Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1933-10-26 · Heft 43 (26.10.1933) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 43 (26.10.1933)
Date
1933-10-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2450756-2450797--79953-2537769
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

26. Oktober 1933 Der Israelit Nr. 43 Seite 5 Millionen Menschen gegenüber. Die Verwirklichung der Gesetze des Judentums würde solche Extreme» die die einen sozusagen Halbgötter und die anderen um ein Minimum von Lebensnottrendigkeit und damit auch von Lebensglück betrogene Sklaven sein läßt» Nie entstehen lassen. Line wunderbar abgewogene soziale Gesetzgebung hemmt hier die übermäßige Entwicklung von Besitz» hemmt aber auch Verelendung. Das jüdische Sozialgesetz ergänztden Menschen als Einzelwesen mit besonderen Fähigkeiten und wünschen und als Glied eines kleinen oder größeren Kreises innerhalb der menschlichen'Gesellschaft. Diese Harmonie zwischen dem Menschen und der Gesellschaft soll beide würdig der G'ttebenbilölichkeit sich entwickeln lassen» ein idealer Instand» der sich nur dann erhalten kann, wenn der Besitz als Leihgabe des Vaters der Menschheit zur Verwendung nach Seinem willen begriffen wird» also nur Mittel zu diesem höchsten Zweck» nie aber Zweck an und für sich bedeutet. Dann aber werden die ethischen Fahrnisse des Geldes in Segen umgewandelt» da dem Menschen dann nur die ethische Handlungsweise den wahren wert des Geldes bestimmt. Gesichtspunkte, wie im Vorhergehenden kurz skizziert» lassen die Herzen der Zuhörer höher schlagen und wecken in ihnen das verlangen» die ganze Fülle der Verordnungen des Judentums kennen zu lernen. Das ist'heute der weg zurück zur Lobcnspraxis des Judentums und zuletzt auch zu seiner Mischnah und Gemara. wer diesen weg zur Belehrung der Schwankenden und der Nichtwissenden beschreitet» der hat das Selnige für die Bitte zu G'tt getan: .»»Erneuere unsere Tage wie ehedem!" Korrespondenzen * ßacfericMen. Deutsche» Reich. Der Prozeß gegen Dr. Martin Marx. F r a n k f u r t a. M., 21. Okt. Nach neuntägiger Verhandlung hat die Große Strafkammer in Frankfurt, a. M. in dem Prozeß gegen den Kriminalrat Friedrich Mührdel und den Syndikus der Frankfurter Landesstelle des Centrakvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Dr. Martin M a r x das Urteil gefällt. Beide Angeklagte wurden zu je sieben Monaten Gefängnis verurteilt, wobei ihnen fünf Monate Untersuchungshaft angerechnet werden. Bei Dr. Marr erfolgte die Verurteilung „wegen fortgesetzter Hehlerei"», die das Gericht darin erblickte» daß Dr. Marr von Kriminalrat Mührdel auf amtlichem Briefpapier, also staatlichem Eigentum, niedergeschriebone Informationen entgegennahm und diese zu Unrecht von Mührdel benutzten Briefbogen aufbewahrte, sowie wegen Amtsanmaßung in einem Fall. Wesentlich ist, daß das Gericht beide Beschuldigten von der schwersten Anklage, der der 23 es stechung, freisprach und ausdrücklich feststeUte, daß den Angeklagten ehrloses Verhalten nicht zur La st gelegt werden könne. Der Verlaus des Prozesses hat gezeigt, daß die zu Prozeßbeginn in einer Reihe von Presseorganen gegen den ehemaligen C.-V.-Syndikus und darüber hinaus gegen den Centralverem selbst erhobenen und in leidenschaftlichster Form vorgebrachten schweren Beschuldigungen keineswegs gerechtfertigt waren. Ein Verschulden des Centralveieins, der, wie aus den gerichtlichen Erhebungen und der Bekundung des als Zeuge vernommenen Syndikus Dr. 'Alfred Hirsch berg hervorging, seine Vereinszieke satzungsgemäß nur mit. erlaubten gesetzlichen Mitteln anstrebt, wurde vom Gericht in keinem Stadium des Prozesses angenommen. Auch der Handlungsweise von Dr. Marr wurden ehrlose Motive nicht zu Grunde gelegt, sodaß wohl von einer persönlichen Rehabilitierung des Dr. Marr durch den Ausgang des Prozesses gesprochen werden kann. Als Dr. Marr in der Schlußverhandlüng zum letzten Male das Wort erteilt wurde, erklärte er u. a. dieser Prozeß habe eine Kluft zwischen zwei Usern ausgvtan. Er hoffe, daß das Gericht im Urteil die Brückesinden werde. Dr. Marr bestritt, daß er in seiner Tätigkeit jede nationale Regung bekämpft habe. Er habe schon Die Woche. Frankfurt. Der