Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1933)
- Date
- 1933-10-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 Nr. 42 Der Israelit 19. Oktober 1933 Warum soll (Er, in dessen Hand das Leben und der Tod, das Gesundsein und das Schmerzenslager ist, es nicht auch gut meinen mit Mirjam Rothenburger, der jungen, schönen Braut, die nun die Tage zählt bis zur Hochzeit, bis zur Stunde, wo sie ihr Blumen -auf den Weg streuen? Was ist denn auf einmal mit ihr? Tin paar Tage nach der Wasserkatastrophe, am Abend, da fängt sie an zu frieren und zu zittern, hat keine Lust mehr zum Essen und klagt über Schmerzen im Rücken, in den Seiten. Sie glüht. Draußen hat sich der Wintersturm gelegt. Draußen ist der Krieg vorbei. Sie hat eine dunkle Angst in sich, wo bin ich denn? Ist niemand bei mir? Seit zwanzig Jahren kommt der Doktor, wenns nötig ist, zu ihnen ins Haus. Fährt er über Land, und unterwegs kommt, erhitzt oder ermüdet, Herr Rothenburger an rhin vorbei, dann hält er und nimmt ihn mit ins nächste Dorf. Da liegt vor ihm ein Menschenkind, das war doch, nicht wahr, das kleine Mädel in der wiege, wie lang ist das schon her. Von grauen Haaren war da noch nichts zu sehen. Jetzt hat man. auch -allerhand auf dem Buckel. Bei Tag und Rächt bei der Hand sein müssen. Dann das Feldlazarett. Böse Jahre. Er fährt sich über die Stirn. Das gilt jetzt nicht. Ruhig sein. Richts merken lassen. Da sitzt nun -in der Tat eine schwere Lungenentzündung. Das gibt einen harten, einen unerbittlichen Kampf. wahnsinnig klettert das Fieber in die Höhe. Alles geschieht. Aus allen Gesichtern ist die Verzerrung, die Äugst. Jeder verschließt sich in sein Inneres. Jeder will tausend Dinge tun. Die Mütter — seine, Herberts Mutter, ist jetzt auch ihre Mutter — gehen nicht weg, Stunde um Stunde. - Sic sieht sie alle. Aber einen steht sie nicht. „Rora, wo ist Herbert? Warum — kommt er nicht? Er soll — kommen." Das Sprechen ist so schwer. Es ist alles so schwer. Warum bin ich -denn so müde? Sie flüstert von Zeit zu Zeit ein paar Worte. Und dann immer wieder der Schlaf. Alles Unheil kommt zusammen. Der ganze Verkehr ist lahmgelegt. Züge gehen nicht. Streik dm Land. Ueberall telegraphieren sie hin, um ihn zu finden. Er mußte dringend beruflich eine größere Reise antreten. Run suchen sie ihn mit allen Mitteln zu erreichen. Hundertmal schreit sie, flüstert sie, haucht sie den Rainen. Tausendmal ist der Raine G'ttes auf den Lippen der Frauen, warum sagt Rora kein wort? Das Gesicht ist beinahe so weiß wie das der Schwerkranken. Es ist nicht zum Ansehen mehr. Dort das blühende Rind, mit dem -der Tod ringt, ja, ja, wißt ihr es jetzt, merkt ihr noch nicht, wie grausam das Schicksal, wie unbegreiflich all das -ist, das Todesmal steht auf der marmorweißen Stirn. — In der Synagoge sagen sie die Psalmen und Bittgebete, sagen sie Tehillim für sie . . . So lose hängt der Leben^faden. Roch eine weile, dann . . . Ja, alle Engel -des Lebens ringen um sie. wenn aber der Engel des Todes die dunklen Fittiche ausbreitet, dann sterben auch alle Worte. Dann beginnt das Schweigen derer, die keine Worte mehr finden. Und durch das Dorf fliegt es, über alle Häuser hinweg, an allen Fenstern vorbei, das Wort, das sie alle nicht fasten können. Mirjam ist tot, und die Brautzeit ist vorbei ... * * t (Fortsetzung folgt.) Aus Hefpedim auf den Lhofez Lhajim r sr. Der Heimgang des Chosez Chajim schlug mit solcher Allgewalt in die gesamte jüdische Welt ein, baß tu allen