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Der Israelit · 1933-10-19 · Heft 42 (19.10.1933) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 42 (19.10.1933)
Date
1933-10-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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feailkton Beilage Heimkehr — und was dann? Von Karl Darmstädler. (Fortsetzung.) /Aß Als das Jahr ansing, war sehr mildes Wetter. Man meint, es sei schon im April, man kann ohne Mantel spazieren.gehen. An Stcäuchern sind schon grüne, winzige Blättchen. Die Knospen scheinen bald aufbrechen zu wollen. Aus braunen Ackerschollen schaut es da und dort schon heraus, dünne Halme, zwei, drei fingerbreit hoch. Man kann dem aber nicht trauen. Ls war noch kaum eine dünne Lage Schnee auf . den Feldern. Das ist doch kein Winter, sagen die Bauern. Aber der Winter ist noch nicht vorbei. Acht Tage später hat es sich gedreht. Das Zuwenig im alten Jahr wird gründlich wettgemacht. Lin sisigkalter Sturmbiäst tagelang über die ^ö^>erc und durch das Tal. wer nicht draußen sein muß, sorgt dafür, daß die dicken Holzklötze neben dem Ofen nicht ausgehen. Dann fängt es an zu schneien, den' ganzen Tag, die ganze freitagnacht. Als sie am Schabbosmorgen zur Schul gehen wollen, stapfen sie einen halben Meter durch den Schnee und sind glücklich, daß sie im vorigen Jahr endlich einen Ofen angeschafft haben. (Die Alten waren dagegen. Sie seien früher im schwersten Winter, wenn alle fenster bis oben mit Eis bedeckt waren, jeden Tag, in der frühe und am Abend, zur Schul gegangen. Erfroren sei Keiner. Die Jungen seien nichts mehr gewöhnt . . .) Aber schöner war es doch, wenn sie im warmen Raum ruhig während des Läienens, während der Thoravorlesung, auf ihren.Plätzen blieben, statt mit kalten fußen auf- und abzumarschieren . . Jetzt wird von überall her föhnsturm und Unwetter gemeldet. Das kann schlimm werden, wenn der Schnee anfängt zu schmelzen. Es ist noch ein anderer Sturm itn Land. Schon haben viele gemeint, der Krieg sei vorbei. O, man führt nicht vier Jahre lang leinen solchen Krieg, um nachher einfach auf den Knopf drücken zu können: l der Krieg ist aus ... Man kann nicht da anknüpfen, wo tnan gestern aufgehört hat. Den Krieg verlieren, Umwälzungen im Land, Hartes diktiert bekommen, Unzählige haßerfüllt, gramerfüllt beiseite geschoben, neues feldgeschroi, neue Parolen — das kann nicht von 1 heute auf morgen aufhören. Das grollt dumpf noch lange unter dem Boden. Die Sucht des Richt-mehr- 1 arbeiten-wollens geht durch das Land. Gerüchte ' schwirren durch alle Städte. Die Menschen sind ver- ' ängstigt. Sind noch nicht genügend Schüsse gefallen in den Schlachten des Krieges? Genügen die toten Millionen noch nicht, lausen noch nicht genug Hinkende und Krüppel durch die Straßen, müssen jetzt immer noch die Maschinengewehre aufgestellt werden 1 und das längst den Kriegsleuten vertraut gewordene j Tak-tak-tak von neuem hören lassen? Manchmal scheint es, als sei allen die Kraft zum strengen Ge- . bieten und Wehren, zum beruhigenden Beschwichti- 1 gen und sanften Mildern des Hasses ausgegangen. ( Und dann und wann wird es den wenigen, die die ’j Ruhe des Hinborchens sich bewahrt haben, in furcht-! barer Erkenntnis klar: im Volke verstehen sie sich ein- | ander nicht mehr. Die Großen sind weit, weit weg von den Kleinen, die Reichen wissen nichts von der; Rot der Armen, die zum Alten stehen, verwerfen und; Haffen die Gelöbnisse der Jungen, die Jungen aber ' schauen die Alten an, als seien sie die Zerstörer ihres l Lebens, als hätten sie ihnen die Tore der Arbeit, > der Zukunft, des Hinausstürmens in die Kampfbah- 1 neu des glückbringenden Schaffens verschlossen . . .! Auf weite Sicht kann heute niemand Pläne machen. Aber auch die nahe Zukunft ist voller Ungewißheiten. Wrjam.ist