Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1933)
- Date
- 1933-10-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 43 Der Israelit 26. Oktober 1933 wenn nach Ausschaltung öer Iuöen aus den freien Berufen nichts geschieht, um den jüdischen Nachwuchs zum mindesten mit Förderung der Regierung dom Handwerk zuzuführen, wenn schon nicht der im deutschen Boden verwurzelten Landwirtschaft? Bor allein aber ist es die unerträgliche Beschimpfung der jüdischen Ehre durch bestimmte prcß-- organe, der wahrlich — wenn schon eine „gewisse Beendigung der Auseinandersetzung" der Wille der Reichsregierung ist — mit eiserner Strenge ein Ende gemacht werden könnte und müßte. Gewiß — es ist eine Lsabel und ist eine Verleumdung Deutschlands, wenn inan draußen erzählt und verbreitet, die Juden würden „verfolgt, drangsaliert, getötet, geschlachtet" -— aber es gibt einen moralischen Totschlag, der, jedes chcliebenöe Volk sollte das verstehen, nicht viel erträglicher ist als der physische. Was soll man dazu sagen, wenn „Stürmer", „Friederikus" und andere ähnliche Blätter in vollendeter Hemmungslosigkeit den deutschen Inden in toto tagtäglich Beschimpfungen an den Kopf werfen dürfen, >die wiederzugeben die Feder sich sträubst wenn in einer Hamburger kirchlichen Versammlung die Juden kurzerhand als „Wördervolk" bezeichnet oder in der Presse die deutschen Juden — wiederum in Bausch und Bogen — der „ pla n m ä ß i g e n Rassenschändung" geziehen werden? (Oder wohin soll es führen, wenn ein deutscher Lehrer in einem angesehenen pädagogischen Organ einpfiehlt, den Uleinsten der kleinen das Märchen von dem Wolf und den sieben Geislein dahin zu deuten, daß der Wolf — der Jude sei, vor dem sich die Geislein zu hüten hätten? Das sind beliebig vermehrbare Beispiele, die die resignierte Stimmung begreiflich machen, in der sich heute Zehntausende deutscher Juden befinden, wenn sie sich vct-gegenwät-ligen, wie leicht es der IN e n j ch e n f r e m der Rasse ein Ende zu m a ch c n. Sollte hier keine rasche Abhilfe möglich sein? Wir sind sicher, daß es für Deutschland einen außenpolitischen Erfolg ersten Ranges bedeuten würde, wenn denen, die ihre menschliche Fürsorge und ihr brüderliches Denken der Zukunft der deutschen Juden widmen, die Zusicherung gegeben werden könnte, daß nach dem willen der höchsten Führung des deutschen Volkes die Auswanderung n i ch t die einzige erträgliche Lösung der deutschen Indenfrage werden soll, sondern vielmehr e i n L e b e n in Ehren i in Rah m eil der deutschen Wirtschaft u n d 3 u i b v e m beste it. wochenrundschau. - f'/- Die Beth Jakauw Schulen in Polen bedroht. Herr A. S. Fried mann, einer der prominentesten und verdienten Führer der Beth Iaakauw- Bewegung in polen, veröffentlicht im Warschauer „Jiddischen Togblatt" einen alarmierenden Artikel über die bedrohte Rechtslage der Beth I a a k a u w s ch u l e n. Gerade in letzterer Zeit konnte man von wahren Triumphzügen der orthodoxen Frauenbewegung im Osten berichten, von Erfolgen, die die Ausbreitung des Schulnctzes zu einer wahren geistigen Rettungsaktion für die jüdischen Frauen und Töchter in polen und Galizien gestalten. Die Gefahren kommen nicht von innen her, etwa aus dem Abflauen des Interesses bei Einzelnen und Gemeinden, sondern sie droben von außen, von einem neuen Schulgesetz, das alle früheren Bestiinmungen und Konzessionen gegenüber der jüdischreligiösen Schule über den Haufen wirft und dieser den Rechtsboden entzieht. Kleinliche Vorschriften über Schulramn, Mobiliar und Zusammensetzung des Lehrerkollegiums werden besonders in der Provinz von subalternen Beamten noch kleinlicher gcbandhabt, so daß in vielen Städten und Städtchen die Schulen geschlossen werden mußten, in anderen die Konzession zur Eröffnung neuer Schulen aus nichtssagenden Gründen versagt wurde. Friedmann weist darauf hin, daß nach der neuen Taktik nicht einmal das Mies um eiue Lebensfrage für Beth Iaakäuw, um eine