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Der Israelit · 1933-10-26 · Heft 43 (26.10.1933) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 43 (26.10.1933)
Date
1933-10-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 43 26. Oktober 1933- Der Israelit fechsHeimen betreut. (Es liegen aber 5000 Vormoldungen da, die noch nicht berücksichtigt Werden können! In dringenden Fällen werden die Antragsteller in möblierten Zimmern in der Nähe der Heime oder der Lüchen untergobracht und dort verpflegt. Für alte Leute unter siebzig Jahren besteht heute fast keine Aufnahmemöglichkeit in den Altersheimen, well man zuerst die noch älteren berücksichtigen must. 86 Jahre beträgt bas Durchschnittsalter der Heimbewohner. Das Problem der Altersversorgung liegt besonders schwierig infolge der Ueberalterung der jüdischen Gemeinde. Fast ein Drittel der Berliner Juden ist über fünfzig Jahre alt. Unverhältnismäßig wenige erwerbsfähige Menschen müssen also für unverhältnismäßig viele arbeitsunfähige mitsorgen. In wirtschaftlich gesunden Zeiten ist bas mit einiger Anstrengung zu schaffen. Heute ist die wirtschaftliche Kraft der Gemerndemilglieder wesentlich geschwächt. Die Steuererträge sind erheblich gesunken. Außerdem sind die Zuschüsse der Stadt Berlin für Klein- und Sozialrentner seit dem l. August auf ungefähr die Hälfte herabgesetzt worden. Wir werden wahrscheinlich gezwungen sein, für die Altershilfe an unsere Glaubensgenossen in Europa und in außereuropäischen Ländern hcranzutreten, und hoffen, daß unser Appell nicht vergeblich sein wird. Vorläufig ist die Gemeinde wenigstens noch in der Lage, der größten Not zu steuern. Sie dankt das besonders auch dem „Verein der Freunde der Heime der Jüdischen Gemeinde", eine (Organisation, die jeder nach seinen Kräften fördern sollte, dem das Schicksal der alten Menschen am Herzen liegt. In der Geschäftsstelle der I ü d i s ch c n A l t e rs- Hilfe G r o ß b e r l i n , Augsburgerstr. kennt nian überhaupt nur die Sorge für das Alter. Durch die Sprechstunden zieht der müde Zug der alten Menschen, die um den letzten Rest von Geborgenheit und Ruhe zittern. Die Jüdische Altershilfe betreut Männer und Frauen über sechzig Jahre, Angehörige des ehemals gehobenen Mittelstandes. Sie unterhält zwei K l e i n h e i m c. Aber diese reichen nicht aus. Ferner werden alte Leute in offener Fürsorge betreut. Spenden, Mitglieösbeiträge und die Erträge öffentlicher Veranstaltungen sind die wirtschaftliche Grundlage des Hilfswerks.- Wir sind keineswegs darauf aus, die Berliner Einrichtungen als Muster hervorzuheben. wir kennen sie nicht- und wissen auch nicht, wie cs mit dem jüdischen Geiste — und dem jüdischen Gesetze — in den Heimen bestellt ist. Aber die I d e e i m Ganzen, den Alten sorgendes Interesse zuzuwenden, muß hervorgehoben und überall, zumindest in allen Großgemeinden Deutschlands, aufgegriffen werden. Nicht allein, daß die Altecshllfe die I u g e n d f ü rsorge nicht verdrängt oder beeinträchtigt, sie fördert sie sogar. Aliershilfc ist heute produktive, konstruktive Hilfe für die Jugend, weil sie diese, die wahrlich genug mit sich selbst zu tun hat, der Mühe enthebt, in der' schweren Uebcrgangszeit für die Alten zu sorgen. Jüdische Altenheime und v e r s o r g u n g s h ä n f^ r sind gewiß keine Neuerfindung im Reiche des jüdischen wohltuns. Hier geht es mehr um Schaffung von H ei m e n f ü r A l t e a u s d e m Mittelstände oder früheren besseren Ständen, die mit den letzten knappen, für eigenen Hausstand iricht ausreichenden Resten ihrer Habe, oder kleinen Renten und Pensionen in einem Heime ein heimelig sorgenloses Leben in Ehren führen könnten. Für Häusererwerb zu diesem Zwecke und Gewinnung geeigneten Personals ist die Zeit so günstig wie nie zuvor. Und im übrigen dürfte für diesen Zweig der Bruderliebe auch das Verständnis des Auslandes, das heute die Sorge der deutschen Iudenheit zu der feinigen macht, leicht zu gewinnen sein. In Bad Lms ist ein Heim für ältere jüdische Lehrer und Bramte entstanden, und es stiftet feit seinem