Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1933)
- Date
- 1933-11-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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fettilleton. Beilage r .44 im Heimkehr — und was daun? Von Karl Darmstädler.; ' (Schluß.) „Verzeihen Sie mir, we:m ich mir erlaube) Ihre Gedanken in eine ganz andere Richtung zu lenken. Ich verstehe die schweren Gründe, die sie bewegen zu ihrem nunmehrigen Tun. - Ls ist wichtig genug, wenn wir daheim viele Menschen haben, die sich «der großen Ausgabe widmen, Vorderviter und Ausbildner zu sein. — Warum aber rüsten Sie sich nicht zu der großen Fahrt selber? Sie haben die Geliebte, die künftige Gefährtin des Lebens durch den Willen des Unerforschlichen verloren. Gewiß, Ihre Lieben sind alle dort. Diesen wird es freilich nicht einerlei fein, Sie in ein anderes Land ziehen zu lassen. Erst der Krieg. Dann das schwere Erleben, und schließlich das, wozu ich Ihnen rate (darf ich-es überhaupt verantworten?) _ —r. — " „Herr Rabbiner, Sie scheinen über Schwierigkeiten mit leichter Geste hinwegzukommen. Gewiß, im ersten Augenblick, damals nach den Erlebnissen des Krieges, als die erstaunlichen Rachrichtcn vom neuen Werden in diesem Lande zu mir drangen, damals als wir betäubt waren von dem Unerhörten, das Wirklichkeit zu werden schien, war der Gedanke in mir, Pionier und Lodenbereiter in dem Lande zu werden. Was konnte alles Studium bedeuten gegenüber dem Großen, 'das.man da sich erwählen konnte? Aber einmal waren die Bilder, die man sich vorgaukelte, sehr, sehr verschieden von der Wirklichkeit, die opferbereite, verzichtbereite Menschen erforderte. Und dann — wenn man das so könnte, Heimat un6 Sprache, Verbundenheit mit den Menschen, Kultur und Dichtung, Landschaft und Eigenart, alles Dinge und Werte, mit denenman zutiefst verbunden ist, wenn man das alles so mit einer Handbewegung, mit einem Federstrich und einem Abschiedsblick von sich tun könnte. Das ist das Schwere. Wir sind alle in einem Widerstreit der Gefühle. Gehaßt werden wir. Verletzt werden wir. Sehnsucht nach Ruhe und nach dem Richt-mehr-öas-alles-mitanhören-müssen, und dann, wenn die Entscheidung nahen, soll, wird man doch schwankend und zögert. Das Zögern wird von den' einen überwunden. Die andern aber, und ich gehörte und gehöre noch zu ihnen, führt zu nüchternem Besinnen, und zum -— Bleiben." „Rüchteruem Besinnen!" — Mein lieber junger Freunds Ls tut weh, nicht mehr optimistisch sein zu können. Aber ich bin es nicht mehr. Gewiß, ich bin nicht so vermessen, ein Prophet zu sein. Geben wir mit geschlossenen Augen durch unser Vaterland? Uebecall treten sie vor die Menschen hin und stempeln uns zu erniedrigen, minderwertigen Wesen. Mittelalterliche Verleumdungen werden wiederholt. Wenn man sie tausendmal widerlegt, kommen sie zehntausendmal wieder zum Vorschein. Die Saat wird ausgestreut in allen Kreisen. In den Dörfern und in den Städten. Vor den Lauern und vor den Gebildeten. Vor dm Schülern und den Studenten. Die Saat wird schrecklich anfgehen, und die rastlose Tätigkeit aller Verteidiger und Gutgesinnten wird nichts nützen, weil zu allem Verhetztsein noch so viel Verzweiflung und Elend. der Menschen kommt. Die Schlechten bei uns werden hingestellt, als seien sie der Typus des jüdischen Menschen, von unseren Guten will man nichts wissen^ von werten des Iudenums schweigt man, wenn man sie überhaupt kennt. Was meinen Sie, wie das Ergebnis sein mag, wmn dw Saat aufgehen wird?" „Ich bin ttifyt so pessimistisch. Die Wirtschaftslage kann sich ändern. Die Stimmen der Besten im Volke'werden nicht verstummen, wenn wir hintreten und die ewigen Menschenrechte auch für unsere winzigen Gemeinschaften