nicht froh, wer so ernst ist, auf den legen sich beim geringsten Anlaß gleich die Schatten der Unruhe. „Kann man heiraten, wo alles; so schwer ist,''so ganz ins -Unbekannte'hineinführt?" Gleist sehr' unzufrieden. Die Eltern wollen nicht haben, daß die Hochzeit im Dorfe sein soll. „Man macht in der Zeit nicht soviel Aufhebens. Man spricht doch wieder darüber, wenn wir es noch so einfach machen. Sie haben ja immer gleich etwas zu fagenF sd'spricht der Vater. „Die Zeiten sind nicht danach. Geht in die Stadt. Macht euch den Durcheinander und die Arbeit nicht. Ihr habt die Unruhe, und die Angst, daß alles klappt, und von der SlMchoh hat man dann gar nichts." wie ein weinerliches Kind ist Mirjam. Sie hat sich das immer ausgedacht. Rora, wie wird das so schön sein, was muß man In die fremde Stadt gehen. Jeder freut sich mit mir. Die paar, die jetzt, leider anders gesinnt sind, machen - mir nichts aus. Sie wollen Blumen in die Gaffe streuen . . . Am Wald ist eine Steinbank. Man sieht die roten Ziegeldächer gerade noch über die Apfelbäume herausschauen. Die Bahn überquert die Straße. Dann geht sie in den Tunnel hinein, und über dem Tunnel liegt der Berghügel. Bist du nicht den weg mit der Großmutter gegangen? Dort vorn, wo die Holzbrücke. über den Waldbach führt, ist der Kartoffelacker. Das war doch alles schön, so klein sein, noch keine großen Dinge im Kopf haben, springen, Schmetterlinge fangen, Blumen pflücken für Schabbossträußc. Rora, komm' mit, wir wollen uns draußen den wind um die Ohren wehen lasten. Ls .ist mir manchmal so seltsam zu Mute, so als höre das alles auf, als sei vor mir etwas ganz Neues, Unbekanntes, Fremdes, vor dem ich Angst habe. — „Du bist ein dummes Mädel. Ich verstehe dich, so viele Dinge bewegen dich jetzt. Aber du darfst nicht so ernst sein, alles so zentnerschwer nehmen, was wird Herbert dazu sagen?" Freilich, Rora muß so reden. Sonst wird es noch schlimmer. Aber sie ängstigt sich ja auch so. was wird mit ihr sein. Sich vorstellen, daß jetzt eine andere Zeit beginnt, wieder allein, sich selber überlassen sein. Ohne Mirjam sein? — Sie erschrickt, was sind das für dumme Gedanken, was soll denn das heißen: ohne Mirjam sein. Als sei Mirjam aus der Welt, als sei sie nicht mehr ihre Freundin — sie ist ja viel mehr: ihre Schwester —, wenn sie in der Stadt und Frau ist. Dumme Rora, wirds nicht schön sein, wenn sie glücklich ist und dir alle Seligkeiten ihres Lebens anvertkaut . . . „Mirjam, denkst du auch , an mich? Kann ich ohne dich allein hier bleiben? —" Aber Mirjam verschließt ihr den Mund. Beinahe unwillig. (Sie ist recht nervös geworden). „Ich wills nicht hören. Die Mutter sagt den ganzen Tag dasselbe. Jetzt du auch. Ich ertrags nicht mehr." Seit der Haß ins Dorf gekommen ist, bedrückt sie noch etwas. Man sagt ihr, es habe doch alles keinen Sinn, was sie tue und helfe. Die alte Müllersgroßmutter ist schwach geworden, täpplig, wie so alte Leute werden. „Warum soll ich nicht tun, was mir selber .so viel Freude macht? Das hört doch bald auf." Mirjam Rothcnbnrgcr ist doch die echte Tochter ihres Vaters. So sind sie eben, die Rothenbnrgers. Eigenwillig, wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt haben. Die Vorfahren seien alle so gewesen, hat ihr einmal der Großvater gesagt, und das habe ihm sein Urgroßvater erzählt. Dessen Vater sei Raw drüben im Elsässischen gewesen (sie leiteten sich von dem berühmtesten Träger des Namens, dein Rabbi Meir von Rothenburg ab) und eines Tages habe er seiner Kehillo eine bestimmte Aufforderung vorgetragen, der sie Nachkommen sollten. Als sie ihm nicht folgen wollten, habe er kurzerhand gesagt, wenn sie nicht wollten, wie er es verlange, dann sollten sie sehen, wie sie es ohne ihn machen. Ehe sie sich von ihrer Verwunderung erholt hätten, habe er die Stadt