Ländern, Städten und Städtchen sich die Trauer und die Verehrung, nach Landesart und Temperament, ihre eigene Form suchte. Einige Sätze, Zeichnungen und Episoden seien hier aus verschiedenen Hespedim wiedergegeben: Der Chosez Chajim hatte nicht, wie andere, die Emunah, die E m u n a h hatte ihn, er lebte mit der Emunah und -in ihr. Als ihn einmal in Warschau einer der Maskilim in eine Diskussion über Glauben und Denken hereinziehen -wollte und dabei mit vielen Fragen anfuhr, sagte der Rabbi kurz: „Für den Gläubigen gibt es keine Kafchios (Fragen), für den Ungläubigen aber keine Tiruzim (Antworten)." An ihm verstand man das Wort des Propheten Ehawatuk: .uuwja '■»fr, Der Zaddik ist mit feiner Emunah so eng verknüpft, daß sie der Bestand seiner Seele, das Element seines Lebens ist. * * * Der frühverstorbene Rabbi Feiweisohn definierte einmal bei einer Unterhaltung über den Chosez Chajim das Wesen dieses Musjargaon, im Gegensätze zu den anderen Größen seiner Zeit: Die anderen sind hoch oder tief, Chosez Chajim ist groß. Alan kann mit seinem Geiste zu hohen Sphären hinaufragen oder zu den tiefsten Wurzeln des Seins herabsteigen, ohne die für alle faßbare Größe zu besitzen. Chosez Chajim war bei aller Höhe und Tiefe so groß, daß er den jüdischen Raum ausfüllte, sichtbar und erreichbar für alle, auch für den Kleinsten im Volke. * * * Rabbi Jerucham, der bekannte Meister des Mufsar in Mir, wirkte früher in gleicher Eigenschaft in der Jeschiwah des Chosez Chajim in R a d i n. Er erzählt: Eines Tages kam ein bedeutender Rabbiner aus -einer Großstadt Litauens nach Radin, um sich ein paar gute Jünger als Grundstock für eine in seiner Stadt zu gründende Jeschiwah zu holen. Der fremde Rabbiner prüfte die ihm vorgeführten Schüler und suchte sich die fünf besten heraus. Da legte Rabbi Jerucham Protest -ein. Er würde es unter keinen Umständen zulassen, daß die Elite seiner Jeschiwah. ihr Ruhm und ihre Zukunft, Radin verlasse. Chosez Chajim ließ Rabbi- Jerucham kommen und sagte ihm: „Gewiß ist unsere Jeschiwah der Stolz und das Glück meines Lebens. Aber habe i ch sie gegründet, ist sie mein Eigentum? Der Vater im Himmel ließ sie durch mich gründen, nicht für mich, sondern für Kol Israel. Wie kann ich es nun verhindern, wenn dem Baume einige Setzlinge für ein anderes Gelände entnommen werden?" Wer die seelische Verbundenheit des Chosez Chajim mit seiner Jeschiwah kannte, mußte dieses Vorgehen als höchsten Grad der Selbstverleugnung einschätzen. Als nach den Kriegsjahren Radin so verarmte, daß das tägliche Brot im Hause und in der Jeschiwah fehlte, begaben sich Verwandte des Chosez Chajim ohne dessen Wissen nach Warschau und schlossen mit einer bekannten Buchhandlung einen Vertrag ab, wonach sie der Firma gegen eine, verhältnismäßig hohe Summe alle Verlagsrechte für die Werke des Chosez Chaj i m übertrugen. Durch einen Zufall erhielt der Rabbi Wind von dieser Abmachung. Obwohl schon alt und schwach, machte er sich sofort auf den Weg nach Warschau, dort begab er sich auf die Redaktion des orthodoxen jiddischen Blattes -und übergab dem Redakteur in geschlossenem Kuvert eine Bekanntmachung, die er unbesehen in der nächsten Ausgabe zu bringen hatte. Die Bekanntmachung erschien in großen Buchstaben auf der ersten Seite und lautete dahin, daß keine Buchhandlung der Welt das Alleinrecht auf den Druck und Vertrieb seiner Werke habe. Seine Bücher und Lehren stehen aller Welt frei, und jeder, der die Möglichkeit hat, sie zu drucken