Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1933)
- Date
- 1933-11-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 Nr. 44 r*Tkrii n-E IW MASSKONFEKTION L .MKMIM'IiLUMMW FRANKFURT AM MAIN KAISERSTRASSE 7 . FERNRUF 62216 - „Ulcht G'tt! XDas gaukelt ein Dämon mir denn für Bilder vor? Las; mich doch nicht Dinge denken, die die Helligkeit des Tages nicht ertragen können." Als sähe sie Blicke» die sie in grenzenlosem Leid — öder ist es grenzenloses Mitleid — anschauen, so ist es ihr. Sie schließt die Augen. „Nur ein (Opfer könnte es sein! Tin ^friedensopfer, damit die armen, gequälten Tltern Ruhe finden, ein (Opfer, damit ihm ein wenig Glück zuteil werde im Leben!" — „Nora," spricht sie zu sich selbst, „werden sie dich verstehen, die Menschen, die nicht von oben her, vom Schönen und Großen her, hinsuchen zum Verständnis des Lebens. Rein, sie gehen zuerst immer vom Riedrigen und von den Schwächen und Alltäglichkeiten des Lebens aus an die Dinge heran. Da können sie nicht anders. Da werden sie sich abwenden und statt zu urteilen, gleich mit dem Verurteilen bei der Hand sein." Wie die „Arme, die Sturmumtoste, die Richt- Getröstete" des Prophetenwortes, das sie einst (mit Mirjam) gelernt hat, — so kommt sie sich vor. „Ts kann ja gar nicht anders fein. Häßliches werden sie von dir sagen, wenn er eines Tages kommen würde und vor dich hinträte!" — Fortgehen müßte man, ganz im Stillen und Geheimen, damit niemand etwas weiß. Und foriscin, che jemand etwas erfährt. Vielleicht hätte man dann Ruhe . . . Ruhe? Rein, niemals. Die Tltern, ihre Tltern im Stiche lassen? Das wäre ein verbrechen an ihr. Rie käme sie dann zur Ruhe. Sie ist verzweifelt und sucht den Ausweg. Sie sitzt traumverloren auf der Bank. Irgendwo ruft der Kuckuck. Sie schrickt zusammen. Sie ist jetzt weit fort. Sie ist nicht allein. Ihre Hand tastet um sich, als sei die neben ihr, die ihr Freundin und Schwester und alles war. Ts ist Rora, als müsse sie sich anschmiegen, als wolle sie sich festhalten, danrit sie nicht allein bleiben muß, allein in dieser ratlosen Cinsamkeit- „Mirjam!" — Aber der Ruf verhallt. Rora ist allein. Mein Schuh und mein Schild. Zum 10. Iahrzeitstage Rabbiner Dr. S. Schiffers am 15. Marcheschwan. 'vrm nno „mein Schutz und mein Schild", dieses Psalmwort hat Rabbiner Dr. Sinai Schiffer zum Titel feiner Responsen bestimmt. Es ist Leitstern seines vorbildlichen und segensreichen Lebens und Wirkens gewesen. In allen Lagen des Geschickes hat er in G'tt seinen Schutz erblickt. Vertrauensvoll und hoffnungsfroh ist immer er geblieben. Schild ist ihm G'tt gewesen, der ihn frei von Schwankungen und Zagnis feine Gemeinde hat leiten lassen. Er ist ein Mann der Liebe und Güte gewesen, der jedem Einzelnen seiner Gemeinde mit Rat und Tat nahe zu sein bestrebt gewesen. Er ist ein Mann des Friedens, aber auch ein Mann der Wahrheit gewesen. Wann immer es nötig geween, für die unverfälschte und ungetrübte Reinheit des G'ttesgebotes einzutreten, ist er in vorderster Reihe gestanden, G'tt ist sein Schild gewesen. In seinen Schriften spiegelt "sich sein Wirken, sein Glauben an G'tt als Schutz und Schild. Er. hat ein Verständnis für die Not seiner Zeit, für die Fragen,' die der Weltkrieg aufgeworfen hat. Er geht bis an die Grenze des Erlaubten, doch er überschreitet sie nie. Er warnt eindringlich vor jeder Reform, vor jeder Lockerung der Gesetzestreue. Mit überzeugenden Beweisen verteidigt er in jüdischen Zeitschriften und Broschüren seine Ueberzeugung gegenüber abweichenden Meinungen. So entsteht seine ausführliche, im klassischen viip geschriebene Abhandlung über lpnn mison und ntosn wo '2'V3- Seine halachischen Referate in der Generalversammlung der Rabbinerkommission der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Iuden- 2er Israelit 2. November 1933! tums über „Dir Ausübung der Mezizoh" und in der Generalversammlung des Verbandes orthodoxer Rabbiner Deutschlands über „Die Feuerbestattung vom Stand- I punkte der Halacha" erscheinen als Sonderdruck. Mit! hervorragender