Oberbürgermeister von Frankfurt hat entschieden, daß bei der FI e i s chbeliessrung her Frankfurter Stäütischen Krankenhäuser und sonstigen städtischen Anstalten durch die Frankfurter Metzgerinnung auch Juden, sofern sie Frontkämpfer waren oder ein Familienmitglied im Kriege verloren haben, herangezogen werden. Berlin. In den Gemeindeoolksschulen wurden sieben P,ar a lle l k l ass e n neu eröffnet. Bei der Eröffnungsfeier sagte Direktor Heinrich Stahl, das Schulziel fei Erziehung zu guten Juden und zu guten Deutschen. — Aus eine Eingabe der jüdischen Optiker hat der Reichskommissar die bei Belieferung für S ch u l h i l f e und Kranke nkaffen ausgesprochene Sperre gegen jüdische Dptiterf'irmen wieder aufgehoben. Wlan darf hoffen, daß die jüdischen Optiker bald auch bei IQeliefemng der freien Erfatzkrankenkassen wie der Wohls ah rtsempsäng e r wieder zugelassen werden'. — Nach dem Mitteilungsblatt des Vereines Deutscher Ingenieure und des D -eutschen Verbandes technisch wissenschaftlicher Vereine wurde sowohl in der E i s enacher Hauptversammlung wie auf der Münchener Bundestagung die Ausnahme des Ar i e r p ar a g r a p h e n beschlossen und damit die Löschung der bisherigen jüdischen Mitglieder verfügt. Hamburg. Am Eingang der Offertenabteilung des Warenhauses Karstadt in Hamburg-Barmbeck war ein Schild angebracht worden mit. der Aufschrift: „Besuch nichtarischer Vertreter unerwünscht." Die betroffenen Firmen wandten sich, an die Zentraldirektion des Hauses Karstadt nach Berlin mit dem Hinweis, daß die Ausschaltung jüdischer Firmen gegen die Richtlinien des Reichswirtschaftsminifters verstößt. Die Zentraldirsktion veranlaßte die Entfernung jenes Schildes. — In Hamburg trat der Vorsitzende der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Alfred Levy von seinem Amte zurück, das er seit 1901 bekleidete. Er begründet seinen Schritt damit, daß er sich den heute an den Bdrsitzenden der großen Hamburger Gemeinde herantretenden Forderungen nicht mehr gewachsen fühle. Zimmern (Hunsrück). Der hiesige Religionslehrer U n i k o w e r bat um Befreiung seines Sohnes vom Unterricht in Rassenkunde mit der Begründung, daß sein Sohn der jüdischen Rasse angehöre. Diesem Ersuchen ist von der Schulleitung ohne Zögern stattgegeben worden. München. In einer gemeinsamen Beratung des G e m e i n d e v o r st a nd e s mit dem Schn lausschuß über Fragen der jüdischen Volksschule wurde die Sicherstellung der Schulversorgung der jüdischen Jugend in München einem engeren Ausschuß übertragen. Paris. Entgegen einer Meldung des Londoner „Jewish Ehroriicle" wird von offizieller Seite mitgeteilt, daß das Pariser Central-Hilsskomitee für jüdische Auswanderer aus Deutschland seine Tätigkeit noch weiter fortgesetzt. Eine Schließung des Büros fei nicht beabsichtigt. Warschau. ,Jn Kreisen des zionistischen Zentralkomitees erwartet man, daß der Parteirat den früheren Abgeordneten Advokat A. M. Hartglaß mit der Uebernahme des von Grünbaum nach seiner Wahl in die Exekutive niodergelegten Sejm-Mandats betrauen wird. — Die polnische Regierung hat eine amtliche Untersuchung über die Zahl der in letzter Zeit ans Deutschland nach Polen eingewanderten Juden eingeleitet. Die Ergebnisse der Untersuchung sollen der unter den Auspizien des Völkerbundes vor kurzem geschaffenen Kommission für Flüchtlingsfragen zugestellt werden. Brüssel. In Brüssel verstarb im Alter von 42 Jahren der bekannte jüdische Philantrop Baron Henri de Lambert. Baron de Lambert, der für jüdische und allgemeine Wohlfahrtszwecke bedeutende Stiftungen gemacht hat, betätigte sich intensiv im jüdischen öffentlichen Leben. Jahre hindurch stand er als Vizepräsident mit an der Spitze des Konsistoriums der belgischen Juden. Jerusalem. Dr. Jaroslawski, ein deutsch-jüdischer Llrzt, errichtet auf dem Berge Kanaan bei Safed ein Sanatorium. Die klimatischen Verhältnisse auf dem Berge sind ideal. Das Grundstück wurde dem Arzt von den Kolonisten von Rosch Pina zu diesem Zwecke überlassen. — Im Monat August sind 2513, davon nur 71 Nichtjuden, nach Palästina gekommen. Ein Eigenkapital von mindestens 1000 Pfund besaßen 213. 