Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1933)
- Date
- 1933-10-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Nr. 42 Der Q '« t « e l \ t ■/.'S. ä 19. Oktober 1933 England. Nur noch 1500 jüdische Flüchtlinge in England. London, 6. Okt. In der „Times" veröffentlicht der Vorsitzende des Hilfskomitees für die jüdischen Flüchtlinge Otto Schiff einen Artikel, aus dem hervorgeht, daß die Zahl der in England weilenden jüdischen Flüchtlinge von 2500 zur Zeit des Anfangs des neuen Regimes in Deutschland aus 1500 gesunken ist. Vielen Flüchtlingen wurde die Weiterreise nach Palästina >und anderen überseeischen Ländern ermöglicht. Die Mehrzahl der -im Lande Gebliebenen hat neue Unternehmungen und damit Arbeitsmöglichkeiten für englische Arbeiter und Angestellte geschaffen. Schiff tritt mit seiner Darstellung den in letzter Zeit in einem Teil der englischen Presse gegen die Flüchtlinge erhobenen Vorwürfen, daß sie eine wirtschaftliche Belastung für England darftellen, entgegen. Auch weist Schiss die gegen Flüchtlinge wegen ihrer politschen Gesinnung erhobenen Vorwürfe zurück und erklärt es als Grundsatz des Hilfskomitees, die Interessen Englands überall da voranzustellen, wo diese mit Interessen von Flüchtlingen in Konflikt. geraten sollten. Palästina. Zomkrppur in Palästina. Jerusalem, 1. Okt. Schon am Donnerstag herrschte in den jüdischen Vierteln Jom Kippur-Lust. Die Nacht zum Freitag war üurchhallt vom Geschrei der Hühner, die zu ms:: auserfehen waren. Schochtim, offizielle und inoffizielle, wanderten durch die Straßen und boten sich an. Man merkte wenig von Schlaf und Ruhe in den jüdischen Gassen in dieser Nacht vor Jom Kippur. Vor Morgengrauen füllten sich schon die Synagogen mit Betern zu den letzten Slichothgebeten. Am Freitag herrschte in der ganzen Stadt feierliche Föststimmung. Die Läden schlossen sich schon in den frühen Mittagsstunden, die Wirts- und Kaffeehäuser gegen 5 Uhr abends. Der Andrang an der Westmauer setzte schon morgens um viere so ein, daß bereits zu dieser frühen Stunde ein großes Polizeiaufgebot zur Aufrechterhaltung der Ordnung nötig war, zumeist waren es jüdische Polizisten, die mit Hilfe von Engländern mit großem Takte oorgingen. Das Weinen und Beten erfüllte den ganzen Tag über alle umliegenden Straßen. Man schätzt die Zahl der jüdischen Menschen, die am Freitag von vier Uhr morgens bis zur Kol Nidreftunde die Mauer besuchten, auf 15 bis 20.000. Die Almosenempfänger, mit denen an diesem Tage die Polizei Nachsicht übte, hatten dieses Jahr besonders gute Einnahmen. Gegen Abend füllten sich die Straßen mit Menschen, die zu den vielen Synagogen und Bethäusern strömten. Diese waren so überfüllt, daß Unzählige draußen bleiben und sich durch die weitgeöffneten Türen mit der Betgemeinde vereinigen mußten. Am Jom Kippur selbst sah man kaum einen Menschen in den jüdischen Vierteln, der Andrang in den Synagogen war aber gewaltig. Neben den Geschäften waren auch sämtliche Speisehäuser und Cafes geschlossen. Kein Auto störte während des ganzen Tages die himmlische Ruhe der Straße. Gegen abend belebten sich die engen Gassen, die zur Mauer führten. Eine ungeheure Menge strömte dahin, um das Neiilohgebet an der Heiligsten Stätte zu verrichten. Man sah auch viele Beamte, wie auch die Spitzen der jüdischen Verwaltungen. Schon senkte sich die Sonne und blauer Dämmer umfing die Steine und die Menschen. Mitten in die Gebetwellen, die, alles mitreißend, zum Himmel hinaufstürmten, klang die dünne, scharfe Stimme des zur Abendandacht rufenden Muzeen vorn Minarett der nahen Omar-Moschee hinein und ertrank unbeachtet im Tausendstimmengebete der Gemeinde. Da — es war noch nicht ganz Nacht und die Gebete noch nicht ganz zu Ende gebetet — erscholl scharf durchdringend ein Schosarton. Tekiah! Sie wurde nicht zu Ende geblasen. Schon stürzten sich ein paar Polizeiofsiziere iauf den „Verbrecher", der gar keine Miene machte, 31t flächten. Mit einem „Märtyrerlächeln" reichte der Jüngling — Ahron Zuckermann heißt er, Revisionist aus Tel- Awiw — den Schofar den Polizeibeamten, die ihn abführten. Der Zwischenfall wurde kaum beachtet. „Ein Dummerjungenstreich!" dachte man einen Augenblick und betete weiter mit größter und steigender Andacht bis zu Ende. Es gibt welche, die um dieser Stunde, Hunger und Müdigkeit vergessend, auch bei völliger Nacht sich von der heiligen Mauer noch nicht trennen können. Die meisten haben noch einen Weg von Stunden zu ihrem Quartier in den neueren Stadtteilen. Aber das Jom Kippurerlebnis an der Mauer macht alles wett. * * * Auch m XeUlämim mürbe dieses Jahr dom Kippur so gefeiert wie noch nie. Schon am Freitag mittag schlossen sich wie auf Kommando fast zur gleichen Minute sämtliche