Kenntnis der i=r:n!i7Ki und qrjrinx verbindet er scharfe, logische Deduktion. Eindeutige Entscheidungen beruhen auf Folgerungen, die auf die mm zurückgehen. Klare. übersichtliche Darstellung erleichtert das Verständnis. Diese besonderen Vorzüge, die schon im 1. Teil seiner r>"iv l) hervortreten, finden sich im gleichen Ausmaß im 2. Teil, den seine Schwiegersöhne * » * j j^V.vSV«: Rabbiner Dr. Sinai Schisser zum 10. Jahrzeitstag erscheinen lassen?) Er enthält Probleme des rn»und rnin- Eingehend wird die Zulässigkeit eines vmv geprüft, der fein Kind in der Schule am nsp schreiben läßt. Darf ein Chemiker durch Kochen Butter auf Margarinebeisatz untersuchen/ bei dessen Vorhandensein er doch fr« gekocht hätte? Die heutebesonders aktuelle Frage, ob ein jüdischer Metzger Aktionär in einer Metzgereigenossenschaft fein darf, die auch mit verbotenem Fleisch Handel treibt, wird nach allen Seiten -hin beleuchtet. Ist Leichenwache durch Nichtjuden zulässig? Besonders vorsichtig und sorgfältig werden die Fragen der Eugenik und Geburtenregelung behandelt. Dürfen zwei Brüder oder zwei Schwestern am gleichen Tage Hochzeit haben? Das Majoritätsprinzip in Geldangelegenheiten wird untersucht. So war Rabbiner Dr. Schiffer durch seine Schriften ein Lehrer von Allisrael, und fein o«7 wird beistehen. Die Mitternachlkammer des Ehofez Lhasim. In Radin zeigte man uns im kleinen primitiven Häuschen des Ehofez Chajim ein kleines verschlossenes Gemach, zu dem eine schmale halsbrecherische Stiege von außen hinaufführte. Man sagte uns, zu diesem Zimmer habe kein Mensch Zutritt, es fei die Chazoth-Kammer des Rabbi, in dem er sich nach Mitternacht mit G'tt, dem Herrn der Welt, aussprach, ja „auseinandersetzte." Ein Warschauer Berichterstatter schlich sich einmal hinauf, um den nächtlichen Vorgang im geheimnisvollen Zimmer zu belauschen. Seine Schilderung wirkt geradezu ergreifend. Rach den vorgeschriebenen Chajoth-Gebeten fing der Rabbi eine regelrechte „Aussprache" mit seinem G'tt an. Zunächst ein Lob- und Danklied nach Inhalt und Sprache. Er zählte alle Gnaden und alle Wohltaten auf, die ihm G'tt in seinem langen Leben erwiesen hatte, dankte und dankte. Führte auch die schlimmen Schickungen an, die sich zum Guten wandelten, oder bessernd auf ihn wirkten, und er dankte wiederum. War er so fertig mit seiner eigenen Person, fing er an, von K l a l l I i s r o e l zu reden. Und plötzlich änderte sich der Ton, die Melodie ging vom Jubel in Klage über, und bald verwandelte sich der Bittende in einen Fordernden. Er hielt „Abrechnung". Schuld und Guthaben, Rechnung gegen Rechnung, es mußte Klarheit geschaffen werden. „Was hast Du uns, Herr der Welt, gegeben und was wir dir? Du gabst uns eine Thora, eine verschlossene Thora. Wir mußten sie erst öffnen und uns die dreizehn Schlüssel anfertigen, um sie uns zu erschließen. Ein Chumisch mit. sieben Siegeln, wir muß- H Vgl. „Israelit" Jhrg. 1932, Nr. 26. H Erschienen im Verlag I. Rabinowitz, Karlsruhe ii B., Kriegsstr. 132. Preis pro Band Mk. 2.50, beide Teile zusammen Mk. 4.—. Im gleichen Verlag ist auch das jüngst rezensierte Werk niiaxi r«vn '■»»rin p man -iso Vv'ii»ba"b an nrw> zum Preise von Mk. 6.— erhältlich. ten die Siegel erst brechen. Fünf kleine Bücher hast Du uns gegeben, wir gaben Dir dafür ganze sechs. Ordnungen von Mischnah und Gemoroh, Riesenbände und ein Schrifttum, das ohnegleichen. Und was war unser Lohn? Qual, Drangsal, Peinigung, Verfolgung, Martyrium und Austreibung. Und was taten wir? Ueberall, wohin wir gingen, nahmen wir Deine und unsere Thora mit. Unser Leben, unser Glück, unsere Ehre gaben wir preis, Deine Thora retteten wir hinüber. — — —" Und nun die Forderung: >,Wie lange noch, o Herr der Welt? Soll es erst so weit kommen, daß alle jüdischen Herzen brechen, soll Israel so geschwächt werden, daß es die heilige Thora aus der Hand fallen läßt? Das wäre doch Weltuntergang! . . ." Und nun entringt sich ein Hilferuf aus der alten Brust und trägt sich in die schwarze Nacht durch die weiten