Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1933)
- Date
- 1933-11-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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2. November 1933 D e r. I st a. e l i t Eleafar Mcnachem bestimmtder den-' Rabbi schon zu Lebzeiten -wiederholt vertreten hattebestimmt. Zum Tode von Rabbi Meiir Schapira. Vst» Warschau- 31: Okt. Das Ableben des. Lubliner Raw schlug wie: ein Blitz aus heiterem Himmel in die polnische Judenheit ein. Die jüdischen Zeitungen, vorab das orthodoxe „Jüdische Togblatt", füllen ihre schwarz umrandeten Spalten mit ausführlichen Artikeln über den ungeheuren Verlust für das gesamte Judentum. Auch. die polnischen Zeitungen schildern die markante Persönlichkeit des jüdischen Führers, den man in früheren Jahren auch im Sejm zu sehen und zu hören bekam. Sie erwähnen dabei mit ehrenden Worten auch die Lubliner Lehranstalt,; die bekanntlich große Popularität auch in den polnischen Regierungs- und Adelskreisen genießt. Ueber die Krankheit und die letzten Stunden des Rabbi wird noch folgendes berichtet: Die Halskrankheit überfiel den Rabbi mitten in seiner Tätigkeit am Dienstag, den 24. Oktober, und die Aerzte maßen ihr keine große Bedeutung zu. Als sich am Donnerstag sein Zustand verschlimmerte, waren die Aerzte immer noch der Meinung, daß bei der ungewöhnlich starken Konstitution' des Patienten kein Anlaß zur Sorge vorhanden sei. Da die Heiserkeit zunahm, schrieb er dauernd kleine Zettel, auf denen er Anordnungen für die Jcschiwah gab. Sein letzter Zettel am Donnerstag nachmittag, den er dem Präses der Lubliner Kehillah, Herrn Schlomo Halberst a d t, überreichte, lautete: ins i>*m v' („Ich bin angsterfüllt.") Als die Worte bekannt wurden, trat, große Aufregung in der Gemeinde und in der Jeschiwah ein. Ileberall wurden Psalmen gebetet. Gegen Abend am Donnerstag fing der Rabbi auf einmal wieder mit schwacher Stimme zu sprechen an. Er bat, sein Bett aus dem Schlafzimmer in den größten Hörsaal der Jeschiwah zu tragen. Als das geschehen war, ließ er die Jünger an sein Bett kommen und befahl ihnen, ihm zuzurusen und frohen Mutes zll fein. „Stärker, lebendiger!" hörte man ihn sagen, wie er sonst bei feierlichen und freudigen Anlässen die Schüler zum Singen und Tanzen anzufeuern pflegte. Unmittelbar darauf trat aber die Agonie ein und gegen 3 Uhr nachts hauchte der Rabbi unter mehrhunedtstimmigen Schma-Rufen seine große Seele aus. Die ganze Lubliner Gemeinde belagerte das Haus bis zu den Morgenstunden. Es spielten sich dabei herzzerreißende Szenen ab. Menschen warfen sich auf die! Erde und schrien und weinten laut, wie bei den: Verluste ihres Vaters, oder ihres einzigen Kindes. Die Bestattung fand am Sonntag statt. Aus Warschau, Lodz, Krakau und Lemberg brachten Ertrazüge schon in aller Frühe viele Hunderte nach Lublin. Aus allen Städten der Umgegend rollten die Autos und Autobusse heran. Von den Großgemeinden Polens waren die Rabbinate komplett vertreten. Bald waren die Straßen der alten Stadt so überflutet, daß jeder Verkehr eingestellt werden mußte. Die Straßenlaternen leuchteten auf, ein . gewaltiges Polizeiaufgebot hielt mit Takt und Würde die Ordnung aufrecht , und machte Platz für die Wagen, die die Spitzen der Behörden und der polnischen Gesellschaft an das Jeschiwahhaus heranbrachten. Es gab noch einen kleinen internen . Zwischenfall, als die Schüler erklärten, keinen, auch nicht, die. Mitglieder der Chewro Kadifchoh, zur T a h a r a h' zuzulassen. Sie allein, seine Kinder, die er geliebt und geleitet hat, selcht für diesen letzten Liebesdienst berufen. Die Chewro 'Kadischoh gab nach und die Jünger dursten noch eine Stunde allein niit ihrem Meister sein. Darauf trugen die Jünger die Bahre in den großen Hörsaal der Jeschiwah. Neben den Schülern durften nur die Familienmitglieder und dem Rabbi und der Jeschiwah Nahestehenden an der - erschütternden Feier teilnehmoln., bei der die Schüler, einer nach dem anderen, an das Oraun traten und mit Worten, eingegeben von der Weihe und Trauer des Augenblickes, -von ihrem Rabbi Abschied nahmen. Hier spricht