und Individuen beanspruchen. Haben wir nicht bewiesen, daß unser Leben, unser Blut, unsere Glieder demselben Vaterlanöe dienten wie das aller anderen?" — Freilich, Herbert schien nachzustnnen, ich rede, als ob ich noch nie Böses gehört hätte. Ich tue so, als sei das, was Sie sagen, alles zu schwarz gesehen/ vielleicht will ich die Wirklichkeit nicht sehen. G'tt gebe, daß Sie nicht recht haben —." „Cs wird alles noch frühe genug kommen. Schließlich sind wir nicht hier zusammen, um uns die Zeit mit Trübem zu vertreiben. Sie haben gewiß ein Anrecht darauf, daß Sie Schönes, Beruhigendes, Ablenkendes sehep. Bald werden wir am Ziele sein. Heute ist-Montag. Uebermorgen früh, sagt der Kapitän, wird, wenn der Tag graut, die Küste in weiter Ferne sichtbar werden. Man kommt sich so seltsam vor.-Man-hat täglich die Worte von Zijon und Ieruscholajim im Gebet gesprochen. Man hat im Unterricht die Landschaft geschildert (so gut man das vermochte), aber die Wirklichkeit —/wird sie so sein, wie wir es u.ns ausmalten? Wird das Alte oder das Reue, das vom, heiligen Hauch der Jahrhunderte überzogene oder das Ebengewovdene uns stärker in seinen Bann nehmen? Sie haben die schone Karte. Das Meer ist zwar eben alles andere als von dieser Bläue, macht Nichts, es wird auch wieder, blau und strahlend . sein. Vielleicht haben, wir besonderes Glück, und die Morgen sonne liegt, wenn wir uns der Küste nähern, auf dem Karmel und auf den Bergen von Galiläa. Roch eine Weile, und wir fahren durch blühende Kolonien. Wir betreten die alten Gassen der heiligen Stadt und stehen, erschauernd, vor dem Ueberrest der TempelstätteI Fahren.wir nach Rorden, werden uns die schneebedeckten - Höhen der Bergriesen nahe. sein. Wir werden am Flusse stehen und hinüberschaueu ms transjordanische Land . . . Gehen Sie, hier auf deb Karte liegt alles, so nahe beisammen. Cs scheint, als könne man im Flug das Land durchfahren. Und doch wird uns die Fülle des Kommenden überwältigen. Kaum angekommen, kaum die Menschen und ihre Verschiedenheiten — auch jüdische Menschen gleichen. sich nicht, mein Lieber — erkannt, kaum die vielen Ziffern und Zahlen und Probleme in sich ausgenommen, — und schon werden die Tage und Wochen zu Ende fein. So wie wir jetzt den Blick hinrichten aus das Ziel, so wer-, den wir bald sehnsuchtsvoll Hinschauen auf die Ebene, auf die Berge, auf die Küste, die vor unseren Augen entschwindet, aus die Linien des Landes, das immct' ferner wegrückt von uns, im Fernen verdämmert und an: Ende wieder ist, was es jetzt für uns noch ist, eine Sehnsucht, ein ewiger. Traum, eine Brücke zu unserer Vergangenheit und -eine Brücke, wenn G'tt es. will, zu unserer Zukunft. , Rützen wir die Zeit, es ist ein Rüsttag zu einem Feste. Wir wollen alles Drückende hinter uns werfen und bereit sein, wenn das Land seine Tore weit' auftüt. Kommen Sie mit mir hinunter in die Kabine. Wir wollen lernen". * * * Liebe Rora! Die Fahrt wird nicht mehr lange dauern. Bald werden wir das Land betretn. Ich werde unendlich Reues sehen. Heute, habe sich lang und ernst mit dem Rabbiner gesprochen, der mit uns hinüberfährt. Er weiß von nreinem Ergehen, und es ist gut, daß ich jemand habe, mit dem ich sprechen kann. Zuerst habe ich die Einsamkeit gesucht und habe gemeint, nur sie könne hellen. Man kann aber nicht dauernd allein sein. So war ich froh, mit diesem Mann reden zu können, wir stimmen nicht in allen: überein. Aber schon das Gefühl, du bist nicht allein, du kannst sagen, was dich bedrückt, erleichtert dir vieles. Alle Zeiten gehen vorüber, aber nichts wird vergessen. Cs häuft sich und häuft sich im Hintergrund, und eines Tages tritt es wieder jäh an dich heran und erschüttert dich mit unermeßlicher