und weiterzugeben, tue es, und es werde ihm dies vom Himmel -als gute Tat angerechnet. Der Vertrag mit der Buchhandlung mußte gelöst werden. * * * In einer litauischen Stadt bei Wilna war bei -einer Raübin erwähl die Kandidatur -des ältesten Sohnes des Chosez Chajim (er lebt jetzt in Jerusalem) neben anderen aufgestellt. Die- Gemeinde wählte aber nicht ihn, sondern einen anderen Rabbiner. Tags darauf begab sich der Chosez Chajim nach dieser Stadt. Manche glaubten, er wollte die Wahl rückgängig machen und wunderten sich. Bald aber wurde der Zweck seines Kommens offenbar. Er besuchte alle Wähler seines Sohnes und ließ sich von jedem durch Handschlag versprechendaß er nie dem neuen Rabbiner, etwa mit Rücksicht auf ihn und seinen Sohn, etwas nachtragen oder Gehorsam und Ehrerbietung verweigern würde. Das Leben und Lehren des Chosez Chajim gliederte sich in drei Teile: Arbeit für das kleine Volk, Arbeit für die Gelehrten und geistig Hochstehenden, zuletzt Arbeit für G'tt und den Herrn der Welt selbst. Daher die Reihenfolge seiner Werke: „Chosez Chajim" für die Menge, „Mischnah Berurah" für die Gelehrten, die Geulahschristen und Werke zud'vip für die Beschleunigung der Erlösung, für die nbir» (Aus einem Hesped des Lubliner Raw.) * * * Chosez Chajim war der Vater des jüdischen Volkes, der alte Vater, der aber in der Lebe zu den Kindern nicht altert. Er selbst sagte einmal: Es heißt in den Klageliedern 2« prri ir>vi ruvim Warum gerade Waisen ohne Vater? Sind nicht mutterlose Waisen viel mehr zu bedauern und eigneten sie sich nicht eher als Bild für die Verlassenheit des jüdischen Volkes? Antwort: Man muß unterscheiden zwischen der liebsorgenden Tätigkeit eines Vaters und einer Mutter. Die Mutter sorgt für den Augenblick des Kindes, ohne große Perspektive. Der Vater denkt an die Zukunft, an die höheren Interessen des Kindes, denen auch zuweilen die Freuden und Genüsse des Augenblickes geopfert werden müssen. Mutterlos ist das heutige Israel nicht, Mütter, die für sein irdisches Wohlergehen sorgen, gibt es genug: all die großen und kleinen Organisationen, die nur Israels materielle Not im Auge haben und einzig auf dis Förderung seines leiblichen Wohls bedacht sind. Wo sind aber die Väter des Volkes, die, weiterblickend, an seine Zukunft, an sein geistiges Heil, an feine himmlischen Interessen denken? Nicht ohne Mutter, aber vaterlos ist Israel. 2rr prri lum wvim! Der Chosez Chajim war ein Vater dem Volke der Thora. Wir sind vaterlos. (Aus einem Hesped in Jerusalem.) - Schild und Panzer. Während in gewissen Ländern die Taufe den Juden vor dem Stempel der Rassensremdheit nicht schützt, ist es in Ungarn in letzterer Zeit geradezu zur Mode geworden, daß hervorragendste Wortführer der verschiedenen christlichen Konfessionen in öffentlichen Vorträgen um die jüdischen Seelen werben. So wurde auch in Sen Monaten Mai und Juni im Hörsaale des Klosters N. D. de S. in Budapest unter der Leitung des heute hervorragendsten katholischen Kanzelredners in Ungarn, des Jejuitsnpaters Dr. B a n g h a, ein Zyklus von Vorträgen, angeblich zwecks „Annäherung zwischen dem Judentum und Christentum", in Wirklichkeit aber als Bekehvungspropaganda für Juden zum Christentume gehalten. Da ausführliche Auszüge aus diesen Vorträgen selbst in liberalen Zeitungsorganen erschienen waren, und gewiß mit dem Umstande zu rechnen war, daß so manche dieser in weiteste Leserkreise getragenen Argumente -gegen die Integrität der jüdischen Religion und zugunsten des Christentums -auch auf jüdische Leser, die nicht mit gehörigem Fachwissen, gerüstet sind, ihren Eindruck nicht verfehlen könnten, sah sich der unermüdliche Kämpfer für das geschichtliche Judentum, Rabbiner Philipp Fischer, veranlaßt, zur Verteidigung des Judentums, namentlich der Gültigkeit und Verpflichtungskraft der jüdischen Religion für ihre Bekenner, nicht aber etwa als Angriff gegen das Christentum, eine umfassende Entgegnung aus diese Vorträge zu veröffentlichen.