verlaffen und sei ins Rechtsrheinische rübergegangen. Hl 42 im Mirjam Rothenburger läßt sich schwer abbringen von dem, was sie für das Richtige hält. Es ist ja auch so viel Verängstigung, so viel Verwirrung, so viel Ratlosigkeit auf die Menschen clngcdrungen. Sie mußten so oft, Tag um Tag manchmal, das was gestern recht war, heute wieder anders machen. Da werden die Ruhigsten ungestüm. Der leiseste Widerspruch regt sie auf. Das winzigste Etwas beunruhigt sie. Selbst die Kräftigsten und Gehärtetsten bringen es bald nicht mehr zuwege, aufrecht und ruhig zu bleiben, wenn immer wieder Anlaß zum Erschrecken, zum Ratlossein, zum entscheidenden cntschlußschweren, oft verhängnisvollen Schritt gegeben ist. Jetzt wälzen sich, nach der Schneeschmelze, die Wassermassen rasch zu Tal. Gelbe, schlammige Bäche überfluten die Wege und Felder. So schnell ging das alles. Die Menschen wußten nicht, wie oder was, und schon läutete es gebirghinab in der Rächt — das war die Sturmglocke, die sie sonst doch nur beim Feuersausbruch kannten — aus engen Bachläufcn stürzte es über die Ufer, was nützten die Bretter und Zäune, die Reistgeinfassungen an der Bachböschung, die Wiesen werden in Seen verwandelt. Am schlimmsten ist es da, wo die kleinen Häuser mit ihren Lelnnmanern stehen, die Armcleutervohnungen. Die Feuerwebrsignale rufen die Männer zur Hilfe, zum Retten. wer sicher wohnte, half bergen und fortbringcn, was noch fortzuschaffen war. Kranke Menschen jammern um Beistand. Da waren so viele Kranke. „Muß denn alles Zusammenkommen? Man meint, der Himmel hätte sich gegen uns verschworen. Voriges Jahr die schlechte Ernte» jetzt -im Spätwinter die schwere Grippe. Das Elend hört gar nicht auf." —■ So ging es durchs Dorf. wer sich nur einigermaßen gesund fühlte, scheute kein Wasser. Ls war ja diesmal einerlei, ob Iud oder Christ. Der kranke Salmon, der sich oft nur mühsam fortbewegcn konnte aus dem Haus am Dorfende, wo -er mitder alten Mutter (sie war rüstiger als er und sorgte Tag und Rächt unermüdlich für ihn) wohnte, wurde vom Schuhmacher Kahl hinaus-- getragen, als sei es sein eigener Bub, der seit 17 droben bei Arras in Frankreich in einer Schlammmulde im Massengrab lag . . . Drunten in der Mühle, rings Wasserwüsten, schon gehts bis zum ersten Stockwerk, schaffen sie, was das Zeug hält. „Man meint, man wäre in der Champagne. Erinnerst dich, Hannes, wie wir da zwei, drei Stunden im Dezember durchs Wasser gewatet sind, bis an die Kniee gings. Jetzt fängt so ein Dreck hier nocheinmal -an." — Aber die Menschen werden geborgen. Die Mirjam, das ist doch ein Kerl, wie die sich angestellt hat. Man meint, sic war Soldat und im Feld gewesen. So reden sie von ihr. keinen Weg durchs Wasser bat sie gescheut, unt zu der .Greisin zu gelangen. An Dank oder Liebe denkt man ja in solchen Augenblicken nicht, wenn auch nachher alles wieder vergessen wird. Aber Einer siehts ja. „Der wirds ihr lohnen," sagte der Pfarrer. * * * Der Wasserrausch hat sich gelegt. Man ging daran, die Schäden zu besehen, die feuchten Fnttervorräte, die nassen Keller, die verschlammten Gärten. Das wird wieder in Ordnung zu dringen sein. „Wasser hätt' der Boden jetzt eigentlich genug gekriegt," meint der Bürgermeister, als sie am Sonntag itn Wirtshaus sich davon unterhalten. Aber die Menschen. Man muß das alles auch ertragen können. Immer und immer wieder die neuen Aufregungen. Der Bedarf wär' gedeckt. (Manche bringen noch ein wenig Humor auf). „Die andern haben auch ihr Teil, wir haben alles doppelt. Die Hauptsache ist jetzt, daß man gesund bleibt und nicht auch noch so etwas noch dazu bekommt. Rur nicht znsammenbrechen in ^diesen Zeiten. Der liebe G'tt wirds auch wieder mal gut mit uns meinen. Es waren schon ganz andere Zeiten.- ' »

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