Frage von Sein und Richtsein, vor die eine Gesetzgebung, vielleicht nur aus Unkenntnis der Dinge, die Bewegung,, auf der Höhe ihres Blütestaudes, ganz ohne Rot stellt. Die j ü d i s ch e n Pari a m cntarier in Polen werden beschworen, unverzüglich die erforderlichen Schritte zu tun, nötigenfalls die Frage sogar in der Kultuskonmüssion des Sejm oder im Plenum zur Sprache zu bringen. Man darf schon von cinenr Manne wie Gberrabbiner Aron L e w i n und seinen Freunden ohne weiteres erwarten, daß sie kein Mittel unbenutzt lassen, um den Beth Iaakauw-Schuleu, der Zukunfts-Hoffnung der polnischen Juden, zu ihrem ihr von einer früheren Regierung verbürgten Rechte wieder zu verhelfen. Die Beth Iaakauw-Schule, diese edelste Blüte am Baume der Ägudas Iisroel-WeltorZanLsation, ist keine polnische Angelegeicheist sie ist eine Sache des K lall I i s t o c l Das L e h r e r i n n e n s e in r n a r in Krakau ist eine Kraftquelle jüdischen Geistes, an der das gesamte gesetzestreue Judentum auf dem Crdenrunde in gleichem Maße interesstert ist. Polen beherbergt heute das Gros der jüdischen Gemeinschaft, und ein Erlahmen der orthodoxen Töchtererziehung ln diesem Lande würde das Schicksal der Beth Iaakauw-Bewegung auch in anderen Ländern besiegeln. Alles zusammengenommen, Grund genug, daß auch wir uns an dieser Stelle den Ausführungen A. S. Friedmanns und seinem Appell an die jüdischen Parlamentarier aus vollem Herzen anschließen. Jemeniten und Jemen. Wenn wir von Jemeniten sprechen, denken wir an jene kernigen und sehnigen Gestalten, die in eigenen vierteln in Jerusalem und Tel-Awiw arbeiten, schwere Lasten tragen, gelegentlich auch ein wenig betteln und am Sabbat in ihren Synagogen, nach Mohanrmedaneract mit unbeschuhten Füßen auf dem Boden hockend, wie >die Vögel im Walde ihre schönsten und ältesten hebräischen und aramäischen Lieder singen oder aus alten kabbalistischen Traktaten lernen und beten. Man hört oft, die Jemeniten seien das beste Element des Iischuw — wenn sie brüderliche Aufnahme finden und sich einmal, die Pein und die Erniedrigung in der Heinrat vergessend, ins neue Leben eingeordnet haben. Freilich zeigt sich an diesem Punkte der Haken, wie ec der Entwicklung auch der östlichen Einwanderung, sei es in Amerika oder in Palästina, zum Verhängnis wird. Die zweite Iemenitcngeneration, die „Tozcrcth Haarez", wie man dort sagt, hat die Pein und die Erniedrigung in der jemenitischen Heinrat nicht gekannt, ordnet sich arbeitsam ins neue Leben ein, wächst aber kulturell über die Alten so weit hinaus, daß sie am G'tteshaus und an den alten Gesängerr und an dein Sabbat selbst kaum noch Interesse hat. Die zionistische Schule, die sich der jemenitischen Kinder mit Vorliebe annimmt, trägt das ihrige dazu bei. Es gibt, wie wir uns an Ort und Stelle überzeugen 'konnten, ein Jugend- Problem unter den Jemeniten Palästinas, über welches die Alten mit großer Sorge, oft mit Tränen, sprechen. Man vergißt aber oft über den Jemeniten Je-! m e n selbst, jene arabische Provinz, beute ein autonomer Staat, in dein noch hunderttausend Juden, — i eben die Jemeniten an der Onelle —, unter Druck und Rot leben, von denen man sich in den Kultur-! ländern gar keine Vorstellung macht. Insbesondere J ist die K i n d e r t r a g ö d i e, die das jemenitische ß R e i ch s r e g i e r u n g a n g e s i ch t s i h r e r u n - nimum von Schulrechten, wie sie für die zionistischen begrenzten Macht sein müßte, solchen Darbuth - Schulen als Selbstverständlichkeit gel- Angriffen auf d i e E h r e u n s ch u l d i g e r i teil, der religiösen Schule zugebilligt wird. Hier geht Zum Mochenabschnrtt. wrwni D’jn ono „Und die Männer von Sedom waren schlecht und sündhaft" a*sn bezeichnet die Schlechtigkeit und Verderbtheit der Sedomiter, in dem, was sie taten, wrwn, in dem, was sie nicht täte schlecht waren sie mit ihrer offenen Auflehnung gegen G'tt und den Untaten, die sie gegen ihre Menschenbrüder