*) Und da muß nun im vorhinein festgestellt werden, daß die Lösung dieser heiklen Aufgabe: nämlich mit aller Entschiedenheit und glühender Begeisterung für das heilige Erbe der Vergangenheit einzutreten/ohne die mächtige und weltumfassende Tochterreligion direkt mit einem Wort zu verletzen, was unter den heutigen antijüdischen geistigen und politischen Strömungen von doppelter Gefahr wäre, — aufs glänzendste gelungen ist! Wiederholt weist der Verfasser auf die providentielle welthistorische Sendung des Christentums hin; doch wird er nicht müde, mit entschiedenster Betonung und Beweisführung, die ebenfalls noch immer bestehende weltgeschichtliche Mission des Judentums aufzuzeigen. Es bietet ein-en hohen Genuß, diese geistsprühende und auch stilistisch meisterhafte Arbeit zu Ende zu lesen. Es ist wirklich zu bedauern, daß dem deutschlesenden Publikum diese in ungarischer Sprache.verfaßte Arbeit unzugänglich bleibt. Diese Arbeit sollte sowohl ihres Inhaltes, wie ihres hinreißenden Tones wegen auch in deutscher Sprache erscheinen. Denn sie bedeutet nicht bloß eine Bereicherung der apologetischen, sondern der religiösen Literatur überhaupt, und erfüllt in diesen Zeiten der Versuchungen und Prüfungen aufs kräftigste die Mission, die sich der Vs. im Anschlüsse an das jesajanische Wort setzt: rjy> n» mvb iwnS H. F. „Bestehende Ordnung mutz bleiben.- Eine wahre, nachdenkliche Geschichte aus Obersranken. Mitgeteilt von £. horwih in Kassel. Im Jahre 1808 kriselte es sehr in der alten Bischofsftadt Bamberg, worüber -wir aus damaligen nichtjüdischen Zeitungen unterrichtet wurden. Außer in der in Dessau im 2. Jahrgang erscheinenden Monatsschrift „Die Sul-amith" -erfuhr die jüdische Welt nur wenig von mehr oder minder wichtigen Ereignissen durch die Tageszeitungen. So öffneten dem Bamberger Kleinkrieg die „Nationalzeitung der Deutschen", die „Frankfurter Oberpostamtszeitung", „die Polizeiblätter" und dis „Erlanger Realzeitung" ihre Spalten, als -wenn es sich um ein höchst politisches Ereignis gehandelt hätte. Doch wer die Strömungen jener Zeit kennt, wird die nachstehende Schilderung richtig beurteilen und würdigen. Seit einiger Zeit fetzten sich mehrere jüdische Einwohner in Bamberg über die Religionsgebräuche hinweg. Sie kleideten sich wie die Christen im eleganten Anzuge und hielten mit ihnen „gleichen Schritt im Umgänge". Auch erschienen sie in der Synagoge mit runden Hüten und -hohen Stiefeln und wechselten den schwarzen Anzug mit den herrschenden Modefarben. Scheinbar hatte es bisher kein Aufsehen erregt. Am letzten Peßachfest ließ aber der Rabbiner die „scheinbaren Freigeister mit Nankingklerdern, Stieseln und runden Hüten" bei Erteilung. des Festsegens — Mifcheberach — außer Acht, „und sie konnten nicht des Glückes teilhaftig werden." Die „Zurückesetzten" wendeten sich nun -an -die Königl. bayrische a n ü e s d i r e k t i 0 n mit der Bitte um „Genugtuung *) Verlag von Schwarz-Druckerei in Kunszentmiklos. 62 Seiten. Preis 1 Pengö.