Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1933)
- Date
- 1933-11-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 45 Der Israelit Unterbringung zahlreicher jüdischer Lehrlinge seine besondere Bedeutung. Auf Grund der Altersgliederung der jüdischen Bevölkerung Deutschlands hat man errechnet, daß jährlich ungefähr 7500 junge jüdische Menschen ins berufsfähige Alter kommen und sich für eine Berufswahl entscheiden müssen. Selbst, falls von den ungefähr 4000 Jugendlichen, die die jüdischen Berufsberatungsstellen in 'Anspruch nehmen werden, nur die Hälfte betreut werden muß, werden -demgemäß jedes Jahr für ungefähr 2000 junge Menschen öffentliche Mittel bereitgestellt werden müssen. Für sie handelt es sich zwar noch nicht um eine Berufsumschichtung, aber um die richtige Berufsentscheidung. Cs läßt sich noch nicht übersehen, ob die Unterbringung dieser jungen Menschen in Lrnzellehrstellen wird erfolgen können, oder ob eigene Lehrwerkstätten eingerichtet werden müssen. Wesentlich schwieriger als bei den schulentlassenen Jugendlichen ist das Problem jener jungen Menschen, die bereits einen Beruf hatten und in ihm nicht mehr tätig fein können. Für diese Berufsu m s ch i ch t u n g kommen auf Grund -der bisherigen Erfahrungen zunächst mindestens 5 0 0 0 Menschen in Frage, von denen wahrscheinlich 2000 aus öffentlichen Mitteln unterstützt werden müssen. Für die Ausbildungsdauer der Männer muß sowohl im Handwerk wie auch in der Landwirtschaft mit mindestens einem Jahr gerechnet werden. Cs müssen also hierfür eigene Ausbildungsstätten geschaffen werden.. Diese Ausbildung kostet ungefähr 600 RM. pro Kopf und Jahr. Hierzu treten natürlich noch die Kosten für die Einrichtung der Ausbildungsstätten. Die bisher gesammelten Erfahrungen sprechen dafür, daß es möglich ist, dieses schwierige Problem zu lösen. Aus den Erhebungen in Berlin läßt sich feststellen, daß von den Männern, die vom April bis Juli in die Berufsumschichtung hincingingen, vorher 66 proz. in kaufmännischen Bernsen wären, ein großer Prozentsatz ferner zu den Akademikern. gehörte. Bei den Frauen .war die Gruppe der ehemaligen. Kontoristinnen besonders stark vertreten. Welche neuen B e r u f e wurden in Berlin gewählt? Die Beantwortung dieser Frage gibt vielleicht schon ein Bild, welchen Berufen künftig die deutschen Juden angehören werden. 60 proz. der Männer entschieden sich für die Landwirtschaft nnd Gärtnerei, sonst sehr viele für das Schneidergewerbe, den Tapezier-, Chauffeur-, Schlosser- und Anstrcicherberuf. Die Frauen erwählten meistens die Schneiderei, aber aud} die Kosmetik, die putzmacherei. und die Landwirtschaft. Handwerkliche K o l l e kt! v ausbildungsstätten außerhalb Berlins befinden sich für Tischler und Schlosser in Hamburg, für Schlosser in Frankfurt a. M., für Tischler in R ü r n b e r g., für Bootsmaschinenbauer und Nautiker in Lübeck. Die Ausbildung von Heimarbeitern für die Konfektion erfolgt u. a. in A f ch a f f e nb u r g. Cinzelausbildungsstellen sind für alle möglichen Frauenberufe und für alle Handwerke einschließlich der gewerblichen Berufe der angelernten Arbeiter ausfindig gemacht worden. So befinden sich mehr als 700 jüngere Menschen in handwerklicher Ausbildung, weitere 500 werden ihnen noch im Laufe dieses Jahres folgen. Line besondere Rolle spielt die Arbeit in der Landwirtschaft. Auch hier konnte an bestehende Einrichtungen angeknüpft werden. Jüdische landwirtschaftliche und gärtnerische Kollektivausbildungsstätten gibt es u. a. auf dem Landwerk Reuendorf Fürstenwälde» in Ahlem bei Hannover, in Wilhelminenhöhe bei Hamburg, in Groß-Gaglow bei Kottbus. in Leipzig, in der jüdischen FriodhofsgärtnereiBerlin-Weißenfee ufw. Annähernd' 1000 junge jüdische Menschen befinden sich bereits «in. der landwirtschaftlichen Ausbildung. In Reuendorf, das allein hundert Personen Ausbildung gewährt, gibt es auch Werkstätten der verschiedensten Art, so eine Tischlerei, eine Schlosserei- und eine Stöttmachoroi. Das Gut kann also die örhu gendsten Bedürfnisse selbst befriedigen und so neben der landwirtschaftlichen gleichzeitig auch der