Geschäfte, Büros und Betriebe. Schon nach vier Uhr waren die Straßen schwarz von Menchsen, die zu den verschiedenen Synagogen strömten. In vielen Sälen mußten G'ttesdienste improvisiert werden, auch in Baracken. Einige Betgemeinden fanden sich sogar unter freiem Himmel wie zu einem Feldg'ttesdienst. Die großen Synagogen hatten aber ihre Türen weit geöffnet, damit die Draußenstehenden mitbeten konnten. Am Jom Kippur-Tage waren die Straßen von Tel- Awiw wie ausgestorben. Dagegen entwickelte sich am Abend nach Jom Kippurausgang ein Festtreiben, wie man das nur in Tel-Awiw erleben kann. Sämtliche Cafes waren überfüllt. Die Theater spielten und große Lichtbilder riesen in die Kabaretts und Kinos. Aber ohne Zweifel gab es auch viele in Tel-Awiw, die an diesem Abend schon mit der Vorbereitung der Sukkah zu tun hatten ... Der Prozeß gegen den Schofarbläser. Jerusalem, 8. Okt. Aron Zuckermann und Mordechai Nissenbaum standen gestern vor dem Richter, ersterer wegen Uebertretung der Verordnung, die an der Westmauer das Schofarblasen verbietet, Nissenbaum weil er die Verhaftung Zuckermanns zu verhindern gesucht hätte. Beide gestehen ihre Tat ein. Zu seiner Rechtfertigung brachte Zuckermann vor, daß er aus einem inneren religiösen Gefühl heraus gehandelt hätte. Das Schofarblasen gehöre zum Schlußgebete des Jom Kippur, würde in allen Synagogen auf dem Erdenrunde geübt, und sein innerer Stolz bäumte sich dagegen auf, daß gerade an der Heiligsten Geüetstätte der Welt der Akt unterbleiben sollte. Er gibt zu, daß das Blasen von ihm auch als nationaler Protest gegen das Verbot gedacht war. Daß ihm dabei andere geholfen oder daß er sich überhaupt mit jemand zu diesem Zwecke verabredet hätte, bestreitet er. Auf die Frage, ob er das Verbot und die Konsequenzen seiner Uebertretung kannte, antwortete er, er wußte wohl, daß er ius Gefängnis komme, ließ es aber darauf ankommen. Er wurde dann zu zwei Wochen Gefängnis und Zahlung der Gerichtskosten verurteilt. . Mordechai N i s s e n b a u m, 20 Jahre alt, sagte aus, er habe sich schützend vor seinen Kameraden gestellt, weil er glauben mußte, die Polizisten wollten ihn mißhandeln. Er bekam einen Monat Gefängnis, dis durch fünf Pfund abgelöst werden könnte. Da er den Betrag nicht erlegen konnte, wurde auch er ins Gefängnis geführt. Der protestzug der Araber in Jerusalem. Jerusalem, 15. Okt. Wie bekannt, planten die arabischen Nationalisten für den 13. Okober einen großen Demonstrationsz u g als Protest gegen die jüdische Einwanderung in Palästina. Die Regierung hatte der Kundgebung ihre Genehmigung versagt und angekündigt, daß im Falle einer Widersetzlichkeit die verantwortlichen arabischen Führer verhaftet werden. Dieser Bekanntmachung zum Trotze sammelten sich am 13. Oktober dennoch einige tausend Araber in den Straßen an, die sich zu einem Zuge zu formieren suchten. Sofort trat die Polizei auf den Plan und drängte die Demonstranten in die Seitengassen ab, so daß der geschlossene Zug nicht zustande kam. Darauf begaben sich die Mitglieder der Arabischen Exekutive mit einer Denkschrift an das Negierungshaus, wurden aber nicht empfangen. Einige Polizisten wurden vom Hinterhalte mit Steinen beworfen. In Jerusalem hatten viele Araber an diesem Tage ihre Geschäfte geschlossen, in der Provinz kamen nur wenige der Streikparole nach. Die vom Bürgermeister von Jerusalem, N a s h a s - h i b i geführte gemäßigte Richtung innerhalb der Exekutive hielt sich von der Kundgebung fern und ließ auch entprechende Warnungen an die Provinz ergeben. Die von den britischen Behörden getroffenen Sicherungsmaßnahmen funktionierten so ausgezeichnet, daß die Auflösungen reibungslos vor sich gingen. Jerusalem, 16. Okt. Die Zahl der Personen, die bei dem Zusammenstoß mit der Polizei anläßlich der Auflösung der verbotenen arabischen Kundgebung am 13. Oktober verletzt wurden, hat sich aus 22 erhöht. Von den Verletzten sind fünf Mitglieder der arabischen Exekutive, zwölf andere -arabische Demonstranten und fünf Polizisten. Die Verletzungen sind durchwegs unbedeutend. Die Auflösung des Demonstrationszuges, an dem nach polizeilicher Schätzung höchstens 1500 bis 2000 Personen teilgenom'men -haben, gestaltete sich dadurch schwierig, daß die Veranstalter eine Gruppe von Frauen vorangeschickt hatten. Adler-Apotheke Inh. Hermann Nussbaum Trlerische Gasse 16 Anfertigung sämtl. Kaasenrezepte Tel.25202- Kostenloser Eilbotendienst | ZigarrernHaus K ASPA Ri g Hanauer Landstraße 6 | SiEZiai-GGSPHän liir Zigarren, Zigaretten, TaDaKe, Pfeifen, j Wir suchen für unseren Betrieb (ca 25 Personen) zum - sofortig. Eintritt eine perfekte fte. vekg. Röekm (Süddeutsche Küche). Gehalt nach Uebereittkunft. 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