zuerst der Maschgiach der Jeschiwah, Rabbi Schmiele Schelichower, e in paar kurze Worte, dann ergreift, tief erregt, der U ft i 11 e r Rebbc das Wort. Rabbi Menachem S e m b o vom Warschauer Rabbinat spricht unter lautein Schluchzen der Menge im Namen deö Nabbinischen Rates der Agudas Jisroel. Als ein junger Schüler, Jekele Kosower, „der Sänger der Jeschiwah", mit seiner Engelstimme das anstimmte, wuchs das Schluchzen zu einer Woge an, die erst lange nach dem Gebete nur langsam abebbte. Es werden die chassidisch üblichen Hakofoth gemacht,, und nun wird die Bahre "auf den Schultern der älteren Jünger hinausgetragen. Jemand ruft in die Menge: „Der Lubliner Raw verläßt die Jeschiwah, auf immer!..." Neuer Schmerzensausruf. Hier entfaltet sich ein Bild von erschütternder und zugleich erhebender Wirkung, das die Teilnehmer ihr Leben lang begleiten wird. Die Bahre ruht auf den Schultern der Jünglinge, rund herum auf der einen Seite die Rabbinen und Rebbes von ganz Polen, auf der anderen Seite dis Tfidjften Vertreter der Behörden in ihrer Galauniform und die unzähligen Delegationen, und hinter ihnen die. dichten schwarzen Menschenmassen. Oben auf der Galerie steht aber der allen bekaniitö Oberrabbiner Ahro« L e w i u , Nzeszow, und hält eine Gedenkrede, wie man sie tiefer, ergreifender und wirksamer sich gar nicht denken kann. Er spricht von dem Verlust für die Jeschiwah, für Lublin, für das polnische Judentum, aber nicht zuletzt für die Agudas I t s - roel Weltorganisation. Es spricht noch im Namen der Agudas H a r a - banim Rabbiner Kanal aus Warschau und zuletzt einer der jüngsten Schüler, Ahron L e b w o h I. „Heisliger Rabbi", ruft der Jünger im Namen aller Genossen, „wem hast Du uns überlassen? Jeder von uns war doch mit Dir so verbunden als wären es zwei Körper und eine Seele. Wir nehmen letzten Abschied von Dir, aber, ich schwöre 65' in feierlicher Stunde im Namen aller Chawerim, wir verlassen Deine Jeschiwah nicht. Wir bleiben alle da, um Dein großes Werk zu hüten und zu halten. Auch viele frühere Schüler," so teilt der junge Redner mit, sind gekommen, init dem Entschlüsse, dazubleiben und die Kraftquelle, die Du uns erschlossen hast, vor dem Versiegen zu bewahren!.. Zuletzt spricht noch. Herr Präses M a s u r im Namen der Warschauer Kohilla. Er teilt den Beschluß einer heute stattgehabten Beratung mit, die Jeschiwah unter allen 1km stünden zu halten. Es soll zu diesem Zwecke ein Appell an das Judentum der gangen Welt ergehen. Es wurden fünf Statuten angenommen, die alle bei der Bestattung Anwesenden verpflichten, für die Jeschiwah beizusteuern und in ihren Gemeinden zu agitieren. Die Gläubiger werden gebeten, ihre Schuldforderungen au die Jeschiwah zunächst einzustellen. Auf dem. Woge zum Friedhof, wird die Bahre in die uralte M a h a s ch a l - S ch u l gebracht, wo Vertreter von Kehillarat und Rabbinat in Lublin Hespedim halten. Es war bereits Nacht, als man den Friedhof erreicht und hundert Fackeln leuchteten auf bei der letzten Handlung. Dort werden weitere Hespedim gehalten und der letzte Akt besteht im Kaddischgebetc von einigen Schülern (eigener Kindersegen war dem Rabbi versagt). Langsam zerstreute sich die große Gemeinde, gebeugten Hauptes, vaterlos. Noch in der gleichen Nacht wurden Sitzungen abgehalten und Sammlungen vorgenommen, und die große Rettungsaktion für die Lubliner Jeschiwah eingeleitel. Ein Aufruf der Gebaute Hakhauro und des Rabbinischen Rates wird schon ain Montag an die jüdische Oeffentlichkeit ergehen. (Siehe Leitartikel.) . Schweden. Schwedisches Hilfskomitee für Intellektuelle aus Deutschland. Stockholm, 23. Okt. 230 hervorragende schwedische Persönlichkeiten, mit dem Kronprinzen Wilhelm, Prinzen Eugen, Selma Lagerlöf und zahlreichen Ilniversitätsprofesso- >ren und Schriftstellern an der Spitze, haben sich zu einem Komitee für Hilfe an die aus Deutschland ausgewanderten Jutellektuelleu - vereinigt und erlassen einen Aufruf an die schwedische Oeffentlichkeit zu' werktätiger Mitarbeit an dem Hilfswerk für diese Flüchtlinge, denen es im Interesse der europäischen Kultur ermöglicht werden