »»Laß uns bester schweigen» mein Kind, man könnte sonst hinter der wand unser Gespräch belauschen!" Dieses schreckliche Stillschweigen war der unglücklichen Mutter leichter, als dem Kinde durch falsche Worte Hoffnung zu geben ... Bald kam der Tag des Gerichts heran. Man führte die Mutter mit ihrem Kinde in einen großen, feierlich gezierten Saal, in dem vor einem langen Tische die höchsten Inquisttionsrichter, in lange samtene Gewänder gekleidet» Platz genommen hatten. Der Aelteste der Richter» in der Mitte auf erhöhtem Platze sitzend» wandte sich mit tiefem, musterndem Blick der Angeklagten zu und begann mit scharfer Stimme: .»Bekennst du dich schuldig» au dem ketzerischen jüdischen Glauben festgehalten und insgeheim die verbotenen jüdischen Bräuche ausgeübt zu haben?" Die Mutter überlegte einen Augenblick; dann gab sie unumwunden zu: „Ja, ich tat es!" Sie wußte» daß Leugnen ihr hier nichts nützen werde. Zu gut kannte sie die erprobten Methoden des Inquisttionsgerichtes, die auch den hartnäckigsten Leugner schließlich zum Geständnis brachten. Sie gab die Hoffnung auf» ihr Leben noch retten zu können und war bereit» den sie erwartenden Tod mutig auf sich zu nehmen» wie es vor ihr bereits ihr Vater» ihr Mann und einer ihrer Brüder getan hatten. Nur ein Wunsch brannte in ihrem Herzen» nur ein Gedanke beseelte sie: Rettung des heißgeliebten Kindes! Die Richter pflogen eine kurze» flüsternde Aussprache. Dann verkündete ihr der Vorsitzende, daß dem Gerichte das offene und anscheinend reumütige Bekenntnis der Angeklagten gefallen habe, und es beschlossen habe» der Angeklagten eine letzte Möglichkeit zu geben zur 2lbkehr von ihrem ketzerischen Lebenswandel: Wenn sie öffentlich und eindeutig erklären werde, daß sie den jüdischen Glauben als Irrlehre tief bedaurc und als reuige Büßerin bittet, in den Schoß der heiligen Kirche ausgenommen zu werden» dann werde das Gericht Gnade vor Recht walten lasten und ihr das Vergangene großmütig ver-. zeihen. In der jüdischen Mutter brauste es auf: „Niemals!; mein Vater, mein Mann und mein Bruder sind für ihren Glauben heldenhaft in den Tod gegangen», und ich sollte zur Verräterin werden? 2lls Jüdin habe ich gelebt und als Jüdinwill ich auch sterben!" Die Richter schauten sich etwas betroffen an. Dann erhob sichrasch der Vorsitzende und verkündete mit lauter, hie innere Erregung verratender Stimme: „Die Angeklagte hat in ihrer Verstocktheit die ihr gereichte Hand der Gnade abgeschlagen und die Milde des Gerichts verworfen. So treffe sie die ganze Strenge des Gesetzes. Sie hat ihr Urteil selbst gesprochen: der Tod auf dem Scheiterhaufen!" Die jüdische Mutter blieb ruhig und gefaßt; sie hatte nichts anderes von diesem Gerichte erwartet und war zum Letzten bereit. Ihr siebender Blick richtete sich auf ihr heißgeliebtes Kind» bei dem allein noch ihre Gedanken weilten. ’ „Da aber die angeklagte Mutter," fuhr der Gcrichtsvorsitzende nach einer weile fort, „auch ihr Kind in die ketzerischen Lehren und Gebräuche eingcführt hat, besteht die begründete Befürchtung, daß das Kind auch als Ketzer und Ungläubiger heranwachse und später großen Schaden anrichte. So ist es bester, das Kind heute gemeinsam mit der Mutter dem Feuertode zu übergeben." 2lls die unglückliche Mutter dieses unmenschliche Urteil über ihr geliebtes Kind vernahm, fiel sie schier in Ohnmacht. Sie bebte am ganzen Körper und konnte sich nur mit letzter Kraft noch aufrecht halten. 2llles bäumte sich in ihr auf, und wutentbrannt wollte sie den entmenschten Richtern entgegenschleudern: „Ihr Giftschlangen in Menschengestalt!, rührt euch nicht die himmlische Schönheit dieses Kindes? Seid nicht auch ihr einmal Kinder gewesen eines liebenden und sorgenden Mutterherzens?" Sie brachte aber keinen Laut von sich; still stand sie da und blickte wie stier in den weiten Saal. Da, — plötzlich durchzuckte eilt glücklicher Gedanke ihr zu Tode bedrücktes Herz! Mein Kind wird leben, wird gerettet werben! „Richter!" rief sie mit Aufbietung ihrer letzten Kräfte in den Saal, „wisset die Wahrheit! Dieses Kind hier ist nicht das meinige; es ist ein christliches Kind und getauft." Die Richter, die sich bereits zum Gehen angeschickt hatten, horchten noch einmal auf. „wie," nahm der Aelteste das Wort, „dieses Kind gehört nicht dir, ist kein jüdisches? — Du lügst!" „Cs ist iricht mein eigenes Kind!" wiederholte sie fest und eindringlich. „Mein eigenes Kind habe ich im Unglück verloren und habe dafür diesen Knaben