122 Personen wurde die Einreise verweigert. Im vorhergehenden Monat waren 2807,' davon nur 100 Nichtjuden, ins Land gekommen. vor drei Jahren in Jngendversammtungen gegen den Kommunismus angekämpft. Der Centralverein hatte die Rabbiner gebeten, gegen die antireligiöse kommunistische Propaganda anzugehen. — „Unsere Tragik ist," so schloß Dr. Marr, „daß heute jedem Angehörigen einer anderen Partei die Aufnahme in die nationale Front offen bleibt. Wir deutschen Juden allein sind ausgeschlossen. Daß wir Deutschland trotzdem im Herzen tragen, werden wir bei dem bevorstehenden Volksentscheid für die Ehre und Freiheit Deutschlands mit unserer Stimmabgabe erneut bestätigen." Rach Aufhebung des Haftbefehls wurde.Dr. Marr in Schutzhaft genommen. Zur Verwendung von Trockenma^ermilch in Bäckerewetneben. Frankfurt a. M., 24. Okt Am 16. November soll in ganz Deutschland eine neue Verordnung in Kraft treten, die bestimmt» daß jede Bäckerei bei der Herstellung von Weizenbrot Kartoffelstärkemehl beizufügen hat, dessen. Menge 4 Prozent des von ihr insgesamt benutzten Weizenmehls entsprechen muß. Dieses Kartoffelstärkemehl muß eine Beimischung von io Prozent Trockenmagermilch enthalten. Die Vorschrift besagt also nicht, daß alles Weizengebück die Mischung enthalten muß, sondern daß insgesamt das Quantuln des in jeder Bäckerei zur Verwendung gelangenden Kartoffelstärkemehls nicht unter 4 Prozent dos verwendeten Weizenmehls zurückbleibt. Wenn allein Weizengebäck, das in einer Bäckerei hergestellt wird, das Kartoffelstärkemehl beigemischt wird, dann enthält das Gebäck 0,4 Prozent Trockenmagermilch. Es ist ersichtlich, daß durch diese Bestimmungen für den gesetzestreuen Juden religionsgesetzliche Schwierigkeiten entstehen können. Ileber das Maß dieser Schwierigkeiten und über die Möglichkeiten zu ihrer Behebung schweben zur Zeit Erwägungen und Untersuchungen der beiden gesetzestreuen Rabbinerverbände. Eine endgültige Mitteilung über die getrofsenen rabbinischen Entscheidungen und Maßnahmen kann erst dann erfolgen, wenn sich ein Ucbcrblick über die 2lussührung der Verordnung, insbesondere über die 2luswahl der Kartofselstärtemehlfnbriken und der Trockenmagermilchfabriken gewinnen läßt. Wir werden unseren Leserkreis, aus dessen Mitte uns bereits zahlreiche- Anfragen in dieser Angelegenheit zugegangen sind, rechtzeitig informieren. Neue jüdische Schulen in Deutschland. Berlin, 23. Ott. Aus dem Bericht des Erziehungsausschusses der Neichsvertretung über die bisherigen Arbeiten ergab sich, daß der Erziehuugsausschuß an etwa 50 größere jüdische Gemeinden Deutschlands, in denen bisher keine jüdischen Cchulcinrichtungen bestanden haben, wegen Gründung jüdischer Volksschulen und an etwa 40 Gemeinden, die bereits jüdische Volksschulen haben, wegen des Ausbaues dieser Schulen und der Ausgestaltung des Unterrichts in der den besonderen Bedürfnissen der jüdischen Jugend entsprechenden Weise herangetreten ist. Eine große Zahl dieser Gemeinden hat bereits in grundsätzlich zustimm'endcm Sinne geantwortet. Der Ausschuß wird die Verhandlungen der einzelnen Gemeinden mit größtem Nachdruck weiterführen, insbesondere wird bereits für die nächste Zeit eine Anzahl von Vorträgen und Vcrsannnlungen in den einzelnen Gemeinden geplant, in denen die Eltcmschast aus die Notwendigkeit der Schaffung jüdischer Schulen hingewicsen und in denen die den jeweiligen lokalen Verhältnissen entsprechende Form für die Neugründung beraten werden soll. Schon aus Grund der bisherigen Verhandlungen dürfte die Schaffung von 8 bis 10 neuen jüdischen Volksschulen zu erwarten sein. Dabei soll die Gründung vvu Zwergschulen aus pädagogischen und finanziellen Gründen vermieden werden. Vielmehr soll eine Anzahl von Schulen zu Vezirtsschulen für größere Landesgebiete ausgestaltet werden. Die hierbei sich ergebenden Fragen der geeigneten Unterbringung auswärtiger Schulkinder wird der Frauenbund in Verbindung mit den zum Teil bestehenden jüdischen Jugcnderziehnngseinrichtilngei! behandeln. D e r A u s s ch u ß empfahl grundsätzlich die Schaffung von Einheitsschulen für alle 2k i ch t u u g e u , wobei entsprechend den lokalen Verhältnissen gegebenenfalls eine Teilung des R e l i g i o n s u n t e r r i ch t c s ein-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.