Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1933)
- Date
- 1933-10-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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26. Oktober 1933 Der Israelit Nr. 43 Seite 3 Judentum in der jemenitischen Heimat erlebt, mit keinem änderen Unglück, das -das Judentum ln den letzten Jahren da und dort getroffen hat, vergleichbar. Hier herrscht noch eine R e l i g i o n s Verfolgung, die, ule im finstersten Mittelalter, mit K i nderf a ng und L ek e h r ung sz w >a n g arbeitet. Seit zwei Jahren schon ist dort das Gesetz in Kraft, wonach vaterlose jüdische Kinder oder solche Kinder, die angeblich im Clternhaufe keine genügende Fürsorge erhalten, in die Zwangserziehung der M o s ch e e genommen werden, wo sie dem Islam zugcführt werden. Die bittere Armut unter den Juden Jemens läßt die Errichtung von Tvaienhäusern nicht zu, und in den Hütten der Privatsamilien laßt sich eine ungenügende leibliche Versorgung der Kinder Mit Leichtigkeit Nachweisen. Einigen kleinen Glaubenshelden gelang es. über Meer und Wüste die Flucht zu ergreifen, unzählige Kinder sind aber auf diese Weise dem Judentum entrissen und unter seelischen und körperlichen Martergualen, von denen die Welt nichts erfährt, der neuen Religion zugeführt worden. Wer kümmert sich um die Kot der fernen Brüder, um das Martyrium der Kinder eines fernen jüdischen Stammes, der uns gar nicht so fremd und fern ist, dessen Menschen wir bei einem oberflächlichen Zusammentreffen gleich als unsere legitimen Brüder in der Thora erkennen? Im „Doar Hajom" fragt ein prominenter Mitarbeiter, wieso es komme, daß die zionistische (Organisation, ja die ganze jüdische Welt, kein Wort der Teilnahme, keine Spur von Mitgefühl oder Hilfswillen für diese jüdische Kindertvagödie in Jemen hat. Ein Moses M o n t e f i o r e, lebte er noch, wäre dahingereist, hätte all seine parlamentarischen und diplomatischen Beziehungen zugunsten der Unglücklichen eingesetzt. Wo ist der „Stadion", über den eine moderne Zeit so überlegen lächelt? Die zionistischen Führer sind groß in der (Organisierung von Kundgebungen und Protesten — wenn das Unglück geschehen ist. Der alte Stadion pflegte kraft seiner Beziehungen in aller Stille dem U ich eil vorzubenge'n» die Gefahr abzuwenden, oft bevor sie noch der Menge zum Bewußtsein gekommen war. Das ist der wesentliche Unterschied zwischen einst und jetzt, und damit ist leider der entscheidende Unterschied im (Erfolge bedingt. Lin Eingeständnis von dieser Seite über die Bedeutung, ja die Rotwendigkcit des „ S t a d l o n " , muß sehr schwer wiegen, deutet sogar einen Umschwung in der Gesinnung an. Ls ist noch gar nicht lange her, daß man von der Gegenseite der A g u d a s I i s r o e l, in Polen wie in Palästina, nichts Schlimmeres vorznwerfen hatte, als daß sic mit ihrer „Stadlonus"-Polltik die große Linie der nationalen Arbeit störe. Und nun der Ruf: w e r g i b t n n s d e n a l t e n S ta ö l o n w i e d e r?! Allein, es ist uns hier gewiß nicht darum zu tun, Trümpfe auszuspielen. Wir lassen den Ruf in die jüdische Welt hinausgehen: Wo kommt den I e m en 11 e n Hilfe h e r , den Jemeniten in Je in e n und ihren Kindern, die auf erbarmungsloseste Art uns entrissen werden? Und unsere Alten? napt flyh 112'bwfl brr •mrsm brr 11N12 flibpn Die Iudennot unserer Zeit ist letzten Endes eine I u g e n d n o t. trunn ibrr ia'b»v, das gilt heute noch genau so, wie damals, da mit dem Morte höchste Goluspein in Aegypten gezeichnet werden sollte. Was soll ans unseren Kindern werden, denen nach menschlicher Voraussicht „im Zeitenschoße nur wenig heitere Lose ruhen," denen der akademische Weg abgeschnitten', der Betrieb gesperrt, das Handelsbüro keinen Platz und keine Zukunft mehr bietet, das Handwerk, auch bei guter Eignung, kaum eine 'Aussicht eröffnet? Umschichtung, verländlichung! Aber können jene kleinen Siedlungsversuche und das Häuflein junger arbeitsfroher Menschen mit ihren heimischen oder palästinensischen Aspirationen in einer Zeit, da der Bauer auf seiner ererbten Scholle überall in der