Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1933)
- Date
- 1933-11-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 44 Seite 3 Der Israelit Teil der deutsch e tt Rot, der Weltnot insgesamt, so müßte uns auch unser Recht ans d c m gleichen Rechte aller Völker erblühen. * 2lus all diesen Gründen können wir die deutschen Forderungen im Aufruf und auf dem Stimmzettel Punkt für punkt u n d w o r t für Wort gntheißen und auch mit unseren schwachen Kräften dazu beitragen, daß diese Forderungen am! 2. November ein kräftiges Echo in der Welt finden. Man zählt die Toten. Eine eigentümliche Diskussion ist zwischen dem Amtlichen Preußischen Pressedienst und dein R e i ch s b u n d e jüdischer Frontsoldaten im Gange. Letzterer batte in seinem Gefallenenbuch die Zahl der im Felde gefallenen Juden mit etwa 12 000 angegeben und 10154 namhaft aufgcsührt. Der Amtliche Preußische Pressedienst errechnet eine jüdische Totenzahl von nur 7000. Die Differenz erklärt sich vielleicht durch die Ungewißheit, ob man bei solchen Berechnungen die r a s s e n m ä ß i g e oder religiöse Zugehörigkeit zur Grundlage nimmt. Aus alle Fälle steht der R. j. F. zu seiner Liste und erklärt sich zu jeder Rachprüfung bereit. Seine in den Gemeinden angestellten Erhebungen wurden in jcdent einzelnen Falle von den amtlichen Stellen bestätigt. Aber was soll dieses ganze Feilschen um die paar Tausend Toten? Die Juden haben ihre Pflicht im Kriege wie im Frieden getan. Das ist mit siebentausend Toten genau so bewiesen wie mit zehn- oder zwölftausend. Keiner hat an der Front den Tod gewünscht, aber jeder, ob Ehrist oder Jude, hat sich für die Ehre des Vaterlandes mutig dem Tode ausgesetzt, und die Kugel, die geflogen kam, hatte gewiß nicht erst nach Rasse und Religion ihres (Opfers gefragt. Es könnte daher auch nichts besonderes für uns bedeuten, wenn der Prozentsatz unserer Gefallenen ein größerer wäre als zu erwarten stand, aber es würde auch nicht im geringsten gegen uns besagen, wenn dieser Prozentsatz zufällig etwas kleiner ausfallen sollte. Die bald zwei Millionen Deutsche aller Stände und aller Konfessionen, die die Erde auf den Schlachtfeldern deckt» sind stumme Zeugen für den ehrenvollen und heldenhaften Kampf, den das deutsche Volk für sein Land und sein Leben geführt hat und begründen seinen Rechtsanspruch in der Welt auf Achtung und gleiches Recht im Chore der Völker. Ebenso zeugen die nach Tausenden zählenden jüdischen Rainen unter jener grausigen Totenzahl, daß Deutschlands Juden auf Wohl und Wehe mit der deutschen Erde verbunden sind. Was darüber hinaus mit krämerhasten DIE PAROLE FÜR SIE: GELLHORM STEINWEG 9 Strümpfe. Handschuhe, Tricotagen, Modewaren Strickmoden, Blusen. Kurzwaren stets preiswert Additionen und Abstrabierungcn nachgcwiesen werden soll, ist reichlich kleinlich und vom Uebel. Jüdische Wanüerungs Siedlungsziele. nnd Aus einem Vortrag, den der Geschäftsführer des Hilfsveceins der deutschen Juden, Herr Dr. Wischnitzer, vor kurzem in Frankfurt gehalten hat, möchten .wir einige allgemein interessierende Mitteilungen über die Möglichkeiten der Auswanderung nach fremden Länder n und der dauernden Ansiedlung in diesen wiedergcben. Die West! ä n - d e r kommen für die Auswanderung, wie allgemein bekannt, gar nicht in Betracht. Eine gewisse Möglichkeit bietet Südosteuropa insbesondere I v,g o - s 1 a v i e n. Es gibt dort größere jüdische Gemeinden, in denen inan zur Mithilfe bereit ist, und landwirtschaftliche und industrielle Möglichkeiten sind vorhanden. Beabsichtigt ist dort insbesondere, Ausbildungsstätten für Landwirtschaft und Handwerk für junge Leute aus Deutschland einzurichten. 