begingen. a'Ktrn, sie fehlten, d. h. sie unterließen alles, was ihre Pflicht gegen G'tt und Menschen zu tun, gewesen wäre. >Lie verstießen gegen das 21« n®jn jn» *no (Weiche vom llebel und tue das Gute) in seinen beiden Teilen. Die ganze Schwere ihrer Untaten lag darin, daß sie sie gegen den nach st e n Bruder und Nachbar verübten, obwohl sie gleiche Unbill von ihrem Nachbarn und Bruder erlitten. Wie konnte es anders sein in jenem Sedom, das in engherziger Auffassung der Autarkie — ono mn pv -stvi 'i-e? — sich streng gegen jede Fremdeneinwanderung absperrte, wo auf Gastfreundschaft und Armenunterstützung, Ausnahme und Bewirung von Fremden die grausigste Todesstrafe stand? Wer konnte da wem Unrecht zufügen? Doch nur der Einheimische dem Einheimischen, der Bruder dem Bruder, der Nachbar dem Nachbarn. Somit war jeder Sedomite Räuber und Beraubter zugleich. Feder wußte, wie Druck und Benachteiligung weh tat, und dennoch gab er Druck und Drangsal weiter, an den Nächsten. Das wog doppelt schwer, führte zum Untergang. Das liegt nach der Erklärung des 2pv auch schon im Wortlaute und der Nuancierung der Urteilsbegründung in der kommenden Sidra. irr» 0222 '2 onrwni nm '2 mwsi nno npsn nns’i Mit npm wird die Klage und Anklage, der Protest und der Ausschrei über erlittenes Unrecht ausgedrückt, anmr, betrifft das Anderen zugefügte Ungemach. Und G'tt spricht: Einerseits höre ich, wie sie aus -erlittener Pein i-ps, aufschreien, andererseits sehe ich aber, wie sie Anderen gleiches Leid und gleiche Pein, iwrrvw, ohne Bedenken zufügen. Nun wohl rmrr, ich will hinabsteigen und sehen, oder, wie Midrasch meint, mich versenken in ihre Psyche, in ihre Geistesverfassung, wie es möglich fein kann, daß.nrrun onps22ndaß sie genau dasselbe, worüber sie Klage und Anklage führen, sie aud) ihrerseits ohne Bebenten dem Bruder gegenüber tun, und ihm Anlaß geben, gleiche Anklage und gleichen Aufschrei zu mir dringen zu lassen. Wäre es nicht so gewesen, wäre Sedom nicht von einem Kampfe aller gegen alle gekennzeichnet gewesen, G'tt hätte Nachsicht geübt: -nxis & aat Daran knüpft wohl Abraham in seiner Fürbitte für Sedom und Amora an. Vielleicht sind doch noch fünfzig, vierzig, dreißig oder nur zehn Gerechte darunter, die nur Unrecht leiden und kein Unrecht tun? Diese a'p'Yj waren nicht zu finden, so mußte Sedom seinem. Schicksal anheimsallen. Nur einer, -Lot, stand aus größerer, sittlicher Höhe, er durste.die rettende Höhe erreichen, v^vn n2nn- (Eine Auslassung im jrUY5 In der mir zuf gänzlichen Ausgabe' des Targu m Jonathan den jj Usiel in den bekannten „Ehumoschim mit 32 Erklärun- 1 gen" ist der 23. Vers des iö. Kapitels von Vereschith 8 'mn cnx ->32i nicht wiedergegeben und enthält das 1 zehnte Kapitel daher im T. I. B. U. nur 31 Verse statt 1 32. Vielleicht kann ein Leser des „Israelit" darüber I Auskunft geben. E. ß (Die Tschechoslowakei besitzt das größte Judenakken- 8 Archiv.) In dem vom Innenministerium her-ausgegebe- 8 nen, vom Direktor des Staatsarchivs Dr. Ladislav K l i e- | mann redigierten „Sbornik" verbreitet sich Archivrat Dr. Josef Bergt ausführlich über die Judenakten, die man in allen Fonds des Archivs des Innenministeriums findet. In einigen Fonds sind sie konzentriert entweder als Folge ordnender Arbeit oder durch organische Entstehung. Anderswo tauchen sie in größeren oder kleineren Mengen unter den verschiedenartigsten Schlugworten auf. Konzentriert erscheinen sie -in der Registratur der Kgl. Böhmischen Hofkanzlei, in den Registern der Hofkanzlei und Hofkammer, in der „alten" und „neuen" Manipulation, in der Registratur der Judenkommission beim Landesgubernium und in den Abteilungen „Eamerale" und „Publicum" der Registratur des Landesguberniums. Die Registratur der Kgl. Böhmischen Hofkanzlei enthält Akten von 1527 bis 1749. Diese Akten, die im Wiener Innenministerium deponiert waren, sind durch den Friedensvertrag von St. Germain und das Prager Archiv- 8 Wleines Feuilleton. I