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Der Israelit · 1933-11-23 · Heft 47 (23.11.1933) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 47 (23.11.1933)
Date
1933-11-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 47 Der Israelit 23. November 1933 sch ließung öurchgcsetzt, 6ie mit Recht in weiten kreiscn unserer Kirche tiefste Beunruhigung hervorgerufen hat.- Ich spreche hier als der für die Wahrung des Bekenntnisses vor G'tt verantwortliche geistliche Führer der Kirche und wende mich deshalb gegen die Angriffe auf die Substanz unserer evangelischen Kirche. In der Rede ist in unerhört agitatorischer Weise gegen das 2l l t c Testament gesprochen und sogar das Reue Testament einer kirchlich unmöglichen Kritik unterzogen worden. Das bedeutet nichts anderes als die Aufhebung der L i b e l a l s d e r e l il Z i g e n u n d u n v e r rückbar e n Grundlage der Kirche. Ls sind weiter Anschauungen vorgetragen worden, die einer Ablehnung der reformatorischen Lehren von der Rechtfertigung allein aus bcm Glauben gleichkommen. — Hierzu erkläre ich: solche Anschauungen und Forderungen sind nichts anderes, als ein unerträglicher Angriff auf das Bekenntnis der Kirche. Solchen Geist lehnt die Leitung und Führung der Deutschen Evangelischen Kirche mit aller Schärfe ab, wie ich überzeugt bin, daß auch die lebendigen Glieder unserer Gemeinden mit solchen! Geist nichts zu tun haben wollen. Ich werde nie und nimmer zulassen, daß derartige Irrlehren sich in der Lvangelischen Kirche breitmach cn Ich ersuche die (Obersten Behörden der Deutschen Lvangelischen Landeskirchen, ihren Geistlichen und Gemeinöeverordneten unverzüglich in einem besonderen Erlaß von dieser meiner Kundgebung Kenntnis zu geben und sie außerdem insbesondere anläßlich der bevorstehenden Feiern des Luthertages in scharfer und klarer Forni an ihr (Ordinations- und Amtsgelöbnis zu erinnern, welches sie verpflichtet, für die Reinheit der Lehre mit allem Rachdcuck einzutreten. Rur eine Kirche, die das wahre und unverfälschte Evangelium lebendig verkündet, kann der Volksgemeinschaft des Dritten Reiches so dienen, wie es vor G'tt gefällig ist." Das sind Worte von erfreulicher Klarheit und Entschiedenheit, die bei allen konservativ gesinnten religiösen Menschen, gleichviel welcher Konfession, Widerhall finden und Befriedigung auslösen werden. Die Menschheit würde einer in der Geschichte noch nicht dagewcscncn weltgeschichtlichen Tragödie entgcgengehen, wenn — wie es die Gegner des Reichsbischofs wollen — auch noch das letzte Stückchen innerer (Einheit, das die Religion und die ans ihr wirkenden historischen Bindungen um die heutige Kulturmenschheit schlingt, zuerst in Deutschland, dann anderwärts, zerrissen und dem tödlichen Kampf aller Rationalismen mit ihren Nationalgöttern gegen alle freie Bahn bis ins innerste Heiligtum der Seele eröffnet würde. jüdische Not und jüdische Hilfe. Rot überall, und am tiefsten und schwärzesten die jüdische Rot. Wenn e i n Lichtpunkt wie aus einem Leuchtturm auf dieses Meer des jüdischen Leides fällt, so ist es die rege Hilfsbereitschaft, die mit der alle Menschen und (Organisationen ist ihren Bann ziehenden Krise nicht abnimmt, sondern wächst und mit der gesteigerten Rot Schritt hält. Berlin. Auf dem letzten vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde Berlin veranstalteten Gemeindeabcnd referierte der Verwaltungsdirektor der Gemeinde Dr. Walter Breslauer über die von der Gemeinde geleistete soziale Arbeit. Das Wohlfahrtsamt fei durch Reorganisation seinen neuen Aufgaben angepaßt worden. Die Wirtschaftsstelle mit ihren verschiedenen Zweigen sehe ihr höchstes Prinzip darin, für eine gesunde Schichtung der Juden in allen Berufen zu sorgen. Ihre Arbeit werde beherrscht von dem Gedanken der produktiven Fürsorge. Zu beklagen sei es, daß die Beratungsstellen vielfach zu spät ausgesucht werden. Ls könne nicht nachdrücklich genug daran erinnert werden, daß Hilfe um so wirksamer gewährt werden könne, je rechtzeitiger sie in Anspruch genommen wird. Ueberall seien die Lrfolge positiver Arbeit zu sehen. Und wenn man auch mit Schwierigkeiten und materiellen Hindernissen zu kämpfen habe, so