handwerklichen Ausbildungsarbeit dienen. Hier werden zurzeit nicht nur 30 Kaufleute, sondern u. a. auch zwei Rechsanwälte, ein Journalist und ein Bibliothekar als Landwirte ausgebildet, ein Beweis -dafür, mit welcher Intensität die Berufsumschichtüng durchgesührt wird. Der Bericht geht ferner auf die veränderte Situation der jüdischen Schn len ein und kommt auf öle Auswanderung zu sprechen. Linen besonderen Charakter hat die'Auswanderung nach Palästina, die durch das Palästina-Antt organisiert und geleitet wird. Die 2lrbeit für den Palästinaaufbau ist organisch in die Arbeit des „Zentralausschusses" eingegliedert. Aber auch andere Länder müssen für die Auswanderung deutscher Juden in Betracht gezogen werden. Darum prüft der Zentralausschuß die Möglichkeit, den Wanderungsstronr in neu zu erschließende Gebiete zu lenken. Der umfangreiche Bericht ist mit Tabellen und einigen Illustrationen versehen, die die vielfältige Rot, aber auch das weitverzweigte Hilfswerk veranschaulichen. Nach den Unruhen in Palästina. wie bereits kurz mitg-eteilt, ist -der Hafen in Haifa eröffnet worden, sogar unter bescheidenen Feierlichkeiten, die vollkommen ungestört verliefen. In normalen Zelten würde man von dieser Häsenerösfnung als von einem Wendepunkt in der Geschichte des neuen Palästina sprechen. Das ist sie auch heute noch, und man kann nur hoffen, daß der neue Austrieb, den Wirtschaft und Industrie durch den Hafen erhalten, zur Befriedung und Beruhigung der Gemüter führt und ein neuer 2lnsporn für alle Bevölkerungsteile wird, stch in der friedlichen produktiven Arbeit zu finden. Seit Dienstag, dem 51. (Oktober, wird man in der Reede von Haifa nicht mehr, wie bisher, ausgebootet, sondern man steigt aus dem Schiff direkt an Land, wie in Triest und Hamburg und -anderswo. Ein Riesenwerk ist zustande gekommen, möge es sich unter einem glücklicheren Stern bewähren, als unter dem es seiner Bestimmung übergeben worden ist. Auf dem ersten englischen Dampfer, der in den Hafen bis zur Landebrücke einfnhr, befand sich der Hochkommissar und eine kleine Schar von Ehrengästen.- Indem die Einfahrt vor sich ging, hielt der K o l ou i e m i n i st e r Sir Philip Lunliffe- L i st e r voll' London aus eine R u.n d f u n k r e d e. Kurz "darauf sprach'"der .Hochkommissar im Rundfunk von'Haifa nach London. Cs waren die ersten Rundfunkübertragungen von Palästina nach England. Aus der init Rücksicht auf die Lage hoch-bedeutsame Rede des Kolonienministers seien -folgende Stellen wiedergegeben: -vier Jahre lang arbeiteten zwischen tausend und zweitausend Arbeiter, Araber und Juden, an diesem Bau; die Aufwendungen, die für ihn gemacht wurden, erfolgten zu 70 Prozent in Palästina selbst. Dies zeigt, daß Palästina schon aus -den Bauarbe-iten allein Nutzen gezogen hat. Den großen Wert, den dieser Hafen in Zukunft in Palästina haben wird, können wir schon jetzt erkennen. Als ich den Hafen besuchte, sah ich ein 600 Fuß langes Schiff von 25.000 Registertonnen an der Moleverankert und ich höre, daß im Laufe der letzten Saison über -eine Million Kisten Orangen in Haifa verfrachtet wurden. Wir haben alle Ursache zu hoffen, daß die Bedeutung Haifas in Zukunft sich weiter entwickeln wird. Die Herstellung der Gelleitung durch die Irak-Petroleum-Companie schreitet immer weiter fort. Wenn alles gut geht, wird Ende 1956 die die Delfelder in Mossul mit Haifa verbindende südliche Zweigleitung vollendet sein; auch die Vorbereitungen für den Ban eines Oelrefervoirs, dessen Fertigstellung eine weitere Etappe in der Entwicklung des neuen Hafens -darstellen wird, sind bereits ziemlich weit gediehen. " Heber die Aussichten des Baues der Eisenbahn Haifa—Bagdad etwas'zu sagen, wäre verfrüht,, wenn auch bereits eine sorgfältige Vermessung -der Strecke durchgeführt worden ist. Dagegen wurden bereits Maßnahmen zum-Ausbau der Wüstenstraße für Autoverkehr ergriffen und wir dürfen hoffen, daß die Prosperität Haifas und die Bedeutung feines Hafens durch die Entwicklung des Transtthanöels mit dem Irak und vielleicht auch mit anderen östlichen Ländern einen weiteren Aufschwung erfahren