Bestehen anhaltenden und unermeßlichen Segen, warum sollten nicht nach gleichem Muster auch Heime für alternde jüdische Kausleute und Angehörige anderer Berufe, Alleinstehende und Ehepaare, errichtet werden können? Die Aussichten aus Cypern. Zu.unserer in Nr. 40/41 gebrachten Notiz über die Verhältnisse auf der Insel Typern schreibt uns Herr Dr. A. wilmersdorfer, Schöneberg, der sich einige Zeit informationshalber dort ausgehalten hat und dabei die Ueberzeugung gewonnen hat, daß die Insel für viele Inden Existenzmöglichkeiten bietet, folgendes: 1. Die Aussichten für Aerzte sind auf E^pern schlecht. Meiner Schätzung nach kommt dort heute schon auf etwa 550 Einwohner ein Arzt, dazu kommt noch die Konkurrenz der Regierungsspitäler und der von der Regierung Angestellten Aerzte. Zur Versorgung der Bevölkerung — wenig zahlungsfähige arme Bauern machen den größten Teil der Bevölkerung aus — genügen die in Europa gut ausgebildeten griechischen Aerzte vollkommen. In jeder der für die Niederlassung überhaupt in Betracht kommenden Städte sitzt überdies bereits auch ein deutsch-jüdischer Arzt, in der Hauptstadt Nicos i a sind sogar deren z w e i. Den in Nicosia seit vier Monaten ansässigen deutsch-jüdischen Chirurgen habe ich gesprochen. (Der Name ist in Ihrer Notiz falsch angegeben.) Er ist mit dem finanziellen Erfolg seiner Arbeit öffenbar nicht z u f r i e d e n. Die Landessprache, ein griechischer Dialekt, macht dem Europäer große Schwierigkeiten, und er ist schon dadurch dem eingeborenen Arzt unterlegen. 2. Mit den Juden von K u k l e a habe ich mehrnrals gesprochen. Sie scheinen mit ihrem Los zufrieden und ich habe nichts davon gehört, daß sie ihren Besitz verkaufen wollen. Dagegen würden sie es lebhaft begrüßen, wenn jemand eine Fabrik zur Verwertung der von ihnen geernteten Bau m - wolle errichtete. Vor allem käme die Herstellung von Watte in Frage. Rohmaterial und Arbeitskräfte wären außerordentlich billig, die Regierung würde jedes industrielle Unternehmen weitgehendst unterstützen. 5. In der Stadt L a r n a c a steht eine sehr gut eingerichtete Lederfabrik zum verkauf. Die früheren Unternehmer sind infolge schlechter Wirtschaft in Konkurs geraten, die Fabrik ist jetzt im Besitz zweier Banken und wäre billig zu erwerben. 4. Es besteht die Möglichkeit zur Errichtung einer Früchte- und G e m ü f e k o n f e r v e n f a ü r i f. Auch hier gilt das über Rohstoffe, Arbeitskräfte ufw. unter 2. Gesagte. 5. Zur Einlage oder zum Cnverb von Pflanzungen ist infolge des Wasserreichtums reichlichst Gelegenheit. Alles in allem kann wohl gesagt werden, daß die Insel Eypern mancherlei Erwerbsmöglichkeiten bietet. Interessenten würden sich am besten selbst im Lande umsehen, und ich glaube, daß Mr. M. w. B e r ö y in Larnüca gerne die ersten Auskünfte an Juden erteilen würde. Für gänzlich aussichtslos halte ich nur die Riederlassung von A e r z t e n , Rechtsanwälten, Apothekern und Kaufl c u t e n. Belehrung und Heimkehr. Von Laly Geis in Tel-Awiw. welche Wege braucht heute die Rückkehr zum Judentum? Es ist klar, daß die Methoden, die überlieferte Erziehung und überlieferte jüdische Atmosphäre vorausfetzen, nicht zur Anwendung kommen können, wenn diese Erziehung und diese Atmosphäre fehlen, wie soll man sich mit bisherigen Afsimilanten an Mischnah und Gemara setzen und nach der Väter weise lernen? Mischnah und Gemara sind für solche, deren Denken und Tun das Judentum Verpflichtung bedeutet, aber nicht für Schwankende und noch weniger für dem Judentum Entfremdete. Ihnen, die als Juden nicht einmal zu fragen verstehen, nmß man erst viele „warum" erklären, wie es heißt: „Darum" tat es mir G'tt, als ich aus Mizrajlm auszog." Die Pädagogik erfordert, ihnen erst einmal den Mund zu richtigen Fragen zu öffnen. Denn das Judentum fällt aus ihren bisherigen Erfahrungen heraus, da es sie turmhoch überragt. wie steht es z. B. mit dem Monotheismus des Judentums? Da? Weltall ist nicht ohne sine höchste Intelligenz, die es geschaffen hat, denkbar. Diese einfache Schlußfolgerung führt zu dem gewöhnlichen Monotheismus. Auch dem Judentum ist G'tt der Schöpfer. Aber dieser Begriff ist ilM mcht unklar nebelhaft, sondern scharf umrissen. G'tt hat die Welt um seines Ebenbildes willen, um des Menschen willen, geschaffen. 