Welt in Rot lebt, das Problem lösen, das Problem der Iudennot und der Iugendnot? Den Lrnst dieser Frage kann keiner bestreiten, und es sind dauernd Bestrebungen im Gange, irgendwie den jüdischen jungen Menschen zu helfen, ihnen neue Wege zu neuen Zielen zu ebnen. Jugend hilft sich selbst, Jugend hilft Jugend, heißt die Parole der Jugendorganisationen aller Richtungen. Recht so! Aber dürfen wir über der Ingendsorge und Jugendfürsorge die Alten vergessen, die sich weniger um die Zukunft bangen als um den Tag, die nach einem Leben voll Kampf und Arbeit, in dem Mancheiner neben feinem vermögen auch Sohn oder Söhne, die Stützen seines Alters Im Kriege verloren, nun zermürbt und hoffnungslos vor dem Richts stehen? „Die Alten haben ihr Leben genossen, können nun verzichten, wir Jungen aber, was batten wir vom Leben? .- . so kann man oft in Unterhaltung zwischen Vätern und Söhnen hören. Ueberlassen wir es der Wissenschaft der Seelenkunde, fcstzustellen, was erträglicher sei, aus der Gewohnheit geordneten schönen Lebens in die Ricdcrung trüben Daseins geworfen zu werden, oder den 'Aufstieg gar nicht zu unternehmen, die Höhe gar nicht zu kennen. Koheleth preist den, „der nie das Licht gesehen" als den Glücklicheren ... Und Talmud bat für tiefere Tragik das bezeichnende Wort KTab NaT KiaNQ' (aus höchster Höhe in die Tiefe gerissen.) Aber wir wollen uns hier nicht in beschauliche Theorien ergehen. Die Rot ist in ihrer schwarzen Gestalt grausig konkret, erbarmungslos sachlich, und in ihrem Spiegelbilde zeigt sich das Schicksal unserer Jungen weit weniger beängstigend als das der 'Alten. Die Sechszchn - und S i e b e n z e h n jährigen, die «Objekte unserer schweren Sorge, tragen ihr Geschick gar nicht so schwer wie cs eine ältere Generation aus i h r e r Tradition und altgewohnten, zur Natur gewordenen Einstellung heraus glaubt; weit schlimmer steht es mit dem S e ch s z i g - und S j e b e n z i g j ä t> r i g e n. Die Jungen haben ihr verinögen nicht verloren: ihr Vermögen an Kraft und Willen, an Rerven und Muskeln, an Idealismus und Hoffnungsfreude, ein anderes vermögen haben sie nie besessen, und mit dem Gedanken, daß ihnen Elternhaus und Heimat nichts zu bieten haben, sind sic schon großgezogen worden. Mit dem leichten Gepäck ihres heiteren Sinnes, ihrer Umstellungsfähigkeit und Anpassungskunst finden sie überall die Wege offen: in Feld und Weinberg des Scharon und Lmek, um zu graben oder zu packen, zum Baugerüste in Jerusalem und Tel-'Awiw oder zum hohen Fenster der jüdischen Stadt, um es blank ZU putzen. Etwas Romantik spielt dabei mit, und ist diese am harten Boden der Dinge zersplittert, ist' sic schon von Routine und Gewohnheit abgelöst. Dir Umstellung ist da. Das alles ist den 'Alten genommen: die Romantik, die Akkomodierungsfähigkeit samt der Möglichkeit zur inneren und äußeren Umstellung. Alle Wege und alle Türen, die dem Jungen offen stehen oder die er mit der Kraft der Jugend einrennt, schließen sich dem „Manne über fünfzig." Wir denken in diesem Zusammenhang noch gar nicht an die aus dem Geleise geworfenen älteren Väter unversorgter Kinder, deren Lage gewiß nicht weniger kritisch ist, aber in ein anderes Kapitel gehört, in das der F a m i l i c n h i l f c; wir sprechen hier zunächst von den alleinstehenden älteren Leuten oder Chepaaren, die nicht mehr in der Lage sind, ihren Hausstand aufrecht zu erhalten und, aus dem Existenzkampf als kampfunfähig ausgcschicden, in dieser barten Zeit nicht wissen, wie sie zu ihrem p r i m i t i v e n R e ch t e a n f H e i m u n d Brot kommen sollen. In Berlin ist auf diesem Gebiete in letzter Zeit im Rahmen der WohlsahrtsarbeU der Gemeinde enigcs geschehen, das vielleicht Rachahmung verdient. Herr Moritz R o s e n t h a l, Vorstandsmitglied der Gemeinde, macht einem Berichterstatter darüber folgende Mitteilungen: Die Gemeinde steht es als eine ihrer wichtigsten Aufgaben an, das Merk für die 'Alten, die ja zum Aufbau der Gemeinde beigetragen haben, zu erhalten. 