wird.... ___9. November 1933 . Der Kolonienminister wandte sich sodann politischen Fragen zu und erklärte, die heutige Feier stehe unter dem Schatten der bedauerlichen Unruhen der letzten Tage. Ich will, -sagte dev Minister, ein offenes Wort an die Bevölkerung Palästinas richten, vor dreizehn Jahren hat . Großbritannien das Mandat über Palästina übernommen. Dieses Mandat schließt klare Verpflichtungen gegenüber Arabern und Juden in sich. Diese Verpflichtungen werden ohne Furcht und Gunst vollkommen und ehrlich erfüllt werden. Das Mandat erhält die Verpflichtung, die. Errichtung -eines Rational-Heims für das jüdische VolkUn Palästina zu erleichtern, gleichzeitig aber auch, die ebenso politische Verpflichtung, die Rechte aller Einwohner Palästinas zu schützen. An diesen Verpflichtungen wird genauestens festgehalten. Cs wird das dauernde Ziel der britischen Politik sein, die Wohlfährt ganz Palästinas zu fördern. Cs liegen jetzt Pläne vor, an denen der High Lommifsioner einen großem persönlichen Anteil hat und die allen Teilen der Bevölkerung zugute kommen werden. Diese Arbeit wird weiter fortgeführt werden. Besonders wichtig ist unsere Pflicht, Gesetz, und Ordnung zu schützen. Auch diese Pflicht wird aufs Genaueste erfüllt werden. Zum Schluß erklärte der Kolonienminister: Ich möchte nochmals wiederholen, daß ich älten Teilen der Polizei für ihre strenge Pflichterfüllung danke. Gesetz und Ordnung werden im ganzen Land aufrecht, erhalten werden. Palästina hat das Glück, jetzt einen High Lommifsioner zu -haben, der den Interessen des Landes ergeben ist, den jeder in Palästina als fair denkenden und gerechten Mann kennt und der das vollkommene Vertrauen der Regierung Sr. Majestät genießt. Ich erwarte, daß alle ihm in einer dem all? gemeinen Besten geweihten Arbeit loyale Mitarbeit und Unterstützung gewähren werden. Aus der Rundfunkrede des High Commifsioners feien folgende Sätze wiedergegeben: „Ich habe soeben die Zeremonie -der Eröffnung des Hafens von Haifa beendet. Der Hafen soll nicht nur Palästina und . Transjordanien, sondern auch vielen anderen Ländern in Ost- und West zum Segen gereichen. Haifa ist als das ‘ neue Tor des Ostens bezeichnet worden und ich hege die Zuversicht, daß es diese Bezeichnung rechtfertigen wird. Ich glaube, daß in steigendem Maß durch dieses Tor die Erzeugung des Westens in fruchtbarem Austausch geführt werden wird und daß der neue Impuls, das es dem Handel geben wird, nicht nur zu erhöhter Prosperität in Palästina, sondern auch einem stärkeren Verkehr zwischen Ost und West und damit zum besseren gegenseitigen Verständnis führen wird. In erster Reihe ist der Hafen natürlich dazu bestimmt, die rasche Entwicklung Palästinas selbst zu fördern und ich brauche wohl nicht auseinanderzusetzen, wie wunderbar der neue Hafen für die Erfüllung dieses Zweckes geeignet ist." Der B a l f o u r - T a g am 2. November, ~ an dem die Araber fast alljährlich Demonstrationen , zu veranstalten pflegten, ist dieses Jahr noch ruhiger verlaufen als sonst. Rur in Jerusalem wurden gegen Abend von unbekannter Hand auf -ein polizeilager einiges Schüsse abgegeben, -die keinen, verletzten. Da die arabischen Zeitungen infolge des Streikes immer noch nicht erscheinen, hat die Regierung mit der Herausgabe ei n -er a r -a bi scheu Tageszeitung begonnen, die zur Aufklärung des arabischen Volkes dienen soll. Angesichts der neuesten Vorgänge .in Palästina gewinnt ein Bericht des Leiters des „Merkas Haawoda", H. Frumkin in Jerusalem; über, die Auswirkungen der jüdischen Einwanderung in Palästina erhöhtes Interesse. In dem Berichte wird mit Zahlen und Daten nachgewiesen, welch unmittelbaren eminenten Einfluß -der jüdische Zuzug auf die Hebung des Lebensstandards und der allgemeinen wirtschaftlichen Lage der arabischen Bevölkerung Palästinas j ausüb. Ihre Wirtschaftslage ist absolut und relativ besser als die der Bevölkerung von Serien und Transjordanien. In den beiden letzten Jahren wurden, von palästinensischen Arabern 16 000 Dunam neu mit Citruskulturen bepflanzt und die 2lnlage weiterer" Pflanzungen Ist in Vorbereitung. Die neuen pflan-