'Sie ist zweckmäßig für ihn, was besagt, daß es fett der Erschaffung des Menschen kein weiteres Erschaffen, keine Entwicklung im Werke der Schöpfung, geben kann. Diese für die Ethik entscheidende Erkenntnis hält der Sabbat fest, an dem der Jude auch das geringste erzeugende Tun — und fei es nur ein von ihm hervorzurufendcr elektrischer Funke — unterlassen soll. Das Judentum hat aber zwei Namen für G'tt, G'tt, den Schöpfer, und G'tt, der Seinen Geschöpfen stets gegenwärtig Seiende. Dieser zweite Name ist so heilig, daß ihn nur der Hohepriester einmal im Jahre ani Iomkippur aussprechen durfte. Denn wie G'tt: in Seiner Menschheit wirkt, ist das Wunderbarste des Wunderbaren. Mosche, der größte aller Menschen, hat dieses g'ttliche Wirken in der Menschheit erkannt, —doch was er erkannte, war nur ein verschwindender Schatten von G'ttes Herrlichkeit. G'tt, der als Schöpfer auch der Richter ist, wenn der menschliche freie Wille sich' nicht der Symphonie seiner Schöpfung unterstellt, ist als der stets gegenwärtig Seiende in der Geschichte der Menschheit und . im Geschick jedes einzelnen Menschen der liebende Vater. Ihm sollen wir mit ganzer Seele, mit ganzem Herzen und mit ganzem "vermögen lieben. Diese Liebe ist der normalen Liebe der Eltern gegen ihre Kinder zu vergleichen, denn das Denken, Fühlen und die materielle Kraft der Eltern gehören den Kindern. So sollte auch unsere Einstellung für unsere Lebensaufgabe fein, nufere höchste Freude, unser heiligster Lebenszweck. Solcher Wille erfordert freilich Verzicht und immer wieder Verzicht, Verzicht auf jegliches Gelüsten (das 10. Gebot!), das in Bezug auf andere Menschen zum Unrecht wird, Verzicht zum Beispiel aus zahlreiche materielle Erfolge, Zurückdämmen des Ehrgeizes der Selbstsucht, des Strebens nach Macht und Ansehen. _ Das aber ist nur dorr möglich, wo Denken und (Um G'tt unterstellt ist. Den Weg zu dieser Unterstellung lehrt aber die Thora. Nun werde an die 615 Gebote und Verbote des Judentums herangetreten und von ihren Besonderheiten Etliches gezeigt, am besten in Gegenüberstellung zu Zeitereignissen. wieviele dankbare Möglichkeiten gibt es hier! Das Judentum lehrt z. B..den Ursprung der in so verschiedenartige Völker eingeteilten Menschheit von einem einzigen Menschenpaar. Ihm gilt daher auch jeder Nichtvolksgenosse, wie er auch sei, als Menschenbruder, der Anspruch auf gerechte, humane Behandlung hat, während selbst in den kulturellsten Staaten vom Altertum bis auf die Gegenwart der Fremde solchen Anspruch nicht besitzt und stets der Unsicherheit einer gewissen Willkür untersteht. Gerade wir Juden haben diese differrnziale Auffassung der Völker oft genug zu spüren bekommen. Aber nicht nur das Gastrecht des Menschenbruders, sondern auch das Recht als wirkliches Recht haben noch heute keine Stätte gefunden. Wie steht es hier beim Judentum? Sein Recht ist so eingerichtet, daß es lieber zehn Schuldige freispricht, als einen Unschuldigen zu verurteilen. Denn das Recht ist G'ttes, und das menschliche Gericht stellt nur einen Rotbehelf dar. Das jüdische Recht kennt keinen Indizienbeweis, im Prinzip kein Gefängnis, cs verlangt vielmehr vom Schädiger Wiederherstellung des Schadens an den Geschädigten, wenn nötig gegen Abarbeiten, und wo das jüdische Recht die Todesstrafe statutiert, da kann sie nach feinen Normen fast nie beschlossen werden. Mißt-man an solchem Maßstabe, der hier nur einiges Oberflächliche festhält, die heutigen Rechtsauffassungen, dann gähnt von diesen eine große Kluft zu ihrer Bergeshöhe. Die. Ratlosigkeit der heutigen Menschheit heißt Wirtschaftsproblem. Dem ungeheuren Reichtum weniger Taufender, häufig verbunden mit rücksichtslosem Ichtum und Machtbewußtsein, steht die hoffnungslose, um ein Stückchen Brot bangende Not vieler Hunderter

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