seien doch alle Beteiligten von dem Gedanken getragen, Hilfe zu leisten und am 2lufbau mitzuwirken. Das Mitglied der Repräfentantenverfammlung, Wilhelm Marcus, zeichnete die allgemeinen Linien der Gemeindeführcr. Lr erklärte, daß die Gemeinde mit der Tatsache zu rechnen habe, daß die übergroße Mehrheit der deutschen Juden in der deutschen Heimat, an die sie ihr tiefstes Gefühl bindet, verbleiben wird, und warnte vor unüberlegter Auswanderung. Der Redner betonte die Dringlichkeit der B e r u f s Umschichtung. * * * Ueber die bestehenden und geplanten jüdischen Hilfsaktionen in Wien gibt der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Desider Friedm a n n , Aufschlüffe. Line großzügige Winterhilfsaktion ist von der Kultusgemeinde geplant, die der ganzen bedürftigen jüdischen Bevölkerung ohne Rücksicht aus die Staatsangehörigkeit zugute kommen soll, von dem Budget der Wiener Kultusgemeinde, das im Jahre 6 Millionen Schilling beträgt, werden 2lA Millionen Schilling den Gemeindefürsorgezwecken zugeführt. Die Lrhaltung des Rothschild-Spitals mit feinen 240 Betten kostet pro Jahr 914.000 0., au Verpflegung mußten 220.000 S. zugefchoffcn werden, da die Gemeinde Wien keine Beiträge zu jüdischen Spitalszwccken leistet. Diese Anstalt bildet auch eine Rntccrichtsstättc für jüdische Mediziner und eine Fort-, bildungsschule für jüdische Aerzte. Das Versorgungs¬ und Siechenhaus in der Seegaffe verbraucht jährlich 400.000 S., wobei 200 Gesuche, die sehr berückstchtigungswert waren, unerledigt bleiben mußten. Auch die israelitischen Pfleglinge im Lainzer städtischen Versorgungshaus erhalten rituelle Verpflegung. An Unterstützungen wurden 1.080.000 S. im Wege der Fürsorgezentrale ausgezahlt. Die Kataster der Fürsorgczcntrale weisen 15.000 bedürftige Familien mit 50.000 Köpfen auf, also rund 25 proz. der jüdischen Einwohner Wiens. Im Wege der Wanderfürsorgc wurden an 5600 Personen 76.000 S. an.Unterstützungen geleistet. Die Kinderfürsorge hatte 5654 Kinder in der (Obhut, von denen zwar 2777 in Men oder in (Oesterreich geboren, aber nur 1621 nach (Oesterreich zuständig sind. Für die Kinder werden Schulen und Kindergärten in Betrieb erhalten, Zuschüsse werden anderen Wohlfahrsinstttuüonen zugcwiesen, außerdem wird ein Kinderambulatorium mit einem Sonnentagesheim im Augarten errichtet werden. Die Sammlungen für die Winter-Hilfsaktion haben im Winter l 951/52 l 60.000 0. ergeben. Im Jahre 1952/55 waren es nur mehr 100.000. Für diese Betrag wurden in 96 Wintertagen je 1000 Personen gespeist, 265.000 Kilogramm Kohle und 8000 Lcbensmittelpakete verteilt. Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde wendet sich nun an die jüdische (Öffentlichkeit, zur Hilfeleistung gegen Kälte, Hunger und Obdachlosigkeit beizutragen. Insbesondere handelt es sich in diesem Jahre um die Hilfe für die Emigranten aus Deutschland. Das „Hilfskomitee für deutsche Juden" hat bisher 1000 Personen unterstützt; 550 Emigranten erhalten auch jetzt noch Unterstützungen. Die bisher gesammelten Mittel .von 140.000 S. sind aber bereits ausgebraucht. Linen weiteren Schritt auf dem Wege der Fürsorge bedeutet die Reaktivierung des Arbeits - Nachweises sowie die Errichtung eines Fonds, der unverzinsliche Darlehen zur Berufsergreifung gewähren soll. Auch die Berufsberatung und Umschulung wird in stärkerem Maße betrieben, ebenso die Heranbildung von Palästma-Lmigranten und ihre Ueberfühcung nach Palästina. * * * Unsagbare Rot herrscht unter den Inden in P o - l e n. Das jüdische W i r t s ch a f t s k o m i t e e in Warschau übergab der Direktion des staatlichen Arbeitsfonds, dein Minister für sozialen Schutz und dem Mlnistercätsprästdinm ein Memorandum, in dem die unbeschreibliche Rot unter der jüdischen Bevölkerung geschildert und um staatliche Hilfe ersucht wird. Die Mrtschaftskrists, heißt es in dem Memorandum, hat die jüdische Bevölkerung besonders schwer getroffen und zahlreiche Existenzen vernichtet. Unter ben jüdischen Arbeitern vieler Industriezweige erreicht die 2lrbeitslosigkeit 80 proz., unter den jüdischen Handwerkern 60 bis 60 Proz. Richt viel besser ist die Lage im Handel. Ttwa 200.000 jüdische Familien Polens leben ln äußerster Rot, mehr als. I ÖO.'OOO jüdische Familien verfügen nicht über das kleinste Cxistenzminimum, immer größere Schichten der jüdischen Intelllgenzberuse werden erwerbslos. Die. vom staatlichen Arbeitsfonds durchgeführten, öffentlichen Arbeiten und die vom Arbeitsfonds subventionierten Betriebe beschäftigen nicht jüdische Arbeiter.