müsse, ihr Lsbsnswerk fortzusetzeir. ZI. T. A.) England. Oie Jüdische wellhilfskonferenz in London. London, 30. Okt. Die von den großen jüdischen Organisationen einberufene Jüdische Welt Hilfskonferenz, die sich mit der Frage der konstruktiven Hilfeleistung für die deutschen Juden beschäftigen soll, wurde am Sonntag, Nr. 44 Seite 7 Für Körper und Füsse nur DIAI9N-Puder den 29. Oktober, im Jewish Center im Woburn,House in London eröffnst. Den Vorsitz führt der Präsident des Jewish Board of Deputies, Herr L a s k i. Vertreten sind bei der Eröffnung dreigliedrige Delegationen aller großen jüdischen Organisationen und Gemeindeverbände, sowie eine Reihe von Experten für Fragen der sozialen Hilfe, Wanderung und Siedlung. Englische Zeitungen begrüßen die Konferenz als die repräsentativste jüdische Tagung, die jemals abgehalten wurde. Neville L a s k i unterstrich in seiner Eröffnungsrede noch einmal, daß die Konferenz ausschließlich Aufgaben konstruktiver Hilfe gewidmet sei und keine politischen oder sonstigen Absichten im Auge habe. Er macht Mitteilung über das bisherige Ergebnis der Sammlungen Uttd gibt bekannt, daß man sich zum Ziele gesetzt habe, einen Zw e i m i l l i o n e n f o n d s zu schaffen. Das Hilfswerk soll sich auf Unterstützung der Ausgewanderten, aber auch auf die jüdischen Gemeinden in Deutschland, erstrecken. Als Ziel der Aktion gelte die Aufbringung einer Summe von zwei Millionen Pfund. Es herrscht Einstimmigkeit darüber, daß Palästina einen' wesentlichen Teil der konstruktiven Hilfe für die deutschen Juden übernehmen muß. Weitere Ansprachen halten der Vertreter der Alliance Jsraelite Universelle, Prof. Silvan Lewy, der Delegierte des American Jewish Committee, Kraus und der Obmann des englischen Hilfskomitees, Avigdor Goldsmid. Zuletzt ergriff Dr. Chajim Weizmann das Wort zu den neuesten Vorgängen in Palästina, die gar keine Rechtfertigung in der Wirklichkeit des palästinensischen Lebens hätten. Die von England zugelassene jüdische Immigration entspreche bei weitem dem Bedarf auf dem Arbeitsmarkt nicht und habe dem Lande, vorweg den Arabern, nur Nutzen gebracht. Am besten gehe es den Arabern in den Bezirken, in denen sich jüdische Kolonien befinden. Die Verständigung müsse kommen, damit ein gemeinsames Land durch gemeinsame Arbeit aufgebaut werde. Nach der Eröffnungssitzung wurde eine Reihe von Komitees eingesetzt, die sich sofort an die Arbeit begaben. London, 31. Okt. In einer Sitzung, die das Büro der Jüdischen Welthilfskonserenz gemeinsam mit der P a l ä st i u a k o m - Mission abgehalten hat, wurde beschlossen, die Hälfte der aufzubringenden z w e n Millionen Pfund für die Siedlungsaktion in Palästina zu verwenden. Die I. E. A. ist bereit, zu dieser Summe 200.000 Pfund beizusteuern. Man will dabei einen Jnterefsenkonflikt mit dem Nationalfond vermeiden. Harry Sacher mies in einem Referate darauf hin, daß im abgelaufenen' Jahre 35 000 Juden in Palästina angesiedelt wurden und daß dieses Jahr: die Aufnahmefähigkeit des Landes noch viel stärker sei: Auf dem Wege der Verhandlung müssen Zertifikate für deutsche Juden außerhalb der allgemeinen Einwanderungsquote erstrebt werden. Von den weiteren Kommissionen, die in Permanenz tagen, seien genannt solche für W i e d e r a u f b a u i n Deutschland, H i l f s a r b e i t außerhalb Deutschlands, Auswanderung nach außerpul ä ft in e n f i s ch en Ländern, Finanzkom- Mission und Hilfsaktion für Akademiker. Es kam auch die Frage der Beziehungen zu dein vom Völkerbunde eingesetzten Flü ch tl i n g s ko m m i s sa r zur Sprache. Das Völkerbundssekretariat erklärte sich bereit, drei jüdische Vertreter, und zwar neben Dr. W e i zm a n n noch je einen Vertreter des Joint Distribution Committee und der Alliance Jsraelite Universelle ln den Verwaltungsrat zu berufen. Dieser Vorschlag hat bis jetzt die Zustimmung aller Organisationen noch nicht gefunden, da von vielen eine Erhöhung der Zahl der jüdischen Vertreter auf echs gewünscht wird. Es verlautet, daß Macdonalü 'ür diese Erhöhung nicht zu haben sein wird. Es wurde weiter auf der Konferenz berichtet, daß