1000 alte Leute werden zurzeit von der Gemeinde in Übereinkommen vom 18. Mai 1920 von der österreichischen Regierung an die Tschechoslowakei ausgefolgt worden und erliegen jetzt im Archiv des Innenministeriums. Judenakten findet man vorwiegend in der 4. Abteilung. Aus diesem ungewöhnlich wertvollen Material hat Jaroslav Prokes für feine grundlegende, im Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der tschechoslowakischen Republik veröffentlichte Arbeit über den Antisemitismus der Behörden und das Prager Ghetto in der Zeit nach der Schlacht am Weißen Berg geschöpft. Die in dieser Abteilung konzentrierten Akten betreffen die Konskription der Prager Juden und ihres Realbesitzes, die Versuche um Reduktion oder völlige Beseitigung der Juden aus Prag, aus anderen Städten oder im ganzen Lande, die Errichtung der Reduktionskommissionen, ihre Tätigkeit und Ergebnisse, die Organisation und Verwaltung der Prager Judengemeinde, Kultusangelegenheiten und Ritus, das Schicksal des Prager Ghettos, seine Vernichtung durch den Brand von 1689 und seine Erneuerung, den wirtschaftlichen Kampf zwischen der christlichen Bevölkerung und den Juden und schließlich die Besteuerung der Juden. Auch die Register der Kgl. Böhmischen Hoskanzlei und Hofkammer bilden, wie Bergt im einzelnen nachweist, eine bisher noch lange nicht erschöpfte Quelle zur Geschichte der Inden in Böhmen. Die „alte" Manipulation hat nicht weniger als 108 größere oder kleinere Konvolute, die sich auf die Juden als Ganzes oder auf Prager oder Landjuden beziehen, die „neue" 189 auf die Landesjudenschaft bezügliche und 85, die. sich auf Prager Juden beziehen. Vierzig Faszikel der Akten der „Judenkommifston" betreffen die Zeit von 1115 bis 1783. Da diese Faszikel auch die Heiratskonsense enthalten, bieten sie ein überaus wertvolles Material für die Genealogie der Judenfamlien. Dazu kommen auch für die Zeit von 1788 bis 1855 die Akten der Direktion der k. k. böhmischen Steuergefälle, die Konskriptionen der jüdischen Familien nach dem Stande von 1799 und 1811,- 180 Foliobände über die jüdischen Familien und drei Bände jüdischer Quaernen der Landtafel. In den Monaten Juli und August 1933 wurden im Schlachthaus von Tel-Awiw 5258 Stück Vieh geschlachtet, — das Doppelte der Zahl der in der gleichen Periode des Vorjahres geschlachteten Tiere. Von der Aufwärtsentwicklung Tel-Avws. Wie von der Stadtverwaltung Tel-Awiws mitgeteilt wird, trug diese rein jüdische Stadt zu den direkten Regierungseinnahmen i. I. 1931 18 Proz. bei, erhielt aber nur 8 Proz. der Summe der Regierungsbeihilse an die palästinensischen Städte. Die Bevölkerung von Tel-Awiw, die 1930 noch 42.000 Seelen betrug, ist jetzt auf 75.000 Seelen angewachsen. Das Budget der Stadtverwaltung hat sich von 85.000 Psnnd i. I. 1930 aus 180.000 Pfund im Jahre 1933 erhöht. Die Regierungsbeihilfe für Tel-Awiw hat sich aber seit 1930 um nichts erhöht. Von Januar bis September 1933 wurden Bewilligungen zum Bau von 6084 Wohnräumen und 160 Läden mit einer Gesamtbaustäche von 203.856 in", gegen 1612 Wohnräume und 99 Läden mit insgesamt 62.104 m" in der gleichen Periode des Vorjahres, erteilt. Allein im August wurden Bewilligungen zum Bau von 1104 Wohnräumen und 14 Läden auf einer Gesamtfläche von 37,329 m2, gegen 353 Wohnräume und 8 Läden auf 12.917 m" im August 1932, gegeben. Dabei lagen Ende August 1933 noch unerledigte Gesuche betreffend 1297 Wohnräume und 60 Läden auf 46.700 m2 vor. Infolge der großen Nachfrage nach Wohnungen — jedes Schiff bringt Hunderte Neueinwanderer — macht die Bautätigkeit in Tel-Awiw Riesenfortschritte. MWWM Ihren Liebling vor Wundsein. Wochevkalender. vom 28. O!t. bis 4. Nov. 1933 8.—15 Marcheschwan 5694 ’nv t]i JTUTO Samstag Ott. 28 8 IX Sonnrag 29 9 nx Montag 30 10 13 Dienstag 31 ywm» 11 n Mittwoch Nov 1 12 ns Donnerstag 2 13 V3 Freitag 3 14 P Samstag 4 15 xp Berantworruch für Den allgemeinen xtu unn Das ffeuUleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. B.: S. S ch ach * nowttz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Berlag oes Israelit und Hermon ®. m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck Hermon Druckerei, Frankfurt a. M.,