^ Angesichts der wirtschaftlichen Struktur der jüdischen Bevölkerung, muß der Arbeitsfonds spezifische Mittel zur Linderung der Rot anwenden. Das jüdische Wirtschaftskomitee ersucht den Arbeitsfonds, l. alle durch den Arbeitsfonds subventionierten Betriebe aufzufordern, bei der Aufnahme von Arbeitern keine religiösen oder nationalen Unterschiede zu niachen; 2. die Investitionsarbeiten der jüdischen Gemeinden zu subventionieren; 5. den jüdischen Produktionsgenossenschaften, Industriellen und Landwirten Kredite zu gewähren; 4. die wojwoöschaften aufzufordern, die staatliche Schnellhilfe, wie Ausweisung (rituell) auch den notleidenden Juden zuteil werden zu lassen; 6. neue Crwecbsmöglichkeiten für die infolge der Wirtschaftskrise deklassiert gewordenen (Elemente der jüdischen Bevölkerung durch Zuführung dieser Elemente zu Land- und Gartenwirtschaft zu schaffen. Für die Unterrichtung dieser Elemente in den neuen Berufen stellt sich die jüdische Landwirte-Drganisation mst ihren 760 2lbtcilungen in Stadt und Land zur Verfügung. Für die letztgenannte Aktion wären fünf Millionen Zloty erforderlich. * * Uebertrossen kann die Rot in Polen höchstens nur noch von der in Sv w j e t r u ß l a n d werden. Ein angesehener amerikanischer Journalist, Harry Lang, der eben von einer Studienreise durch das neue Rußland zurückkehrte, berichtet: Die Rot unter der jüdischen Bevölkerung in der Sowjetunion, auch bei demjenigen Teile, der in den Produktionsprozeß eingefügt ist, Übersteigt jede denkbare Vorstellung. Hungcrödem und Hungertod sind alltägliche Erscheinungen. Ls kommt vor, daß vor Hunger aufgedunsene Menschen auf der Straße plötzlich zusammensacken und tot liegen bleiben. Man hat Angst, sich um sie zu bemühen und überläßt das Schicksal dieser Leichen den staatlichen Santtätskolonnen. Lin großer Teil der jüdischen Bevölkerung lebt von „illegalem" Handel. Größte Sehnsucht ist, in die Kategorie der Arbeiter oder Skutarcn, kunstgewerblicher Heimarbeiter, eingereiht zu werden. Richt weil man vielleicht auf diese Weise wesentlich bessere Lebensbedingungen erlangt, sondern, weil man nicht mehr allen Denunzianten und Schikanen so vogelfrci auLgellefert ist wie als „unproduktiver Krämer". von der furchtbaren Rot sind alle Bevölkerungskreisc, jüdische und nichtjüdische, ergriffen. Der Anteil der jüdischen Pauperisterten ist jedoch größer, weil die soziale Schichtung der Juden seit jeher unglückseliger war, als öle der anderen Völkerschaften in der Sowjetunion. Daraus folgt eine zusätzliche jüdische Rot, die dem Eharakter der jüdischen Situation in der Sowjetunion ihre besondere Rote verleiht. Etwas bester haben es die Juden in den Kolonien der Ukraine und der Krim. Aber auch dort ist die Lage alles andere als nur halbwegs erträglich. Die Zwaugsabgaben an den Staat, -der Neid der Rachbarn, die ewigen Reibereien mit den staatlichen (Organen erschweren das Dasein und verbittern das Leben. Von Biro-Bidschan, das jetzt infolge der kriegerischen Spannung zwischen der Sowjetunion und Japan eine besondere Beachtung erlangt hat, weil es an der Grenze gegen Manöschukuo liegt, spricht man in jüdischen Kreisen des europäischen Teiles der Sowjetunion überhaupt nicht. Die meisten Auswanderer nach Biro-Bidschan sind znrückgekehrt und erzählen vielleicht übertriebene Geschichten von dort herrschenden unerträglichen Verhältnissen. Jedenfalls nimmt, trotz „Emeß" und anderer jüdischer Zeitungen, kein Jude in der Sowjetunion den plan, in Biro-Bidschan ein jüdisches Gemeinwesen zu schaffen, ernst. Die Seifenblase Biro-Bidschan ist geplatztt Das ist die allgemeine Meinung der Inden in Bowjetrußland über diese mit großem Tamtam 'ausposaunte Angelegenheit. Harry Längs Anwesenheit in den Gebieten jüdischer Maffcusicdlung fiel in die Zeit der hohen jü-

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