'In der Türkei könnten eine größere Zahl jüdischer Familien, allerdings nur solche, die über Kapitalien verfügen und die Möglichkeit zur Gründung von Industriezweigen haben, Unterkunft finden. Auf dem amerikanischen Kontinent scheiden die vereinigten Staaten bis jetzt leider vollkommen als Wandernngsziel aus. Dagegen sind in Brasilien und E h i l e Unterkunftsmöglichkeiten für Kaufleute und Industrielle, insbesondere aber in landwirtschaftlicher Hinsicht auch bei geringerem vermögen vorhanden. In Südafrika bestehen gewisse Einwandernngsschwierigkeiten, doch ist das Land von der Weltwirtschaftskrise wenig berührt, wenn auch die Aussichten in wirtschaftlicher Hinsicht nicht gerade glänzend sind. In Australien müßten Möglichkeiten für die Ansiedlung bestehen, doch sind diese noch nicht genügend geprüft, um positive Angaben machen zu können. Es wird die Aufgabe der mit den Auswanderungsfragen speziell befaßten jüdischen (Organisationen sein, durch Hinzuzieb''-- von Sachverständigen aus allen Berufen die AasränF: der auslädnifchen Hilfskomitees —! mtrollicren und zu ergänzen und darauf eine fr*Wirtfchaftsberatung aufzubauen. Selbstvc»stän'?.ich müssen auch 2. November 1933 splittern. Heute, da es um eine klare Frage geht und eine Einheitsliste, auf und für die es nur ein Ja oder ein Rein gibt, werden auch die jüdischen Stimmen dazu beitragen, den hinter der Regierung stehenden Willen des gesamten deutschen Volkes zur Freiheit und Gleichberechtigung in der Welt den Völkern der Erde in wirksamster Weise ad oculos zu führen. Für diejenigen, die es noch nicht genau wissen, sei sestgestellt, daß ein Ja auf dem Stimmzettel lediglich ein Bekenntnis zu den im Aufruf der Regierung festgelegten Grundlinien für die A u ß e npolit.ik bedeutet. Wir werden gefragt, ob wir diese Politik der Reichsregierung als „den Ausdruck unserer eigenen Auffassung und unseres eigenen Willens zu erklären und uns feierlich zu ihr zu bekennen bereit sind." Das können wir mit bestem Gewissen und aus tiefster Ueberzeugung. Denn nach jenem gleichen Aufruf vom 14. (Oktober soll es eine „Politik des Friedens, der Versöhnung und der Verständigung" sein, die „die Gewalt als untaugliches Mittel ab lehnt." In jenem Aufruf wird von der Idee einer europäischen S t a a t s g e m e i n s ch a f t gesprochen, von der gemeinsamen wirtschaftlichen Wohlf a h r t und einem allgemeinen kulturellen Neuaufbau. Wer könnte wie wir Juden, die wir seit 2000 Jahren die große Perspektive Jesajas vom „Zerbrechen der Schwerter und dem Zusammenwohnen des Wolfes mit dem Lamme" zur Hoffnung unseres Lebens und zum letzten Ziele der Weltkultur gemacht haben, wer könnte mit gleicher Begeisterung wie. wir dem Gedanken einer „ r a b i f a *, len allfeitigen Abrüstung", einer „Sicherstellung des europäischen Friedens auf längste Sicht" zustimmen! wir Mnfchen und fordern die Wiederherstellung der Ehre Deutschlands zunächst als deutsche Staatsbürger, die wir trotz allem und allem doch sind und bleiben, aber nicht zuletzt auch als Juden, die wissen, daß alles Uebel, unter dem wir heute am schwersten zu leiden haben, doch in Wirklichkeit seine Wurzel in jenem Frieden bat, der kein Frieden war, sondern eine Verewigung des Hasses und der Eifersucht unter den Völkern. Die daraus für die geschlagenen Völker entstandenen politischen und wirtschaftlichen Röte waren es, die das Volk verbitterten, es nach Sündenböcken ausschauen ließen. War die Schuldfrage einmal in der Welt falsch gestellt und falsch beantwortet, so wirkte sich dieses Unrecht auch weiter innerhalb der Länder in dem Sinne aus, daß inan dort die Schuld an allem, am Kriege, an Inflation und Deflation, an der Rot der Massen, auf einen bestimmten Bevölkerungsteil abwälzte, der unter all diesen Röten nicht minder, vielleicht noch am ineisten zu leiden hatte. Ist aber so unsere jüdische Rot in Deutschland ein ben, das Größte'und Heiligste, für das zu leiden und zu dulden uns krönt und adelt. In diesem Bewußtsein tragen wir mit edler Würde und bleiben wir würdige Träger einer großen Vergangenheit und Hüter einer verheißungsvollen Zukunft. Kleines Feuilleton. Wasser in Jerusalem. In der „Vossischen Zeitung" vom 25. Oktober lesen wir in einer Artikelserie unter dem Titel „Ein Land wird modernisiert": Die Wahrheit ist, daß Jerusalem natürlich Wasser hat — sonst würden hier wohl nicht über neunzigtausend Menschen leben — nur reicht es nicht dazu aus, daß man es nach Belieben verschwenden kann, wie in Berlin. Daher wird es rationiert. Jede Wohnung hat auf dem Dach ein oder zwei Tanks, die von der städtischen