Gewalt. - Jetzt wird wohl bald Frühling sein im Dorf. Ich sehe die Pfirsichbäume, sie sind mit Blüten übergossen. Das wird jetzt alles rosa und weiß sein und eine blendende Helligkeit über das Tal werfen. Lichtgrüne Schleier werden über den waldbäumen hängen. Die Kastanienknospen werden schwellen von Dag zu Tag. Duften die Veilchen schon auf den Wiesen? Ist das Einerlei des Waldbodens schon von weißen Windröschen und von: Immergrün gefleckt? Ls ist doch so gut, daß Du bei ihnen bist, wie könnten sie das Alleinsein ertragen. Ich sehe Dich, am Waldhügel oben auf der Bank sitzen, von der aus man die fernen Berge und Burgen, die kicincn Dörfer und Weiler gerade noch erkennen kann. Du weißt ja, welche Bank ich meine. Die, von der aus der Blick hinübergeht zum Bes- Glom. . . . Abendrot und Sternenhimmel sind über ihrem Grabe. Vogelgezwitscher und Rachtigallenschlag werden bald nicht mehr aushören. Gestern als die Sonne unterging, stand ich allein oben auf dem Deck und schaute das herrliche Wunder, das Spiel der Wellen und das ruhelose, eintönige Rauschen des Meeres. Ich sah sie ja kaum mehr, wer weiß, was sie noch sah in ihrem Fiebertraum. Einmal war mirs, als ob sie lächelte, vielleicht sah sie nur Schönes, che das Letzte kam. Cs fällt mir ein, was sic mir im letzten Kricgsjahr einmal schrieb. Die Stelle habe ihr so gut gefallen, wo der Prophet spricht, es seien so schön aus den Bergen die Loten des Heils, die den Frieden verkünden ... Werde ich Künder des Friedens für mich finden? vielleicht, wenn ich in der heiligen Stadt oder in Hebron, der Väterheimat, weile, finde ich einen der Weisen des Heiligen Landes, der mir ein gutes Wort sagt und mir Ruhe gibt. Cs ist doch immer wieder alles so leer ln mir. Ich raffe mich oft auf und gebe mich der Täuschung hin, alles fei wieder ein wenig leiser, ein wenig friedlicher in mir geworden. Dann beginnt es wieder von neuem. Die Wunde ist noch so offen, wie sie am ersten Tage war. Sie ist noch nicht zugeheilt, geschweige denn vernarbt. Ich will die Tage nützen. Die Menschen und das Land selber werden mir so viel Neues zu sagen haben, daß, so hoffe ich, im Reuen und Immerwieder-neuen das, was war, sehr, sehr langsam zurückzusinken beginnt. Dann will ich wieder heimfahren. Mein Begleiter auf dein Schiffe wollte mir anderes raten. Ich solle umlcrnen, im Lande bleiben, inichclfeu bcinl Aufbauen. Ein verlockender Gedanke. Aber noch kann ich das nicht. Roch bin ich zu sehr, zu stark verbunden und verwachsen mit der Heimat, mit allem, was dort ist und war, mit allen, die dort sind . . , Wer weiß, was einmal fein wird . . . Sie waren ja alle, selbst die, von denen ich. nie mehr ein gutes Wort erwartet hätte, so gut zu uns allen. Man kann das doch nicht vergessen. In alleni Leid wertet man das schlichte und gutgemeinte Wort, den Blick, den Druck der Hand. Wie geht es Dir? Wie verbringst Du, neben der Arbeit und dem Gewohnten, die Tage und Abende? Du bist jung, und ich verstehe, daß die Eltern Dir keine Gesellschaft sind. Wenn ich zurückkomme, und die Zeit erlaubt es, werde ich Dir vieles erzählen können . . Grüße vom Schiff und vom Meer, aus der weiten Unendlichkeit der See ins Heine stille Dorf — an alle ... Dein Herbert. * > * * Cs ist Waldesdunkel ringsum. Rora liest den Brief Herberts. Cs ist ihr so weh zumute, als sei nun alles, was geschehen ist, erst gestern gewesen. Aber je länger sie liest, um so seltsamer wird ihr zumute. Sie weiß nicht, ist es eine furchbare Angst, die sie erfaßt, oder ist es ein unsagbares Staunen, das ste befällt..— „Rein, nein, der Gedanke ist sündhaft! Ich darfs nicht denken!" — Ihr Herz will zerspringen, so hämmert es. Sie preßt die Hände an die Schläfen.