litauischen Felder, wie der Ruf aus einem 'sinkenden Schiffe: „Wo seid Ihr,^ Ihr Großen, Gerechten und Heiligen? Warum eilt Ihr nicht herbei. Eure Kinder zu retten? Wo bleibt Ihr? Abraham, Deine Liebe üben wir doch; Mosche, Deine Thora halten wir doch; David, Deine Lieder singen wir doch; Hilel und Schammai, Rowo und Abaje, Eure Lehren lernen wir doch; Rabbi Jossef Caro und Rabbi Mosche Jsserles, Euer Schulchan Arüch ist doch noch der Weg unseres Lebens, warum schweigt Ihr, warum kommt Ihr nicht uns zur Hilfe? . . ." Und so rief er sie alle bei Namen auf, jede Nacht andere Namen, beschwor die Geister. Notschreie drangen aus der abgedunkelten Kammer in die Nacht, daß die Menschen von Radin sich in ihren Betten aufrichteten oder auf die Straße liefen, um in ttefen Schauern den Geulahruf auf sich einwirken zu lassen. „Der Rebbe fleht uns die Geulah herbei." So waren die Nächte des Ehofez Chajim. Und wenn der Tag kam, dann war er so sicher und felsenfest davon überzeugt, daß die Schuld gegen Israel eingelöst wird, daß seine Seele kaum Raum für einen anderen Gedanken und eine andere Empfindung hatte. Man sah den Neunzigjährigen eilig und behende wie einen Jüngling über die schmale Stiege auf und ab laufen. „Man muß sich üben," fache er. „Ich bin Kohen und werde vielleicht bald, vielleicht morgen schon über die Rampe des Altares zu laufen haben . . ." Eine Eeez-Zisroel-Fahrl vor 200 Jahren Unter dem Titel v'w.i firr -wo gibt Rabbi Jakob Halpern, Wien, noch kurz vor seiner Uebersiedlung nach Palästina ein kleines hebräisches Werk heraus über den bekannten Gaon Rabbi Chajim b e n Rabbi Mosche Atar, Verfasser des «mpn mmn nirr- Der Erlös des Werkes, das bei Ser P-alästin«zentrale der Agudas Jisroel Frankfurt a. M. zum Preise von RM. 1.20 zu beziehen ist, ist für Keren H a j i s ch u w, (Aufbaufond der P.C.) bestimmt. Wir entnehmen der bedeutsamen Schrift, die u. a. auch Responsen und Briefe des Rabbi Chajim enthält, die hochinteressante Beschreibung seiner Reise nach Safed und Liberias. All diese Urkunden waren bis jetzt in der Or:g'.::achandfchrift beim Herausgeber, Rabbi Jakob Halpern, aufbewahrt, der in hochherziger Weife die gesamten Kosten der Drucklegung übernommen hat. Die Reisebeschreibung beruht auf Aufzeichnungen eines der vielen Schüler, die ihn nach dem heiligen Lande begleiteten. ' Heute, am Montag, 5. Adar II. im Jahre 5502, fuhren wir aus Akka nach Safed, um die heiligen Stätten von Galiläa aufzusuchen. Wir erreichten ein verödetes Dorf, wo wir übernachteten. Am Dienstag gelangten wir nach einem Marsch von drei Meilen in einen größeren, auf einem Berge gelegenen Orte, der „Kfar Annan" genannt wurde. Am Fuße des Berges fanden wir eine Höhle mit einem gemauerten Eingang. Wir traten ein und sahen unten fünf Nischen, deren jede fünf Gräber enthielt. Man sagte uns, es sei die Grabstätte von Rabbi Chananja, Sohn Akaschjas und feiner Schüler. Auch seine Frau ruhe in dieser Katakombe. Wir verrichteten dort viele warme Gebete für alle Gelehrten und für ganz Israel. Nach einem weiteren Marsche kamen wir schon nach einer viertel Meile in eine Höhle, von der man nicht weiß, ob sie die Grabstätte Rabbi Elieser den Jakobs oder Rabbi Jsmael, des Hohenpriester oder gar eines früheren Propheten enthält. Auf alle Fälle beteten wir auch hier. Man erzählte uns, daß an dieser Stelle einmal ein Nomade einen kostbaren Gegenstand aufbewahrte, und wie ein Anderer kam, um es zu stehlen, erleben mußte, daß seine Hand, die sich gegen das fremde Gut ausstreckte, verdorrte. Bis auf den heutigen Tag pflegten die Leute ihre wertvollen Sachen hier hinzulegen, ohne einen Diebstahl zu befürchten. Mit einem Spieß am Eingang werden die Vorübergehenden davor gewarnt, sich hier an fremdem Gute zu vergreifen. Wir kamen noch an vielen unbekannten Ruinen und alten Gräbern vorbei, bis wir En Hasetim, etwa eine Meile von Safed entfernt, erreichten. Wir labten uns än einer frisch sprudelnden Quelle, die vom Berge herabkommt. Von der nahen Kuppel sagte man uns, daß