Wasserleitung je nach dem Wasservorrat ein-, zwei- oder dreimal die Woche gefüllt werden. Damit muß man durchkommen, und man kann sich mit einiger Anstrengung auch dementsprechend einrichten. Aber viele Häuser, vor allem die alten, in denen einstweilen noch der größere Teil der Bevölkerung wohnt, haben außerdem noch , zur Ergänzung eigene unterirdische Z i st e r n e n, in denen das Regenwasser des letzten Winters augespeichert ist. Dort haben die Bewohner mehr Wasser, als sie brauchen, und die Wirte verkaufen manchmal den Ueberschuß an Bauunternehmer oder andere Leute, denen die von der Stadt bewilligte Ration nicht genügt. Man kann sich im Sommer zwar im allgemeinen kein warmes Bad leisten, sondern muß sich damit begnügen, daß man sich unter der Dusche gründlich abseist, aber es gibt auch nur wenige Leute, die grade im Sommer nach einem warmen Bad Verlangen haben. Und wer seinen Garten begießen will, muß dazu sein Abwaschwasser nehmen, was den Pflanzen aber allem Anschein nach gut bekommt. Im Winter und der Hälfte des Frühlings besteht die Wasserfrage überhaupt nicht. Dann kann man so viel verbrauchen, wie man will. Die merkwürdigen Vorstellungen von der Jerusalemer Wassernot hatten die ernste Wirkung, daß sie die Einwanderer abschreckten. Daher konzentrierte sich alles in der K ü si e n g e g e n d, praktisch also in Tel-Awiw und Haifa, und verursachte dort die Wohnungsnot und die übertriebene Grundstücksspekulation. Jetzt, nachdem die Hitze und die Befürchtungen vor den Folgen des Spekulationsfiebers die erste nennenswerte Zahl von Einwanderern aus Deutschland nach Jerusalem abgedrängt hat, und sie zu ihrem Erstaunen sehen, daß man in der Heiligen Stadt keineswegs verdurstet, ist der Bann gebrochen, und aus dem großen Staubecken Tel- Awiw hat nun sin kontinuierlicher Abfluß nach Jerusalem begonnen. Er wird wahrscheinlich in naher Zukunst beträchtlich wachsen und die Stadt in den wirtschaftlichen Aufschwung des Küstengebiets einschalten. Denn in den letzten Wochen ist in der Wasserfrage eine entscheidende Wendung erfolgt, die allen Sensationsgeschichten die Grundlage wegnimmt: Die Regierung hat endlich die Durchführung des viele Jahve alten Projekts beschlossen, von Ras-el-Ain am biblischen Jarkonfluß eine etwa fünfundsechzig Kilometer lange Leitung nach Jerusalem zu legen, die der Stadt soviel Wasser geben kann, wie sie aus alle absehbare Zeit braucht, selbst wenn der Konsum pro Kopf das übliche europäische Maß erreicht und die bisher bestehenden Leitungen und Zisternen r.'cht mehr benutzt werden. Die Bestellungen für die Röhren und die Pumpen der Leitung sind bereits vergeben, die Strecke ist vermessen jSÄan kann also damit rechnen, Miß es mit dem Ratio- > nierungssystem bald vorbei sein *wird. Dann wird zweifellos der eigentliche Ausschwung' Jerusalems einsetzen, der jetzt von der Einwanderung vorbereitet wird. (Ausgrabung einer biblischen Siedlung bei Haifa.) Das Departement für historische Altertümer bei der Palästina-Regierung hat auf dem Gebiet zwischen dem Kischon-Fluß und dem Berg Karmel Ausgrabungen durchführen lassen, die soeben zum Abschluß gekommen sind. Ein Bericht über die Ergebnisse der Ausgrabung dürfte in nächster Zeit veröffentlicht werden. Es handelt sich um die Stätte der schon im Buch Josua erwähnten Siedlung Mischeal, die zum Gebiet des Stammes Ascher gehörte. Im Buch Josua wird gesagt, daß die Stadt bis an den Westabhang des Karmelberges reichte. 1500 Jahre vor Beginn der bürgerlichen Zeitrechnung war Mischeal (Tel Abu Hawaii) ein blühendes Kulturzentrum. Zu Beginn des Zeitalters der Könige wurde die Stadt zerstört und blieb bis zur Periode des zweiten Tempels unbewohnt. Von da an stand sie bis in die römische und byzantinische Aera hinein wieder in Blüte. Verantwortlich für den allaemeineu Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. SB.: S. Schachtt o w t tz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer Ü. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Ostenbach). — Verlag oes Israelit und Sermon G. m. b. H., Frankfurt a. 901. — Druck Sermon Druckerei, Frankfurt a. M.;